Wissen: Einsicht / Einsichtsfähigkeit

Was ist Einsichtsfähigkeit? Was ist Einsicht? 
Und was ist das extreme Gegenteil, die sogenannte Umkehr?

Psychologisches Wissen: Einsicht, Einsichtsfähigkeit, mangelnde Einsichtsfähigkeit, fehlende Einsicht, Umkehr

Einsicht - allgemein
"Einsicht" bedeutet, dass Eigenschaften, Zusammenhänge und Beziehungen auf der Basis von Wahrnehmungen und analytischen Überlegungen hinreichend erkannt, geistig erfasst und sachlich richtig begriffen werden. In sozialen und gesellschaftlichen Zusammenhängen besteht ein Unterschied zwischen der eigenen subjektiven Einsicht und der Einsicht in sozialen Zusammenhängen, die die Objektivität bilden. Subjektive Einsichten unterscheiden sich folglich von objektiv von außen messbaren Einsichten. 

 

Spontan erlebte Einsichten basieren nicht auf analytischen Überlegungen, sondern auf Gefühlen. Man bezeichnet sie als „Intuition“. Dennoch erfolgt auch die „Einsicht“ nicht nur auf analytischen Überlegungen. Auch sie unterliegt einer affektiven Beteiligung, allein schon als Motivation für weitere Überlegungen bzw. kognitive Prozesse.

 

Einsicht - im juristischen Bereich

Im juristischen Sinne stehen hinsichtlich des Begriffes "Einsicht" Vorstellungs- und Wissens-Aspekte im Vordergrund, also die Fähigkeit zum Erkennen und die jeweilige Kenntnis von etwas bzw. die Kenntnis über einen Sachverhalt. Dies beeinflusst zugleich die Zuschreibung der Zurechnungs- und Schuldfähigkeit. 

 

"Einsicht" & "Einsichtsfähigkeit" in der Psychologie und Psychiatrie (allgemein)

Einsicht ist eine Grundvoraussetzung für das Erkennen und die Behebung von Defiziten und das Lösen daraus resultierender Probleme. Einsicht ist wichtig für die die Optimierung sozialer Kompetenzen und die Behebung von Störungen und Krankheiten. Ohne Einsicht (z.B. in schadhafte Denk- und Verhaltensmuster) ist keine Veränderung zum Positiven möglich. Ohne Einsicht läuft alles, was einen im Leben stört und/oder schadet, immer so weiter. Dies bezieht sich sowohl auf das Denken als auch das Verhalten inklusive der Gewohnheiten.

Ohne Einsicht gibt es keine Verhaltensänderung. Ohne Einsicht wird nicht neu- und umgelernt. Ohne Einsicht gibt es keine Trennung von einem Partner, der einem nicht gut tut oder von einem Job, der keinen Spaß macht oder gar krank macht. Ohne Einsicht in Wissenslücken besteht kein Bedarf, fehlendes Wissen nachzuholen usw. Wer das Umdenken, Umlernen und Verhaltensänderungen aufschiebt - egal aus welchem Grund - ist nicht wirklich einsichtig - und es kommt so zu keiner Veränderung.  

 

Im psychologischen und psychiatrischen Bereich versteht man unter Einsicht nicht nur das geistige Erkennen von Problemen, Fehlern und Lösungen, sondern ein - über das Denken hinausgehendes - Erkennen und Begreifen unter Einbeziehung emotionaler Komponenten und Werthaltungen (Busemann 1975, Hommers und Lewand 2001).

 

Die Einsicht in z.B. "mangelnde Zuverlässigkeit" allein reicht folglich nicht aus, um (mit oder ohne Hilfe von außen) zukünftig zuverlässig(er) zu werden. Wichtig ist auch, dass man sich über die eigene Unzuverlässigkeit ärgert - und eben nicht nur über das entsprechende Feedback bzw. die Kritik von Anderen in Bezug auf die eigene Unzuverlässigkeit. Statt des Gefühls des sich Ärgerns könnte es auch ein eigenes Schamgefühl in Bezug auf das eigene Verhalten sein. Der Ärger über mangelnde Erfolge bzw. Misserfolge im eigenen Umfeld allein reicht hier nicht aus.
 

