Wissen: Stockholm-Syndrom

Unter dem sogenannten Stockholm-Syndrom versteht man ein psychologisches Phänomen, das mit einer Verdrehung des Täter-Opfer-Verhältnisses zur Vermeidung kognitiver Dissonanzen im Rahmen der Umkehrung der Realität einhergeht.

Obwohl es sich um eine völlig menschliche sogenannte Defensiv-Attribution handelt, wirkt das Verhalten der vom Stockholm-Syndrom Betroffenen wie eine Schizophrenie oder eine Art masochistische Persönlichkeitsstörung. 

 

Im Zuge des Stockholm-Syndroms bauen Opfer von Straftaten ein positives emotionales Verhältnis zu den Tätern auf. Untersucht wurde dies insbesondere am Beispiel von Vergewaltigungen und Geiselnahmen, bei denen die Opfer ein positives emotionales Verhältnis zu ihren Vergewaltigern und Entführern aufbauten.

Aus psychologischer Sicht handelt es sich beim sogenannten Stockholm-Syndrom um einen Denkfehler, der bewirkt, dass das Opfer mit den Tätern sympathisiert und mit ihnen kooperiert. Vom Wesen der Erscheinung her vergleichbar ist der entstehende Denkfehler in etwa mit dem Einfluss des Gehirnparasiten Toxoplasma gondii, der das Gehirn bei entsprechender Infektion derart umprogrammiert, dass sich die sogenannten "Zwischenwirte" des nichtmenschlichen Einzellers zu ihren potentiellen Feinden geradewegs magisch hingezogen fühlen. Ziel des Einzellers ist hier die Herbeiführung des Todes des Zwischenwirtes, um nach Möglichkeit - so das Programm - in den Darm des Ausgangswirtes (Ursprung ist die Katze) zu gelangen.

 

Es gibt jedoch einen gravierenden Unterschied: Beim Stockholm-Syndrom handelt es sich um keine Infektion, folglich eine Krankheit bzw. eine Schizophrenie auslösende Umprogrammierung durch einen Parasiten, sondern um eine auf psychologischem Wege selbst herbeigeführte Umprogrammierung des Denkens, welches dem seelischen Selbstschutz zur Verarbeitung kognitiver Dissonanzen dient, ähnlich wie die selbstwertdienliche Verzerrung im Zuge des Selbstwert-Effekts.

Es handelt sich folglich um keine Krankheit, sondern lediglich um einen psychologischen Effekt zur Bewältigung traumatischer Ereignisse, die den eigenen Selbstwert gefährden und das eigene Weltbild derart in Frage stellen, dass es zu kognitiven Dissonanzen kommt, die der Mensch tunlichst verarbeiten will, was dann für objektive Außenstehende wie eine Schizophrenie anmutet.

Zurückgeführt wird der Begriff ursprünglich auf das Geiseldrama am Norrmalmstorg vom 23. bis 28. August 1973 in Schweden. Damals wurde eine Bank in Stockholm überfallen und vier Angestellte als Geiseln genommen. Hier wurde erstmals beobachtet, dass die Geiseln aufgrund des besagten Effektes eine regelrechte Zuneigung zu den Geiselnehmern entwickelten. Dies führte dazu, dass sie letztendlich mehr Angst vor der Polizei als vor ihren Peinigern hatten. Auch nach der Beendigung der Geiselnahme empfanden die Geiseln keine der üblichen gesunden negativen Gefühle wie zum Beispiel Hass auf die Täter. Sie waren ihnen sogar dankbar, baten um Gnade für die Täter und besuchten sie im Gefängnis.

Während das Phänomen aus psychologischer Sicht auf einer Art selbstwertdienlichen Verzerrung im Rahmen des Selbstwert-Effekts im Zuge des Wirkungsprinzips der kognitiven Dissonanz-Reduktion basiert, spricht man in der Psychiatrie vom Prinzip der sogenannten "Umkehr", welches man von der Schizophrenie und der Wirkung des Gehirnparasiten Toxoplasma gondii kennt, der durch Manipulation des Gehirns dazu führt, dass sich Tiere und Menschen bei Befall mit dem Einzeller zu ihren "Fress"-Feinden geradewegs magisch angezogen fühlen und sich ihnen - wie in diversen Experimenten (u.a. an Ratten und Flohkrebsen) gezeigt, bereitwillig ausliefern, um getötet bzw. gefressen zu werden. 

