Wissen: Narzissmus - Narzisstische Persönlichkeitsstörung

Psychologisches Fachwissen zum Thema Narzissmus, Narzisstische Persönlichkeitsstörung und Narzissmus-Epidemie sowie die Problematik in Beruf & Gesellschaft (ib Personality Coaching & ib Personalpsychologie)

 

Einführung und Missverständnis

Mit dem Begriff „Narzissmus“ bzw. „narzisstisch“ verbindet man im Allgemeinen die Vorstellung von egozentrischen, stolzen, sich selbst überschätzenden Menschen mit einer hohen Anspruchshaltung, wobei der Begriff selbst auf einen griechischen Mythos zurückgeht. Das Innenleben narzisstischer Persönlichkeiten stellt jedoch das genaue Gegenteil dar: Innere Leere, nicht erhaltene Anerkennung in der Kindheit, Groll gegen andere, die ihm nicht genügend Aufmerksamkeit schenkten und schenken sowie Groll gegen sich selbst. Daher sind narzisstische Persönlichkeiten stets bestrebt, sich selbst zu beweisen und ins richtige Licht zu setzen.

Narzissmus steht für einen starken Hang zur Selbstbespiegelung und eine damit verbundene Beziehungsproblematik (Beziehung zu sich selbst und zu anderen Menschen). Was mit Arroganz assoziert wird, stellt für die Betroffenen in Wirklichkeit ein starkes Leiden dar, das ggf. mit depressiven Symptomen einhergeht. Dazu können Symptome zählen wie das Gefühl der inneren Leere, Niedergeschlagenheit, unspezifische Ängste, Störungen im menschlichen Beziehungsleben, das Problem, die eigenen Gefühle und Bedürfnisse wahrzunehmen und zu leben, Größenphantasien bei gleichzeitiger Selbstunsicherheit, Störung des Selbstwertgefühls, Angreifbarkeit und Kränkbarkeit und natürlich auch körperliche Symptome. Es gibt aber auch narzisstische Persönlichkeiten, die diese eventuellen Symptome gut zu verdrängen wissen, da sie sich genügend Ablenkung verschaffen z.B. dadurch, dass sie ihren Fokus massiv nach außen richten (z.B. massive externale Fokussierung).

 

Narzissmus als Persönlichkeitsstörung

Bei der narzisstische Persönlichkeitsstörung (ICD10-Code: F60.8) liegt eine Störung des Selbstwertgefühls und des Selbstgefühls vor. Ist das Selbstgefühl nur schwach ausgebildet, hat man keinen Zugang zu den eigenen Gefühlen, Wünschen und Bedürfnissen. Folglich kann man sich selbst nicht richtig bzw. nicht gut genug wahrnehmen und ausleben. Dies wird durch ein Wunschbild überspielt, das übertrieben nach außen gezeigt wird. Das mangelnde Selbstgefühl und die Selbstentfremdung sorgen dafür, dass der "selbstverliebt" erscheinende narzisstisch gestörte Mensch sich selbst in Wirklichkeit nicht lieben kann - damit ebenso wenig sein unmittelbares Umfeld. Weil das eigene Selbst defekt ist und hinter einer Fassade bleibt, ist bei narzisstisch gestörten Menschen das Selbstwertgefühl schwach und labil. Der narzisstische Mensch ist bestrebt, dies auszugleichen, in dem er geradewegs zwanghaft nach Anerkennung sucht.

 

Während er sein eigenes Selbst innerlich abgelehnt, gibt sich der Narzisst nach außen selbstverliebt, strebt laufend nach Aufmerksamkeit und Bewunderung. Das liegt daran, dass Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung stetig (unbewusst) bemüht sind, Grundstörungen im Selbst durch Erhaschen von Idealisierung und Größenideen oder durch Überanpassung und Entwertung zu kompensieren. Folglich ist ein narzisstisch gestörter Mensch in hohem Maße auf die Anerkennung und Bewunderung seiner Umwelt angewiesen und baut zum Ausgleich seiner eigentlichen Unsicherheit und seines Minderwertigkeitsgefühls ein großes Selbst auf, das jedoch wenig der Realität entspricht und auf andere leicht bis schwer überzogen und anstrengend wirkt. Ziel ist, als Antrieb und Ausgleich stetige Zuwendung und Bewunderung anderer zu erhaschen.

