Wahnsymbiose - Symbiotischer / induzierter Wahn

inkl. Sozialer Einfluss, Ansteckungstheorie, Massenpsychologie, Lernen am Modell

Wissen Wahnsymbiose, Wahn-Symbiose, symbiotischer Wahn, Induzierter Wahn, Folie à deux, Induzierte wahnhafte Störung

Einleitung

Warum "drehen" durch den Einfluss  gestörter Persönlichkeiten (z.B. Psychopathen) oder psychotischer Menschen (z.B. Wahn) auch andere Menschen mit "durch" und verhalten sich entsprechend? Warum kann ein einziger Mensch andere mit seinen Charakterzügen anstecken, selbst wenn diese völlig abnorm, kontraproduktiv, schädigend oder gefährlich sind? Warum folgt ein ganzes Volk dem Wahn eines Führers bis in den Abgrund und die Selbstzerstörung? Warum folgen "Lemminge"  anderen in den (Massen-)Suizid. Warum "stinkt" der "Fisch vom Kopfe her"? Diese und andere Fragen sollen hier behandelt werden.

 

Wahnsymbiose bei Wahnideen

Manche fühlen sich verfolgt, andere steigern sich in vermeintliche Krankheiten hinein. Manche glauben, ein Superheld zu sein und die Welt zu retten, andere sehen überall potentielle Feinde : Menschen, die unter Wahnvorstellungen leiden, sind von Dingen überzeugt, die nicht der Realität entsprechen. Für gesunde Menschen sind solche Wahnideen in der Regel oft kaum nachvollziehbar. Doch es gibt auch das Phänomen, das sich Familienmitglieder oder Partner  vom Wahn des Betroffenen regelrecht "anstecken" lassen.

 

Doch es gibt nicht nur den "Wahnsinn zu zweit" (Folie à deux): Unter Berücksichtigung der sozialpsychologischen Erkenntnisse können sich ganze Gruppen und Gesellschaftsteile von fixen bis wahnhaften Ideen "anstecken" lassen. Während bei einer Folie à deux ein eigentlich gesunder Mensch die Wahnvorstellungen eines Menschen, der an einer Psychose (z.B. Schizophrenie) leidet – die Wahnideen des Anderen übernimmt (ohne selbst krank zu sein), weiß man von der Psychologie der Massen, dass sich komplette Gruppen (z.B. Arbeitsteams) mit Wahnideen (von kranken Vorgesetzten) infizieren lassen oder sogar große Teile der Bevölkerung voller Überzeugung die Wahnideen eines Führers übernehmen - und kurz vor dem vollständigen Zusammenbruch durch einen längst verlorenen Krieg nach entsprechendem Aufruf dazu (Göbbels bekannte Sportpalast-Rede zum totalen Krieg) dann noch voller Begeisterung frenetisch jubelnd in den sicheren Untergang ziehen.

 

Hintergrundwissen: "Wahn"

Im Allgemeinen bezeichnet man als Wahn eine irreale Überzeugung, die aber nach objektiv messbaren Aspekten nicht zutrifft, an welcher der Betroffene jedoch unbeirrt festhält, obgleich diese nicht mit der der objektiv nachprüfbaren Realität übereinstimmt. Zugleich ist Wahn ein Krankheitssymptom aus dem Fachgebiet der Psychiatrie, die eine Störung der Urteilsfähigkeit zur Folge haben kann.

 

Ein Wahn kommt bei verschiedenen psychischen Störungen vor und reicht bis von reiner Einbildung (z.B.  Unterstellung grundsätzlicher Abneigungen anderer der eigenen Person gegenüber) bis hin zum völligen Realitätsverlust. Ebenso gibt es Persönlichkeitsstörungen, die mit einem Wahn einhergehen. z.B. die paranoide Persönlichkeitsstörung. Das Krankhafte am Wahn liegt nicht im Inhalt, sondern vielmehr in der Unbeeinflussbarkeit durch Erfahrung und zwingende Schlüsse. Erklärungen, warum die Vorstellungen absurd sind, verändert nicht die vermeintliche Gewissheit und Überzeugung. Menschen, die versuchen, dem wahnhaft Kranken den Wahn auszureden, werden als parteiisch angesehen oder als Feind bekämpft. Eine Diskussion steigert die emotionale Betroffenheit und verschlimmert die Auswirkungen.

