Wenn innere Konflikte unbewusst im Außen erlebt werden
Wenn Andere zum Spiegel eigener Probleme / Belastung werden
Einleitung und Kontext:
Von der selbstwertdienlichen Verzerrung über die Umkehr bis zur
Belastungsspiegelung
Menschen sind grundsätzlich bestrebt, ein positives und stimmiges Bild von sich selbst aufrechtzuerhalten. Gerät dieses Selbstbild durch innere Konflikte, Überforderung, Schuldgefühle oder widersprüchliche Gefühle unter Druck, entwickelt die Psyche häufig unbewusste Strategien, um den Selbstwert zu schützen und psychische Spannungen zu reduzieren.
Dazu gehören unter anderem selbstwertdienliche Verzerrungen, Umdeutungen, Projektionen, die sogenannte "Umkehr" (1:1-Verdrehung von Tatsachen, Täter-Opfer-Umkehrungen sowie Fehlattributionen innerer Zustände.
Eine selbstwertdienliche Verzerrung bedeutet, dass Informationen unbewusst so interpretiert werden, dass sie besser zum eigenen Selbstbild passen. Eigene Fehler oder belastende Gefühle werden relativiert, erklärt oder auf äußere Umstände zurückgeführt. Dadurch entstehen Erklärungen, die sich subjektiv richtig anfühlen, objektiv jedoch nicht zwingend zutreffen müssen.
Ein weiterer Schritt kann in einer Umkehr psychologischer Zusammenhänge bestehen.
Dabei verändert sich nicht nur die Bewertung einer Situation, sondern auch die Zuschreibung von Ursache und Wirkung. Aus dem ursprünglich Belasteten wird der vermeintliche Verursacher der Belastung.
So kann beispielsweise aus dem Gedanken „Ich fühle mich durch meine eigenen Verpflichtungen, meinen Perfektionismus und meine mangelnde Abgrenzung zunehmend überfordert." unbewusst werden: „Meine Frau engt mich ein." Oder aus „Ich kann schlecht Nein sagen." wird „Andere verlangen einfach zu viel von mir." Die tatsächliche Ursache der Belastung tritt dabei zunehmend in den Hintergrund. Stattdessen entsteht ein subjektiv schlüssiges Erklärungsmodell, das den eigenen inneren Konflikt auf eine äußere Person oder Situation verlagert.
In solchen Fällen kann schließlich eine Belastungsspiegelung entstehen: Der Partner, die Eltern, Kinder, Kollegen oder andere Bezugspersonen werden unbewusst zum Spiegel der eigenen inneren Belastung. Eigenschaften oder Verhaltensweisen, die objektiv schon lange bestehen oder sogar positiv gemeint sind, werden plötzlich als einengend, kontrollierend oder belastend erlebt. Nicht weil sich die andere Person wesentlich verändert hat, sondern weil sich die eigene innere Wahrnehmung und Bewertung verändert haben.
Gerade deshalb sollten weitreichende Schlussfolgerungen wie „Das Kind (oder der zu pflegende Angehörige oder das Haustier) ist eine Belastung" oder "Ich liebe meinen Partner nicht mehr.", „Unsere Beziehung ist das Problem." oder „Nur eine Trennung kann mich wieder glücklich machen." sorgfältig hinterfragt werden.
Sie können Ausdruck einer realen Belastung, Überforderung oder Beziehungskrise sein, können jedoch ebenso Ausdruck eines psychischen Prozesses sein, bei dem innere Konflikte, Überforderung oder ungelöste biografische Themen unbewusst nach außen verlagert werden.
Stufenmodell
Innere Belastung
↓
Selbstwertbedrohung
↓
Selbstwertdienliche Verzerrung
↓
Umdeutung / Umkehr der Zusammenhänge
↓
Fehlattribution (falsche Ursachenzuschreibung)
↓
Belastungsspiegelung
Zur hiesigen Hauptthematik: Worum geht es bei der Belastungsspiegelung?
Belastungsspiegelung beschreibt einen psychologischen Prozess, bei dem Menschen ihre eigenen inneren Belastungs-, Überforderungs- oder Freiheitskonflikte unbewusst zunehmend im Verhalten anderer oder ihrer sonstigen Umwelt wiederzufinden glauben.