 

Besondere Formen und Unterarten

Wie bereits erwähnt, ist ein narzisstischer Mensch in hohem Maße auf die Anerkennung und Bewunderung seiner Umwelt angewiesen. Sofern er das Gefühl hat, dass er diese Anerkennung in seinem unmittelbaren Umfeld nicht bekommt und/oder er sein Umfeld innerlich ablehnt, kann es sein, dass sich sein Fokus nach außen bzw. außerhalb seines eigenen Umfelds richtet. Eine derartige massive externale Fokussierung nach außen hilft, das eigene Problem noch mehr zu verdrängen, sich woanders Anerkennung zu verschaffen und sich dadurch besser zu fühlen. 

 

Eine besondere Form der narzisstischen Persönlichkeitsstörung, die zumeist mit einer derartigen massiven externalen Fokussierung einhergeht, ist die naiv-aggressive Persönlichkeitsstörung. Bei dieser Störung besteht ein übertriebener Hang, bestimmte Probleme lösen oder die "Welt verbessern" zu wollen. Dabei steht oft eine exotische, vermeintlich "Hilfe bedürftige" Welt außerhalb des eigenen Landes im Vordergrund. Durch ein entsprechendes Engagement (oder Pseudo-Engagement) für diese zumeist völlig fremde Außenwelt versucht der Narzisst Anerkennung zu erhaschen, die er im eigenen Land von seinen eigenen Nachbarn nicht erhält. Mit Hilfe von der eigenen Sprache möglichst nicht mächtigen Menschen oder sonstigen exotischen (ebenso nicht widersprechenden und vermeintlich "dankbaren" ) Lebewesen (Tiere und Pflanzen) versucht der Narzisst (zumeist unbewusst), sich selbst zu "therapieren", obgleich diese vermeintliche "Therapie" eher einer Befriedigung des eigenen selbst (Selbstbefriedigung) dient.  In dem sich naiv-aggressive (narzisstische) Persönlichkeiten selbst als Weltverbesserer oder Missionare begreifen oder eher "darstellen", haben sie eine optimale Möglichkeit, sich selbst in den Vordergrund zu stellen, sich gut zu fühlen und das vermeintliche Lob anderer zu erhaschen. In Wirklichkeit dient die vermeintlich "gute" Hilfe jedoch lediglich dem eigenen Selbstwertgefühl, das stetig neu befriedigt werden möchte, oftmals ohne jegliches Gefühl für Verhältnismäßigkeit. Dabei besteht der Hang, die Lebensweise anderer Menschen zu dominieren, insbesondere jener Menschen, die der naiv-aggressiven Persönlichkeit nicht die nötige Anerkennung zollen.

Das mit "erhofften" Gefahren verbundene Besteigen hoher Berge kann ebenso der Suche nach Anerkennung und Ego-Befriedigung dienen wie zum Beispiel das Streben nach bestimmten Positionen und Ämtern, in die auch Psychopathen drängen, um sich hier auszuleben. Dem Narzissten geht es jedoch weniger um das "sich ausleben" als vielmehr um die Hoffnung, dass man ihn lobt, anerkennt und respektiert. Vermeintliche Anerkennung versucht sich der Narzisst auch über das Besitzen und/oder die Zurschaustellung von Gegenständen (z.B. Auto) , Personen (z.B. bestimmte Partner-Typen) oder Tiere (z.B. exotische Tiere oder Kampfhunde) zu erhaschen oder über Konsum (Markenware), das Erlebnis als (gelobter) Kunde oder als vermeintlicher "Bekannter" von Promis zu erhaschen. Neben Selbstwert-Komplexen ist Narzissmus das häufigste Motiv für eine Behandlung beim Kosmetiker oder sogenannte "Schönheits"-OP´s bei denen einige Narzissten zu regelrechten Dauerkunden bzw. Langzeit-Patienten mutieren, um stetig neue vermeintliche Aufwertung zu erfahren, um Lob und Anerkennung zu erhaschen. Dies kann für den Außenstehenden völlig normal bis sehr schrill bis oberflächlich wirken. Tatsächlich sind aber auch Narzissten bekannt, die einen solchen "Kosum" in jeder Hinsicht ablehnen und sich dann eher mit dieser "Ablehnung" brüsten. Dazu kann auch die - mehr oder weniger demonstrative - Ablehnung von Marken, Fleisch, Autos oder bestimmten Parteien gehören.