 

Menschen mit wahnhaften Störungen deuten Wahrnehmungen oder Erlebnisse um und konstruieren gelegentlich komplexe, für den Außenstehenden konfuse, für den Betroffenen allerdings schlüssige "Wahnsysteme", in denen sie wie in einer zweiten, subjektiven Realität leben, welche sie ggf. durch neue Konstrukte erklären, schützen und verteidigen.

 

Einsicht und Einsichtsfähigkeit bei wahnhaft Erkrankten / Verteidigung gegenüber der Außenwelt

Die Betroffenen halten sich selbst weder für krank, noch für behandlungsbedürftig. Ihre Gedanken halten sie für schlüssig und logisch. Selbst gegenteilige Beweise können sie nicht davon abbringen. Menschen, die gegenteilige Beweise antreten, werden von Menschen mit einem Wahn für Feinde oder selbst für krank (bzw. verrückt) gehalten.

 

In der Regel werden wahnhafte Gedanken, Vorstellungen und Annahmen von den Betroffenen gegenüber der Außenwelt vehement verteidigt. Bei entsprechend starkem Druck von außen können einige Betroffene unrichtige Gedanken vorläufig zugeben (z.B. um ihre Ruhe zu haben). Ein echter oder zum Schein geäußerter Lichtblick in Bezug auf eine etwaige Einsicht in die Unrichtigkeit der Gedanken wird von den Betroffenen jedoch schnell wieder revidiert, zumeist aber innerlich bereits im Ansatz negiert, ohne dies nach außen zu zeigen. Das eigene Denkkonstrukt hat eine so starke eigene Logik, dass es für den Betroffenen selbst nicht möglich ist, an etwas anderes zu glauben als das, was in seiner Realität bereits verfestigt ist.

 

Umkehr / 1:1-Verdrehung der Realität / Abwehr von Widersprüchen
Wahnhafte Gedanken, Vorstellungen und Annahmen werden von den Betroffenen gegenüber der Außenwelt so stark verteidigt, dass Zuschreibungen oder Anschuldigungen jeglicher Art zu einer sogenannten "Umkehr" führen. Das eigene Denkkonstrukt der vom Wahn Betroffenen kann so stark sein, dass sie das, was ihnen von Außenstehenden zugeschrieben wird (der Wahn an sich oder ein bestimmtes Verhalten), in das Gegenteil umkehren und den anderen zuschreiben. Menschen, die vom Wahn Betroffene für krank halten, werden von diesen selbst für wahnhaft bzw. krank gehalten. Menschen, die vom Wahn Betroffene auf ihre wahnhafte Gedanken ansprechen oder sie vom Gegenteil überzeugen wollen, werden für verrückt gehalten oder als Feinde erklärt. Wenn wahnhaft Kranken ein negatives Verhalten vorgeworfen wird, werfen sie den anderen negatives Verhalten vor. Aus Opfern werden Täter, aus Helfern werden Angreifer. Interessant ist, dass von einem Wahn Betroffene sämtliche Zuschreibungen fast 1:1 umkehren. Wird ihnen geholfen, versuchen sie den anderen zu helfen. Beleidigen sie andere Menschen, so werfen sie den anderen genau diese Beleidigungen vor. Absprachen, Schuld- und Rechtsverhältnisse werden oft so herumgedreht, dass sie genau gegensätzlich sind.  Nach dem Prinzip "Übung macht den Meister" geben sich von einer wahnhaften Störung betroffene Menschen von ihrer Persönlichkeit her besonders überzeugend. Nicht selten sind sie in der Lage, Zeugen und Zeugnisse des Wahns auszuschalten oder durch entsprechende Argumente oder allein durch ihr Auftreten zu relativieren und einen eventuellen Gegenbeweis Dritten gegenüber unglaubwürdig erscheinen zu lassen.