Hier werden innere Belastungszustände z.B. unbewusst einer Person zugeschrieben, die symbolisch für den belastenden Lebensbereich steht. So wird in einer Beziehung bzw. Ehe dann z.B. der Partner dann nur ein möglicher "Belastungsträger".
Belastungsspiegelungen stellen eine mögliche psychologische Erklärung dar, wenn Menschen plötzlich und ohne erkennbare äußere Veränderungen beginnen, einzelne Personen oder Beziehungen als Hauptursache ihres Leidens zu erleben.
Bei der Belastungsspiegelung, die letztendlich eine Spiegelung des eigenen Selbst bzw. der eigenen Probleme / Belastungen darstellt, erleben Menschen einen (zumeist problematischen und belastenden) inneren psychischen Zustand und schreiben dessen Ursache unbewusst ihrer Umwelt z.B. einer ihnen nahestehenden Person zu, obwohl diese Ursache ganz oder überwiegend in ihnen selbst liegt. Der Andere z.B. der Partner wird dabei weniger als eigenständige Person erlebt als vielmehr zum Spiegel des eigenen inneren Zustands.
Andere mögliche Bezeichnungen dafür sind: Belastungsprojektion, Fehlspiegelung, Belastungsattribution, Beziehungsbezogene Fehlattribution, Letztendlich geht es um die subjektive Ursachenzuschreibung innerer Belastungszustände bzw. um die Beziehungsspiegelung innerer Probleme und Belastungen.
Unterschied zur "Projektion"
Projektion ist ein unbewusster Abwehrmechanismus, bei dem Menschen eigene Gefühle, Wünsche, Motive, Eigenschaften oder Konflikte, die sie bei sich selbst nicht wahrnehmen, akzeptieren oder zulassen können, anderen Menschen zuschreiben.
Kurz gesagt: Das, was eigentlich in mir ist, nehme ich beim anderen wahr. Der Betroffene erlebt dies nicht als Zuschreibung, sondern ist überzeugt, dass die Eigenschaft tatsächlich beim anderen liegt.
Beispiel 1: Eigene Aggression
Ein Mann ist selbst sehr wütend auf seinen Kollegen. Da Wut für ihn jedoch nicht zu seinem Selbstbild passt, erlebt er stattdessen: „Mein Kollege ist ständig aggressiv." Die eigene Aggression wird unbewusst beim anderen wahrgenommen.
Beispiel 2: Eifersucht
Jemand entwickelt selbst Interesse an einer anderen Person. Anstatt dies bei sich wahrzunehmen, entsteht plötzlich die Überzeugung: „Mein Partner interessiert sich bestimmt für jemand anderen."
Beispiel 3: Kontrollbedürfnis
Eine Person möchte selbst alles bestimmen. Sie erlebt stattdessen: „Alle anderen wollen mich kontrollieren."
Was wird projiziert? Nicht nur Eigenschaften. Auch Wünsche, Ängste, Schuldgefühle, Minderwertigkeitsgefühle, Scham, Feindseligkeit, Abhängigkeit, Unsicherheit, können auf andere projiziert werden. Nun zum Unterschied: Bei einer Projektion werden eigene Eigenschaften oder Impulse auf andere übertragen.
Die hier beschriebene Problematik unterscheidet sich von einer klassischen Projektion dadurch, dass hier Folgendes passiert: Ein inneres Belastungsgefühl sucht nach einer plausiblen Erklärung. Das Gehirn beantwortet dann die Frage: "Warum fühle ich mich so?" mit "Wegen anderen" z.B. "Wegen der Person, die mir am Vertrautesten ist, in mein Leben am meisten involviert ist und mich quasi selbst spiegelt, weil sie mich (sogar noch) unterstützt ". Kurzum: "Wegen meines Partners." Dies, obwohl die eigentliche Ursache möglicherweise ein jahrelang aufgebautes System aus Selbstüberforderung, Funktionsorientierung, Anpassung und mangelnder Abgrenzung ist.
Bei einer Belastungsspiegelung ist der Prozess anders. Hier erlebt z.B. ein Partner selbst verursachten inneren Druck, Überforderung, Verpflichtungen und damit verbundenen Freiheitsverlust - und sucht dafür eine Ursache. Diese Ursache findet sein Gehirn schließlich in seiner Frau bzw. in der Partnerschaft.