 

Ob nun Konsum oder die Ablehnung des Konsums im Vordergrund steht, hängt vom jeweiligen sozialen Umfeld ab, von dem der individuelle Narzisst seine Anerkennung jeweils einzuholen versucht. Auch kann dies zum Engagement in Vereinen  oder politischen Organisationen führen. Für welchen Verein bzw. für welche politische Organisation der Narzisst sich nun echt oder dem Anschein nach "engagiert" hängt davon ab, wer dem Narzissten die größte Aufmerksamkeits-Plattform bietet, um sich "gebührend" in Szene setzen zu können. Auch dies kann schrille Formen mit regelrechtem Zwangs-Charakter annehmen. Sich demonstrativ in den Vordergrund stellende Meckerer im Vereinsleben haben zumeist ebenso einen narzisstischen Hintergrund wie aggressiv bis wahnhaft wirkende "Brüllaffen" auf politischen Demonstrationen, die sich gerne auf Seiten einer vermeintlichen "Mehrheit" gegen Themen und Parteien engagieren, die eine vermeintlich "schwächere" Außenseiter-Rolle einnehmen, auf der Narzissten gerne herumhacken.             

 

Eine weitere gefährliche Unterart des Narzissmus ist der Masochismus bzw. die masochistische (selbstzerstörerische) Persönlichkeitsstörung. Darunter fallen nicht etwa nur jene Menschen, die aus körperlichen Gründen irgendwann vielleicht einmal einen Arzt aufsuchen "müssen", weil sie sich "ritzen" bzw. sie sich selbst verletzen, sondern die enorm hohe Dunkelziffer jener Persönlichkeiten, die in sämtlichen - auch alltäglichen - Lebensbereichen auf Herbeiführung von Schäden für Menschen, Hab und Gut abzielen, weil sie auf Selbstzerstörung programmiert sind und diesbezüglich intuitiven Entscheidungsprozessen folgen, die sie selbst noch nicht einmal bewusst wahrnehmen. Diese Menschen ziehen nicht etwa das Negative bzw. einen Schaden an, weil der "Zufall" es so will, sondern weil sie derartiges innerlich anstreben bzw. ersehnen - und darin gar den "Kick" oder "Thrill" sowie im Endergebnis den "Triumph" sehen.


Wurzeln narzisstischer Persönlichkeiten

Die Wurzeln narzisstischer Persönlichkeiten bzw. narzisstischer Störungen liegen zumeist in der frühen Kindheit und in der Familie. Obgleich auch Erbanlagen eine Rolle spielen können, sind schwerpunktmäßig wiederholte seelische Verletzungen ursächlich. So kann zum Beispiel das Bedürfnis nach liebevoller Zuwendung, Geborgenheit und Akzeptanz besonders in der frühen Kindheit verletzt worden sein - und auch später narzisstische Persönlichkeitsstörung entstehen lassen. Ebenso kennt man narzisstische Störungen, die über ein besonderes Ereignis - zum Beispiel ein Psychotrauma - ausgelöst werden.

 

Moderne gesellschaftliche Einflüsse verstärken und fördern narzisstische Züge in ihrer Entwicklung ebenso wie die Einflüsse von Verkauf, Werbung und Marketing dies tun, wenn sie Menschen loben und hofieren. Verkauf, Werbung und Marketing nutzen den gesellschaftlich wachsenden Narzissmus für ihre Zwecke aus und fördern sogar narzisstische Züge, die sich dadurch immer weiter etablieren. Narzisstischen Persönlichen gegenüber haben Verkauf, Werbung und Marketing, die auf diesen Typus abzielen, leichtes Spiel. Warum? Weil sich diese verstärkt nach Lob und Anerkennung sehnen und gerne hofiert werden möchten. Leider verstärkt dies wiederum das falsche Selbstbild narzisstischer Persönlichkeiten, so dass ein regelrechter Kreislauf entsteht. Dieser macht eine narzisstische Persönlichkeit zu einem gern gesehenen Stammkunden.