 

Induzierter Wahn / symbiotischer Wahn (Folie à deux) /
Induzierte wahnhafte Störung (Ansteckender Wahn)

Hierunter versteht man die die (vollständige oder teilweise) Übernahme einer Wahnsymptomatik durch einen nahestehenden, primär nicht wahnkranken Partner. Je nach Art und Umfang der Beeinflussung könne sich aber auch eine Gruppe oder sogar ganze Teile der Gesellschaft von Wahnideen anstecken lassen (z.B. über Propaganda, Medien, Rhetorik, Einfluss von Autoritäten und sogenannter "Gehirnwäsche".) Beispiele: Göbbels "Totaler Krieg", Teile der gestrandeten Schiffbrüchigen der Batavia, Wiedertäufer zu Münster, Kollektiver Suizid bei diversen Sekten).

Bei zahlreichen Betroffenen spricht man auch von folie à plusieurs oder folie à beaucoup (frz. „Geistesstörung mehrerer Personen“ oder „Geistesstörung vieler Personen“). Tatsächlich liegt bei den - von Wahnideen infizierten betroffenen - aber keine "Geistesstörung" vor. Vielmehr führen Wahnideen zu Überzeugungen, die "nachgeplappert" werden  (Siehe dazu auch "Papageien-Sprache") bzw. zu Verhalten, welches "nachgeäfft" wird. Es kommt zu selektiver Wahrnehmung und Sterotype und scheinbarer Bestätigung dieser durch Fokussierung der Aufmerksamkeit, so dass sich die Wahnideen für die "Infizierten" scheinbar zu bestätigen scheinen. 

 

Beispiel 1
Im Jahr 2008 ereignete sich in Großbritannien einem Kriminaldelikt, bei welchem laut gerichtlicher Feststellung eine induzierte wahnhafte Störung für die Tat ausschlaggebend war. Unter dem Einfluss der Wahn-Symbiose überquerten die Schwestern Ursula und Sabina Eriksson mehrfach zu Fuß die vielbefahrene Autobahn M6 in England und ließen sich von  Fahrzeugen überfahren. Trotz ihrer Verletzungen leisteten sie Widerstand gegen die zu Hilfe eilenden Polizei- und Rettungskräfte. Wenige Tage nach dem Vorfall erstach Sabina Eriksson einen Menschen mit einem Messer, nachdem sie aus dem Gewahrsam entlassen worden war.

 

Beispiel 2
Eine Übertragung von Wahnvorstellungen wird auch im Fall der australischen Familie Tromp vermutet, die sich ohne erkennbaren Grund und überstürzt am 29. August 2016 zu fünft von ihrer Farm östlich von Melbourne aus mit dem Auto auf eine Reise Richtung Norden begab. Die Eltern befanden sich in einer geschäftlich angespannten Situation, die dazu führte, dass sie sich in die Angst hineinsteigerten, jemand wolle sie töten. Diese Paranoia sprang auf die zwei erwachsenen Töchter über, so dass - bis auf den Sohn - letztendlich die komplette Familie "durchdrehte" und in die Psychiatrie eingewiesen wurde. 

 

Beispiel 3

Wenn man Menschen zum Beispiel glauben macht, es gäbe zum Beispiel eine ansteckende Krankheit - und ein Mitglied der jeweiligen Gruppe habe sich angeblich damit infiziert, werden sich in kürzester Zeit auch viele andere Mitglieder dieser Gruppe krank fühlen und sogar entsprechende Symptome zeigen (Psychosomatisches Prinzip), obwohl es diese Krankheit real gar nicht gibt oder obwohl keine Erkrankung an einer reale Krankheit vorliegt. Die Patienten zeigen nicht irgendwelche Symptome, sondern explizit jene die ihnen vorher prognostiziert bzw. ihnen während der Selbstbeobachtung eingeredet werden. Entscheidend dafür, dass der Mensch sich etwas einredet bzw. einreden lässt, ist das starke Gefühl der Angst und der Glaube daran, dass die Anderen (das Kollektiv, eine Autorität, ein Vorbild, die Regierung, die Medien) die Wahrheit sagen.