 

Im Zusammenhang mit dem Stockholm-Syndrom auffällig, ist bei Menschen auch die Verdrehung (exakte 1:1 Umkehr der Tatsachen), sofern es sich um Täter-Opfer-Verhältnisse handelt. Laut Andreas Köhler handelt es sich beim Stockholm-Syndrom aber nicht zwingend um ein psychiatrisches Problem, sondern eines, dass sich unabhängig von einer psychischen Erkrankung rein psychologisch anhand des Wirkungsprinzips zur Bewältigung kognitiver Dissonanzen (Effekt der kognitiven Dissonanz-Reduktion nach Köhler) erklären lässt. Konkret handelt es sich laut Köhler um eine sogenannte Defensiv-Attribution, die der Vermeidung von Hilflosigkeit dient:

Das Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht, bestimmten Situationen ausgesetzt zu sein, selbst aber nichts dagegen unternehmen zu können, ist für Menschen nämlich derart unerträglich, dass sie sich zum Zwecke der Verteidigung bestimmte Dinge einreden (Bildung von Defensiv-Attributionen) und daran glauben. Derartige Defensivattributionen mildern das Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht ab. So geben sich zum Beispiel Opfer einer Gewalttat - um das unerträgliche Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht abzumildern - selbst eine gewisse Mitschuld. Unbeteiligte Außenstehende machen es ihnen gleich: Um sich selbst einreden zu können, sie seien selbst gegen ähnliche Vorkommnisse immun, schreiben sie Opfern automatisch eine Mitschuld zu (sogenannte Opfer-Abwertung).

 

Laut Köhler ist das Stockholm-Syndrom folglich auf kognitive Dissonanzen und damit verbundene Selbstwertdienliche Verzerrungen zur künstlichen Um-Erklärung der eigenen Weltanschauung zurückzuführen und auf Defensiv-Attributionen zurückzuführen, sofern das Erleben der Realität bzw. der persönlichen Erfahrungen nicht mehr dem ursprünglich verinnerlichtem Weltbild entspricht.

 

Anstatt das eigene Weltbild zu hinterfragen und entsprechend umzulernen, sind die Betroffenen bemüht, ihr Weltbild mit den ihnen zur Verfügung stehenden kognitiven Mitteln, zu denen die Nutzung der eigenen Vorstellungskraft (=Phantasie) gehört, aufrechtzuerhalten. Dies mündet dann letztendlich in ein Denken, das auch Schizophrenie-Patienten nutzen, um ihren krankhaften Gesundheitszustand umzuinterpretieren.   

Hintergrundwissen zum Thema

Abwehr gegen Einsicht: "Umkehr"

Bei bestimmten psychischen Störungen (z.B. der Schizophrenie) erfolgt an Stelle einer Einsicht nicht selten die Umkehr eines Fehlers, eines Problems, einer Diagnose oder Verhaltens-Zuschreibung. Umkehrung bedeutet, dass ein Fehler, ein Problem, eine Diagnose oder eine Verhaltenszuschreibung auf genau die Person oder Personengruppe projiziert wird, welche die Beobachtung, Vermutung oder Tatsache anspricht oder eine eventuell vorhandene Störung/Erkrankung diagnostiziert. Beispiel: "Du bist der Kranke!", "Du musst selber mal zum Arzt!", "Psychiater sind selbst alle krank", "Du liebst mich nicht!", Du musst mich scheinbar hassen.", "Du hast das doch gesagt, nicht ich", "Du machst doch selbst auch XYZ"). 

 

Derartige Konter-Reaktionen sind im Umkehrschluss zugleich wieder ein Indiz für eine etwaige psychotische Störung, zumindest dann, wenn sie wiederholt beobachtet werden können und auffällig ist, dass die Person über keine Einsicht verfügt, was die Bereitschaft zur Kooperation in dieser Hinsicht mit einschließt. Unter anderem tritt die Umkehr von Tatsachen bzw. die Umkehr der Realität bei schweren Psychosen wie der Schizophrenie auf - ebenso bei Wahnzuständen:

Wahnhafte Gedanken, Vorstellungen und Annahmen werden von den Betroffenen gegenüber der Außenwelt so stark verteidigt, dass Zuschreibungen oder Anschuldigungen jeglicher Art zur sogenannten "Umkehr" führen. Das eigene Denkkonstrukt der vom Wahn Betroffenen kann so stark sein, dass sie das, was ihnen von Außenstehenden zugeschrieben wird (der Wahn an sich oder ein bestimmtes Verhalten), in das Gegenteil umkehren und den anderen zuschreiben.