Einsicht erfordert die "Einsichtsfähigkeit" und "Einsichtsbereitschaft", folglich die Bereitschaft (Motivation) und Fähigkeit in Bezug auf Wahrnehmung, Denken und Fühlen (Intelligenz, psychische Konstitution, psychische Gesundheit, Gewissen & Moral), um überhaupt zu einer Einsicht zu gelangen. Einsicht bedarf Offenheit, Intelligenz, geistige Flexibilität und Ambiguitätstoleranz (Fähigkeit, Widersprüche - z.B. Kritik - möglichst locker - zu ertragen) - eine der wichtigsten sozialen wie emotionalen Kompetenzen und Voraussetzungen für den Erfolg im persönlichen und sozialen (z.B. partnerschaftlichen und beruflichen) Umfeld.

 

Wie verhält es sich in der Psychiatrie bzw. in der klinischen Psychologie? Die fehlende Einsicht in den in Wirklichkeit gestörten oder gar krankhaften Zustand findet man – neben anderen Kriterien wie den Verlust des Kontaktes mit der Realität – z.B. bei Psychosen (Laplanche/Pontalis, 1998). Hier wirkt sich der strukturelle Wandel des Erlebens darauf aus, dass man sein Handeln selbst gar nicht objektiv einordnen kann, Zusammenhänge oder Störungen eher anderen zuschreibt und dadurch nicht in der Lage ist, die eigene Störung selbst zu erkennen. Bei einigen Persönlichkeitsstörungen ist das ähnlich wie bei Psychosen. Behandlungsvorgänge werden, sofern überhaupt ein Facharzt oder Psychologe konsultiert wird, was dem Uneinsichtigen in der Regel widerstrebt, ggf. zwar eventuell toleriert, nicht aber wirklich verstanden und verinnerlicht. In schweren Fällen erfolgt die Abwehr des eigenen Zustandes bzw. der vom Umfeld erlebten Realität.

 

Warum Menschen mit bestimmten charakterlichen Defiziten, bestimmten PS-Störungen oder bestimmten Psychosen in der Regel nicht einsichtig sind, hat mehrere Ursachen. U. a. liegt es daran, dass die (vom eigenen Denken beeinflusste) Wahrnehmung getrübt ist, die Grenzen zwischen der eigenen Person und den anderen sind nicht mehr klar sind, Dinge als zusammengehörig empfunden werden, die nicht zusammengehören und Dinge als zur eigenen Person zugehörig empfunden werden, obwohl sie es nicht sind.

 

Auch liegt es daran, dass zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem häufig nicht mehr klar unterschieden werden kann und z.B. unwesentliche Dinge eine zentrale Bedeutung erhalten, Denkabläufe gestört sind, ggf. ein „Wahn“ als Ausdruck nicht zugestandener Wünschen und Bedürfnisse vorliegt, welcher der Abwehr von Konflikten dient, die gefühlsmäßige Beziehung zur Umwelt gestört ist und ein Zwiespalt zwischen Wollen und Nicht-Wollen besteht. Nicht zuletzt liegt es daran, dass der Mensch von sich selbst und seiner eigenen Logik überzeugt ist, ebenso von der Richtigkeit seines Handelns. Dies reicht bis zum sogenannten Gott-Komplex.

 

An Stelle einer Einsicht erfolgt nicht selten sogar die „Umkehr“ eines Fehlers, eines Problems, einer Diagnose oder einer Verhaltens-Zuschreibung. „Umkehrung“ bedeutet, dass die objektiven Tatsachen 1:1 verdreht werden. "Umkehr" bedeutet auch, dass ein Fehler, ein Problem, eine Diagnose oder eine Verhaltenszuschreibung auf genau die Person oder Personengruppe projiziert wird, welche die Beobachtung, Vermutung oder Tatsache anspricht oder eine eventuell vorhandene Störung/Erkrankung diagnostiziert (Beispiel: „Du bist der Kranke!“, „Du musst selber mal zum Arzt!“, „Psychologen und Psychiater sind selbst alle gestört bzw. krank“). Im Kleinen kennen wir dies vom Verhalten von Kindern und Aussagen wie: "Der (oder die) hat aber angefangen!"

