Wissen: Die Psychologie des moralischen Mobs

> Die Psychologie des Hasses, der Feindbilder, der Ausgrenzung und der Verfolgung
> Die Psychologie der Verblendung, der Parolen, des Fanatismus und der Mitläufer

> Die Psychologie des Massenwahns und der Massenhysterie 

Schrei-Chöre des Hasses und der Ausgrenzung –
Wenn Parolen das Denken ersetzen

Wissen: Die Psychologie des moralischen Mobs: > Die Psychologie des Hasses, der Feindbilder, der Ausgrenzung und der Verfolgung. Die Psychologie der Verblendung, der Parolen, des Fanatismus und der Mitläufer. Massenwahn und der Massenhysterie

Worum geht es?
Das Thema berührt mehrere reale psychologische und historische Phänomene:

Massenpsychologie, Konformitätsdruck, Feindbildbildung, Deindividuation, moralische Enthemmung, ideologische Verblendung, Gruppenradikalisierung, Sündenbockmechanismen und pluralistische Ignoranz. 

 

Es geht um die Psychologie der Ausgrenzung, die Psychologie des Hasses, die Psychologie der Feindbilder, die Psychologie der Verblendung, die Psychologie des Mitläufers, die Psychologie des Fanatismus, Die Psychologie der Hetze und Verfolgung, die Psychologie der Parolen und des Papageiensprechs sowie um die Psychologie des Gruppenwahns bzw. Massenwahns und der Massenhysterie - alles miteinander verzahnt und relevant für den Gesamtkontext - gestern wie heute.

 

Die Lauten und die Verblendeten – Wie Hasschöre entstehen

Sie grölen. Sie schreien. Sie skandieren Parolen. Sie fühlen sich moralisch überlegen und glauben, auf der richtigen Seite zu stehen. So war es bei Hexenverfolgungen. So war es bei politischen Schauprozessen. So war es bei der Verurteilung Jesu. Und so begegnet uns dieses Phänomen bis heute immer wieder.

 

Die Gesichter, Fahnen und Parolen mögen sich ändern – die psychologischen Mechanismen dahinter bleiben erstaunlich gleich. Es ist die Psychologie der Masse, der Feindbild-Hysterie und des Menschen, der aufhört, selbst zu denken.

 

 

Das Gefährliche an solchen Entwicklungen ist nicht allein die Aggressivität der Täter. Noch gefährlicher ist ihre Überzeugung, für das Gute zu kämpfen. Genau dadurch erkennen sie oft nicht mehr, wie sehr ihr eigenes Verhalten bereits jenen Mustern ähnelt, die sie vorgeben zu bekämpfen.

 

Wo Ambiguitätsintoleranz, Feindbilddenken, Papageiensprech, moralische Selbstgewissheit und Massenpsychologie zusammentreffen, entsteht ein gefährlicher Nährboden für Ausgrenzung, Hysterie und kollektive Verblendung. Der Blick in die Geschichte zeigt, wie wichtig es ist, diese Mechanismen frühzeitig zu erkennen – bevor aus Worten Hasschöre und aus Hasschören Verfolgung wird.

 

Wissen: Die Psychologie des moralischen Mobs: > Die Psychologie des Hasses, der Feindbilder, der Ausgrenzung und der Verfolgung. Die Psychologie der Verblendung, der Parolen, des Fanatismus und der Mitläufer. Massenwahn und der Massenhysterie

 

Der Mob trägt viele Fahnen – Die Psychologie kollektiver Verblendung

Der Mob trägt viele Fahnen. Er spricht unterschiedliche Sprachen, folgt unterschiedlichen Ideologien und beruft sich auf unterschiedliche Weltanschauungen. Doch seine Psychologie bleibt erstaunlich gleich. Er findet sich überall dort zusammen, wo Menschen aufhören, den einzelnen Menschen zu sehen, und stattdessen beginnen, in Feindbildern zu denken.

 

Die Geschichte kennt unzählige Beispiele dafür: Die grölenden Massen bei Hexenverbrennungen, die jubelnden Zuschauer öffentlicher Hinrichtungen, die Verfolger religiöser Minderheiten, die Schergen totalitärer Systeme und die fanatisierten Anhänger politischer Bewegungen aller Richtungen.

 

Der Mob erkennt sich dabei selten selbst als Mob. Er erlebt sich vielmehr als moralische Instanz, als Verteidiger des Guten, als Kämpfer für die vermeintlich richtige Sache. Genau darin liegt seine größte Gefahr. Die Masse ersetzt das Gewissen, die Parole ersetzt das Denken und die emotionale Erregung verdrängt die Selbstreflexion.

 

Was bleibt, ist eine kollektive Verblendung, in der Ausgrenzung als Tugend, Einschüchterung als Zivilcourage und Hass als Gerechtigkeit erscheint. Die Geschichte zeigt immer wieder, dass nicht die Fahne entscheidend ist, unter der Menschen marschieren, sondern die Frage, ob sie noch selbst denken – oder bereits Teil einer Masse geworden sind, die nur noch nachspricht, nachschreit und nachläuft.

 

Die Wiederkehr der Masse – Vom „Kreuzigt ihn!“ bis zur Gegenwart

Die Geschichte der Menschheit ist nicht nur die Geschichte großer Persönlichkeiten, Erfinder, Denker und Humanisten. Sie ist auch die Geschichte der Masse. Jener Masse, die sich im Kleinen wie im Großen immer wieder zusammenfindet, um Menschen auszugrenzen, zu verfolgen, zu verurteilen und zu vernichten.

 

Egal wann und wo in der Geschichte: Die Psychologie des Mobs war und ist im sozialpsychologischen Kontext stets ebenso identisch wie die Typologie der Täter im persönlichkeitspsychologischen Sinne. Was wechselt sind die Fahnen, die Parolen, die Ideologien. Doch die psychologischen Muster bleiben erstaunlich gleich.