 

Menschen, die vom Wahn Betroffene für krank halten, werden von diesen selbst für wahnhaft bzw. krank gehalten. Menschen, die vom Wahn Betroffene auf ihre wahnhafte Gedanken ansprechen oder sie vom Gegenteil überzeugen wollen, werden für verrückt oder für Feinde gehalten. Wenn wahnhaft Kranken ein negatives Verhalten vorgeworfen wird, werfen sie den anderen negatives Verhalten vor. Aus Opfern werden Täter, aus Helfern werden Angreifer.

 

Interessant ist, dass von einem Wahn Betroffene sämtliche Zuschreibungen fast 1:1 umkehren. Wird ihnen geholfen, versuchen sie den anderen zu helfen. Beleidigen sie andere Menschen, so werfen sie den anderen genau diese Beleidigungen vor. Absprachen, Schuld- und Rechtsverhältnisse werden oft so herumgedreht, dass sie genau gegensätzlich sind.

 

Selbstwert-Effekt

Zu den grundlegenden Motiven von Menschen zählt unter anderem das Bedürfnis, das eigene Selbstwertgefühl aufrechtzuerhalten. Anstatt sich eine falsche persönliche Sicht oder persönliche Fehler und Schwächen zuzugestehen, besteht das Bedürfnis, das eigene Verhalten zu rechtfertigen. Die individuelle Wahrnehmung passt sich dem an. Empfinden also Menschen eine kognitive Dissonanz bzw. eine Bedrohung ihres Selbstwertgefühls, neigen sie zum Zwecke des Selbstschutzes und zur Aufrechterhaltung des Selbstwertgefühls dazu, die Realität in Richtung einer ihrem Selbstbild entsprechenden Logik zu verzerren. 

 

Bei der Selbstwirksamkeitserwartung ist dies ähnlich, nur mit dem Unterschied, dass die Erklärungsversuche weniger irrational sind, allein deshalb, weil Menschen mit einer hohen Selbstwirksamkeitserwartung Ursächlichkeiten (z.B. die Schuld an Fehlern, Misserfolgen oder Versagen) nicht ihrer Umwelt zuschreiben. Während beim Selbstwert-Effekt die Tatsachen so verdreht werden, dass z.B. allen möglichen Umständen und Menschen die Schuld an Misserfolgen zugeschrieben - und dadurch die Erkennung eigener Fehler behindert - wird, können Menschen mit einer hohen Selbstwirksamkeitserwartung an Stelle von irrationalen umweltbezogenen Ursächlichkeitszuschreibungen und paradoxem Verhalten aus Fehlern lernen und - in Verbindung mit weiteren o.g. Komponenten - positive Rückschlüsse daraus ziehen.

 

 

Selbstwertdienliche Verzerrungen (self-serving bias)

Unser Leben wird bestimmt durch den Glauben an den eigenen Selbstwert. Weil wir "sind" und uns wahrnehmen, messen wir uns als Individuum einen bestimmten Wert zu. Diesen Wert wollen wir a) schützen und b) steigern. In der Regel stellen wir den Wert unserer eigenen Person über den der anderen. Bei eigenem Versagen finden wir die abstrusesten (externen) Erklärungen, eigene Erfolge schreiben wir hingegen ausschließlich uns selbst zu. Unsere Selbstwert-Vorstellung beeinflusst und verzerrt unsere Wahrnehmung, führt zu bestimmten (Menschenbild-) Annahmen über uns und andere und darüber hinaus zu bestimmten Erwartungen an die eigene Selbstwirksamkeit (Selbstwirksamkeitserwartung).

 

So ist z.B. der Effekt der Selbstwirksamkeitserwartung - obgleich er zumeist auf einem Wahrnehmungs- und Beurteilungsfehler basiert, ein sehr positiver Effekt. Diesem positiven Effekt stehen verschiedene negativ wirkende Effekte gegenüber. Dazu zählt unter anderem der sogenannte Selbstwert-Effekt. Andere Effekte wie z.B. die Überlegenheitsillusion haben sowohl eine positive als auch eine negative Seite. Wir sollten sie kennen. Dennoch: In einer konkreten Situation, in der einer der Effekte wirkt, werden wir nicht daran denken oder nicht (mehr) daran glauben. Unser Gehirn riegelt ab und stellt die Wahrnehmung um - damit auch unsere Selbstüberzeugung.