 

Wer entsprechende Beobachtungen anspricht und damit das (falsche) Selbstbild der Betroffenen in Frage stellt, allein indem der Beobachter eine vielleicht unangenehme Realität beschreibt oder die nackte Wahrheit anspricht, die der Betroffene nicht hören und sehen will, mutiert dann in den Augen der von dieser unangenehmen Wahrheit Gestörten dann pauschal abwehrend zum Feind,  während das Wirkungsprinzip der kognitiven Dissonanz-Reduktion bzw. der Effekt der selbstwertdienlichen Verzerrung hingegen das eigene Ego fälschlich aufwertet und in die gewünschte Richtung zurechtbiegt („Ich bin der Gute!“), die man gerne hätte, auch wenn dies der Realität in Wahrheit mehr als deutlich widerspricht und auf Außenstehende bzw. Helfer manchmal geradewegs schizophren anmutet. 

 

Derartige Konter-Reaktionen sind im Umkehrschluss zugleich wieder ein Indiz für eine etwaige psychotische Störung, zumindest dann, wenn sie wiederholt beobachtet werden können und auffällig ist, dass die Person über keine Einsicht verfügt, was die Bereitschaft zur Kooperation in dieser Hinsicht mit einschließt. Hinzu kommen viele Fälle, in denen neben der besagten Realitätsleugnung völliger Realitätsverlust vorliegt. Ein davon Betroffener geht nicht zum Arzt oder einen Psychologen; vielmehr wird er jede Hilfe verweigern oder alternativ intuitiv alles dafür tun, einen Grund zu finden, die Hilfe "aufzuschieben" oder "auszuschlagen". Insofern spiegelt die besagte Studie nicht im Geringsten die tatsächliche Tragik in Bezug auf die starke Zunahme psychischer Erkrankungen wieder.

 

Aber auch hier sprechen wir „lediglich“ von „Erkrankungen“ bzw. einer „Krankheit“, folglich einem Zustand, bei dem sich der, der sich selbst schlecht fühlt, Hilfe sucht. Dem gegenüber steht jedoch eine Vielzahl psychischer Störungen, bei denen sich die Betroffenen selbst tatsächlich eben nicht – wie z.B. bei einer Depression – schlecht bzw. „krank“ fühlen. Nein, manche fühlen sich blendend. Es könnte ihnen – z.B. in ihrer Manie – aus ihrer persönlichen Sicht ggf. gar nicht besser gehen. Leiden muss lediglich das persönliche bzw. soziale Umfeld und Organisationen (z.B. Unternehmen oder sogar der Staat und seine Bürger)  wenn psychisch gestörte Menschen hier in entsprechende Positionen oder Ämter gelangen und dort - vom naiven Laien unerkannt - walten und schalten.   

 

Es gibt nicht nur psychische Störungen, die dem sozialen Umfeld das Leben zur regelrechten Hölle machen können, sondern auch Persönlichkeitsstörungen, die nicht etwa den Betroffenen selbst, sondern ihrem Umfeld das Leben schwer machen können. Auch hier ist seit Jahren eine deutliche Zunahme zu verzeichnen, insbesondere eine deutliche Zunahme und Ausbreitung „gefährlicher“ Persönlichkeitsstörungen. Probleme treten hier insbesondere im Personalwesen (im Bereich Personalpsychologie) zutage, in der Regel ausgelöst durch Negativ-Kommunikation, was insbesondere über Negativ-Priming irgendwann einen kompletten Verantwortungsbereich oder das ganze Unternehmen befällt, sofern die Betroffenen nicht ausgetauscht werden. Schulungen würden hier von vorne herein nichts bringen, da bei fehlender Einsicht immer wieder der Charakter durchkommt und einer Denk-Entwicklung im Wege steht.

Das Problem an der Sache ist, dass der Laie so etwas nicht erkennt. Besonders im Personalwesen hat dies verheerende Auswirkungen, da sich niemand traut, gestörte Persönlichkeiten (insbesondere Führungspersönlichkeiten) darauf anzusprechen. Zudem würde dies von vorne herein nichts bringen, da dies beim Angesprochenen ggf. zur o.g. "Umkehr" führt. Dadurch wird insbesondere bei Institutionen / Unternehmen ein System in Gang gesetzt, dass sich verselbstständigt. (Siehe dazu auch "Wahn-Symbiose" bzw. "symbiotischer Wahn"). 

