Wissen: Wann Paartherapie (noch) nicht sinnvoll ist

Paarproblem versus individuelle Problematik 

Voraussetzung für eine Paartherapie

 

Eine Paartherapie setzt voraus, dass beide Partner...

 

-  grundsätzlich realitätsfähig,

-  affektregulierbar,

-  selbstreflexionsfähig und

-  verantwortungsbereit sind.

 

Das heißt nicht „psychisch gesund“ im engeren Sinn – sondern fähig, zwischen innerem Erleben und äußerer Realität zu unterscheiden und Verantwortung für eigene Reaktionen zu übernehmen.

 

 

Wenn stattdessen vorliegt:

 

-  rigide Moral- oder Beziehungsvorstellungen,

-  übertriebene Eifersucht,

-  massive Überreaktionen,

-  Schwarz-Weiß-Denken,

-  starke Traumatrigger,

-  Persönlichkeitsakzentuierungen (z. B. Borderline-, narzisstische, paranoide Tendenzen) oder

-  eine psychiatrisch relevante Symptomatik,

 

… dann wird die Paartherapie funktional missbraucht:

 

-  als Bühne für Projektionen,

-  als Legitimation für Kontrolle oder

-  als Ort, an dem der andere „endlich einsieht, was er falsch gemacht hat“.

 

In solchen Konstellationen arbeitet nicht das Paar, sondern:

 

-  Ein Partner kämpft mit inneren Dämonen,
-  der andere wird zum emotionalen Container, Erklärer, Beschwichtiger oder „Therapeutenersatz“.

 

Das ist weder fair noch therapeutisch sinnvoll.

 

 

Warum das gemeinsame Setting oft kontraproduktiv ist

Spricht der Paartherapeut individuelle Probleme vor beiden an, fühlt sich der betroffene Teil diagnostiziert, beschämt oder ausgegrenzt – und geht in Widerstand. So etwas kann im Vorfeld getestet werden.

Typische Folgen:

 

-  Defensivität oder Aggression

-  Opfer-Täter-Umkehr

-  Verfestigung der inneren Narrative („Alle sind gegen mich“)

-  Instrumentalisierung des Partners („Sogar der Therapeut sagt…“)

 

Damit wird das Paarsetting toxisch, statt heilend.

 


Einsicht & Einsichtsfähigkeit als Schlüssel

Einsicht und Einsichtsfähigkeit - nicht nur in konkrete Paarprobleme und Ursachen, sondern in individuelle Besonderheiten (wie rigide Moral- oder Beziehungsvorstellungen, übertriebene oder krankhafte Eifersucht, Erinnerung an frühere Vertrauensverluste in der Kindheit / Jugend, starke Traumatrigger, Schwarz-Weiß-Denken, massive Überreaktionen, bestimmte Persönlichkeitsakzentuierungen (z. B. Borderline-, narzisstische, paranoide Tendenzen) oder eine psychiatrisch relevante Symptomatik) sind ganz zentraler Punkte, die es zu betonen und zu untersuchen gilt. 
Infos zum Thema Einsicht / Einsichtsfähigkeit

 

Ohne Einsicht – und Einsichtsfähigkeit – gibt es keine tragfähige Paararbeit. Fehlt diese:

 

-  kann Verantwortung nicht übernommen werden,

-  werden Gefühle absolut gesetzt („Wenn ich es so fühle, ist es so“),

-  wird Realität moralisiert oder verzerrt,

-  entsteht keine gemeinsame Basis.

 

Dann ist Einzelarbeit keine Abwertung, sondern eine Voraussetzung.

 

 

Beispiel


Klassische Beispiel-Situation „Vertrauensbruch“

Partnerin A tanzt auf Karnevalfeier mit einem fremden Mann. Es kommt zum Kennenlernen, zu heftigen Küssen und zu ein paar intimen Telefonaten. Sie bereut dies, hat Schuldgefühle und erzählt ihrem Mann davon. Objektiv betrachtet: Kein sexueller Kontakt, kein Verheimlichen, kein fortgesetzter Betrug, sondern: Grenzüberschreitung + sofortige Offenlegung + massives Schuldgefühl.

 

Die beispielhaft mögliche Reaktion des Partners / der Partnerin: Extreme Affekteskalation, Unfähigkeit zur zeitlichen Verarbeitung, Generalisierung („alles ist zerstört“), moralische Absolutheit, keine Relativierungsfähigkeit.

 

Das deutet weniger auf ein akutes Paarproblem hin,
sondern eher auf alte Bindungs- oder Kränkungsthemen, ggf. Verlust- oder Verlassenheitsängste, rigide Beziehungsideale oder frühere Beziehungstraumata.

 

Die Rolle der Frau: 

-  übermäßiges Schuldgefühl

-  Selbstabwertung („Schwerverbrecherin“)

-  emotionale Unterordnung

 

ggf. sogar informative Einbindung der Kinder und ggf. Loyalitätsverlust.

 

Das System kippt:

- Der Mann wird moralische Instanz, die Frau wird zur Täterfigur, das Kind übernimmt implizit eine Richterrolle.