 

Vor zweitausend Jahren schrien Menschen: „Kreuzigt ihn!“. Sie schrien nicht gegen einen Verbrecher. Sie schrien gegen einen Mann, der Frieden, Nächstenliebe, Vergebung und Wahrhaftigkeit predigte. Parallel dazu forderte de grölende Masse, Barabbas - einen tatsächlichen Straftäter stattdessen freizulassen. Und so geschah es dann auch unter dem Druck des schreienden Mobs. Und so geht es unverändert weiter im Laufe der Geschichte der Menschheit - bis heute.

 

Dabei wirft die Geschichte eine ganz besonders unbequeme Frage auf: Warum stehen Menschen so oft auf der falschen Seite? Die Antwort ist relativ simpel: Das Böse erscheint selten als böse. Eine der gefährlichsten Eigenschaften des Bösen besteht darin, dass es sich selbst selten als böse erkennt.

 

Hinzu kommt: Menschen handeln gewöhnlich nicht in dem Bewusstsein, dass sie bei ihren Anklagen, ihrem sonstigen Verhalten (inklusive Diskreditierung, Ausgrenzung, Hetze, Verfolgung, Behinderung, Verfolgung) und ihren diesbezüglichen Hass-Gefühlen ggf. selbst "böse" Täter sind. Sie denken nicht: „Ich bin heute ein Täter.“ Viel häufiger glauben sie: „Ich kämpfe für das Richtige und Gute.“

 

Genau deshalb konnten Hexenverfolgungen und Schauprozesse stattfinden. Gerade deshalb konnten politische Säuberungen stattfinden. Gerade deshalb haben Menschen ihre Nachbarn denunziert. Gerade deshalb konnten Millionen Menschen Diktaturen unterstützen, die Parolen von Ideologen frenetisch beklatschen und sich selbst wahnwitzigsten und bösartigen Ideologien verblendet anschließen und mit bestem bzw. gefühlt "reinem" Gewissen zu Tätern und Mittätern werden. Nicht trotz ihrer moralischen Überzeugung. Sondern WEGEN ihrer moralischen Überzeugung.

 

Wenn Denken durch Parolen ersetzt wird

In vielen Massenbewegungen lässt sich ein Phänomen beobachten, das man als „Papageiensprech“ bezeichnet. Menschen übernehmen vorgefertigte Begriffe, Schlagworte, Narrative und Parolen. Sie wiederholen diese ständig. Sie hinterfragen sie nicht. Sie analysieren sie nicht. Sie prüfen sie nicht. Die Wiederholung ersetzt das Denken.

 

Aus psychologischer Sicht handelt es sich um einen Prozess der kognitiven Vereinfachung. Komplexe Realitäten werden auf wenige Schlagworte reduziert: Freund. Feind. Gut. Böse. Kirche. Teufel. Demokratisch. Undemokratisch. Rechts. Links. Faschist. Antifaschist. Die tatsächliche Person sowie die eigentliche Sache verschwindet hinter dem Etikett.

 

Warum Menschen selbst die falschesten Narrative übernehmen

Dass Menschen - insbesondere in Gruppen bzw. Massen - selbst die falschesten Narrative übernehmen, liegt psychologisch an kognitive Abkürzungen, sogenannten Heuristiken. Menschen haben ein natürliches Bedürfnis nach Orientierung und schneller Einordnung. Medien - und ganz besonders einfache Parolen - bieten fertige Deutungsmuster. Daher greifen Menschen häufig bzw. bevorzugt auf folgende Heuristiken zurück:

 

-  Autoritätsheuristik („Wenn Experten/Journalisten das sagen, wird es stimmen.“)

-  Mehrheitsheuristik („Alle sagen es — also wird es richtig sein.“)

-  Verfügbarkeitsheuristik (Wenn ein Thema ständig präsent ist, wird es als besonders wichtig oder gefährlich empfunden.)

 

Solche Heuristiken sind sind anfällig für manipulative Nutzung und werden genau dafür verwendet. Medien fungieren diesbezüglich als Verstärker

 

Hinzu kommt das Bedürfnis nach Sicherheit und Zugehörigkeit. Propaganda-Parolen wirken nicht nur kognitiv, sondern emotional. Und Menschen möchten nun einmal immer zu einer moralisch „richtigen“ Gruppe gehören. Die Angst, Außenseiter oder „abweichend“ zu wirken, fördert Konformität. Soziale Sanktionen (Spott, Ausschluss, Diffamierung) werden als reale Bedrohung empfunden. Je polarisierter das gesellschaftliche Klima, desto stärker funktionieren diese Mechanismen.

 

Hinzu kommt der psychologisch relevante sogenannte Bestätigungsfehler (Confirmation Bias): Menschen suchen bevorzugt Informationen, die ihre Sicht bestätigen, und vermeiden solche, die widersprechen. Medien wie auch einfache Parolen, die man nachgrölt, bieten dafür ein perfektes Umfeld: Narrative Geschlossenheit, klare Freund-Feind-Schemata, moralische Bewertungen.

 

Was zumeist auch vergessen wird, ist die enorme Beeinflussung der Menschen durch Manipulative Rhetorik / Persuasive Rhetorik, die auf die Beeinflussung und Überzeugung von Menschen von einer bestimmten Realität bzw. Schein-Realität  - und damit zur Beeinflussung von Emotionen, Urteilen, Entscheidungen und Einstellungsänderungen - abzielt

 

Erzeugt wird eine derart starke Wirkung auf Gefühle und Gedanken, dass alle weiteren Gedankengänge, die zu Wahrnehmungen, Einstellungen, Urteilen und Entscheidungen führen, darauf basieren und von selbst manipuliert werden, was selbst nicht erkannt werden kann. Über einfache "logische" Schlüsse und dadurch erzeugte Denkfehler manifestiert sich ein neues Denkschema, welches alle Beobachtungen, Wahrnehmungen, Beurteilungen und Entscheidungen lenkt. 

 

Zur manipulativen und persuasiven Rhetorik zählt auch die schwarze Rhetorik. Hier geht es nicht um Wahrheit, Fairness oder Argumentationsqualität, sondern ausschließlich um Beeinflussung und Machtgewinn. Besonders deutlich wird die Wirksamkeit von manipulativer / persuasiver Rhetorik anhand der Methodik des Framings, des Storytellings, des Primings und der Kontaminierung durch historische Analogie.