 

"Einsicht" in der Gestalts- und Lernpsychologie

Hier versteht man unter „Einsicht“ das plötzliche bzw. überraschende Erkennen der Lösung z.B. eines Problems oder eines Lösungsweges. Als Ergebnis dieses Prozesses zeigt sich häufig ein geändertes oder neuartiges Verhalten. In diesem Zusammenhang wird auch vom sogenannten „Aha-Erlebnis“ gesprochen, ein Begriff der von Karl Bühler (1879–1963) geprägt wurde. Wolfgang Köhler (1887–1967) hat ihn in die Denkpsychologie eingeführt. In diesem Zusammenhang gilt es, zu erwähnen, dass eine durch Einsicht lösbare Problemlösung zumeist aus einem einzigen Lösungsschritt besteht. 

 

Lernen durch Einsicht

Beim sogenannten „Lernen durch Einsicht“ („Erleuchtung“, „Mir ist ein Licht aufgegangen“, „Jetzt hab' Ich's - Effekt“), das in der Gestaltpsychologie (Kurt Koffka, Wolfgang Köhler, Max Wertheimer) entwickelt wurde, wird einem Menschen plötzlich klar, wie die Lösung auf ein gestelltes Problem aussieht. Dieses Klarwerden ist die wohl effektivste und nachhaltigste Form des Lernens. Um zu einer Einsicht zu gelangen, ist es notwendig, die Wahrnehmungsstruktur und die Betrachtungsweise bzw. den perspektivischen Blickwinkel zu verändern und das Problem, das als Ganzes angesehen wird, in Einzelteile zu zerlegen und es dann neu zu betrachten. Betrachtet man hingegen ein Problem aus einer starren Sichtweise, so fällt es schwierig, die Lösung zu finden.

 

Einsicht und Uneinsichtigkeit bei schwerwiegenden PS-Störungen & Psychosen

Unter Einsicht versteht man nicht nur das geistige Erkennen von Problemen, Fehlern und Lösungen, sondern ein  – über das Denken hinausgehendes - Erkennen und Begreifen unter Einbeziehung emotionaler Komponenten und Werthaltungen.

In der Psychiatrie bezeichnet Einsicht zugleich die Fähigkeit zum Erkennen eines krankhaften Zustandes bzw. einer Persönlichkeitsstörung. Die fehlende Einsicht in den krankhaften Zustand findet man – neben anderen Kriterien wie den Verlust des Kontaktes mit der Realität – z.B. bei Psychosen (Laplanche/Pontalis, 1998).

 

Hier wirkt sich der strukturelle Wandel des Erlebens darauf aus, dass man sein Handeln selbst gar nicht objektiv einordnen kann, Zusammenhänge oder Störungen eher anderen zuschreibt und dadurch nicht in der Lage ist, die eigene Störung selbst zu erkennen. Behandlungsvorgänge werden (sofern überhaupt ein Facharzt konsultiert wird, was dem Uneinsichtigen in der Regel widerstrebt) ggf. zwar eventuell toleriert, nicht aber wirklich verstanden und verinnerlicht (Einsicht). Nicht selten kommt es zu einer Schein-Einsicht oder einer Trotz-Einsicht des Betroffenen.

 

Warum sind Menschen mit bestimmten Störungen & Psychosen nicht einsichtig? 

Dies hat mehrere Ursachen. U. a. liegt es daran, dass die Wahrnehmung getrübt ist, die Grenzen zwischen der eigenen Person und den anderen sind nicht mehr klar sind, Dinge als zusammengehörig empfunden werden, die nicht zusammengehören und Dinge als zur eigenen Person zugehörig empfunden werden, obwohl sie es nicht sind. Auch liegt es daran, dass zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem häufig nicht mehr klar unterschieden werden kann und z.B. unwesentliche Dinge eine zentrale Bedeutung erhalten, Denkabläufe gestört sind, ggf. ein „Wahn“ als Ausdruck nicht zugestandener Wünschen und Bedürfnisse vorliegt, welcher der Abwehr von Konflikten dient, die gefühlsmäßige Beziehung zur Umwelt gestört ist und ein Zwiespalt zwischen Wollen und Nicht-Wollen vorliegt. Nicht zuletzt liegt es daran, dass der Mensch von sich selbst und seiner eigenen Logik überzeugt ist, ebenso von der Richtigkeit seines Handelns. Was passiert?