 

Auf jeden Fall besteht bei uns Menschen der Hang, sich selbst in einem günstigen Licht zu sehen, sich selbst nach außen in ein günstiges Licht zu stellen und das eigene positive Bild von sich nach innen und außen - unabhängig von der Realität - aufrechtzuerhalten. Um dies zu erreichen, verzerren wir unsere Wahrnehmung und die Realität so, dass sie zur Aufrechterhaltung unseres Selbstwertes passt und unseren Selbstwert möglichst steigert. Die Aufwertung unserer Person macht uns Mut und gibt uns Tatendrang, verleitet uns aber ebenso zu Übermut und Hochmut und lässt und in gewissen Situationen im wahrsten Sinne regelrecht "vor die Pumpe laufen".

 

Die Selbstwertdienliche Verzerrung bezeichnet in der Sozialpsychologie die Tendenz, eigene Erfolge im Zweifelsfall eher inneren Ursachen (z.B. eigene Fähigkeiten) und eigene Misserfolge (z.B. Versagen) eher äußeren Ursachen (z.B. die besondere Situation, die besondere Schwierigkeit einer Aufgabe, negative Umwelteinflüsse oder dem Zufall etc.) zuzuschreiben. Die Verzerrung geht auf kognitive und motivationale Faktoren zurück und fällt,  je nachdem, ob es sich um eine private oder eine öffentliche Situation handelt, anders aus. Es gibt hier zwei unterschiedliche Verzerrungen:

 

Eine, die den Selbstwert steigert (Anspruch auf Verantwortlichkeit für Erfolg) und eine, die dem reinen Selbstschutz dient (Ablehnung der Verantwortung für Misserfolg). Self serving bias (auch als "Egotismus" bezeichnet) ist - unabhängig von einer konkreten Selbstwertbeeinträchtigung - bei allen Menschen vorhanden.

 

Die selbstwertsteigernde Verzerrung basiert zumeist auf kognitiven Faktoren, da der jeweils Handelnde häufig bereits schon vorher eine bestimmte Attributions-Option bereitstellt. Menschen nutzen manipulative Faktoren, um einen zu erwarteten Misserfolg zu verschleiern und dadurch rechtzeitig selbstwertunterstützende Erklärungen für ihr Versagen bereitstellen zu können. Diese "proaktive" Attributionsverzerrung wirkt oft wie eine Selbstbehinderung.

 

Akteur-Beobachter-Divergenz

Handlungen anderer Menschen werden eher mit deren Persönlichkeitseigenschaften, eigenes Verhalten eher mit der speziellen Situation begründet.

 

Kelleys Kovariationsprinzip

Das Wissen darüber, eine Aufgabe normalerweise bewältigen zu können, führt dazu, einen Erfolg auf innere, ein Versagen auf äußere Faktoren zurückzuführen.

 

1. Verteidigung eines stabilen, positiven Selbstbildes

Wird das Ergebnis des eigenen Verhaltens als Scheitern gewertet, dient die selbstwertstützende Verzerrung der Aufrechterhaltung eines stabilen, positiven Selbstbildes. Die kognitive Verzerrung ist ein Mechanismus, welcher der Vermeidung kognitiver Dissonanzen dient z.B. dann, wenn die Einsicht droht, dass selbst bei stärkeren Anstrengungen ein erneutes Versagen nicht verhindern werden kann. 

 

2. Selbstdarstellung / im guten Licht stehen

Der zweite Grund, Ursachen selbstwertdienlich zu attribuieren, ist der Wunsch, sich selbst und anderen gegenüber in einem guten Licht zu erscheinen. Zur Erklärung bzw. Begründung eines Misserfolges bzw. eines schlechten Ergebnisses greifen Menschen dann auf regelrechte Ausreden zurück, die mit der Realität jedoch nichts zu tun haben. Sofern dies bewusst, vorsätzlich und systematisch erfolgt, spricht man von Impression-Management.