 

Redet man zum Beispiel Jemandem ein, dass es ihm irgendwo juckt, wird dieser Menschen sich kurze Zeit später bewusst oder unbewusst an der beschriebenen Stelle kratzen. Und wem man einredet, dass er müde ist, wird kurze Zeit später automatisch gähnen und sich müde fühlen. Suggestion und Autosuggestion basieren auf genau diesem Prinzip. Hypnose und Selbsthypnose funktionieren nun mal. So können böse Menschen Anderen zum Beispiel den baldigen Tod einreden - und dieses Information stetig wiederholen (siehe: Priming). Insbesondere schwache, gebrechliche oder vorbelastete Persönlichkeiten übernehmen die "Botschaften" in ihr ICH und richten ihre Selbstwahrnehmung und Erwartung an der Prognose der Autoritäten aus, die dann mit höherer Wahrscheinlichkeit früher oder später in Erfüllung geht.

Einem tatsächlich an Krebs erkrankten Menschen, dem der Arzt sagt, dass er nur noch wenige Wochen oder Monate zu leben hat, wird aufgrund seines Glaubens (bzw. der Übernahme der Idee) mit hoher Wahrscheinlichkeit im prognostizierten Zeitfenster sterben, während der gleiche Patient, dem man die Diagnose verschweigt - oder diese herunterspielt - erfahrungsgemäß viel längere Zeit weiterlebt, viel weniger Symptome zeigt und eine wesentlich höhere  Überlebenschance hat. Siehe dazu auch Selbsterfüllende Prophezeiung (Psychologie), Rosenthal-Effekt (Pädagogik) und Placebo Effekt (Medizin). Basis ist das Vertrauen (oder aber das Misstrauen) und / oder die stetige Wiederholung einer Information sowie das Gefühl, dass sich auch andere ernsthaft mit der Information auseinandersetzen. Wenn andere Menschen die Wahnideen eines "Irren" zum Beispiel diskutieren - so als könne man Irrsinn real diskutieren - so werden die Beobachter den Irrsinn für real halten und ihn übernehmen. Die spannendsten "Experimente" gab es hierzu im Rahmen der "Versteckte Kamera"-Strategien, bei denen der außenstehende Zuschauer manchmal kaum fassen kann, mit welch vermeintlicher Naivität und Gutgläubigkeit die Getäuschten sich von sogenannten "Lockvögel" und dem sozialen Einfluss reinlegen lassen.  
   

Massenpsychologie: Die Psychologie der Masse

Die Massenpsychologie ist ein Teilgebiet der Sozialpsychologie und untersucht, wie es dazu kommt, dass sich Menschen von der Gruppe bzw. Masse anstecken lassen und wie der Einzelne (selbst Angehörige einer Hochkultur) unter bestimmten Umständen in der Masse seine Kritik- und Urteilsfähigkeit verliert und sich affektiv (zum Teil primitiv-barbarisch) verhält. In der Masse entsteht eine, alle in ihr integrierten Einzelwesen umfassende „Gemeinschaftsseele“, die dazu führt, dass der Einzelne leichtgläubiger ist/wird und der psychischen Ansteckung („contagion“) unterliegt-

 

Ausgangspunkt der Massenpsychologie war die Tatsache, dass große Menschenmassen ein ganz bestimmtes Verhalten zeigen, das oft "aus dem Ruder läuft" und stark entarten kann. Menschen sind soziale Wesen und können als "Herdentiere" wie ein Fischschwarm Schwarmverhalten an den Tag legen, bei dem das Denken und Verhalten des Individuums zum Verhalten der Gruppe übergeht bzw. das Verhalten der Masse den Einzelnen maßgeblich beeinflusst und mitreißt. So kann eine Idee oder Ideologie oder Angst eines Einzelnen (z.B. Führers) auf andere und damit auf weite Teile des Gesellschaft überspringen und die Gruppe den Einzelnen mitreißen. Ebenso kann bereits wegen eines relativ unbedeutenden Anlasses eine Massenpanik entstehen, ein Finanzmarkt zusammenbrechen oder sich Menschengruppen in bestimmten Situationen geradewegs in Bestien verwandeln (Details).