 

Abwehr gegen Einsicht: Umkehr

An Stelle einer Einsicht erfolgt insbesondere bei psychischen Störungen zumeist die Umkehr eines Fehlers, eines Problems, einer Diagnose oder Verhaltens-Zuschreibung. Umkehrung bedeutet, dass ein Fehler, ein Problem, eine Diagnose oder eine Verhaltenszuschreibung auf genau die Person oder Personengruppe projiziert wird, welche die Beobachtung, Vermutung oder Tatsache anspricht oder eine eventuell vorhandene Störung/Erkrankung diagnostiziert (Beispiel: "Du bist der Kranke!", "Du musst selber mal zum Arzt!", "Psychiater sind selbst alle krank", "Du liebst mich nicht!", Du musst mich scheinbar hassen.", "Du hast das doch gesagt, nicht ich", "Du machst doch selbst auch XYZ"). 

 

Derartige Konter-Reaktionen sind im Umkehrschluss zugleich wieder ein Indiz für eine etwaige psychotische Störung, zumindest dann, wenn sie wiederholt beobachtet werden können und auffällig ist, dass die Person über keine Einsicht verfügt, was die Bereitschaft zur Kooperation in dieser Hinsicht mit einschließt. Unter anderem tritt die Umkehr von Tatsachen bzw. die Umkehr der Realität bei schweren Psychosen wie der Schizophrenie auf ebenso bei einem Wahn:

 

Wahnhafte Gedanken, Vorstellungen und Annahmen werden von den Betroffenen gegenüber der Außenwelt so stark verteidigt, dass Zuschreibungen oder Anschuldigungen jeglicher Art zur sogenannten "Umkehr" führen. Das eigene Denkkonstrukt der vom Wahn Betroffenen kann so stark sein, dass sie das, was ihnen von Außenstehenden zugeschrieben wird (der Wahn an sich oder ein bestimmtes Verhalten), in das Gegenteil umkehren und den anderen zuschreiben.

 

Menschen, die vom Wahn Betroffene für krank halten, werden von diesen selbst für wahnhaft bzw. krank gehalten. Menschen, die vom Wahn Betroffene auf ihre wahnhafte Gedanken ansprechen oder sie vom Gegenteil überzeugen wollen, werden für verrückt oder für Feinde gehalten. Wenn wahnhaft Kranken ein negatives Verhalten vorgeworfen wird, werfen sie den anderen negatives Verhalten vor. Aus Opfern werden Täter, aus Helfern werden Angreifer.

 

Interessant ist, dass von einem Wahn Betroffene sämtliche Zuschreibungen fast 1:1 umkehren. Wird ihnen geholfen, versuchen sie den anderen zu helfen. Beleidigen sie andere Menschen, so werfen sie den anderen genau diese Beleidigungen vor. Absprachen, Schuld- und Rechtsverhältnisse werden oft so herumgedreht, dass sie genau gegensätzlich sind. Woran liegt das?

 

Ursachen

Dies liegt generell daran, dass sich das “Ich“ vor Bewusstseinsinhalten (z.B. unangenehmen Wahrheiten) zurückzieht, die es selbst nicht verkraften kann. Die belastenden Inhalte, wozu auch eigene Fehler oder die Fehler von Gleichgesinnten oder geliebten Personen bzw. Personenkreisen zählen, bleiben zwar im Bewusstsein, werden aber von der eigenen Person abgespalten (Abspaltung der Realität vom Wunschdenken). Dadurch erscheinen Gedanken und Gefühle nicht von einem selbst hervorgebracht.

 

Auch aus Hass gegen eine andere Person wird, da dieser Hass vom „Ich“ nicht toleriert werden kann, wahnhaft die Umkehrung gemacht - wie dies z.B. auch beim sogenannten "Stockholm-Syndrom" erfolgt, bei dem Opfer von Vergewaltigungen und Geiselnahmen die Täter zu Freunden erklären, ein positives emotionales Verhältnis zu ihren Vergewaltigern und Entführern aufbauen, mit den Tätern sympathisieren und mit ihnen kooperieren.