 

Narzissten im Berufsleben

Narzisstische Persönlichkeiten streben gerne und vorrangig in Führungspositionen. Ebenso sind narzisstische Persönlichkeiten besonders engagierte Politiker, wobei die Gefahr besteht, dass sie Risiken nicht wirklich einschätzen können und viel zu hohe Risiken eingehen. Narzisstische Persönlichkeiten finden sich auch unter Künstlern und überhaupt unter Menschen, die gerne im Rampenlicht und in der Öffentlichkeit stehen.

 

Narzissten in Führungspositionen

Die Möglichkeit, politische oder ökonomische Macht auszuüben, nährt Größenwahn und Allmachts-Phantasien. Daher streben viele Narzissten in Bezug auf ihre Karriereziele mitten hinein ins Zentrum der Macht. Es geht ihnen - wie auch Psychopathen - darum, walten und schalten zu können, Gefühle von Anerkennung und Triumph zu erhaschen und Macht auszuüben.

 

Gesellschaftliche Macht
Gesellschaftliche Macht übt eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf narzisstische Persönlichkeiten aus. Was zeichnet Narzissten in dieser Hinsicht aus? Karriere-Besessenheit, Selbstbezogenheit und Sieger-Mentalität bis hin zu Größenphantasien sind jene Eigenschaften, die der narzisstisch gestörten Persönlichkeit den Weg an die Schaltstellen ökonomischer oder politischer Macht ebnen. Indem sich die narzisstisch gestörte Führungspersönlichkeit vorzugsweise mit Ja-Sagern, Bewunderern und gewitzten Manipulatoren umgibt, verschafft sie sich eine Bestätigung ihres Selbstbildes. Zugleich  untergräbt sie sich aber ihre eigene Selbstwahrnehmung und verfestigt ihr illusionäres und von Feindbildern geprägtes subjektives Weltbild bis hin zum Verlust der Realität. Dies kann letztendlich dazu führen, dass die narzisstisch geprägte Führungspersönlichkeit genau von jenen Normen, Werten und Idealen abfällt, denen sie eigentlich verpflichtet ist.

 

Die Gefahren narzisstischer Persönlichkeitsstörungen für andere Menschen werden ebenso häufig unterschätzt wie die extreme Zunahme und Ausbreitung dieser Störung.

 

Zunahme narzisstischer Störungen - The Narcissism Epidemic

Narzisstische Persönlichkeitsstörungen nehmen drastisch zu. Dies führte zu Untersuchungen bzw. Forschungen: 

So haben zum Beispiel Keith Campbell und Jean Twenge von der San Diego State University über einen Zeitraum von mehr als 30 Jahren anhand zahlloser Studien, Studentenbefragungen, Labortests und Experimenten das besagte Phänomen analysiert. Die furchterregenden Ergebnisse ihrer Studie veröffentlichten sie 2009 unter dem Titel "The Narcissism Epidemic", wobei sie ihren Schwerpunkt auf die Untersuchung der viralen Zunahme Narzisstischer Persönlichkeitsstörungen setzten. Konkret geht es um die krankhafte Zunahme maßlos übersteigerten Selbstvertrauens, das mit unrealistischen Ansprüchen, sozialen Bindungsproblemen und verantwortungslosem Risikoverhalten einhergeht. Weitere Studien (u.a. von Andreas Köhler) sprechen von einem Zusammenhang mit Dekadenz als "Produkt einer degenerierten und weiter degenerierenden Gesellschaft". In diesem Zusammenhang wird von Dekadenz als regelrechte "Persönlichkeits- und Gesellschaftsstörung" gesprochen.