 

3. Defensiv-Attributionen

Defensiv-Attributionen dienen der Vermeidung von Hilflosigkeit. Das Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht, bestimmten Situationen (bestimmten Krankheiten, Katastrophen, Verbrechen oder der eigenen Sterblichkeit) ausgesetzt zu sein, selbst aber nichts dagegen unternehmen zu können, ist für Menschen derart unerträglich, dass sie sich zum Zwecke der Verteidigung bestimmte Dinge einreden (Bildung von Defensiv-Attributionen) und daran glauben. Derartige Defensivattributionen mildern das Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht ab. Wer sich z.B. einredet, dass bestimmte Dinge lediglich bestimmten Menschen zustoßen (z.B. Menschen, die selbst dazu beitragen, etwa weil sie z.B. unvorsichtig oder dumm sind) erzeugt die Illusion, das Auftreten derartiger Ereignisse beeinflussen zu können (Melvin Lerners „Gerechte-Welt-Hypothese“). So geben sich z.B. Opfer einer Gewalttat - um das unerträgliche Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht abzumildern - selbst eine gewisse Mitschuld. Unbeteiligte Außenstehende machen es ihnen gleich: Um sich selbst einreden zu können, sie seien selbst gegen ähnliche Vorkommnisse immun, schreiben sie Opfern automatisch eine Mitschuld zu (sogenannte Opfer-Abwertung).

 

4. Unrealistischer Optimismus

Ein Grund dafür, Erfolge eigener Ursächlichkeit zuzuschreiben, ist der „unrealistische Optimismus“. Die Mehrheit der Menschen glaubt, mehr positive und weniger negative Erlebnisse zu haben als der Durchschnitt.

 

Beispiele:

Nach einer gut bestandenen Prüfung schätzen Schüler und Studenten das Leistungsmaß der Prüfung als „angemessenen" ein. Nach schlechten Bewertungen tendieren sie hingegen dazu, die Prüfung als "unfair" bzw. den Lernstoff oder die Prüfungsinhalte als "nicht repräsentativ" zu bewerten. Geschiedene Ehepartner tendieren stets dazu, die Schuld am Scheitern der Ehe dem anderen Partner zuzuschreiben. Bei militärischen Misserfolgen schreiben die Befehlshaber ihr Versagen bzw. ihre Niederlage oft nicht ihrer eigenen Strategie und Befehlsgebung, sondern ihren Soldaten und allen möglichen äußeren Umständen zu (Übermacht des Feindes, schlechtes Wetter, Versorgungslage etc.). Bei wirtschaftlichen Misserfolgen ihres Unternehmens geben Manager eher den Mitarbeitern, der Marktlage oder externen Unternehmen (Konkurrenten und Zulieferern) die Schuld, während Mitarbeiter dazu tendieren, nicht sich, sondern der Unternehmensführung die Schuld zuzuschreiben. Menschen empfinden Lohnerhöhungen dann als fair, wenn sie - unabhängig von ihrer tatsächlichen Leistung - mehr Geld als ihre Kollegen bekommen. Ebenso fühlen sich Menschen besser, wenn sie - unabhängig von der Höhe ihres Einkommens - auf jeden Fall mehr verdienen als andere, die sie kennen. Eine entsprechende Studie hat aufgezeigt, dass Probanden ein niedriges Gehalt, das jedoch deutlich höher war als das ihrer Kollegen, gegenüber einem hohen Gehalt, das alle Mitarbeiter bekamen, bevorzugten. Weiterhin haben selbstwertdienliche Verzerrungen auch einen großen Einfluss auf Beziehungen: Wir mögen und schätzen Menschen mit gleichen Ansichten und gleichem Ansehen mehr als andere.

 

Social-Cognition-Effekt

Zu den Bedürfnissen von Menschen gehört auch das Bedürfnis nach Korrektheit. Die Richtigkeit der eigenen Verstandes-Logik aufrechtzuerhalten, ist ein regelrechtes Grundmotiv, ohne das Menschen an sich selbst, ihrem Verstand und ihrem Weltbild zweifeln. Schließlich geht jeder Mensch naiv davon aus, dass er sich und seine Umwelt realistisch und richtig einschätzt. Bei der Beobachtung und Wahrnehmung setzt der Mensch daher gezielt kognitive Ressourcen ein, um die ihm zur Verfügung stehenden Informationen so zu ordnen und zu interpretieren, dass sie seiner eigenen Logik möglichst nicht widersprechen. Entstehen Widersprüche, werden die - aus der mit dem eigenen Verstand und Weltbild disharmonierenden Wahrnehmung resultierenden - Denkprozesse eingestellt und / oder so umgeleitet oder uminterpretiert, dass sie dem eigenen Weltbild entsprechen. Insofern suchen, verarbeiten und interpretieren wir (auch selektiv) bestimmte Informationen, um bestimmte Urteile und Entscheidungen zu treffen. Dies bezieht sich sowohl auf das unbewusste automatische Denken, als auch auf das bewusst kontrollierte rationale und schlussfolgernde Denken.