 

Aber dies ist wiederum eine ganz spezielle Form der Umkehr, die sowohl psychologische wie psychiatrische Komponenten hat und auch bei der Infektion mit Gehirnparasiten - wie z.B. Toxoplasma gondii - auftritt, bei der die natürliche Freund-Feind-Erkennung sich komplett herumdreht, so dass sich die betroffenen Tiere (z.B. Ratten) geradezu magisch zu ihren Fressfeinden (z.B. Katzen) hingezogen fühlen und sich ihnen freiwillig zum Fraß anbieten bzw. ausliefern. Wie man in den letzten Jahren erforscht hat, treten bei Menschen, deren Nervensystem von dem besagten Gehirnparasiten befallen sind (mittlerweile rund 60 Prozent) ähnliche masochistisch-selbstzerstörerische Züge zutage. Sie suchen die Nähe zu Gefahren und potentiellen Feinden, denen sie sich anbieten. Doch dies ist ein separates Thema. Daher zurück zu der regulären Form der Umkehr: 

 

Aus "Ich verhalte mich lieblos" wird "der andere verhält sich lieblos". Aus "Ich hasse den anderen" wird "Der andere hasst mich". Aus "ich bin vielleicht krank" wird "der andere ist vielleicht krank". Diese Umkehr vermindert die eigenen Schuldgefühle, da die Gefühlsregungen, die man bei sich selber nicht akzeptieren kann, nun angeblich bzw. zum Schein von außen kommen und so bekämpft werden können. In der Extremform der Umkehr werden in der geistigen Verklärung aus Tätern Opfer und aus Opfern Täter. Für den Laien mag dies gruselig klingen, ist bei nicht wenigen schweren Psychosen jedoch eine nackte Tatsache.

 

Es kann sogar vorkommen, dass ein psychotischer Mensch sich bereits durch einen freundlichen Gruß oder die Nennung seines eigenen Namens provoziert fühlt, weil eben dieser Name mit einem eigenen Schuld- oder Schamgefühl in Zusammenhang gebracht wird oder ein Gruß auf ihn belästigend oder verächtlich wirkt. Während dieser Mensch eigentlich lieber einen Alias-Namen (z.B. Spitzname oder Kosename) trägt und mit diesem angesprochen werden will, weil z.B. der eigene Name geleugnet wird, nutzt er in der Umkehr die namentliche Ansprache des anderen als Gegenvorwurf.

 

Auf ein sensibles Umfeld mit guter Beobachtungsgabe wirkt dieses Umkehr-Verhalten insgesamt sehr auffällig. Andere deuten es lediglich als "konterstark", "durchsetzungsstark", "schlagfertig" oder "frech". Dahinter verbirgt sich aber oft eine schwere Psychose, die der Behandlung durch einen Facharzt für Psychiatrie und einen Psychotherapeuten bedarf. Beratungen und Coachings sind hier fehl am Platz. Berater oder Coaches müssen dies unbedingt erkennen. Leider fällt dies einem Laien nur in wenigen Fällen auf.

 

Nur in selteneren Fällen kann die Umkehr als Folge der Uneinsichtigkeit aufgrund eines psychischen Problems als solche auch von Laien erkannt werden: So kann es in extremen Fällen vorkommen, dass z.B. Menschen mit einem gestörten Selbstbewusstsein, die sich der persönlichen Verantwortung entziehen wollen, sich mit Figuren identifizieren, die über jegliche Schuld erhaben sind (z.B. ein Engel). Dies macht sie aus ihrer Sicht unangreifbar. Zumeist reicht es aber, wenn sie die eigene Schuld auf andere projizieren und umkehren. Dies bedeutet, dass alle Zuschreibungen an die eigene Person zumeist an die zuschreibende Person zurückgegeben werden oder – wenn dies nicht funktioniert – der Umwelt zugeschrieben werden.

 

Weitere Ursachen und Beispiele

Für fehlende Einsicht und Einsichtsfähigkeit gibt es natürlich auch weitere Ursachen. Dazu zählen geminderte Intelligenz, fehlende Bildung oder Bildungslücken, falsche Informationen und Wahrnehmungsfehler.

