Realitätsabwehr - Wenn die Realität abgewehrt wird

Einleitung: Wenn die Wirklichkeit zur Auslegungs- und Verhandlungssache wird
Immer mehr Menschen beschreiben ein Gefühl tiefer Verunsicherung. Nicht nur die Welt scheint sich zu verändern – sondern auch die Art und Weise, wie über sie gesprochen wird. Ereignisse, die für die einen offensichtlich erscheinen, werden von anderen völlig anders interpretiert.

 

Begriffe verändern ihre Bedeutung, Verantwortlichkeiten werden unterschiedlich bewertet, und dieselben Tatsachen führen zu gegensätzlichen Schlussfolgerungen.

 

Dies bezieht sich auch um Deutungen in Bezug auf die Zuschreibung bzw. Wahrnehmung von Tätern und Opfern. Hier geht es nicht nur um eine Tatsachenfrage, sondern auch um einen Deutungskonflikt. Unterschiedliche Akteure gewichten verschiedene Aspekte eines Ereignisses unterschiedlich. Manche betonen individuelle Verantwortung, andere strukturelle Ursachen, wieder andere historische oder gesellschaftliche Zusammenhänge.

 

Das Prinzip der Logik scheint nicht mehr zu funktionieren; das Konzept des rationalen logischen Denkens scheint sich manchmal sogar ins Gegenteil zu verkehren. Die unterschiedlichen subjektiven Perspektiven jenseits von Logik und reinen Verstandes-Denkens können dazu führen, dass Menschen verzweifeln. Sie gewinnen den Eindruck, Logik und Verantwortung werde verschoben, Rollen würden vertauscht, die Realität geleugnet oder sogar ins Gegenteil verkehrt.

 

Das ist teilweise auch so und geschieht immer öfter. Ob der jeweilige Eindruck berechtigt ist, sollte jeweils anhand der konkreten Fakten des jeweiligen Einzelfalls geprüft werden. Doch was ist ist, wenn Menschen selbst Fakten leugnen oder verdrehen? Auch dies ist möglich und üblich. Daher empfinden viele Menschen dies als eine Art „verkehrte Welt“. Sie fragen sich, ob sie selbst die Realität falsch wahrnehmen oder ob gesellschaftliche Deutungsmuster zunehmend an die Stelle einer möglichst nüchternen Beschreibung der Wirklichkeit treten. 

 

Warum viele Menschen von einer "verkehrten Welt" sprechen

Wenn Menschen wiederholt erleben, dass ihre eigene Wahrnehmung erheblich von öffentlichen Darstellungen abweicht, entstehen häufig Gefühle von Unsicherheit, Misstrauen und Orientierungslosigkeit. Menschen beginnen sich zu fragen: „Übersehe ich etwas?“ Oder: „Wird hier etwas bewusst anders dargestellt?“

 

Dies kann die Realität sein - oder lediglich ein Gefühl darstellen - und auch ein Gefühl kann verschiedene Ursachen haben. Manchmal beruhen die Unterschiede tatsächlich auf unterschiedlichen Informationsständen oder legitimen Perspektiven. Manchmal entstehen sie durch einseitige Berichterstattung, selektive Aufmerksamkeit oder ideologisch geprägte Narrative.

 

Framing kann ebenso ursächlich sein. Denn Sprache beschreibt Realität nicht nur. Sie formt sie. Ob ein Ereignis beispielsweise als "Angriff", "Zwischenfall", "Eskalation", "Protest", "Terror", "Hasskriminalität" oder "Einzelfall" bezeichnet wird, beeinflusst unmittelbar die Wahrnehmung. Framing kann bewusst im Sinne gezielter Manipulation erfolgen - oder unbewusst, schließlich gehört Framing zu jeder Kommunikation. Problematisch wird es jedoch dann, wenn sprachliche Deutungen wichtiger werden als eine möglichst vollständige Darstellung der überprüfbaren Tatsachen.

 

Die besagte Wahrnehmung ist nicht nur ein politisches oder mediales Phänomen. Sie besitzt eine tiefgreifende psychologische Dimension, mit der wir uns hier nachfolgend befassen wollen. 