 

Allein die Methodik / Technik der Kontaminierung durch historische Analogie zur Zuschreibung / Erzeugung von Schuld durch Assoziation (Gilt by Association) ist eine der mächtigsten Manipulationsmethoden moderner politischer Kommunikation. Es geht darum, mit Vorsatz einen gezielten Fehlschluss zu erzeugen. Die Wirksamkeit ist sehr hoch, weil nur wenige Menschen so etwas kennen und erkennen können. Die Technik wirkt auf der emotionalen Ebene, nicht der rationalen und funktioniert immer. Sie wirkt sehr stark, sicher und nachhaltig. Detail-Infos

 

Warum Menschen nicht erkennen...

Warum Menschen nicht erkennen, dass Sie letztendlich gelenkte Propaganda nachgrölen liegt - neben den vorgenannten - mittels geschickter vereinfachter Kommunikation - systemisch erzeugten Fehlschlüssen - an drei Gründen: 

Zum einen an der Illusion der eigenen Unmanipulierbarkeit. Fast jeder glaubt: „Die anderen sind beeinflussbar — ich nicht.“ Dieser psychologische blinde Fleck macht Propaganda extrem wirkungsvoll. Der zweite Grund liegt in der Informationsüberlastung: Der moderne Mensch unterliegt unzähligen Reizen. Hinzu kommt, dass die weitreichenden modernen Medien Menschen tagtäglich mit unzähligen Reizen bombardieren. Die Folge: Das Gehirn weicht auf narrative Muster aus, um Chaos zu ordnen. Propaganda nutzt diese Überforderung gezielt aus.

 

Der dritte Punkt ist, dass Lügen nicht erkannt werden, insbesondere dann, wenn Moral Fakten ersetzt. Hinzu kommt, dass - obgleich dies trotzdem immer ungenierter erfolgt - moderne Propaganda theoretisch eigentlich gar nicht mit Lügen, die trotzdem messbar geschluckt bzw. geglaubt werden, arbeiten müsste. Lügen werden heute ersetzt oder ergänzt mit a) emotionalen Frames, b) moralischen Imperativen, c) selektiven emotionalisierenden Bildern und d) vereinfachenden Geschichten (siehe dazu auch Storytelling)

 

Menschen folgen moralischen Erzählungen oft selbst dann, wenn Fakten widersprechen. Das vermittelt ihnen sogar ein Gefühl der „Güte“ — selbst wenn sie objektiv destruktive Entscheidungen unterstützen.

 

Die Psychologie des Schrei-Chors

Besonders auffällig wird dieses Phänomen dort, wo Menschen nicht argumentieren, sondern schreien. Der Schrei-Chor erfüllt mehrere psychologische Funktionen:

 

-  Er erzeugt Gruppenzugehörigkeit.

-  Er signalisiert Loyalität.

-  Er verhindert individuelles Nachdenken.

-  Er schüchtert Andersdenkende ein oder soll es zumindest zun.

-  Er erzeugt moralische Überlegenheit.

-  Er verwandelt komplexe Menschen in Feindbilder.

 

Der Einzelne verliert sich in der Menge. Die Verantwortung verteilt sich auf alle. Dadurch sinkt die persönliche Hemmschwelle. In der Psychologie spricht man hier hier unter anderem von Deindividuation und von Verantwortungsdiffusion. Der Mensch handelt plötzlich anders als allein: Aggressiver. Unreflektierter. Enthemmter. Das Individuum überträgt die Verantwortung auf die Gruppe, in welcher der Einzelne ebenso untergeht wie ein Vogel im Vogelschwarm oder ein Fisch im Fischschwarm.

 

Die Psychologie der Hysterie – Wenn Emotion das Denken verdrängt

Wer die Geschichte betrachtet, stößt immer wieder auf Phasen kollektiver Erregung, in denen Menschen scheinbar den Bezug zur Realität verlieren:

 

-  Die Hexenverfolgungen

-  Die Schauprozesse verschiedener Revolutionen

-  Die Judenverfolgung

-  Politische Säuberungen

-  Ideologische Kampagnen

-  Moralische Kreuzzüge.

 

Immer wieder entsteht ein Zustand, in dem Emotionen das rationale Denken überlagern. In solchen Phasen wird die Welt zunehmend vereinfacht. Menschen werden nicht mehr als Individuen wahrgenommen. Sie werden zu:

-  Symbolen

-  Feindbildern

-  Projektionsflächen

-  Trägern des angeblich Bösen.

 

Die Hysterie lebt von emotionaler Ansteckung. Ein aufgebrachter Mensch steckt den nächsten an (siehe dazu auch die nachfolgenden Infos zum Thema Wahnsymbiose / symbiotischer Wahn / induzierter Wahn). Empörung erzeugt weitere Empörung. Angst erzeugt weitere Angst. Hass erzeugt weiteren Hass.

 

Was zunächst als individuelles Gefühl beginnt, entwickelt sich zu einer kollektiven Dynamik. Die Masse schaukelt sich selbst hoch.

 

Die emotionale Ansteckung der Menge

In aufgeheizten Gruppen geschieht etwas Bemerkenswertes: Der Einzelne verliert einen Teil seiner kritischen Distanz.

Er übernimmt die Emotionen der Gruppe. Die Lautesten geben den Ton vor. Die Emotionalsten bestimmen die Richtung.

Die Aggressivsten verschieben die Grenzen des Akzeptablen. Plötzlich erscheinen Verhaltensweisen normal, die außerhalb der Gruppe als erschreckend wahrgenommen würden.

 

Menschen grölen. Menschen beleidigen. Menschen diffamieren. Menschen bedrängen Andersdenkende. Menschen fordern Ausgrenzung, Verhaftung, Tötung. Menschen rechtfertigen Dinge, die sie allein möglicherweise niemals tun würden.

Die Gruppe erzeugt eine eigene Wirklichkeit.

