Wissen: Wahrnehmungsfehler / Beurteilungsfehler

Sich täuschen, täuschen und getäuscht werden

Einleitung: Wahrnehmung

Wahrnehmung ist die (bewusste oder unbewusste) Aufnahme von Reizen (Informationen / Umwelt-Eindrücke) und deren Verarbeitung im Gehirn, wobei die mit Hilfe unserer Sinnesorgane (bewusst oder unbewusst) aufgenommenen Informationen mit bereits vorhandenen, abgespeicherten Daten (Erinnerungen) verglichen bzw.  abgeglichen werden, woraus sich durch kreative Denkprozesse Veränderungen und eine eigene Realität formt.

 

Mit Hilfe unserer Vorstellungskraft (Phantasie) machen wir uns (durch Kombination vergangener Vorstellungen und Erfahrungen) ein eigenes, ganz individuelles Bild von einer Person, einer Sache oder einem Zustand. Dieses Bild ist jedoch zumeist weit ab von jeglicher Objektivität. Es ist quasi ein Phantasie-Produkt unseres Gehirns und basiert auf unzähligen Denkfehlern, die bewusst oder unbewusst erfolgen. 

 

Je intelligenter und kreativer wir sind, desto kreativer, umfangreicher und interpretierter ist unsere Vorstellung, desto höher die Abweichung. Sowohl während des Beobachtungsvorgangs als auch bei der Verarbeitung der wahrgenommenen Informationen unterliegen wir unzähligen Fehlern. Auf diesen Fehlern basieren dann unsere weiteren Beobachtungen sowie unsere Beurteilungen und Entscheidungen.

 

Hinzu kommt die Erkenntnis, dass wir bei der Informationsverarbeitung auf bereits vorhandene Informationen (Daten) im Gehirn zurückgreifen, wobei dieser Prozess überwiegend intuitiv und unbewusst erfolgt. Nachfolgend sollen die Beobachtungs-, Wahrnehmungs- und Beurteilungsfehler sowie deren Wirkung (Täuschungseffekte) und Zusammenhänge dargestellt werden.

 

Einige dieser Fehler und Effekte haben ihre Ursache bereits in der Art und Weise der Beobachtung (Beobachtungsfehler), andere entstehen aufgrund von Denkprozessen im Gehirn (z.B. Perpetuierende Wahrnehmung). Einige Fehler und Effekte wirken persönlichkeitsbedingt (Persönlichkeitspsychologie), andere entstehen durch den (direkten oder indirekten) Einfluss anderer Menschen (Sozialer Einfluss / Sozialpsychologie) - sogar durch die reine Anwesenheit anderer Menschen oder lediglich durch die Vorstellung, das andere etwas mitbekommen.

 

Einige Fehler und Effekte basieren auf Störungen und Krankheiten (z.B. Schizophrenie / Wahn / Wahnstörung / Paranoia etc.). Auf diese soll hier jedoch nicht näher eingegangen werden. Während es Fehler und Effekte gibt, die auf Manipulationen von außen (z.B. Priming, Framing, RhetorikUmkehr-Rhetorikpersuasive Kommunikation etc.) entstehen, wirken andere (die meisten) Wahrnehmungsfehler und Effekte hingegen immer und automatisch: Sie betreffen jeden Menschen.

 

Viele Fehler basieren auf unserer eigenen Persönlichkeit und unseren Einstellungen, Erfahrungen, Wünschen, Erwartungen und Bedürfnissen (z.B. Projektionsfehler, Erwartungsfehler). Einige verzerren die sinnliche Wahrnehmung an sich, andere verfälschen unsere Beurteilung (z.B. durch verschiedene Effekte und/oder falsche Maßstäbe).

 

Einige Fehler kommen von innen - aus uns selbst - heraus, andere entstehen durch externe Einflüsse oder durch Kombination mehrerer unterschiedlicher Sinnesreize. Einige Effekte wirken wie eine Droge: Sie lassen uns selbst die schlechtesten Dinge durch die "rosarote Brille" in einem guten Licht sehen. Umgekehrt führen sie ggf. dazu, dass wir das, was uns eigentlich zuträglich ist und uns weiterbringt, nicht mehr sehen können. Sie machen uns regelrecht blind und hindern uns daran, uns zu verändern, so dass wir beim Alten bleiben oder zum Alten zurückkehren, obwohl wir davon vielleicht eigentlich "die Nase voll" haben.  