 

Problem
Den meisten Menschen fällt das Problem nicht auf, da manche Störungen auf den ersten Blick unauffällig bzw. absolut gesellschaftsfähig und in gewisser Hinsicht sogar gesellschaftsförderlich erscheinen, wobei die betroffenen Menschen selbst auf andere eloquent, anziehend, interessant und bewunderungswürdig wirken, wodurch ihr Zustand auf die übrigen Menschen zunächst "erstrebenswert" wirkt. Allein dies stellt bereits ein enormes Problem dar: Die krankhaften Einstellungen, die derartige Störungen mit sich führen, kann auf den ersten Blick niemand sehen. Allein dadurch, dass uns ein Mensch eloquent, anziehend, interessant, kommunikationssicher, bewunderungswürdig und qualifiziert erscheint, nehmen wir die tatsächlichen Handlungen bzw. die Gefahren, die durch das Denken und Handeln in Wirklichkeit entstehen, nicht mehr wahr. Wir blenden sie aus. Ursächlich ist nicht nur der sogenannte "Primacy Effect" und "Stereotype Kopplungen", sondern viele weitere Wahrnehmungsfehler wie z.B. sogenannte "Beobachtungsfehler", die "Selektive Wahrnehmung" oder "Logischer Fehler". Darüber hinaus bestehen hunderte weiterer Effekte, welche die objektive Einschätzung und Beurteilung einer Person behindern bzw. verzerren. Hat sich ein Mensch als Entscheider (Wähler, Personalentscheider oder ein Kunde als Kaufentscheider) einmal ein festes Bild von einer Person gemacht (bzw. sich für einen Kandidaten mit einer schwerwiegenden Persönlichkeitsstörung entschieden), wird er diese Entscheidung kaum mehr in Frage stellen (wollen) - allein schon zum Zwecke der Aufrechterhaltung des eigenen Selbstwertes und seiner Selbstwirksamkeitserwartung (Siehe: "Selbstwert-Effekt / Selbstwertdienliche Verzerrung" und "Effekt der kognitiven Dissonanzreduktion".

 

Allein der - ansonsten eigentlich recht positive - Effekt der Selbstwirksamkeitserwartung führt dazu, dass z.B. eine falsche Entscheidung im Hinblick auf die Einschätzung und Beurteilung einer anderen Person (z.B. Personalentscheidung / Einstellungsentscheidung) nicht mehr revidierbar ist. Eine einmal eingestellte Führungskraft (oder ein einmal gewählter Politiker) kann dann nämlich relativ frei (auch fehlerhaft) - sogar zum Nachteil (des Unternehmens, des Teams, des Staates, der Gesellschaft) wirken, ohne dass dieser im Verlaufe seiner Wirkungszeit (Laufzeit des Arbeitsvertrages bzw. Amtszeit) ernsthaft in Frage gestellt würde. Will heißen: Einmal "drin" kann z.B. eine gestörte Persönlichkeit (z.B. ein Mensch mit einer negativistischen, narzisstischen oder naiven Persönlichkeit) frei walten und schalten, ohne dass dies wirklich (ernsthaft) auffällt. Gestützt wird dies durch das Streben nach Konsistenz, das zu den Grundmotiven eines jeden Menschen zählt.

 

Das Risiko

Wie Untersuchungen (inklusive eingehender Persönlichkeitsprofile im Hinblick auf historische Persönlichkeiten) ergeben haben, kann eine solche Persönlichkeit dann sogar Entscheidungen treffen, die den Ruin (bzw. den Untergang des betreffenden Unternehmens oder Staates) darstellen. Selbst dann, wenn kurz vor einem Schaden, ein Ruin oder einer Zerstörung es doch einigen Menschen auffällt, dass Entscheidungen bestimmter Persönlichkeiten eben nicht positiv sind, sondern sogar das Gegenteil bezwecken, wird das entsprechende Handeln (Verhalten) in den meisten Fällen ebenso wenig gestoppt wie die Entscheidung für diesen "Ruin" selbst kaum in Frage gestellt wird, da hier Effekte wie das Streben nach Konsistenz, der Selbstwert-Effekt / Selbstwertdienliche Verzerrung und/oder der Effekt der kognitiven Dissonanzreduktion entscheidend mitwirken. Ein weiteres Risiko ist die Gefahr von (symbiotischen) Mitläufern, die sich von Macht- und Triumph-Gefühlen ggf. mitreißen lassen. Als typisches Beispiel für den mächtigen Prozess des Mitlaufens bzw. Mitreißen lassens sei hier das Denken und Verhalten der meisten Bürger während der nationalsozialistischen Herrschaft genannt, aber auch das Wahngefüge islamististischer Sprengstoff-Attentäter im kleineren Rahmen. Einem Adolf Hitler haben selbst dann noch die meisten Menschen zugejubelt, als das Deutsche Reich bereits längst dem Untergang geweiht war.