 

Wenn Menschen die Realität anders wahrnehmen bzw. abwehren, leugnen oder sogar verdrehen basiert dies mit der Voraussetzung, dass die betroffenen Menschen geistig und psychisch gesund sind, über entsprechende kognitive und wahrnehmungstechnische Fähigkeiten verfügen, zumeist auf dem Prinzip des Selbstschutzes. Auf diesem Prinzip basieren alle weiteren Phänomene, von der Realitätsabwehr inklusive der Realitätsumdeutung bis hin zur völligen Realitätsverdrehung. Die nachfolgenden 3 Passagen sollen dieses Konzept vereinfacht darstellen:      

 

1. Realitätsschutz

Realitätsschutz beschreibt den psychischen Versuch, das eigene Weltbild vor widersprüchlichen Tatsachen zu schützen – selbst dann, wenn dafür die Wahrnehmung der Realität verändert oder neu interpretiert werden muss. Eigentlich verteidigen Menschen im Sinne des Realitätsschutzes nicht die Realität, sondern ihr inneres Weltbild. Um ihr eigenes Weltbild und damit auch Selbstbild vor der als unangenehm empfundenen Realität zu schützen, kommt es zu einem Abwehr-Denken:  Die Realität wird abgewehrt, verleugnet oder selbst- und weltbilddienlich umgedeutet.  

 

Daraus resultiert:

 

2. Realitätsabwehr 

Hier geht es um die Abwehr unangenehmer Realität durch psychische Umdeutung. Realitätsabwehr bezieht sich auf die psychologische Abwehr überprüfbarer Wirklichkeit durch Verleugnung, Rationalisierung, Moralisierung / Defensive Moralisierungsabwehr und moralische Realitätsumkehr, die ideologische Umdeutung von Tatsachen bzw. Realitäten. Realitätsabwehr verbindet Realitätsleugnung / Verleugnung, SelbsttäuschungMotivated Reasoning und Leon Festingers Konzept der kognitiven Dissonanz unter einem Oberbegriff.

 

Realitätsabwehr bezeichnet den psychologischen Prozess, bei dem Menschen oder Gruppen belastende Tatsachen nicht unmittelbar leugnen, sondern durch selektive Wahrnehmung, moralische Umdeutung, Rationalisierung, sprachliche Neubewertung oder ideologische Einordnung so verändern, dass sie mit dem eigenen Weltbild vereinbar bleiben.

 

Bis hin zur:

3. Realitätsumkehr

Die Realitätsumkehr geht noch einen Schritt weiter. Hier erfolgt, die psychologisch motivierte Umdeutung von Tatsachen sehr extrem, so dass die Interpretation einer Zustandes oder eines Ereignisses den überprüfbaren Fakten oder deren naheliegender Bedeutung weitestgehend und zunehmend widerspricht. Bei der Realitäts-Umkehr kommt es oft zur 1:1-Verdrehung von Tatsachen bzw. Realitäten. Die Realität wird quasi völlig auf den Kopf gestellt bzw. ins Gegenteil verkehrt.

 

Weitere und ergänzende Infos zu 1 - 3 folgen später.

 

 

Die Wirklichkeit verschwindet selten – ihre Deutung verändert sich

Objektive Ereignisse verschwinden nicht dadurch, dass Menschen unterschiedlich über sie sprechen. Was sich verändert, ist ihre Interpretation. Zwischen dem Ereignis selbst und seiner öffentlichen Wahrnehmung liegen zahlreiche psychologische Filter:

 

- persönliche Erfahrungen

- politische Überzeugungen

- moralische Werte

- Gruppenzugehörigkeit

- Mediennutzung

- emotionale Betroffenheit

- soziale Erwartungen

 

Kein Mensch nimmt die Welt völlig objektiv wahr. Unser Gehirn ordnet Informationen ständig ein, bewertet sie und verbindet sie mit bereits bestehenden Überzeugungen. Problematisch wird es jedoch dann, wenn nicht mehr die Wirklichkeit unsere Überzeugungen korrigiert, sondern unsere Überzeugungen bestimmen sollen, welche Wirklichkeit überhaupt noch akzeptiert wird.

 

Wie Menschen ihr Weltbild gegen unbequeme Wirklichkeit verteidigen

Realitätsabwehr bezeichnet psychologische Abwehrprozesse, durch die Menschen belastende, bedrohliche oder dem eigenen Weltbild widersprechende Tatsachen nicht unvoreingenommen verarbeiten, sondern unbewusst oder bewusst abwehren, umdeuten oder relativieren.  Ziel dieser Prozesse ist nicht in erster Linie die Erkenntnis der Wahrheit, sondern der Schutz des eigenen Selbstbildes, der eigenen Identität oder des bisherigen Weltverständnisses.