 

Das ist keine gesunde Paardynamik, sondern ein Macht- und Schuldgefüge, das dringend entlastet werden muss.

Die Realität wird hier stark emotional überzeichnet und moralisch aufgeladen. In einigen Fällen führt dies zu Gaslighting, wodurch ein Partnerteil die Kontrolle verliert und ggf. psychische Schäden davonträgt. 

 

Fazit:

Hier ist individuelle Arbeit notwendig und geboten. Die Reaktionen sind hier bei allen Beteiligten derart stark und unverhältnismäßig , dass sie aktuell jede gemeinsame Arbeit blockieren und von vorne herein zunichte machen würde.

 

 

Warum manchmal Einzelgespräche vor einer Paartherapie sinnvoll sind

Paartherapie ist dann hilfreich, wenn zwei Menschen gemeinsam an ihrer Beziehung arbeiten können. Das setzt voraus, dass beide ihre eigenen Gefühle wahrnehmen, einordnen und regulieren können – und bereit sind, Verantwortung für das eigene Erleben zu übernehmen.

 

In manchen Situationen zeigt sich jedoch im Erstgespräch, dass die aktuellen Konflikte weniger aus der Beziehung selbst entstehen, sondern aus tiefer liegenden individuellen Themen. Dazu können gehören:

 

-  sehr starke emotionale Überreaktionen,

-  alte Verletzungen oder unverarbeitete Erfahrungen,

-  starre Vorstellungen von Beziehung, Treue oder Moral oder

-  innere Ängste, die mit der aktuellen Situation nur teilweise zu tun haben.

 

In solchen Fällen ist eine sofortige Paartherapie oft nicht hilfreich – und manchmal sogar belastend. Denn wenn ein Partner innerlich ständig „Alarm“ erlebt, kann kein ruhiger, gemeinsamer Raum entstehen. Der andere Partner gerät dann leicht in die Rolle eines Erklärers, Beschützers oder „Therapeuten“, was auf Dauer weder fair noch tragfähig ist.

 

Einzelgespräche sind keine Schuldzuweisung und auch kein Zeichen von Schwäche. Im Gegenteil: Sie schaffen die Möglichkeit,

 

-  eigene Reaktionen besser zu verstehen,

-  innere Themen von der aktuellen Beziehung zu trennen und

-  wieder Boden unter den Füßen zu bekommen.

 

Erst wenn beide Partner ihre eigenen Anteile erkennen und regulieren können, wenn der "Alarm" abgeschaltet ist, entsteht eine stabile Grundlage für eine gemeinsame Paararbeit.

 

Besonders relevant...

... ist dies bei übertriebener oder krankhafter Eifersucht. Allgemein ist Eifersucht ein schmerzhaft empfundenes Gefühl, das bei (real existierender oder angenommener) fehlender oder nicht genügender Anerkennung (Aufmerksamkeit, Liebe, Respekt, Zuneigung) entsteht. Zugleich rührt Eifersucht aus der Angst, dass jemand (oder etwas) anderes mehr Zuneigung erhält als man selbst für sich erwartet. Eifersüchtige Menschen sind von der Angst beseelt, dass der Partner jemand anderem mehr Aufmerksamkeit widmet als ihnen.

 

Eifersucht steht in Verbindung mit einem "Besitzanspruch" auf den Anderen. Doch was ist von Besitzansprüchen in der Liebe zu halten. Kann man von Liebe reden, wenn ich Jemanden besitzen will? Will ich im devot masochistischen Sinne selbst von Jemandem besessen werden? Zeigt sich Liebe nicht vielmehr in Großzügigkeit? Kann Liebe durch Besitzanspruch erzwungen werden?

 

Fakt ist, dass Besitzansprüche der Tod jeglicher Liebe und Harmonie sind. Ebenso wenig ist Fakt, dass Besitzdenken und Besitzansprüche  eben kein Liebesbeweis sind. Vielmehr handelt es sich um einen Beziehungskiller par excellence. Hinzu kommt, dass Kontrolle nicht davor schützt, dass der Partner bzw. die Partnerin das Weite sucht. Ganz im Gegenteil: Ein solches Gebaren nimmt anderen "die Luft zum Atmen" und treibt den Partner bzw. die Partnerin daher zur Flucht.

 

Verlustangst nimmt die Freiheit, erzeugt eine Art Gefängnis-Atmosphäre und macht "klein", "hässlich" und "unsexy" - ein Grund, warum Eifersucht Untreue ankurbelt und in diesem Zusammenspiel zu den häufigsten Trennungs- und Scheidungsgründen zählt.

 

Beispiele:

Misstrauische Eifersucht / Antizipatorische Eifersucht / Übertriebene Eifersucht

(von Freud auch "neurotische Eifersucht" genannt z.B. Verdächtigungen, Grübeln, Misstrauen, Argwohn, erhöhte Aufmerksamkeit und Wachsamkeit, Hinterherspionieren, Verhinderung sozialer Kontakte, Einschränkung der Autonomie etc.)