 

Beispiel 4 

Als klassisches Beispiele für den Effekt des sozialen Einflusses und die Wahn-Symbiose finden wir in der Geschichte u.a. in der Bewegung der Wiedertäufer:  Unter der Leitung der Prediger Bernd Rothmann, Jan Matthys und Jan van Leiden (eigentlich Jan Beuckelszoon oder Beukelszoon) predigten sie regelrechte Wahn-Ideen und gründeten basierend auf der auf Angst basieren Wahn-Symbiose das "Täuferreich" von Münster. Es endete im Juni 1535 mit der Rückeroberung der Stadt durch den Fürstbischof Franz von Waldeck. Jan van Leiden, der letzte Anführer der Wiedertäufer verlor jegliches Maß. Der ehemalige Schneider, Kaufmann, Gastwirt, Meistersinger, Reimdichter und Schauspieler ernannte sich als Johann I. zum König von Münster, errichtete das "Königreich Zion" und umgab sich mit einem glänzenden Hofstaat. Mit Hilfe seiner "12 Aposteln", seinem Statthalter und Scharfrichter Bernd Knipperdolling und seinem "Reichskanzler" Heinrich Krechting übte er ein Schreckensregiment aus und erstickte jeden Widerstand in Blut, ließ alle Bücher bis auf die Bibel verbrennen, schaffte das Geld ab, führte eine Gütergemeinschaft (inklusive Teilung der Frauen) zu seinem Nutzen und Wohle ein und ahndete Verstöße gegen die Zehn Gebote mit der Todesstrafe. 

 

Beispiel 5
In der Zeit der Hexen-Wahns gab es eine besonders auffällige Wahn-Symbiose im Zuge der Hexen- und Ketzerverfolgungs-Bewegungen. Auch hier wurde auf Basis des Aberglaubens und der Angst so ziemlich alles nach"gedacht" und nachgeplappert, was einige wenige Psychopathen oder Irre sich in ihrem Kopf ausheckten.   

 

Besonders anfällig für die Übernahme von Wahn-Ideen sind naive und sogenannte naiv-aggressive und an das jeweilige Gesellschaftssystem angepasste Persönlichkeiten. Auch damals zur Zeit der Hexenverfolgung ging es darum, vermeintlich "Gutes" zu tun und das "Böse" zu bekämpfen. Die Täter wie Inquisitoren und Großinquisitoren oder Spitzel und Falschaussagen vermeintlicher Zeugen (z.B. des Rittes auf einem Besen mit dem Teufel) glaubten irgendwann selbst an Phantasien und die Falschheit des Gesagten, so dass das Quälen und Töten von Menschen als "gute" und gerechte Sache erachtet  wurde.  Als typischer Vertreter naiv-aggressiver Persönlichkeiten in führenden Positionen des nationalsozialistischen Regimes kann hier (den persönlichen Tagebüchern und der historisch nachträglichen Verhaltensbeobachtung entsprechend) Joseph Goebbels, der damalige Reichspropagandaminister genannt werden. Liest man dessen Tagebuch so stellt man fest, dass er noch kurz vor Kriegsende an den Wahnideen des Systems festhielt.  

 