 

Kontext zur Massenpsychose / kollektiven Psychose
Um die Hysterie von lauten - kollektiv verblendeten - Schrei-Chören und den Kontext zur Massenhysterie / Massenpsychose zu erklären, muss man etwas weiter ausholen. Dies auch, um eine Psychose von einer Massenpsychose zu unterscheiden bzw. entsprechend abzugrenzen - und um die relevante Wirkung der Hysterie eines verblendeten Mobs, der die Realität nicht erkennt und sogar abwehrt, zu verdeutlichen bzw. besser verständlich zu machen:  

 

Psychosen bezeichnen Zustände einer verzerrten Wahrnehmung, die mit Realitätsverlust einhergehen können. Darüber hinaus gibt es - völlig unabhängig von einer tatsächlichen Psychose - das Phänomen der Realitätsverdrängung, der  Realitätsleugnung, der Realitätsabwehr, der Realitätsflucht sowie der Uminterpretation und sogar 1:1-Verdrehung der Realität (Umkehr) - ebenso die defensive Moralisierungsabwehr und Motivated Reasoning.

 

Eine Form der Psychose ist der Wahn, auch jener, der durch massenpsychologische Konditionierung ggf. erzeugt werden kann und - vom hysterischen sich Hineinsteigern - bis hin zur Paranoia reichen kann. Ein Wahn bezeichnet eine irreale Überzeugung, die aber nach objektiv messbaren Aspekten nicht zutrifft, an welcher der Betroffene bzw. hier konkret die vom kollektiven Wahn Betroffenen jedoch unbeirrt festhält / festhalten, obgleich diese nicht mit der der objektiv nachprüfbaren Realität übereinstimmt.

 

Zugleich ist Wahn ein Krankheitssymptom aus dem Fachgebiet der Psychiatrie, die eine Störung der Urteilsfähigkeit zur Folge haben kann. Ein Wahn kommt bei verschiedenen psychischen Störungen vor und reicht bis von reiner Einbildung (z.B.  Unterstellung grundsätzlicher Abneigungen anderer der eigenen Person gegenüber) bis hin zum völligen Realitätsverlust.

 

An dieser Stelle gilt es, Begriffe wie Hysterie, Massenhysterie, Moralpanik, Fanatisierung und wahnähnliches Denken zu differenzieren: Klinischer Wahn ist eine psychiatrische Diagnose. Historische und politische Massenphänomene sind meistens keine Psychosen im medizinischen Sinn. Dennoch können sie Merkmale aufweisen, die für Außenstehende wahnhaft wirken und wahnhafte Züge aufweisen. Dazu zählen Realitätsverlust, Feindbildfixierung, extreme emotionale Aufladung und die Unfähigkeit, widersprechende Informationen aufzunehmen.

 

Ebenso erwähnenswert und im konkreten Kontext relevant ist folgendes: Ein Wahn bzw. wahnhaftes Verhalten kann auch ansteckend sein bzw. / von außen induziert bzw. durch andere bzw. die Gruppe bzw. den Mob übertragen werden werde. Das trifft auch auf wahnhafte Züge (wie Realitätsverlust, Feindbildfixierung, extreme emotionale Aufladung und die Unfähigkeit, widersprechende Informationen aufzunehmen) zu.

 

In diesem Kontext spricht man von einem induzierten Wahn (siehe bzw. einer induzierten Psychose. Bei grölenden Mobs entsteht recht schnell eine sogenannte Wahnsymbiose.

   

In Verbindung mit induzierten Psychosen steht auch die - wie bei manchen regulären psychiatrisch relevanten Störungsbildern - die fehlende Einsicht bzw. Einsichtsfähigkeit in die Falschheit der eigenen Gedanken und ebenso in die etwaige Schadhaftigkeit des eigenen Verhaltens.

 

Ihre eigenen Gedanken und Handlungen halten die - von wahnhaften Gedanken befallenden besagten hysterischen Menschen für schlüssig und logisch. Selbst gegenteilige Beweise können sie zumeist nicht wirklich davon abbringen. Menschen, die gegenteilige Beweise antreten, werden von Menschen mit einem Wahn für Feinde oder ggf. selbst für krank (bzw. verrückt) gehalten.

 

Zugleich erachten sich die Betroffenen selbst bei eindeutiger  Schuld als nicht schuldig bzw. unschuldig. Dies trifft übrigens auch auf Menschen in gleichförmigen Gruppen bzw. Systemen zu, die nicht von hysterischem Verhalten betroffen sind.

 

Dazu zählten - wie man Zeitzeugen-Dokumenten (z.B. den autobiographischen Aufzeichnungen des Rudolf Höß, Kommandant von Auschwitz) und historischen Tonaufnahmen (z.B. von den Frankfurter Prozessen rund um den KZ-Schergen Josef Klehr & Co.) ganz ausgezeichnet entnehmen kann, auch die Täter in den Konzentrationslagern des 3. Reiches.

 

Diese werden von ungebildeten und / oder wahnhaften modernen Zeitgenossen der Neuzeit ohne jeglichen Zusammenhang völlig aus der Luft gegriffen und - wie die einstigen Täter von damals verharmlosend, aber begleitet von Hysterie und Paranoia - sage und schreibe - tatsächlich mit heutigen Oppositionellen bzw. Regierungsgegnern oder Gegnern des mittlerweile fest etablierten Einheitsparteien-Systems verglichen - konkret die besagten Oppositionellen und deren Wähler, mutmaßliche Wähler oder andere Kritiker der Regierung oder von etablierten Regierungs-Parteien mit "Nazis" bzw. den besagten Tätern von einst.  

 

In der Regel werden wahnhafte Gedanken, Vorstellungen und Annahmen von den Betroffenen gegenüber der Außenwelt vehement verteidigt. Wahnhafte Gedanken, Vorstellungen und Annahmen werden von den Betroffenen gegenüber der Außenwelt so stark verteidigt, dass Zuschreibungen oder Anschuldigungen jeglicher Art zu einer sogenannten "Umkehr", der 1:1-Verdrehung der Realität führen.