 

Realitätsabwehr ist kein einzelner Abwehrmechanismus, sondern ein Oberbegriff für verschiedene kognitive, emotionale und soziale Prozesse, die dazu führen können, dass Menschen ihre Wahrnehmung der Wirklichkeit verändern, ohne dies selbst als Verzerrung zu erkennen.

 

Warum unser Gehirn Realität abwehrt

Das menschliche Gehirn strebt nach Orientierung, Stabilität und innerer Widerspruchsfreiheit. Neue Informationen werden deshalb nicht neutral verarbeitet, sondern stets mit bereits vorhandenen Überzeugungen, Erfahrungen und moralischen Wertvorstellungen verglichen. Passen neue Erkenntnisse zum bestehenden Weltbild, werden sie meist problemlos integriert.

 

Entstehen jedoch erhebliche Widersprüche, können psychologische Schutzmechanismen aktiviert werden. Diese dienen dazu, unangenehme Gefühle wie Angst, Schuld, Scham, Kontrollverlust oder Identitätskonflikte zu reduzieren. Aus psychologischer Sicht schützt Realitätsabwehr daher weniger die Realität als vielmehr das eigene Selbst- und Weltbild.

Formen der Realitätsabwehr

Realitätsabwehr kann sich in unterschiedlichen psychologischen Mechanismen äußern. Dazu zählt insbesondere:

 

Verleugnung
bzw. die Leugnung der Realität:
Belastende Tatsachen werden nicht anerkannt oder als unwahr zurückgewiesen.

 

Selbsttäuschung

Informationen werden so interpretiert, dass sie die eigenen Überzeugungen bestätigen.

 

Motivated Reasoning
Wenn Überzeugungen wichtiger werden als Tatsachen. Argumente und Informationen werden bevorzugt danach bewertet, ob sie zum eigenen Weltbild passen. Die Psychologie beschreibt dieses Phänomen als Motivated Reasoning. Menschen suchen nicht nur nach Wahrheit. Häufig suchen sie nach Informationen, die ihre Identität, ihr Weltbild oder ihre moralische Selbstwahrnehmung bestätigen. Widersprechende Informationen werden dabei oft relativiert, umgedeutet, ausgeblendet oder emotional entwertet. Je stärker Identität, Moral oder politische Überzeugungen mit einem Thema verbunden sind, desto größer wird die Versuchung, widersprüchliche Informationen nicht mehr unvoreingenommen zu prüfen.

 

Kognitive Dissonanz - warum unangenehme Tatsachen verändert werden

Kognitive Dissonanz bezeichnet innere Spannungen zwischen Überzeugungen und Tatsachen, die durch Umdeutung oder Relativierung reduziert werden. Leon Festinger beschrieb bereits in den 1950er-Jahren die sogenannte kognitive Dissonanz: Treffen Informationen auf Überzeugungen, die sich gegenseitig widersprechen, entsteht innerer Spannungszustand. Diese Spannung kann auf zwei Arten reduziert werden: 1. Die Überzeugung wird angepasst, 2. Die Wirklichkeit wird umgedeutet.

Aus psychologischer Sicht ist die zweite Möglichkeit oft leichter. Nicht weil Menschen bewusst lügen möchten, sondern weil das Gehirn innere Widersprüche möglichst schnell auflösen will.

 

Selektive Wahrnehmung

Nur diejenigen Informationen werden wahrgenommen oder erinnert, die bestehende Überzeugungen stützen.

 

Rationalisierung

Nachträgliche Erklärungen rechtfertigen Entscheidungen oder Überzeugungen, obwohl sie ursprünglich aus anderen Motiven entstanden.

 

Projektion

Eigene problematische Gefühle, Motive oder Eigenschaften werden anderen Menschen zugeschrieben.

 

Die Macht moralischer Identität

Besonders stark wirken diese Prozesse dort, wo moralische Überzeugungen betroffen sind. Viele Menschen verstehen sich als tolerant, solidarisch, weltoffen oder gerecht. Werden Informationen wahrgenommen, die scheinbar mit diesem Selbstbild kollidieren, entsteht erneut Dissonanz. Dann können verschiedene Abwehrmechanismen auftreten: Verharmlosung, Rationalisierung, selektive Aufmerksamkeit, Projektion, defensive Moralisierung und Schuldverschiebung. Nicht jede dieser Reaktionen erfolgt bewusst. Gerade deshalb können sie so überzeugend wirken.