Beispiel 6

Die Mörder der Batavia: Als 1629 ein stolzes Schiff namens Batavia mit 342 Menschen (Kaufleuten, Matrosen, Soldaten, Frauen und Kindern) an Bord nach Ostindien aufbrach, ahnte niemand, dass sich die Reise zu einem der grauenvollsten Desaster der Menschheitsgeschichte entwickeln würde. Bereits während der Überfahrt kam es zu Disziplinlosigkeiten und Übergriffen. Auf dem engen Raum von Schiffen war ein solches Verhalten nicht selten, weshalb eine derartige Reise mit einer großen Gruppe nur unter Einhaltung strengster Disziplin und härtesten Strafen erfolgen konnte. Nachdem das Schiff am 14. Juni 1629 auf ein Riff vor der australischen Westküste lief, brach Chaos aus. Die meisten Menschen konnten sich jedoch auf eine winzige unbewohnte Insel retten. Dort ging das eigentliche Unheil dann erst richtig los. Unter den Überlebenden bracht das Grauen aus. Nicht etwa wegen Hunger und Not. Normale Menschen unter der Führung des vermeintlich ehrbaren Kaufmanns Jeronimus Cornelis errichteten über die Bildung von Gruppen eine Schreckensherrschaft. Der besagte ehrbare Kaufmann ließ sich - ähnlich wie der Wiedertäufer Jan van Leyden in Münster dies zuvor tat (eine andere, sehr ähnliche Tragödie der Geschichte) - zu einer Art König krönen.

 

In kürzester Zeit entstand so eine Schreckensherrschaft, bei der sich eine Gruppe von Menschen über den sozialen Einfluss zu grausamen Bestien entwickelte und die anderen zu Opfern und Sklaven machte, die man aus reinem Vergnügen quälte und abschlachtete. Niedertracht und Mord wurde für viele geradewegs zu einem Hobby. Die Frauen wurden vergewaltigt, die Überlebenden Mensch für Mensch der Reihe nach gequält und ermordet. Die Anführer schmückten sich mit den Schätzen aus den geborgenen Schatztruhen und spielten König und Wohltäter. Noch heute sind die Spuren der damaligen Barbarei der Schiffbrüchigen auf den unbewohnten Inseln zu sehen. Verwitterte Skelette der Ermordeten und Galgen erzählen noch heute von Monaten der Gewalt und Anarchie - und ebenso von niedrigsten Instinkten und den möglichen Auswüchsen des menschlichen Gehirns. In großen Gruppen wird alles möglich, was der Einzelne eben nicht tun würde.

 

Übertragung ins Heute

Wer sich einmal mit einer derartig abstrusen Terrorherrschaft anhand der immer noch tadellos erhaltenen einsehbaren Gerichtsakten im Detail auseinandergesetzt hat und die Psychologie der Übeltäter studiert hat, muss wissen, dass heute ebensolche (harmlos wirkenden) Menschen bzw. Persönlichkeiten oder Gruppen bzw. Organisationen wirken, in der Lage sind, fixe Ideen, Ideologien oder Wahngebilde auf andere bzw. weite Teile der Gesellschaft zu übertragen. Ein jeder trägt die Anlagen mit sich. In der passenden Gruppe brechen diese aus und können sich voll entfalten, schließlich gibt der Einzelne seine Verantwortung und Moral an die Gruppe oder den (vermeintlichen) Anführer einer Gruppe ab. Oft berufen sich die Täter auf das in der Gruppe geltende Recht (Siehe Nürnberger Prozesse), selbst wenn dieses Recht im Nachhinein bzw. für Außenstehende noch so abstrus ist. Das Gefühl von Täterschaft und Moral erlischt, wird im Keim erstickt oder kommt gar nicht erst auf. So perfide wirken Gruppen-Systeme, in denen kaum einer mehr erkennen kann, wann genug ist und ab wann es kriminell wird. Eine besondere Rolle spielen - neben den Anführern einer solchen Gruppe - die vielen Mitläufer, die sich regelrecht mitreißen lassen und sich im Recht fühlen.

 

Sozialer Einfluss - sozialer Druck - Einfluss von Autoritäten - Pluralistische Ignoranz

Wir alle sind Teil einer Masse und Bestandteil verschiedener Gruppen und Teil der Gesellschaft, bewusst oder unbewusst. Wir alle unterliegen dem sozialen Einfluss, dem Einfluss von Autoritäten und dem Effekt der Pluralistischen Ignoranz. Wir alle können zu Tätern und Opfern werden. Die einen bekommen es mit, die anderen nicht und einige erst später - wenn eine solche Gruppe sich auflöst. Der Herdentrieb ist menschlich, dennoch aber fatal und dazu urprimitiv. Wer meint, dass er sich selbst davon frei machen könne, hat weit gefehlt. 