 

Wenn z.B. wahnhafte Menschen auf ihre wahnhaften Gedanken angesprochen werden - auch, um sie ggf. mit der Falschheit ihrer Wahrnehmungen zu konfrontieren, werden diese "verrückt" gehalten oder in ihnen Feinde erachtet. Letzteres kann zu heftigem aggressiven Verhalten führen. Interessant ist, dass von einem Wahn Betroffene sämtliche Zuschreibungen fast 1:1 umkehren. 

 

Eine Massenpsychose (collective psychosis) - auch Kollektive Psychose und Massenhysterie - bezieht sich auf psychotische / hysterische Verhaltensweisen von Menschen in größeren Gruppen, wobei vernunftgesteuertes Verhalten durch induziertes irrationales, möglicherweise wahnhaftes Denken und Verhalten ersetzt wird und realitätsgerechte Ich-Funktionen  aufgegeben werden.

 

Der Begriff der Massenpsychose (collective psychosis) bezieht sich schwerpunktmäßig auf das Denken und Glauben von Menschen, die mittels entsprechender Beeinflussung (Siehe: Sozialer Einfluss / Einfluss von Medien) eine bestimmte Meinung und Einstellung bekommen, die schließlich zu deren vermeintlicher "Realität" und "Wahrheit" wird - und nachfolgend dann eine bestimmte Haltung und Entscheidung hervorruft. Den Betroffenen kommt die Einsichtsfähigkeit abhanden bzw. die Einsicht in die Tatsache, dass sie die Dinge nicht mehr klar und nüchtern sehen. 

 

Massenpsychologische Konditionierung kann in Verbindung mit kollektive Affektmobilisierung zur Entstehung / Erzeugung einer Massenpsychose / kollektiven Psychose führen. Durch massenpsychologische Konditionierung kann es auch zu einer Hysterie kommen - insbesondere in Verbindung mit kollektiver Affektmobilisierung.

 

Hysterie bezeichnet eine hohe emotionale Erregung, die mit nach außen gerichteten histrionischen Reaktion einhergeht. Hysterie beschreibt übertriebene Reaktionen: Zum Einen a) auf Basis von unbegründeten Ängsten - und b) auf Basis von Geltungssucht. 

Während sich der Begriff der Massenpsychose (collective psychosis) schwerpunktmäßig auf das Denken und Glauben der Menschen bezieht, die eine bestimmte Meinung und Einstellung bekommen, die schließlich zu deren vermeintlicher "Realität" und "Wahrheit" wird und eine bestimmte Haltung und Entscheidung hervorruft, bezieht sich der Begriff Massenhysterie mehr auf das übertriebene, hysterische bzw. fanatische - unlogisch und abstrus wirkende Verhalten von Menschen, die über die Erzeugung von Ängsten und / oder Feindbildern in Hysterie verfallen, zumeist mit der Vorstellung das vermeintlich "Richtige" zu tun.

 

Bezüglich des Innenlebens zeigen sich bei Massenpsychosen Realitätsverzerrung, Realitätsverlust und Realitätsleugnung, gepaart mit Ignoranz oder Abwehr in Bezug auf anderslautende Informationen außerhalb der eigenen Blase bzw. Gruppierung, in der die Massenpsychose entsteht bzw. auftritt. Äußerlich kennzeichnen sich Massenpsychosen durch hysterisches sowie durch ängstlich-abweisendes und /oder aggressives konfrontatives Verhalten.

 

Im konkreten Kontext zur Thematik geht es schwerpunktmäßig um Einfluss bedingte Massenpsychosen und gezielt herbeigeführte Massenpsychosen / Massenhysterien. In diesem Kontext erwähnenswert ist deren programmierende Wirkung: Massenpsychologische Konditionierung geht aufgrund des starken Einflusses und Primings mit einer gehirnprogrammierenden Wirkung und mit der Ignoranz der Realität bzw. von anderslautenden Meinungen und Wahrheiten einher, was wiederum mit Realitätsverleugnung (bzw. der Leugnung / Verleugnung der Realität) einhergeht.

 

Ignoranz zeichnet sich dadurch aus, dass eine Person z.B. über kein bestimmtes oder ausreichendes Wissen zu einem Thema oder einer bestimmten Person oder Sache verfügt, etwas nicht wissen will oder nicht zur Kenntnis nimmt (Missachtung).  Ignoranz liegt in der Entscheidungstheorie und Informationsökonomik vor, wenn ein Entscheidungsträger über keinerlei entscheidungsrelevante Informationen verfügt und sich über diese Realität hinwegsetzt.

 

Als Beispiel für Ignoranz sei ein Zitat aus dem Roman Der Besuch des Leibarztes von Per Olov Enquist erwähnt: „König Christian VII. kleidete sich in einen grauen Mantel und glaubte, so werde er nicht erkannt; dass zwei Soldaten ihm ständig im Abstand folgten, auch jetzt, ignorierte er.“

 

Als Beispiel für Ignoranz und Realitätsleugnung bei Massenpsychosen seien hier einige Aussagen genannt, die Betroffene gegenüber Angehörigen machten, welche sie über eine vermeintliche oder tatsächliche Falschheit ihres Denkens und Glaubens aufklären wollten. Die in der Forschung zur Ignoranz und Realitätsleugnung gesammelten Aussagen der Betroffenen ähneln sich frappierend.

 

Hier einige Beispiel-Zitate, die bei der Konfrontation mit - vom Glauben abweichender Informationen - im Prinzip alle gleich sind z.B. : "Was soll ich mit solch einem Schwachsinn anfangen?", "Aus welcher Filterblase ist das?", "Ich höre /  schaue mir so was nicht an", "Lies mal Zeitung! Schau mal TV!", "So einen Unsinn brauchst Du mir nicht zu ...!", "Geh in / nach XY und schau Dir XY (selbst) an, die da wegen XY"... usw.)

 

Bezüglich der letzten Aussage ist erwähnenswert, dass die Betroffenen, welche die "Aufklärer" bzw. (Neu)Informations-Überbringer dazu bewegen wollten, selbst zu einen bestimmten Ort zu "gehen" und sich von der vermeintlichen "Realität" selbst "überzeugen" sollten, selbst aber gar nicht (bzw. sogar nie) an jenem Ort waren, zu dem die Aufklärer "gehen" sollten bzw. zu den sie die Aufklärer schicken wollten.