 

Neben der sensitiven Beeinflussung der Sinne an sich, gibt es Täuschungen durch die Sinne sowie Täuschungen ohne die Sinne im klassischen Sinn. Täuschungen der Wahrnehmung können auch chemische bzw. biochemische Ursachen haben (z.B. Veränderung des Hirnstoffwechsels), aber auch von ganz allein erfolgen.

 

Einige Fehler täuschen komplett, andere beeinflussen lediglich die Tendenz, die Richtung und die Güte der jeweiligen Beurteilung und Entscheidung. Aber auch das reicht aus, um unser Leben in die ein oder andere Richtung zu steuern. Manchmal ist das eine Richtung, in die wir eigentlich gar nicht wollen z.B. weil sie uns in Wirklichkeit nicht zuträglich ist.

 

Beobachtungs-, Wahrnehmungs- und Beurteilungsfehler wirken zumeist völlig unbewusst, können aber auch bewusst und gezielt mit manipulativer Wirkung eingesetzt werden. Wie auch immer: Sie wirken zumeist sehr stark und nachhaltig. Zudem sind sie oftmals miteinander verzahnt und bauen aufeinander auf. 

 

Beobachtungs-, Beurteilungs- und Wahrnehmungsfehlern liegen die unterschiedlichsten Theorien und Ansätze zugrunde, die in den unterschiedlichen Fachgebieten (z.B. Sozialpsychologie, Persönlichkeitspsychologie, Kommunikationspsychologie usw.) unterschiedlich (und teilweise leider recht einseitig) abgehandelt, untersucht und erforscht werden.

 

Während der eine Bereich eher die Sinne bzw. die rein sinnliche Wahrnehmung in den Vordergrund stellt, spielt in anderen Bereichen wie der Sozialpsychologie eher die Beeinflussungen durch Menschen bzw. "das soziale Umfeld" bzw. den "sozialen Kontext" eine Rolle. In anderen Bereichen steht das Gehirn (inklusive neuronaler Denkprozesse und der Gehirn-Chemie) im Vordergrund. Veraltete - mittlerweile längst überholte - Ansätze beschäftigen sich immer noch mit unseren klassischen Sinnesorganen an sich, weniger aber mit den eigentlich entscheidenden Denkprozessen.

 

Neben Fehlern, die durch Sinnestäuschungen oder externe Einflussnahme erfolgen, basieren viele Beurteilungs- und Wahrnehmungsfehler auf Basis von Fehlern bezüglich der reinen Beobachtung oder auf der Art, etwas zu messen oder richtig zuzuordnen, etwas einzuschätzen und zu bewerten. Ebenso gibt es Wahrnehmungs- und Beurteilungsfehler, die von innen heraus erfolgen: Sie basieren auch auf der Art und Weise, Informationen zu selektieren, zu erkennen, zu verdrängen, zu übersehen, Informationen zuzuordnen, einzuordnen, zu gruppieren, zu klassifizieren, zu verarbeiten, zu entschlüsseln, zu übersetzen, zu interpretieren, zu verzerren oder zu verdrehen.

 

Manchmal entspringen diese Fehler bestimmten Beobachtungs- und/oder Denk-Schemata, manchmal unseren Erwartungen oder unserem Glauben z.B. dem Glauben an die eigene Überlegenheit. Manchmal entspringen sie aber auch unserer eigenen Kreativität und Vorstellungskraft (Phantasie). Dann entsteht ein regelrechtes kreativ geformtes, selbst konstruiertes eigenständiges Phantasiebild.

 

Auch kann die Beeinflussung aus einem selbst heraus durchaus bewusst erfolgen (z.B. Selbstbeeinflussung z.B. durch Glaubenssätze, Selbsthypnose, autogenes Training etc.). Die meisten Fehler entstehen jedoch unbewusst, allein deshalb schon, weil der überwiegende Anteil unserer Beurteilungs- und Entscheidungsprozesse rein intuitiv und unbewusst (Mentale Intuition) erfolgt, wobei auch unser Motiv- und Emotionssystem im Gehirn eine deutliche Rolle spielt. 