 

Symbiose & Mitläufertum
Die Wirkung mancher Persönlichkeiten ist so stark und glaubwürdig, dass sie alles andere überstrahlt und selbst über die unmittelbare Realität noch hinwegtäuscht. Es war folglich nicht nur die Propaganda ursächlich, sondern auch die individuelle Persönlichkeit mit ihrem sicheren und aus der Perspektive der damaligen Zeit auch menschlichem Auftreten, gepaart mit ungeheurem Engagement für die Sache, die aus der Perspektive der früheren Ideologie sogar eine "gute" Sache war. Wer zweifelt schon engagierte Menschen an, die angeblich einfach nur gut sein wollen und Gutes tun wollen? Wer zweifelt schon an Menschen, die sich unermüdlich engagieren? Wie weit dies jedoch entarten kann, ist den meisten Menschen kaum bewusst. Welcher Laie würde einem eloquenten und sympathischen Prominenten wie Robbie Williams eine solche Persönlichkeitsstörung unterstellen oder gar eine Gefahr darin sehen? Bei der masochistischen Persönlichkeitsstörung ist dies nicht anders. Welcher gesunde Menschen, der in der Norm stets das Positive und Richtige anstrebt, geht davon aus, dass sich ein Geschäftsführer eines Unternehmens oder ein führender Politiker einen Schaden bzw. sogar den Untergang des jeweiligen Systems herbeiwünscht und er dies - wie auch die Mitnahme aller Beteiligten - als persönlichen Triumph begreift? Allein wegen dieser "Undenkbarkeit" und der mangelnden Vorstellungskraft der meisten Menschen, welche die Auswirkungen und Gefahren mancher Persönlichkeitsstörungen überhaupt nicht kennen (Unwissenheit), besteht tatsächlich eine enorme Gefahr. 

 

Entwicklung einer soziokulturellen Narzissmus-Epidemie

Da die Wirkung für den Laien vorab im Verborgenden bleibt und teilweise sogar akzeptiert wird, konnte sich seit den 1970er-Jahren eine psychokulturelle Tendenz in Richtung einer regelrechten Epidemie entwickeln, in deren Verlauf immer mehr Menschen angesteckt wurden und werden. Soziale Medien und Netzwerke tragen mit zu dieser Verbreitung bei, ebenso Wissensvermittlung und Wissenserwerb z.B. die Abrufbarkeit vermeintlichen Wissens über die Medien. Die Basis für diese Epidemie ist laut Forschung (z.B. Keith Campbell und Jean Twenge von der San Diego State University) der - seit den 1970er-Jahren bestehende - Trend einer auf Individualismus und Selbstvertrauen setzenden Erziehung, der zu einer Überdosis an Selbstvertrauen führt, dadurch auch zu einer höheren Ego-Zentriertheit sowie einer höheren Selbstwirksamkeitserwartung und Selbstermächtigung, die mit unzähligen Illusionen (z.B. Überlegenheitsillusion) und Wahrnehmungsfehlern einhergeht und über entsprechende Denkstrukturen bzw. Denkschemata zu festen Denkmustern und Denkfehlern führt.

 

Das Prinzip ist recht einfach: Denkmuster ändern über die stetig fortschreitende Entwicklung des Nervensystems über die Bildung passender synaptischer Verzweigungen die Gehirnstruktur - damit auch das Denken und Handeln. Dadurch entsteht eine völlig neue (und falsche) Logik - auch im Hinblick auf das, was wir üblicherweise als Vernunft und Verstand bezeichnen.