 

Auch wenn die Betroffenen von den Angehörigen etwas Schriftliches bekamen, wurde dies ignoriert. In jeden Fällen, in denen die Betroffenen den Text tatsächlich lasen (bzw. ihn sich anschauten und überflogen) wurde tatsächlich etwas ganz anderes herausgelesen, als dort nachweislich schwarz auf weiß stand.

 

Die Programmierung durch Informationen, die Gewöhnung an diese Informationen bis zur Gewohnheit und die dadurch erfolgende Ausblendung und Ignoranz anderer Informationen, die der Wahrheit bzw. Realität entsprechen, führt folglich dazu, dass die Falschheit zur eingebildeten "Wahrheit" wird und Fakten bzw. Wahrheiten, die kognitive Dissonanzen erzeugen, ausgeblendet, anders decodiert und uminterpretiert werden.

 

Die Dynamik der Feindbildbildung

Warum sind Feindbilder so mächtig? Weil sie einfach sind. Das Freund-Feind-Schema ist ebenso praktisch wie das Schwarz-weiß-Schema. Dies wirkt psychologisch entlastend. Einfache Freund-Feind-Bilder vereinfachen die Komplexität. Sie schaffen ein Kollektivgefühl („Wir gegen die“). Sie richten Frust über gesellschaftliche Probleme auf symbolische Gruppen. Historisch wurden Juden, Kommunisten, Homosexuelle oder politische Gegner stigmatisiert.

 

Heute dienen Medien als Verstärker. Wenn Medien, die im Kontext zur Macht des sozialen Einflusses als Autoritäten gelten und so wirken, Feindbild-Narrative nutzen, übernehmen oder verstärken, entsteht Gruppendruck, Konformitätszwang, Normalisierung von Ausgrenzung. Menschen hinterfragen die Realität dann weniger, weil sie glauben, „alle“ denken so.

 

Wenn Feindbilder wichtiger werden als Menschen

Ein Kennzeichen hysterischer Bewegungen ist die zunehmende Fixierung auf Feindbilder. Das eigentliche Gegenüber verschwindet. Übrig bleibt nur noch das Etikett. Der Mensch wird nicht mehr gesehen. Nur noch die Kategorie:

 

-  Der Andersdenkende

-  Der Ketzer

-  Der Klassenfeind

-  Der Volksfeind

-  Der Verräter

-  Der Ungläubige

-  Der Frevler

-  Der Faschist

-  Der Kommunist

-  Der Reaktionär

-  Der Häretiker

-  Der „Böse“.

 

Die Begriffe wechseln. Der Mechanismus bleibt. Je stärker das Feindbild, desto geringer wird die Empathie. Je geringer die Empathie, desto leichter wird Ausgrenzung. Hinzu kommt das entscheidende Problem mit der Ambiguitätsintoleranz. Diese  stellt im Gesamtkontext einen zentralen psychologischen Baustein dar. Sie verbindet Feindbilddenken, Papageiensprech, Massenpsychologie, Ideologisierung und die Verurteilung von Andersdenkenden:

 

Ambiguitätsintoleranz – Warum Feindbild-Hysterien einfache Antworten brauchen

Eine der wichtigsten psychologischen Ursachen für Feindbild-Hysterien ist die sogenannte Ambiguitätsintoleranz. Darunter versteht man die geringe Fähigkeit bestimmter Menschen - und erst Recht von hysterischen Menschen in der hier thematisierten Gruppendynamik - Widersprüche, Unsicherheiten, Mehrdeutigkeiten, andere Ansichten und Meinungen oder komplexe Realitäten auszuhalten.

 

Menschen mit hoher Ambiguitätstoleranz können akzeptieren, dass...

-  ein Mensch sowohl gute als auch schlechte Eigenschaften besitzen kann,

-  politische Fragen oft komplex sind,

-  unterschiedliche Sichtweisen teilweise gleichzeitig berechtigt sein können,

-  man selbst irren kann,

-  die Wahrheit nicht immer eindeutig erkennbar ist.

 

Menschen mit geringer Ambiguitätstoleranz erleben solche Mehrdeutigkeiten dagegen als belastend. Sie benötigen klare Einteilungen:

-  Gut oder Böse

-  Freund oder Feind

-  Richtig oder Falsch

-  Schwarz oder Weiß

 

Grautöne werden als Bedrohung empfunden.

 

Warum die Masse einfache Feindbilder bevorzugt

Feindbilder erfüllen eine psychologische Entlastungsfunktion. Sie reduzieren Komplexität. Plötzlich wird die Welt einfach. Für jedes Problem gibt es einen Schuldigen. Für jede Krise einen Täter. Für jede Unsicherheit einen Feind. Die Ambiguität verschwindet. Damit verschwindet auch die geistige Anstrengung, sich ernsthaft mit komplizierten Zusammenhängen auseinanderzusetzen. Die Welt wird überschaubar. Zumindest scheinbar.

 

Der psychologische Reiz von Parolen

Parolen sind deshalb so wirksam, weil sie Ambiguität beseitigen. Eine Parole denkt nicht. Sie vereinfacht. Sie ersetzt komplizierte Analysen durch wenige Worte. Je stärker eine Gesellschaft emotionalisiert wird, desto größer wird die Nachfrage nach solchen Vereinfachungen.

 

Menschen wollen dann keine Diskussionen mehr. Sie wollen Gewissheit. Keine Differenzierung, sondern Eindeutigkeit durch Pauschalisierung. Keine Fragen, sondern Antworten. Keine Wahrheitsfindung, sondern Bestätigung der eigenen Sicht.

Genau deshalb gedeiht Papageiensprech besonders gut in Milieus mit geringer Ambiguitätstoleranz.