 

Überlegenheitsillusion / Lake Wobegon-Effekt / Dunning Kruger Effekt / Gott-Komplex

Die Überlegenheitsillusion gehört zu den praktischen selbstwertdienlichen Verzerrungen, mit denen wir uns selbst schön reden und aufwerten. Sie hilft uns, ein positives Selbstbild zu entwickeln und zu behalten, was dazu führt, dass wir uns gut bzw. besser fühlen. Aufgrund der Illusion können wir aber auch genauso gut "vor die Pumpe laufen". Wie auch immer: Wir merken es erst, wenn es zu spät ist - und selbst dann wirkt die Verzerrung, die unserem Selbstwert dient weiter. Der Effekt der Überlegenheitsillusion beschreibt ein Vorurteil, das uns dazu verleitet, unsere Stärken im Vergleich zu anderen überzubewerten bzw. maßlos zu überschätzen. Bei dem Effekt handelt es sich - wie der Name sagt - um eine reine Illusion, die uns aber natürlich glaubwürdig erscheint, so glaubwürdig, dass wir nicht daran zweifeln. Auf dem Prinzip der Überlegenheitsillusion basiert der Overconfidence-effect, auch Overconfidence barrier-effect genannt:

 

Es besteht eine grundsätzliche Tendenz des Menschen, von seinen eigenen Urteilen und seiner Urteilskraft überzeugt zu sein. Basis eines jeden Urteils bzw. einer jeden Entscheidung ist demnach die Selbstüberschätzung. Das Vertrauen in das eigene Urteilsvermögen ist bei Menschen größer als die objektive Richtigkeit dieser Urteile, vor allem dann, wenn das Selbstvertrauen und das generelle Vertrauen relativ hoch ist. Die eigene Überschätzung basiert auf einer natürlichen Fehlkalibrierung subjektiver Wahrscheinlichkeiten im Gehirn. Insofern handelt es sich um einen Mechanismus, der uns grundsätzlich Kraft und Mut verleiht und uns zum Handeln bewegt, wobei auch Risiken in Kauf genommen werden (müssen), da wir sonst nur bedingt handlungsfähig und nicht mutig genug wären, was unser Handeln hemmen würde. 

 

Die Tendenz zur Selbstüberschätzung beeinflusst unser Urteilsvermögen also bewusst, weil das Handeln an sich evolutionstechnisch wichtiger ist als die Richtigkeit des Handelns. Bei Untersuchungen wurde im Schnitt eine Selbstüberschätzungs- und Übermütigkeits-Quote von 20 % gemessen. Man unterscheidet zwischen

a) der Überschätzung der tatsächlichen Leistung,

b) der Überbewertung der eigenen Leistung im Vergleich zu anderen und

c) der übermäßigen Gewissheit in Bezug auf die Richtigkeit der eigenen Überzeugungen (overprecision).

 

Untersuchungen zeigen, dass das Vertrauen in die eigene Person den Realitätsgehalt und die Genauigkeit systematisch übersteigt. Zudem halten sich Menschen grundsätzlich für besser als andere und besser, als sie wirklich (nachgemessen) sind. So lag bei Experimenten z.B. bei jenen Probanden, die sich bezüglich der Erwartung ihrer Richtigkeit zu 100 % sicher waren, die Fehlerquote bei 20 % anstatt bei 0%. Darüber hinaus konnte der Hang zur Übermütigkeit deutlich nachgewiesen werden. Sobald die Genauigkeit (z.B. bei der Tefferquote)  80% übersteigt, erfolgt das menschliche Handeln sogar unterbewusst. Dann neigen wir dazu, angeblich selbst die Antworten auf komplizierte Probleme zu kennen, was als "Gott-Komplex" bezeichnet wird. Dies lässt sich auch im Alltagssituationen beobachten, wo Menschen mit vollem Selbstbewusstsein Lösungen für komplexe Weltfragen vorschlagen oder Lehrer relativ selbstbewusst darüber urteilen, dass einige Individuen und / oder Gruppen intelligenter seien als andere, was auch zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung führen kann. Der besagten Übermütigkeit stehen Ängste gegenüber, welche die Wahrnehmung und Urteilskraft ebenfalls stark beeinflussen.