Markt und Medien haben den Trend unzähliger Persönlichkeitsstörungen, insbesondere aber der Narzisstischen Persönlichkeitsstörung dankbar aufgegriffen und verbreiten das Virus mit einer dem "Virus" angepassten "modernen" Nachrichten-Berichterstattung - aber auch durch unzählige Casting- und Reality-Shows. Ebenso kann im World Wide Web ein jeder selber dafür sorgen, in Bezug auf die gesellschaftliche Entwicklung nicht "zu kurz" zu kommen und die gebührende Aufmerksamkeit zu erhaschen. Sogenannte "Selfies" seien hier ebenso als Beispiel genannt wie die Selbstdarstellung auf Facebook, Twitter, YouTube und auf weiteren Social Media Kanälen.

 

Narzisstischer Celebrity-Kult

Dadurch ist ein regelrechter "Celebrity-Kult" entstanden, der mittlerweile längst die Grenze des Normalen und Gesunden überschritten hat. Mittlerweile findet man den Trend zur Selbstdarstellungen sogar in ganz normalen Nachrichten: An Stelle von Sachinformationen wird persönlich kommentiert und dazu alles eingesetzt, was einem persönlichen Kommentar entspricht, nicht aber den Grundsätzen einer Nachricht. Während bislang sportliche oder kulturelle Leistungen die Voraussetzung für eine öffentliche Zurschaustellung bildeten, stellt dies heute für einige Menschen geradewegs ein zwanghaftes Streben und Handeln dar, was auf eben jenem anerzogenen bzw. sozialisierten Narzissmus und weiteren Persönlichkeitsstörungen basiert, die sich rapide ausbreiten. Das, was einige (ggf. wenige) Menschen als unvernünftig oder unlogisch erachten, ist in Wirklichkeit nichts anderes als das Ergebnis der besagten Epidemie, die einige ganz simpel auch als sich ausbreitende Dummheit bezeichnen, die zudem mit einer stetig sinkenden Emotionalen Intelligenz und sinkenden sozialen Kompetenzen einhergeht. Die statistischen Messdaten sprechen hierzu eine sehr deutliche Sprache.

 

Die Epidemie - wie auch die Störung an sich - wird jedoch gesellschaftlich wie auch staatlich unterdrückt, da sie einen enormen ökonomischen Nutzen mit sich bringt, den die Märkte inklusive des Finanzmarktes für sich erkannt haben und nutzen. Dazu werden in kürzesten zeitlichen Abständen immer neue Produkte auf den Markt gebracht, die z.B. als Statussymbol dienend, Status und Selbstwertgefühl erhöhen sollen – auch über Kredite, die man zu diesem Zweck speziell für Endverbraucher entwickelt hat, was rege genutzt wird, so als sei dies völlig normal. Es haben sich sogar völlig neue Branchen und Berufe entwickelt (z.B. Schuldnerberater), die wirkungsvoll über die Medien verbreitet werden (z.B. "Der Schuldnerberater"). Die vermeintlichen Erfolge über zur Schau gestellten Status oder zur Schau gestelltes Erleben sind - allein über das rege Nacheifern - weitere Triebkräfte.

 

Die hier kurz genannte Studie von 2009 bezieht sich zwar auf die USA - in Europa sieht es jedoch nicht viel anders auch. Aufgrund der traditionell etwas anderen Weltanschauung in Bezug auf "Freiheit" wurden in Europa derartige Studien speziell für europäische Länder hingegen eher unterdrückt und z.T. behindert. Dies ist zur Zeit mit ein Grund dafür, warum viele weitere Untersuchungen und deren Ergebnisse in vielen europäischen Ländern noch nicht vollends angekommen sind und sogar einige wesentliche Begrifflichkeiten dazu, den vielen nahezu unbekannt erscheinen.