 

Warum Andersdenkende als Bedrohung erscheinen

Für Menschen mit hoher Ambiguitätsintoleranz sind Andersdenkende oft mehr als bloße Gesprächspartner. Sie werden als Störung erlebt. Als Gefahr. Als Provokation. Denn ihre bloße Existenz erinnert daran, dass die eigene Sichtweise möglicherweise nicht die einzige denkbare Perspektive ist.

 

Genau deshalb reagieren manche Menschen auf abweichende Meinungen nicht mit Neugier, sondern mit Aggression.

Nicht das Argument wird bekämpft. Der Mensch wird bekämpft.

 

Nicht die Position wird widerlegt. Der Sprecher wird diskreditiert.

 

Nicht die Idee wird untersucht. Der Träger der Idee wird zum Feindbild erklärt.

 

Die Verurteilung Jesu als Beispiel extremer Ambiguitätsintoleranz

Auch die Verurteilung Jesu kann unter diesem Blickwinkel betrachtet werden. Jesus passte nicht in die bestehenden Kategorien. Er durchbrach religiöse, gesellschaftliche und politische Schablonen. Er stellte Gewissheiten infrage. Er widersprach Autoritäten. Er entlarvte Heuchelei. Gerade dadurch wurde er für viele unerträglich.

 

Denn Menschen, die bestehende Denkmodelle infrage stellen, erzeugen Ambiguität. Sie stören die geistige Ordnung. Sie erzeugen Unsicherheit.

 

Die Forderung „Kreuzigt ihn!“ kann daher auch als Ausdruck einer kollektiven Unfähigkeit verstanden werden, die Spannung auszuhalten, die durch einen unbequemen Wahrheitssucher entsteht.

 

Die eigentliche Gefahr

Die eigentliche Gefahr besteht nicht darin, dass Menschen irren. Jeder Mensch irrt. Die Gefahr beginnt dort, wo Menschen die Möglichkeit ihres Irrtums nicht mehr ertragen können. Wo Zweifel als Verrat gilt. Wo Fragen als Angriff gelten. Wo Differenzierung als Schwäche gilt. Wo Nachdenken durch Parolen ersetzt wird.

 

In diesem Moment entsteht der Nährboden für Hysterie, Fanatismus und Feindbildproduktion. Denn Feindbilder sind oft nichts anderes als der Versuch, die Komplexität der Realität gewaltsam zu beseitigen.

 

Dieser Gedanke passt auch hervorragend zu dem oft zitierten Satz von Dietrich Bonhoeffer über die Dummheit. Denn Bonhoeffer beschreibt letztlich keinen Mangel an Intelligenz, sondern einen Zustand, in dem Menschen ihre Fähigkeit verlieren oder aufgeben, Mehrdeutigkeit, Zweifel und kritische Selbstprüfung auszuhalten.

 

Genau dort treffen sich Ambiguitätsintoleranz, Feindbilddenken, ideologische Verhärtung und Massenpsychologie. Die geistige Reife eines Menschen zeigt sich oft nicht daran, wie sicher er sich ist, sondern daran, wie viel Unsicherheit, Komplexität und Widerspruch er aushalten kann, ohne sofort nach einem Feindbild zu greifen.

 

Die Lust an der moralischen Überlegenheit und der hysterische Charakter des Schrei-Chors

Viele Menschen glauben, Hass entstehe ausschließlich aus Bosheit. Die Realität ist oft komplizierter. Häufig entsteht Hass aus dem Gefühl moralischer Überlegenheit.

 

Der Mensch fühlt sich im Besitz der Wahrheit. Er fühlt sich auf der richtigen Seite der Geschichte. Er betrachtet sich als Kämpfer für das Gute. Genau dadurch verliert er die Fähigkeit zur Selbstkritik. Wer sich ausschließlich als Held wahrnimmt, erkennt die eigenen Schattenseiten nicht mehr.

 

Die Überzeugung, das Gute zu vertreten, wird dann zur Rechtfertigung für Demütigung, Ausgrenzung und Aggression.

Deshalb ist das Schrei-Kollektiv psychologisch besonders interessant: Es argumentiert selten oder nie. Es analysiert selten oder nie. Es diskutiert selten oder nur begrenzt mit ideologischer Grenzziehung und Grenzziehung über den Status.

 

Es skandiert. Es wiederholt. Es beschimpft. Es etikettiert. Es emotionalisiert. Das Ziel ist nicht Erkenntnis. Das Ziel ist soziale Dominanz. Der Schrei ersetzt das Argument. Die Parole ersetzt die Analyse. Die Lautstärke ersetzt die Vernunft.

 

„Denn sie wissen nicht, was sie tun“

Die vielleicht tiefste Erklärung für solche Zustände findet sich in den Worten Jesu am Kreuz. Denn die meisten Menschen erleben sich in solchen Situationen nicht als Täter. Sie erleben sich als die Guten. Sie erleben sich als die Gerechten. Sie erleben sich als die Verteidiger des Richtigen. Genau darin liegt die Tragik.

 

Der Mensch kann sich vollständig von seiner eigenen moralischen Selbstgewissheit blenden lassen. Er erkennt die Aggression nicht mehr. Er erkennt die Ausgrenzung nicht mehr. Er erkennt die Entmenschlichung nicht mehr. Er erkennt oft nicht einmal mehr sich selbst.

 

 

Gerade dieser letzte Gedanke verbindet die Themen Massenpsychologie, Papageiensprech, Priming, Feindbildproduktion, Bonhoeffers Überlegungen zur Dummheit, die Verurteilung Jesu und moderne Formen kollektiver Empörung zu einem gemeinsamen psychologischen Muster:

 

Nicht die Ideologie steht im Mittelpunkt, sondern der Prozess, durch den Menschen aufhören, selbstständig zu prüfen, ob ihr Verhalten noch mit den Werten übereinstimmt, die sie vorgeben zu verteidigen. Das macht solche Dynamiken historisch so gefährlich.

 

Die Verwechslung von Haltung und Verhalten

Eine der größten Gefahren moderner Gesellschaften besteht darin, dass Menschen zunehmend anhand ihrer Selbstbeschreibung beurteilt werden , nicht anhand ihres Verhaltens. Doch entscheidend ist nicht, was Menschen über sich sagen. Entscheidend ist, wie sie handeln.