 

Defensive Moralisierungsabwehr

Kritische Sachargumente werden nicht sachlich geprüft, sondern moralisch umgedeutet oder diskreditiert, sodass die inhaltliche Auseinandersetzung in den Hintergrund tritt.

 

Realitätsumkehr

Die Deutung eines Ereignisses entfernt sich zunehmend von den überprüfbaren Tatsachen oder deren naheliegender Bedeutung. Verantwortung, Ursachen oder Rollen werden so neu interpretiert, dass sie besser zum bestehenden Weltbild passen.

 

Weitere Infos zur Realitätsumkehr

Wie bereits erwähnt, erfolgt hier die psychologisch motivierte Umdeutung von Tatsachen sehr extrem, so dass die Interpretation einer Zustandes oder eines Ereignisses den überprüfbaren Fakten oder deren naheliegender Bedeutung weitestgehend und zunehmend widerspricht. Bei der Realitäts-Umkehr kommt es oft zur 1:1-Verdrehung von Tatsachen bzw. Realitäten. Die Realität wird quasi völlig auf den Kopf gestellt bzw. ins Gegenteil verkehrt.

 

Zugleich ist die Verdrehung der Logik, Wahrheit und Realität ist ein häufig zu beobachtendes Merkmal schwerer Psychosen mit fehlender Einsicht bzw. "Uneinsichtigkeit" in die eigene Störung und der damit verbundenen verzerrten Wahrnehmung und Interpretation der vermeintlichen Realität, kann aber auch auch ohne vorliegende Psychose auf dem reinen Konzept der Realitätsabwehr zum Zwecke des Selbstschutzes basieren.

Bei Menschen mit bestimmten Psychosen ist dies aber nicht anders: Hier werden z.B. wahnhafte Gedanken, Vorstellungen und Annahmen von den Betroffenen gegenüber der Außenwelt derart stark verteidigt, dass insbesondere Zuschreibungen oder Anschuldigungen jeglicher Art zur "Umkehr" führen - ein einfaches Mittel, um Ballast abzuwerfen und etwaige kurzzeitige Einsichten wie Schuldgefühle, die zu kognitiven Dissonanzen führen, abzustreifen.

 

Die Umkehr erfolgt wiederum auf Basis einer Projektion. In der Psychoanalyse beschreibt Projektion einen Abwehrmechanismus, bei dem innerpsychischer Inhalte oder ein innerpsychischer Konflikt auf andere Menschen bzw. das jeweilige Gegenüber übertragen und von sich auf andere bzw. auf das Gegenüber verlagert werden:

Emotionen, Affekte, Wünsche, Impulse und Eigenschaften, die im Widerspruch zu eigenen und/oder gesellschaftlichen Normen stehen, werden auf andere Personen, Menschengruppen, Lebewesen oder Objekte der Außenwelt übertragen und anderen unterstellt. Die „Abwehr“ besteht dabei darin, dass durch Projektion vermieden wird, sich mit Inhalten bei sich selbst auseinanderzusetzen, die man beim anderen sieht.

 

Die Projektion und der sogenannte Projektionsfehler" treten nicht nur bei - an einer Psychose erkrankten - Menschen bzw. bei Menschen mit einer bestimmten Persönlichkeitsstörung auf; vielmehr ist dies eine Sache, die im Prinzip alle Menschen betrifft. Denn völlig unbewusst neigen Menschen bei der Einschätzung anderer dazu, ihre eigenen Einstellungen, Ansichten, Erfahrungen, Interessen, Fähigkeiten, Bedürfnisse, Wünsche und Motive in andere hineinzuprojizieren und das, was sie selbst denken und fühlen in ihrer Vorstellung auf andere zu übertragen bzw. anderen zuzuordnen.

 

Dabei wird übersehen oder vergessen, dass andere Menschen völlig andere Einstellungen, Ansichten, Erfahrungen, Interessen, Fähigkeiten, Bedürfnisse, Wünsche und Motive und Motive haben. Von sich selbst auf andere zu schließen, erzeugt enorme Fehler in der Einschätzung und Beurteilung anderer Menschen. Nun aber zurück zur Realitäts-Umkehr.