 

Schutz von Organisationen (vor Narzissten, Masochisten und Psychopathen)
Da derartige Störungen insbesondere im Hinblick auf wirtschaftlich und sozial funktionierende Unternehmen eine entscheidende Rolle spielen, wurde - nach jahrelanger vorausgehender Forschungs- und Experimentalarbeit - bereits ab dem Jahr 2000 das sogenannte reality view & proof concept als psychologisches Diagnose-System entwickelt, das insbesondere Unternehmen vor Menschen mit gefährlichen Störungen, deren Entwicklung bereits seit langer Zeit bekannt ist - schützen soll. Im Umkehrschluss sollen positive, dem Betriebsklima und Unternehmen positiv dienende Persönlichkeiten für Unternehmen gefunden werden. Während das besagte tiefen- und verhaltenspsychologisch fundierte, psycholinguistische  eignungsdiagnostische Konzept z.B. von inhabergeführten Unternehmen mit einer positiven Unternehmenskultur gut angenommen wird, wodurch sich eine deutlich positive wirtschaftliche und soziale Entwicklungskurve zeigte, haben Unternehmen mit angestellten Personalentscheidern (HR-Managern) das Konzept häufig als Infragestellung der eigenen Persönlichkeit gewertet und eher abgelehnt (Siehe "Selbstwirksamkeitserwartung"). Ebenfalls wurde der in der Eignungsdiagnostik gemessene extreme Zuwachs gefährlicher Störungen von Berufsgruppen wie Betriebswirten häufig negiert und die Psychologie sowie die Sozialwissenschaften insgeheim eher als Pseudo-Wissenschaften in Frage gestellt. Gleichfalls wird die Gefahr im Hinblick auf Personalentscheidungen bereits seit längerer Zeit aufgezeigt (Siehe: Veröffentlichung ib Personalpsychologie "Folgen unterlassener psychologischer Eignungsdiagnostik").

 

Der Vorteil

Fakt ist, dass einige Persönlichkeitsstörungen - wie auch Narzissten - im Hinblick auf bestimmtes Handeln deutliche Vorteile haben (z.B. im Hinblick auf Selbstdarstellung, Belastbarkeit usw). Bereits Kevin Dutton (Psychologe und Research Fellow am Faraday Institute des St. Edmunds´s College der Universität Cambridge und Lehrbeauftragter an der University of Western Australia in Perth) berichtete davon - u.a. in seinem  Buch "Wisdom of Psychopaths" (Deutsche Version: "Psychopathen - Was man von Heiligen, Anwälten und Serienmördern lernen kann"). Das krankhafte Verhalten kann aber auch - insbesondere in Führungspositionen bzw. bei Verantwortungs- und Entscheidungsträgern in Schlüsselpositionen - zu einem erheblichen Schaden für die Allgemeinheit und das Allgemeinwohl führen. Ein Adolf Hitler sei hier nur als sehr einseitiges Beispiel genannt. Die Auswirkungen könnten jedoch noch weitaus höher sein, wenn man sich das Ausmaß von dem vorstellt, was Millionen derartiger Verantwortungs- und Entscheidungsträger täglich anrichten (können).

 

Behandlung
Eine narzisstische Persönlichkeitsstörung wird in erster Linie mit Psychotherapie behandelt. Allerdings kommen die Betroffenen (aus Gründen der fehlenden Einsicht) nur selten von sich aus in eine Therapie - schließlich halten sie sich für ganz normal und höchstens andere für gestört. Daher sind die Beweggründe über einen Umweg doch (zufällig) zu einer Therapie zu gelangen, in der Regel andere Gründe in Form anderer psychische Störungen, vor allem Depressionen. Es ist dann die Aufgabe des Therapeuten, dem Patienten bzw. Klienten sehr dezent und vorsichtig die eigentliche Ursache für die Problematik näher zu bringen.

Weitere Infos

W. Keith Campbell: The Narcissism Epidemic

The Agenda with Steve Paikin / YouTube.com

 

Narzissmus und Gesellschaft

Alpha 1 (ARD) YouTube

 

Narzissmus und Macht 
Besprechung des Buches des Psychoanalytikers Hans-Jürgen Wirth

"Zur Psychoanalyse seelischer Störungen in der Politik" 

Lebenshaus-alb.de

 

Gesellschaft: Der Narzissmus breitet sich aus wie ein Virus

Tageswoche (Schweiz) vom 25.11.2011

 

Narzisstische Epidemie ist ausgebrochen

Die Presse.com vom 20.04.2013

 

Die gefährlichste Krankheit der Welt

Psychologie-Magazin vom 26.06.2012