 

Wer ständig „Demokratie“ ruft, aber andere Meinungen niederbrüllt, handelt nicht demokratisch. Wer ständig von Toleranz spricht, aber Andersdenkende ausgrenzt, handelt nicht tolerant. Wer sich als Antifaschist bezeichnet, aber Einschüchterung, Ausgrenzung oder politische Verfolgung unterstützt, reproduziert Verhaltensmuster, die historisch selbst typische Kennzeichen autoritärer Systeme waren. Kurz gesagt: An ihrem Verhalten sollt ihr sie erkennen. Nicht an ihren Parolen.

 

Die Gefahr der pluralistischen Ignoranz: Wegschauen, Mitmachen, Schweigen –
die Mechanismen der direkten oder indirekten Zustimmung

Besonders gefährlich sind nicht nur die Täter. Gefährlich sind auch die Zuschauer. Viele Menschen erkennen, dass etwas falsch läuft. Doch sie schweigen. Sie glauben: „Die anderen werden schon etwas sagen.“. Doch die anderen denken oft genau dasselbe. Und wenn sie nicht dasselbe denken, dann tun sie zumindest so. Sie passen sich an. Niemand traut sich, als Erster das zu sagen, was er oder sie erkennt: Dass der Kaiser nackt ist.

 

Des Kaisers neue Kleider (dänisch „Kejserens nye Klæder“) von Hans Christian Andersen erzählt von einem eitlen Herrscher, der so versessen auf Prachtgewänder ist, dass er zwei falschen Webern verfällt. Im Glauben, ein ganz besonders tolles magisches Gewand zu tragen, zeigt er sich dem Volk. Niemand traut sich das zu sagen, was er sieht – bis ein Kind laut ausspricht, was keiner zu sagen wagt. Es geht hier und Anpassung und den mangelnden Mut des Einzelnen, die Wahrheit zu sagen, um die Angst, sich nicht konform zu verhalten, um die Angst vor Beurteilung und Ächtung.

 

Psychologen nennen dieses Phänomen pluralistische Ignoranz. Jeder wartet auf den anderen. Und dadurch handelt niemand. So konnten zahlreiche historische Katastrophen überhaupt erst möglich werden. Detail-Infos zur Thematik sind unter der Rubrik Sozialer Einfluss zu finden.

 

Historisch hat sich immer wieder gezeigt: Die Mehrheit will Ruhe, Sicherheit, Normalität. Sie stellt Systemnarrative selten in Frage, solange ihr eigenes Leben nicht unmittelbar bedroht ist. Wer es doch tut, riskiert sozialen oder beruflichen Schaden. Propaganda sorgt dafür, dass Nicht-Mitmachen als riskant erscheint — und Mitmachen als moralisch richtig.

 

Bonhoeffers Warnung vor der Dummheit

Der Theologe Dietrich Bonhoeffer erkannte während der Zeit des Nationalsozialismus etwas Bemerkenswertes. Er hielt Dummheit für gefährlicher als Bosheit. Nicht weil dumme Menschen weniger intelligent wären, sondern weil sie aufhören, selbstständig zu denken. 

 

Der Dumme wird zum Werkzeug. Er übernimmt fremde Gedanken, fremde Feindbilder, fremde Narrative, fremde Urteile. Er wird manipulierbar. Gerade deshalb können Propaganda, ideologische Sprachregelungen, geschicktes Framing und permanentes Priming eine enorme Wirkung entfalten.

 

Kontext zur kollektiven Affektmobilisierung

Massenpsychologische Konditionierungsprozesse stehen in engem Zusammenhang mit der kollektiven Affektmobilisierung, also der systematischen Erzeugung und Steuerung gemeinschaftlicher emotionaler Zustände innerhalb großer Gruppen zur Erreichung von gesellschaftlicher Spaltung, Ausgrenzung von Andersdenkenden und Bekämpfung politischer Oppositionen.

 

Während Konditionierung auf die Verknüpfung bestimmter Reize mit erwünschten Reaktionen abzielt, fungiert die kollektive Affektmobilisierung als deren emotionaler Motor: Durch gezielte Ansprache von Angst, Wut, Bedrohungsgefühlen oder Euphorie werden Gruppen in ein gemeinsames emotionales Erregungsniveau versetzt, das ihre Wahrnehmungs- und Urteilsfähigkeit beeinflusst und sie empfänglicher für manipulative Botschaften macht. Beide Prozesse verstärken sich gegenseitig und bilden damit einen zentralen Mechanismus moderner Massenbeeinflussung.

 

„Denn sie wissen nicht, was sie tun“

Die Worte Jesu am Kreuz gehören möglicherweise zu den tiefsten psychologischen Beobachtungen der Menschheitsgeschichte: „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun.“. Diese Aussage bedeutet nicht, dass Täter keine Verantwortung tragen. Sie verweist vielmehr auf ein erschreckendes Phänomen:

 

Menschen können Teil von Unrecht werden, ohne dessen wahres Wesen zu erkennen. Sie können glauben, für das Gute zu kämpfen, während sie Unrecht tun. Sie können glauben, Freiheit zu verteidigen, während sie Freiheit zerstören. Sie können glauben, Faschismus zu bekämpfen, während sie selbst autoritäre Verhaltensmuster praktizieren, die sich um eine Einheitsmeinung bündeln. Genau daher stammt der Begriff des Faschismus. 

 

Die wichtigste Frage

Die entscheidende Frage lautet daher nicht: „Wer sind die Bösen?“. Die entscheidende Frage lautet: „Unter welchen Umständen könnte ich selbst Teil der grölenden, (vor-)verurteilenden und ausgrenzenden Masse werden?“. Wer diese Frage ehrlich stellt, entwickelt Demut.

 

Wer sie nie stellt, läuft Gefahr, genau zu jenem Menschen zu werden, den er zu bekämpfen glaubt. Denn die Geschichte zeigt immer wieder: Der Mob erkennt sich selbst selten als Mob. Und genau darin liegt seine größte Gefahr.

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