Das ist etwas anderes. Im Gegensatz zur klassischen Projektion wird hier nicht eine eigene Eigenschaft übertragen: vielmehr wird die Ursache des eigenen inneren Erlebens im Außen gesucht (Externalisierung). Es kommt zu einer Fehlzuschreibung (Fehlattribution). Die eigene Belastung wird lediglich über eine andere Person gespiegelt. Die Ursachenzuschreibung erfolgt
symbolisch. Es geht um einen Mechanismus der unbewussten Ursachenzuschreibung eigener innerer Zustände.
Projektion
Belastungsspiegelung
Eigene Eigenschaften Eigene Belastungszustände werden unbewusst
werden anderen zugeschrieben mit einer anderen Person oder Beziehung verknüpft
„Er ist aggressiv." „Durch meine Frau fühle ich mich eingeengt."
„Sie ist eifersüchtig." „Meine Ehe nimmt mir meine Freiheit."
Inhalt wird projiziert Ursache wird verschoben bzw. fehlattribuiert.
Beispiele
Ob in Partnerschaften, Eltern-Kind-Beziehungen oder im Berufsleben, ob im Vereinsleben, im Zusammenleben mut einem Haustier oder bei der Pflege von Angehören. Überall scheint derselbe Mechanismus möglich zu sein. Nachfolgend einige Beispiele für die Problematik:
1. Eltern-Kind-Beziehungen
Ein Jugendlicher erlebt seine gesamte Lebenssituation (Leistungsdruck, Schule, Verbote, Zukunftsängste, Pubertät,
Identitätssuche) als einengend. Hier stehen dann die Eltern symbolisch für Regeln, Grenzen und Verantwortung. Unbewusst entsteht der Gedanke: „Meine Eltern engen mich ein."
Objektiv mögen die Eltern vielleicht sogar ausgesprochen verständnisvoll sein. Der eigentliche Druck stammt möglicherweise überwiegend aus dem Jugendlichen selbst oder aus seinem gesamten Lebenskontext.
2. Umgekehrt: Eltern gegenüber Kindern
Eine Mutter oder ein Vater fühlt sich beispielsweise erschöpft, überfordert, ständig verantwortlich und ohne Freiräume. Hier wird das Kind dann ggf. zunehmend als Ursache erlebt.
Sätze wie „Seit wir Kinder haben, bin ich nicht mehr ich selbst." oder „Wegen der Kinder komme ich zu nichts mehr."
können teilweise zutreffen. Sie können aber auch Ausdruck eines wesentlich komplexeren inneren Konflikts sein.
Denn: Nicht das Kind ist das Problem, sondern das eigene Erleben von Verantwortung, Perfektionismus oder fehlender Selbstfürsorge.
3. Beruf
Ein Mensch erlebt permanenten Druck. Er sagt z.B. :„Mein Chef macht mich krank." Der Chef mag schwierig sein, doch genauso denkbar ist aber, dass der Betroffene nie "Nein" sagt, ständig Überstunden macht, immer perfekt sein möchte und
alles widerspruchslos übernimmt. Hier wird der Chef wird dann zum Symbol der eigenen Überforderung.
4. Schule
Ein Schüler sagt: „Mein Lehrer hasst mich." Manchmal stimmt das vielleicht. Manchmal spiegelt sich darin aber auch Prüfungsangst, Versagensängste oder ein geringes Selbstwertgefühl.
5. Pflege von Angehörigen
Ein Mensch pflegt jahrelang seine Mutter. Mit der Zeit entstehen Erschöpfung, Freiheitsverlust und ggf. Schuldgefühle.
Unbewusst richtet sich der Ärger gegen die Mutter, obwohl der eigentliche Konflikt zwischen Pflichtgefühl und eigenem Autonomiebedürfnis besteht.
6. Freundschaften
Ein Freund wird plötzlich als anstrengend, fordernd und vereinnahmend erlebt. Objektiv hat sich kaum etwas verändert.
Verändert hat sich vielmehr die eigene Belastbarkeit.