 

Extreme Beispiele zum Realitätsverlust und damit verbundener fehlender Einsichtsfähigkeit findet man besonders häufig (wie recht schrill wirkend) in der Politik, wo - aufgrund ihres Verhaltens und ihrer Äußerungen sichtbare wie messbare lupenreine Anti-Demokraten mit Verhaltensmustern, wie man sie aus dem SED-Regime oder von den Nationalsozialisten im 3. Reich kennt, Jene, die dieses undemokratische Verhalten und diese Nazi-Muster kritisieren, als "Anti-Demokraten" und "Nazis" bezeichnen. Als  klassisches Beispiel für fehlende Einsichtsfähigkeit kann dies aber nicht gelten, weil dies ggf. nicht nur auf psychischen Störungen, Bildungsferne oder mangelnder Intelligenz basiert, folglich unbewusst vollzogen wird, sondern ggf. absichtlich bzw. strategisch mit Vorsatz auf Basis der sogenannten "Umkehr" als rhetorisches Stilmittel erfolgt.  

 

Weitere Ursachen liegen im Verdrängen und Vergessen sowie in Naivität und Gutgläubigkeit sowie in dem wahrnehmungspsychologisch relevanten Effekt, dass wir uns in Bezug auf unsere Erinnerungen rückblickend eher an die positiven als an die negativen Seiten einer Person (z.B. einer früheren Beziehung) erinnern - es sei denn, dass es aufgrund des Verhaltens dieser Person damals zu einem (unvergesslichen) regelrechten Trauma kam. Typische Beispiele hierfür findet man im Falle von Partnern bzw. Partnerinnen, die sich immer wieder aufs Neue negativen Einflüssen durch ihren Partner / ihre Partnerin oder Ex-Partner / Ex-Partnerin aussetzen, die Realität nicht wahrhaben wollen und - trotz entsprechender wiederkehrender Erfahrung - keine Einsicht zeigen in die tatsächlich vorhandenen Gegebenheit in Bezug auf diese (ggf. sogar vermeintliche) Partnerschaft. 

 

Auch echte Liebe ist derart stark, dass sie die Einsicht trübt und die Einsichtsfähigkeit komplett einschränkt, insbesondere dann, wenn es es um einen Liebes-Wahn (Erotomanie) handelt, der bis zur Obsession oder Besessenheit führt. Unabhängig von der Obsession zu einem Menschen gilt dies natürlich auch für andere emotional sehr starke Begeisterungen für ein bestimmtes Thema, ein Hobby, eine Arbeit oder Aktion. Auch bei Auktionen kommt es vor, dass Bieter sich derart an einem Bietobjekt und dem Ziel des Besitzens (bzw. nur des reinen Gewinnens) obsessieren - und die diesbezüglichen Gedanken derart unkontrollierbar werden, dass sie aufgrund ihrer Obsession oder fixen Idee nicht einsehen wollen, dass sie in dieser Unkontrolle bereit sind, weitaus mehr für ein z.B. gebrauchtes wie relativ unsicheres Objekt zu bezahlen als für ein vergleichbares Neugerät mit Garantie und Rückgaberecht.

 

Fehlende Einsicht / Einsichtsfähigkeit aufgrund einer überbewerteten fixen Idee

Eine überbewertete Idee - auch "Fixe Idee" (lateinisch idea fixa „unveränderliche Idee“) genannt, ist eine kognitive Störung (Denkstörung), bei der die Realitätswahrnehmung verzerrt ist. Sie ähnelt einem Wahn­gedanken, ist davon jedoch abzugrenzen: Im Gegensatz zum sogenannten Wahn, bei dem Wahngedanken trotz Aufklärung über die nicht vorhandene Realität unveränderbar fortbestehen, ist eine überbewertete fixe Idee leichter bzw. nicht so stark unveränderbar.

 

Konkret handelt es sich bei einer überbewerteten fixen Idee um eine falsche Vorstellung, die das Denken und die Wahrnehmung umfasst und einer Berichtigung und Veränderung nur schwer zugänglich ist. Eine überbewerteten fixe Idee ist nicht zwingend daran gebunden, dass die Vorstellung sachlich falsch ist (wie bei einer Wahnidee). Entscheidender ist der Zwangsgedanke in Form einer Idee, die den Betroffenen anhaltend beherrscht und sich ihm immer wieder aufdrängt. Ob diese Idee nun sachlich wahr ist oder nicht, spielt weniger eine Rolle. 