 

Ebenso werden wichtige Entscheidungen in einer Gruppe nicht von einzelnen Individuen getroffen, sondern von der Masse selbst herbeigeführt, die bewusst (oder zumeist sogar unbewusst) auf den Einzelnen Druck ausübt (Siehe Sozialer Einfluss / Soziale Einflussnahme sowie die speziellen Studien von Davis und Harless, 1996. Hinzu kommt die Tatsache, dass sich der Einzelne dem Verhalten einer Gruppe unterordnet bzw. beugt (Siehe dazu z.B. Pluralistische Ignoranz) oder sich menschlich unmoralisch verhält (siehe dazu u.a. Zuschauer-Effekt / bystander-effect / Non-helpling-bystander-effect)

 

Ansteckungstheorie (Contagion theory)

In den Sozialwissenschaften und der Sozialpsychologie gibt es die unterschiedlichsten Theorien zur Erklärung und Erläuterung massenpsychologischer Phänomene. Bei sämtlichen Theorien und Erklärungen geht es stets darum, wie sich das Gruppenverhalten vom Verhalten der einzelnen Individuen unterscheidet. Eine Theorie ist die "Ansteckungstheorie":

Eine frühe Theorie zum kollektiven Verhalten in großen Gruppen hat der französische Soziologe Gustave Le Bon mit seinem Hauptwerk "Psychologie der Massen" im Jahre 1895 formuliert. Seine Theorie nennt man "Ansteckungstheorie" oder Demnach haben soziale Gruppen eine regelrecht hypnotische Wirkung auf ihre Mitglieder. Da sie durch die Anonymität der Menge geschützt sind, geben Menschen ihre persönliche Verantwortung auf und ergeben sich den regelrecht ansteckenden Gefühlen der Masse.

 

Gruppen entwickeln dadurch ein Eigenleben, das sich vom normal üblichen Verhalten des Einzelnen deutlich abhebt. Viele Menschen werden praktisch eins. Der Einzelne gibt seine Verantwortung an die Gruppe ab, weshalb er sich selbst verantwortungslos verhalten kann. Die Gefühle, die in einer Gruppe aufkommen, erst recht dann, wenn diese Gruppe besonders groß ist, wecken starke Emotionen und verleiten zu irrationalem Handeln. Le Bons Arbeiten bildeten die Basis für Sigmund Freuds Studie "Massenpsychologie und Ich-Analyse". Eine Weiterentwicklung unternahm dann Wilhelm Reich (1933) mit seinem Werk "Die Massenpsychologie des Faschismus". Als Beispiel für die Theorie Le Bons sei hier das Geschehen nach dem Untergang der Batavia genannt.

 

Annäherungstheorie (Convergence theory)

Die Annäherungstheorie geht davon aus, dass Massenverhalten nicht von der Masse selbst ausgeht, sondern von einzelnen Individuen in die Gruppe hineingetragen wird. Während die Ansteckungstheorie besagt, dass Gruppen Menschen zu einem bestimmten Handeln veranlassen, besagt die Annäherungstheorie dass Menschen, die in einer bestimmten Weise handeln wollen, sich lediglich zusammenschließen.

 

"Der Fisch stinkt vom Kopfe her"

Führungskräfte sind dafür verantwortlich, dass es im Unternehmen gut läuft. Entstehen durch Fehlentscheidung oder Missmanagement der obereren Hierarchie Probleme oder Krisen, läuft in der oberen Etage etwas falsch. Gemäß der gleichnamigen Redensart "stinkt" der Fisch daher vom Kopf her. Von hier aus zieht die gesamte Unternehmens- und Kommunikationskultur ihre Kreise. Dies bezieht sich auch auf die (innere) Einstellung zu Menschen und ihren "vermeintlichen" Motiven und deren Bedürfnisbefriedigung. Gemäß dem Modell der Projektion wird folglich eine soziopathische Führungskraft davon ausgehen, dass auch die Mitarbeiter derartige Einstellungen haben bzw. dass seine ggf. sozial völlig inkompetente Einstellung / Grundhaltung die normale und richtige ist.