 

In Bezug auf die Strategien der Realitäts-Umkehr lassen sich folgende Einzel-Strategien unterscheiden:

 

a)  Selbstschutzprojektion (Projektion zur Selbstwertsicherung / Realitätsleugnung)

Strategie: Projektionen zur Abwehr von Einsicht und zur Aufrechterhaltung des Selbstbildes und Schutz des Selbstwertes (Realitätsleugnung). Beschreibung: Die betroffene Person leugnet eigene Mängel, Fehler,  Wahrnehmungsfehler, Denkfehler oder psychische Belastungen, indem sie diese auf andere projiziert, um das eigene Selbstbild zu stabilisieren. Typisches Beispiel bi Psychosen: „Nicht ich, sondern der Psychiater ist krank.“. Weitere Beispiele: Nicht ich bin schuld, sondern oder die andere(n). Nicht mein bester Freund oder mein Fetisch-Symbol ist der Täter, sondern dessen Opfer oder derjenige, der den Täter kritisiert, bekämpft oder verhaftet (z.B. die Polizei).

 

b)  Ideologische Umkehr oder Kognitive Inversion (Ideologische oder kognitive Realitätsverdrehung)

Strategie: Verdrehung der Realität aufgrund von Realitätsverlust oder Manipulationsabsicht. Beschreibung: Die Realität wird bewusst oder unbewusst verdreht, um bestehende Machtstrukturen, Dogmen oder normative Überzeugungen zu stützen. Kann bewusst manipulativ sein oder aus ideologischer Verzerrung entstehen. Beispiel: „Krieg ist Frieden“, "In einer Demokratie darf es nur eine Meinung geben", "Wer nicht der Meinung der Regierung ist, ist kein Demokrat bzw. ist ein Antidemokrat" oder „Wer nicht für die Regierung ist, ist kein Demokrat.“

 

c)  Schuldabwehrumkehr oder Täter-Opfer-Inversion (Täter-Opfer-Umkehr / Schuldabwehr) 

Strategie: Strategie der klassischen Freund-Feindbild-Verdrehung und / oder Täter-Opfer-Umkehr bei Tätern bzw. Menschen, die irgendeine (tatsächliche oder von außen zugeschriebene) Schuld oder Mitschuld haben oder sich selbst für schuldig halten (z.B. "Der Täter ist / war traumatisiert", "Das Opfer hat provoziert, "Die Gesellschaft hat versagt" oder "Wir sind Helden, denn durch die Tötung oder die Inkaufnahme des Todes von XY Menschen konnten wir größeren Schaden z.B. den Tod von anderen oder noch mehr Menschen abwenden").

 

Der Vorwurf der erfolgten Tat und der damit verbundenen Schuld wird im Zuge der Umkehr zu sogenannter "Hassrede". Ziel: Nicht die Tat und die Schuld des Täters oder anderer für die jeweilige Tat mitverantwortlichen soll verfolgt werden, sondern der Ankläger bzw. die Anschuldigung der Täterschaft sowie das verbale Beklagen der Tat und das mit der Tat einhergehende (logisch) negative Gefühl des Opfers und jener Menschen, die das Opfer moralisch vertreten.

 

Zugleich ist diese letztere Form der Realitäts-Umkehr in der Kriminalistik ein Indiz für eine Täterschaft bzw. Mittäterschaft oder (psychoanalytisch) für einen Schuldkomplex auf Basis einer echten oder vorgestellten Schuld. Motiv ist das schlechte Gewissen des Täters, Mittäters oder des Konformisten bzw. Mitläufers. Hier kommt eine weitere Form der Umkehr ins Spiel:

 

d) Die Kollektive Projektion / Kollektive Abwehrprojektion / Pathologische Gruppeninversion / Selbststabilisierung  

Beschreibung: 1. Menschen in Gruppen, die tatsächliche oder zugeschriebene Schuld haben, kehren Täter- und Opferrolle um, häufig verbunden mit moralischer Rechtfertigung. Dies kann als Abwehrmechanismus (psychoanalytisch: Schuldkomplex) verstanden werden. 2. Gruppen (z.B. sektenähnliche Strukturen, ideologische Extremgruppen) bilden ein geschlossenes System, in dem eigene Probleme, Abnormitäten oder Schuld kollektiv auf „die Anderen“ projiziert werden. 3. Es kommt ggf. zu Entschuldigungen wie „Der Täter war traumatisiert“, „Wir sind Helden, weil wir größeren Schaden abwenden konnten.“ 