 

Krankhafte Eifersucht / Pathologische Eifersucht

Krankhafte Eifersucht zeigt sich wie folgt:

 

- Täglicher Gedanke an die Untreue des Partners

- Durchsuchen der persönlichen Habseligkeiten des Partners / Suche nach "Beweisen"

- Deutung von bestimmten Verhaltensweisen als vermeintliche Untreue

- Seltenes Alleinlassen des Partners

- Besitzergreifendes Verhalten

- Dem Partner hinterherspionieren

- Ausfragen anderer Personen über Aktivitäten und Aufenthaltsorte des Partners

- Ständige Konfrontation des Partners mit dem Vorwurf der Untreue

- Ständige Kontrolle des Partners

- Tätigen von Kontrollanrufen beim Partner

- Einschränkung der Freiheiten des Partners

- Versuch der Isolation des Partners vom persönlichen sozialen Umfeld

 

Menschen, die krankhaft eifersüchtig sind, reagieren in der Regel heftig. Sie können weder aus ihren Fehlern lernen, noch ihr Verhalten der Situation anpassen. Meist richtet sich ihre Eifersucht auch gegen eine Vielzahl anderer Personen. Dazu kann die Familie des Partners zählen, die Freunde des Partners, die Arbeitskollegen des Partners etc. Begünstigende Faktoren für die Entwicklung "krankhafter Eifersucht" sind vielfältig.

 

Sie reichen von vorausgegangenen Erfahrungen (z.B. Vertrauensmissbrauch in vorangegangenen Beziehungen) über ein gemindertes Selbstwertgefühl bis hin zu einer depressiven Symptomatik. Krankhafter oder pathologischer Eifersucht liegt meist eine tieferliegende Störung zu Grunde, die es zu behandeln gilt.

 

Eifersuchtswahn / Othello Syndrom

Die wahnhafte Überzeugung, vom Partner betrogen und hintergangen zu werden, ist ggf. als Symptom einer Psychose z.B. bei einer paranoiden Schizophrenie, einer wahnhaften Depression oder einer neurologischen Erkrankung) (nach DSM IV: Subtypus der Wahnhaften Störung (DSM-IV: 297.1)

 

Der Eifersuchtswahn zeichnet sich, ähnlich wie auch bei anderen Wahnformen, durch die subjektive Gewissheit aus, dass das Erlebte bzw. Unterstellte genauso so und nicht anders ist. Der wahnhaft Kranke kann auch durch Klärungsversuche nicht von dieser Meinung abgebracht werden, so dass er sich von seiner Fehleinschätzung ebenso wenig distanzieren kann. Derartig ausgeprägte Wahnvorstellungen machen häufig den Einsatz von Medikamenten erforderlich.

 

Eifersucht & Angst

Eifersucht ist auch eine Form der Angst. Dadurch, dass der Partner real oder vermeintlich einer anderen Person mehr Aufmerksamkeit widmet, können - je nach eigener Lebenserfahrung (z.B. erfahrene Verletzungen, Traumata etc.) und nach Grad der Ängstlichkeit - starke Verlustängste aufkommen. Details

 

Bei all diesen Fällen ist keine Paartherapie möglich, ja sogar schadhaft.

 

Vor einer Paartherapie...

muss zuerst die Eifersucht psychologisch bearbeitet werden und zwar ausschließlich in Einzelgesprächen, die folgenden Zweck haben: 

 

- Erkennen der konkreten (eigentlichen) Ursache (z.B. über Psychoanalyse)

- Erkennen negativer Gedanken

- Erlernen der Gedankenstopp-Methode

- Erkennen "bösartiger" Verhaltensmuster und Eifersuchtsattacken

- Bearbeitung und Behebung von Minderwertigkeitskomplexen (Psychotherapie, Coaching)

- Maßnahmen zur Steigerung des Selbstwertgefühls

- Forcierung des eigenen (echten nicht gespielten) Selbstbewusstseins

- Bekämpfung / Verarbeitung von Verlustängsten

- Gewinnen von Sicherheit / Selbstsicherheit

- Erkennen und Verstehen eigener Ängste

- Bekämpfung von Ängsten (z.B. im Umgang mit anderen Menschen oder der Angst,   

  gegen sympathischere, attraktivere und klügere Menschen ausgetauscht zu werden (z.B. durch Glaubenssätze, Coaching)

- Kontrolle des eigenen Verhaltens / Zähmen typischer Eifersuchts-Momente

  (z.B. durch Gedankenstopp-Methode, Gegenwirken über NLP oder ähnliches)

- Psychotherapie bei krankhafter / pathologischer Eifersucht

- Abbau von Misstrauen als therapeutisches Therapieziel (über eine Psychotherapie und Medikamente)

 

Ggf. / bei besonders schweren Fällen:

- Medikamentöse Behandlung bei Misstrauen

- Medikamentöse Behandlung zur Bekämpfung von Aggressivität

- Medikamentöse Behandlung zur Bekämpfung von Ängsten (z.B. Paroxetin)

- Medikamentöse Behandlung zur Bekämpfung emotionaler Störungen