Konflikte und Störungen des Betriebsfriedens in Unternehmen haben ihre Ursache nicht selten im Führungsstil und in unbewusster Negativ-Kommunikation. Gemäß den Erkenntnissen der Betriebspsychologie wird ein entsprechender Negativ-Stil von oben nach unten weitergegeben, wobei sich die unteren Führungskräfte den Stil von den übergeordneten Führungskräften abschauen und diesen intuitiv verinnerlichen, sofern sie ihn als vermeintlich "üblich" und damit "korrekt" ansehen.  Das Lernen erfolgt hier am Modell:

Beim "Lernen am Modell" (Sozialkognitive Lerntheorie, sozial-kognitive Lerntheorie, social cognitive theory)  handelt es sich um eine anerkannte Lerntheorie von Albert Bandura. Dabei eignet sich eine Person eine neue Verhaltensweise durch Abschauen anderer (Vorgesetzter ggf. vermeintliche Vorbilder) aktiv an oder wiederholt bekannte Verhaltensweisen öfter bzw. seltener. Dazu beobachtet sie eine andere Person – das sogenannte Modell – und imitiert ihr Verhalten (bewusst, um zu gefallen und nicht anzuecken oder zumeist völlig unbewusst). Außerdem beobachtet sie, welche Konsequenzen die Verhaltensweise für die Person hat. Einfach ausgedrückt, ist das Lernen am Modell also Lernen durch Nachahmung. Mitarbeiter in Unternehmen lernen so völlig unbewusst neue und komplexe Verhaltensweisen und verinnerlichen diese. Ein Kind lernt zum Beispiel sich die Schnürsenkel zu binden, indem es versucht, es den Eltern nachzumachen. 

 

Durch dieses automatische System kann (in sozialpsychologischer Hinsicht) eine regelrechte "Blase" entstehen, in der die Mitarbeiter / Führungskräfte davon ausgehen, dass ihre Verhaltensmuster völlig normal sind, obgleich diese vielleicht völlig falsch bzw. kontraproduktiv sind. Das Problem ist, dass sie irgendwann für "normal" oder "richtig" gar nicht mehr zugänglich sind, weil sie dies gar nicht mehr verstehen. Es kommt zu kognitiven Dissonanzen, die über selbstwertdienliche Verzerrungen relativiert werden. Diese erkennt man an demonstrativem Abwehrverhalten (z.B. Erklärungen statt Zuhören, Entschuldigungen, Stacheldrahtformulierungen, Killerphrasen, Sophismen etc.). Bei besonders schweren (irreparablen) Fällen kommt es zur Umkehr, wobei immer der andere "schuld" ist.

 

Dass eine solche Führungskraft über Verhalten / Kommunikation Konflikte schürt wie eine Art viraler "Superspreader" (oder wie im manipulativen Viralmarketing oder durch Social Media Influencer ) wird nicht mehr gesehen (da vermeintlich völlig normal). Dafür werden die durch das Lernen am Modell weitergeleiteten Konflikte bei anderen gesehen, nicht aber beim Verursacher (Infektionsherd). Man kanndas Lernen am Modell auch als Modelllernen, Nachahmungslernen, Imitationslernen oder Beobachtungslernen bezeichnen. 

 

Beobachter und Modell

Eine Person, die eine andere Person beobachtet, um sich die Verhaltensweise abzuschauen, ist der Beobachter. Die Person, die die Verhaltensweise „vorführt“, heißt Modell, Leitbild oder Vorbild. Das Modell muss nicht unbedingt eine Person sein, die echt bzw. real ist. Modelle können auch Figuren aus Filmen oder Büchern sein. Wichtig ist, dass sich der Beobachter mit dem Modell identifizieren kann. Nur so hat er die Motivation, sich aktiv die Verhaltensweise anzueignen. Das Modell ist außerdem sein Vorbild. Es hat meistens einen hohen sozialen Status, genießt Ansehen, hat Macht.