 

Strategie: Hier geht es um die Strategie des Zusammenschlusses von bewussten oder unbewussten Tätern oder Mittätern oder von Menschen mit bestimmten schwerwiegenden Persönlichkeitsstörungen zu Gemeinschaften. Ziel: Projektion eigener Probleme und Abnormitäten auf andere, die nicht nur der Entlastung dient, sondern zur Grundlage einer pathologischen Selbststabilisierung wird. Der Betroffene „befreit“ sich scheinbar von seiner eigenen Krankheit bzw. Störung, indem er sie im anderen bekämpft. Ziel ist auch die Feindbildbildung und kollektive Selbststabilisierung.

 

e)  Selbstschädigende Umkehr / Internalisiertes Schuldgefühl

Beschreibung: Die Person kehrt die Verantwortung oder Schuld nicht nach außen, sondern nach innen um. Das Opfer eigener Schuld oder Fehler wird überhöht, was zu Selbstbestrafung, depressiver Verstärkung oder destruktivem Verhalten führt. Beispiel: „Es ist meine Schuld, dass andere leiden“ → führt zu Rückzug, Selbstabwertung oder Selbstschädigung. Das Schuldgefühl bzw. die Zuschreibung "meine Schuld" wird externalisiert und auf andere Menschen übertragen, die mit dieser Schuldfrage nichts zu tun haben. 

 

f)  Aggressive oder destruktive Umkehr / externalisierte Feindprojektion

Beschreibung: Schuldabwehr oder Projektion wird in Form von aggressivem Verhalten, Gewalt oder systematischer Unterdrückung nach außen gerichtet. Anders als c) geht es hier weniger um Rechtfertigung, sondern um aktive Aggression zur Stabilisierung des eigenen Selbstbildes. Beispiel: Pogrome, Hexenjagden, Hasskampagnen, kollektive Gewalt gegenm8in der eigenen Phantasievorstellung  angeblich „Schuldige“.

 

 

Realitätsabwehr ist ein menschliches Grundphänomen

Realitätsabwehr betrifft grundsätzlich alle Menschen. Je stärker jedoch persönliche Identität, politische Überzeugungen, religiöse Vorstellungen oder moralische Selbstbilder betroffen sind, desto wahrscheinlicher werden entsprechende Abwehrmechanismen aktiviert. 

 

Woran erkennt man Realitätsabwehr?

Typische Hinweise können sein:

 

-  Neue Informationen werden sofort moralisch bewertet, statt zunächst sachlich geprüft zu werden.

-  Widersprechende Fakten werden pauschal zurückgewiesen, ohne sie ernsthaft zu untersuchen.

-  Quellen werden allein aufgrund ihrer vermuteten Zugehörigkeit bewertet, nicht nach ihrer Argumentationsqualität.

-  Eigene Irrtümer werden kaum eingeräumt.

-  Komplexe Sachverhalte werden ausschließlich in Gut-und-Böse-Kategorien erklärt.

-  Die eigene Gruppe gilt grundsätzlich als glaubwürdig, die andere grundsätzlich als unglaubwürdig.

 

Wann Realitätsabwehr problematisch wird

Psychologische Abwehrmechanismen erfüllen grundsätzlich eine wichtige Schutzfunktion. Sie können Menschen kurzfristig helfen, mit belastenden Erfahrungen umzugehen. Problematisch wird Realitätsabwehr jedoch dann, wenn sie dauerhaft verhindert,

 

-  überprüfbare Tatsachen anzuerkennen,

-  Fehler zu korrigieren,

-  aus Erfahrungen zu lernen,

-  Verantwortung zu übernehmen oder

- konstruktive Lösungen zu entwickeln.

 

Je stärker Realitätsabwehr wird, desto größer wird die Gefahr, dass Überzeugungen nicht mehr an der Wirklichkeit überprüft werden, sondern die Wirklichkeit den Überzeugungen angepasst wird.

 

Gesellschaftliche Folgen - Der Verlust einer gemeinsamen Realität

Nicht nur einzelne Menschen, sondern auch Gruppen, Organisationen und Gesellschaften können Formen kollektiver Realitätsabwehr entwickeln. Dabei können verschiedene Mechanismen zusammenwirken:

 

-  Gruppendenken

-  soziale Identität

-  moralisches Framing

-  selektive Berichterstattung

-  Echokammern

-  Polarisierung

-  Konformitätsdruck

 

Je stärker solche Prozesse werden, desto schwieriger wird eine gemeinsame Verständigung über überprüfbare Tatsachen.