 

Der Betroffene wird seine Wahrnehmung immer wieder so ausrichten (z.B. Fundamentaler Beobachtungsfehler, Selektive Wahrnehmung) und subjektiv interpretieren, dass diese seiner fixen Idee entspricht. Da die Realitätswahrnehmung verzerrt ist, stehen überbewertete Ideen auch in Verbindung mit einer bestimmten Art der (Selbst- und Fremd-)Beobachtung, einer bestimmten Art der Wahrnehmung und in Verbindung mit bestimmten Wahrnehmungsfehlern (z.B.   Heile Welt Naivitäts-Fehler, Wahrnehmungsfehler aufgrund einer bestimmten Gesinnung, Überlegenheitsillusion / Überlegenheitsfehler, Selbstwertdienliche Verzerrungen, Kontrollillusion etc.).

 

Insofern können überbewertete fixe Ideen auch von psychischen Störungen und von Wahrnehmungsstörungen abgegrenzt werden, wobei eine mögliche Störung selbt nicht ausgeschlossen werden kann. Schließlich kann sich aus einer überbewerteten Idee auch eine schwere Psychose (z.B. ein Wahn) entwickeln oder im Rahmen einer krankheitsbedingten Störung (Psychose) vorkommen. Überbewertete fixe Ideen können sich bis zu einem Wahn (z.B. Größenwahn, Liebeswahn, Eifersuchtswahn etc.) steigern, so dass sie die Kriterien einer Psychose erfüllen. In Folge dessen kommt es folglich zu einer ernsthaften Störung im Realitätsbezug bis hin zum Realitätsverlust.

 

Obwohl die Betroffenen ansonsten logisch denken, so dass sie erst einmal für vernünftig gehalten werden, konzentrieren sich bei einer überbewerteten fixen Idee alle Gedanken auf ein Kernthema. So lange dieses Kernthema von anderen thematisch nicht berührt bzw. angesprochen wird, wirken die Betroffenen ganz normal.

 

Daher finden sich überwertige Ideen im Gegensatz zum Wahn zumeist im Rahmen der normalen Psychologie wieder z.B. etwa bei starkem Einfluss von Gefühlen. Beispiel: "Rosarote Brille", Helfersyndrom, "Kohlhaas Syndrom" bzw. übertriebener Gerechtigkeitssinn, übermäßige Angst vor Krankheit bei bereits kleinsten Symptomen, übertriebene Eifersucht, innerer Drang, eine bestimmte Tat zu begehen, Rachegelüste, Übertriebener Drang nach Wissen, Übertriebener Drang nach Anerkennung, übertriebenes Streben nach Schönheit, übertriebener Drang nach Geltung (Geltungssucht) etc..

 

Aus fixen Ideen kann sich eine schwerwiegende Persönlichkeitsstörung entwickeln. So kann aus einem übertriebenem Drang nach Anerkennung und Geltung auch Narzissmus werden. Alternativ können fixe Ideen auch in Verbindung mit einer Persönlichkeitsstörung stehen. Fixe Ideen können aber auch im Rahmen einer krankheitswertigen psychischen Störung vorkommen: Bei einer Depression wirkt sich das z.B. eher auf eine negative Sicht der Dinge aus, die bis hin zum Verarmungswahn reichen kann. Bei einer Manie ist der Betroffene dann z.B. eher von der fixen Idee beseelt, besonders gut, positiv, qualifiziert, eloquent oder mächtig zu sein, was bis zum Größenwahn reichen kann.

 

Überbewertete Ideen können aufgrund der Irritationen anderer Menschen und der Belastung für die Umwelt - wie der Wahn auch - schwere Störungen der sozialen Beziehungen zur Folge haben.

 

Fixe Ideen und die Abwehr der Realität
Besonders extreme Wirkung haben fixe Ideen, wenn es um die Einschätzung und Abwehr der Realität geht, die Menschen mit einer fixen Idee gerne verdrängen, verleugnen, uminterpretieren (selbstwertdienlich verzerren) und defensiv attribuieren. Sie wollen andere Realitäten bzw. Wahrnehmungen nicht hören bzw. wahrhaben und die Realität nicht sehen bzw. einsehen. Insofern fehlt es Menschen mit einer fixen Idee, die der Realität widerspricht, oft an Einsicht und Einsichtsfähigkeit in die - von der fixen Idee abweichenden - realen Gegebenheiten. Bei den Betroffenen entstehen kognitive Dissonanzen, die über das Wirkungsprinzip der kognitiven Dissonanz-Reduktion dazu führen, dass Widersprüche einfach uminterpretiert, defensiv attribuiert,  selbstwertdienlich verzerrt oder geleugnet werden.  

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