Belastungsspiegelungen stellen eine mögliche psychologische Erklärung dar, wenn Menschen plötzlich und ohne erkennbare äußere Veränderungen beginnen, einzelne Personen oder Beziehungen als Hauptursache ihres Leidens zu erleben. Ob dies tatsächlich zutrifft, muss im Einzelfall sorgfältig geprüft werden. Tatsächliche Belastungen, problematische Beziehungsmuster oder Grenzverletzungen dürfen dadurch nicht bagatellisiert werden.
Gerade diese Differenzierung macht Idas besagte Modell stark: Es erweitert den Blick, ohne vorschnelle Diagnosen zu stellen, lädt zur Selbstreflexion ein und verhindert zugleich, dass berechtigte Kritik an real belastenden Beziehungen pauschal als "Projektion" oder "Spiegelung" abgetan wird.
7. Partnerschaften
Ein Ehemann erlebt z.B. das Interesse, die Liebe und die Fürsorge seiner Frau als Einmischung und Einengung, weil sich er sich selbst in alles "einmischt" bzw. überall engagiert und sich einengt (Termine, Verpflichtungsgefühl, nicht "Nein sagen" können, anderen alles recht machen wollen).
Dessen innere Belastungszustände und das Unvermögen einfach mal "Nein" zu sagen. schreibt er unbewusst seiner Frau zu, die aufgrund seines Zeitmangels und seiner Erschöpfung in der Beziehung / Ehe "zu kurz" kommt, was ihm dann ein zusätzliches Problem (z.B. ein schlechtes Gewissen) bereitet und ihn belastet.
Anstatt sich selbst und sein Verhalten zu ändern bzw. eine entsprechende Therapie zu machen, erachtet er dann seine Frau symbolisch für seine Belastungen, das auf eigenem Verhalten bzw. auf eigenem Unvermögen basiert. Seine Partner wird dann zum "Belastungsträger".
Wenn innere Belastungen unbewusst dem Partner zugeschrieben werden
In Beziehungen kommt es manchmal zu Beziehungskrisen aufgrund einer fehlerhaften Selbst- und Fremdwahrnehmung, die dazu führt, dass der jeweilige Partner als Problem gesehen wird. Doch nicht der Partner ist das Problem – sondern das, wofür dieser unbewusst steht. Auch wenn Gefühle abnehmen oder gar in Aversionen münden oder wenn Partnerschaft und Liebe plötzlich wie eine Verpflichtung wirkt, kann dahinter die Psychologie symbolischer Belastungsübertragung liegen.
Dabei wird der innere Druck zur vermeintlichen Beziehungskrise. Dabei geht es nicht um die wirkliche bzw. reale Belastung in einer Beziehung oder eine ggf. übertriebene Wahrnehmung, sondern darum dass der Partner als Symbol des gesamten bisherigen Lebens erlebt wird.
Beispiel: Wenn eine Person unter starken Zwängen, Ängsten oder Belastungen steht, ein ggf. übertriebenes Verantwortungsbewusstsein und / oder Verpflichtungsgefühl hat, versucht, immer und ständig zu funktionieren, sich überaus stark anpasst, nicht oder nur schwer "Nein" sagen kann und sich selbst ständig unter Druck setzt bzw. unter Druck gesetzt fühlt, wird genau dies, was einen selbst belastet, externalisiert - und dem Partner zugeschrieben.
Das führt dazu, dass der Partner als Druckmacher erlebt wird. Die Betroffenen versuchen sich von diesem Druck zu befreien. Nicht, indem sie an sich selbst arbeiten und den eigenen Druck rausnehmen, sondern indem sie sich von ihrem Partner distanzieren und vor dem vermeintlichen "Druck" des Partners flüchten. Ggf. entsteht Sehnsucht nach einer Trennung.
Doch die Sehnsucht nach einer Trennung vom Partner ist letztendlich die Sehnsucht nach einer Trennung von seinem bisherigen Selbst. Das ist ein entscheidender Unterschied. Dahinter steckt die Selbstspiegelung: Der Betroffene glaubt, den Partner wahrzunehmen, begegnet aber in Wirklichkeit (zumindest teilweise) seinen eigenen inneren Konflikten. Der Partner wird zum Spiegel der eigenen inneren Belastung (Belastungsspiegelung). Der innere Belastungszustand spiegelt sich scheinbar im Außen wider. Der Partner wird zum falschen Spiegel der eigenen inneren Situation.