Langfristig können dadurch Vertrauen, Dialogfähigkeit und gesellschaftlicher Zusammenhalt geschwächt werden.

 

Vertrauen entsteht dort, wo Menschen davon ausgehen können, dass sie trotz unterschiedlicher Meinungen dieselben überprüfbaren Tatsachen als gemeinsame Grundlage akzeptieren. Geht diese gemeinsame Grundlage verloren, verändert sich nicht nur die politische Debatte. Es verändert sich das Fundament gesellschaftlichen Zusammenlebens. Denn wenn jede Gruppe ihre eigene Wirklichkeit entwickelt, wird Verständigung immer schwieriger.

 

Nicht unterschiedliche Meinungen gefährden eine freie Gesellschaft. Gefährlich wird es dort, wo überprüfbare Tatsachen dauerhaft durch identitätsstiftende Narrative ersetzt werden und die Bereitschaft schwindet, die eigene Sicht an neuen Erkenntnissen zu überprüfen.

 

Zwischen Aufklärung und Polarisierung

Eine demokratische Gesellschaft lebt davon, dass kontroverse Themen offen diskutiert werden können und entsprechende Ambiguitätstoleranz vorliegt. Dazu gehört die Bereitschaft, unbequeme Tatsachen anzuerkennen, Irrtümer einzugestehen,

 

unterschiedliche Perspektiven zu prüfen und zwischen Fakten und Interpretationen zu unterscheiden. Wo hingegen jede Information ausschließlich danach bewertet wird, ob sie zur eigenen Weltanschauung passt, verliert die gemeinsame Wirklichkeit zunehmend ihre verbindende Funktion.

 

Fazit zur Realitätsabwehr

Realitätsabwehr gehört zu den grundlegenden psychologischen Schutzmechanismen des Menschen. Sie hilft kurzfristig, innere Stabilität zu bewahren, kann langfristig jedoch dazu führen, dass Menschen, Gruppen oder ganze Gesellschaften den Kontakt zu überprüfbaren Tatsachen verlieren.

 

Je komplexer und emotionaler gesellschaftliche Konflikte werden, desto wichtiger wird die Fähigkeit, zwischen Tatsachen, Interpretationen und moralischen Bewertungen zu unterscheiden.

 

Eine offene Gesellschaft braucht keine Einigkeit über alle Meinungen. Sie braucht jedoch die gemeinsame Bereitschaft, die Wirklichkeit immer wieder unvoreingenommen zu prüfen – auch dann, wenn sie den eigenen Überzeugungen widerspricht.

 

Der Weg zurück zur Wirklichkeit

Realitätsabwehr lässt sich nicht durch Druck oder Bloßstellung überwinden. Menschen verändern Überzeugungen meist erst dann, wenn sie sich sicher genug fühlen, widersprüchliche Informationen zuzulassen, ohne ihre Identität vollständig infrage stellen zu müssen. Deshalb beginnt kritisches Denken immer bei der Bereitschaft, auch die eigenen Überzeugungen regelmäßig zu überprüfen. Nicht Skepsis gegenüber anderen ist die größte Herausforderung. Die größte Herausforderung besteht darin, die Möglichkeit eigener Irrtümer ernst zu nehmen.

 

Schlussgedanke

Psychologie kann gesellschaftliche Konflikte nicht lösen. Sie kann jedoch helfen zu verstehen, warum Menschen dieselben Ereignisse so unterschiedlich erleben und weshalb es oft leichter fällt, Informationen umzudeuten als eigene Überzeugungen zu hinterfragen. Gerade deshalb ist kritisches Denken keine Frage der politischen Richtung. Es bedeutet, die eigenen Annahmen ebenso sorgfältig zu prüfen wie die der anderen. Wer Wirklichkeit verstehen möchte, sollte weder jede Darstellung ungeprüft übernehmen noch jede widersprechende Information vorschnell als Manipulation abtun.

 

Eine offene Gesellschaft braucht nicht die Einheit der Meinungen. Sie braucht die gemeinsame Bereitschaft, sich immer wieder an überprüfbaren Tatsachen zu orientieren – auch dann, wenn diese den eigenen Überzeugungen widersprechen.

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