 

Sie verfälschen sowohl unsere Beobachtung, als auch die Verarbeitung von Reizen / Informationen und unsere Urteilsfindung, die sie mitbestimmen, ohne dass wir es selbst mitbekommen. Auch unabhängig von konkreten Beobachtungen und persönlichkeitsbedingten Beurteilungsfehlern unterliegen wir Denkfehlern.

 

Die jeweiligen Erkenntnisse über diese Fehler und Täuschungen werden in völlig unterschiedlichen Bereichen genutzt (z.B. Kommunikation, Werbung, Marketing, Erziehung, Personalwesen, Entscheidungsfindung, klinische Psychologie, Psychiatrie etc.).

 

Eine überdimensionale Zusammenfassung der unterschiedlichen Forschungsergebnisse aus verschiedenen Forschungsbereichen gibt es bislang noch nicht. Dies soll hier nachgeholt werden. Nachfolgend soll auszugsweise ein Querschnitt aufgezeigt werden und - sofern möglich - auch mögliche Einflüsse sowie die Verzahnung ineinander und miteinander. Die Fehler / Effekte wurden in einzelnen Rubriken gegliedert. Diese sind jedoch nicht unabhängig voneinander: in vielen Punkten gibt es eine Verzahnung.

(Andreas Köhler)

 

Die Einteilung der Wahrnehmungsfehler erfolgt hier in folgende Rubriken:

 

01.    Täuschungen auf Basis der Sinne

02.    Kognitive Fehler (inklusive Wahrnehmungsfehler aufgrund von Emotionen)  

03.    Selbsttäuschungen

04.    Phantasie- und Erwartungsfehler

05.    Beobachtungsfehler

06.    Kommunikationsbasierte Wahrnehmungsfehler & Interpretationsfehler

07a.  Beeinflussung durch sozialen Einfluss (extern)

07b.  Beeinflussung durch soziale Wahrnehmung (intern)

08.    Wahrnehmungsfehler aufgrund der psychischen Verfassung (oder einer Persönlichkeitsstörung)

09.    Wahrnehmungsfehler mit (bewusstem / unbewusstem) Manipulationseffekt

1. Täuschungen auf Basis der Sinne  (im Abgleich zum Denken)

Beeinflussungen der visuellen Wahrnehmung (generelle visuelle Beeinflussung)

Die visuelle Wahrnehmung bezieht sich auf das Sehen bzw. das Erfassen von Objekten auf Grund der Reizung durch Lichtstrahlen, die von den Objekten ausgesandt, gebeugt oder reflektiert werden über das Auge. Alles, was wir sehen, nehmen wir durch die Eigenschaften unseres visuellen Systems gefiltert wahr, was nicht nur für das Sehen allein, sondern auch für das Hören, den Tastsinn, das Schmecken und das Riechen gilt.

 

Was wir sehen, ordnen wir Zusammenhängen zu und interpretieren es so wie es gelernte bzw. erfahrene Zusammenhänge zulassen oder geradewegs erzwingen. Somit sieht jeder nur das, was er sehen will und erkennt in dem Gesehenen nur das, was er zwangsläufig erkennen muss, was aber ggf. in keinem unmittelbaren Zusammenhang mit der Realität steht oder sogar manipulativ zum Zwecke der Täuschung, der Erinnerung oder einer unmittelbaren Handlungsentscheidung (z.B. Kauf) bewegen soll.

 

 

Optische Täuschung (Visuelle Illusion)

Darunter versteht man eine Wahrnehmungstäuschung, die im Vergleich zu anderen Wahrnehmungsfehlern, die zum Beispiel das Denken betreffen, bereits den Seh-Sinn selbst betrifft. Bestimmte Farben, Licht und Muster führen zu unterschiedlichsten Illusionen z.B. zu Tiefenillusionen, Farbillusionen, geometrischen Illusionen, Bewegungsillusionen. Dadurch sehen wir etwas anderes, als tatsächlich vorhanden ist, interpretieren Längen und Größen falsch und sehen Bewegungen, wo sich in Wahrheit nichts bewegt.

 

Wir alle kennen z.B. das Phänomen, dass uns der Mond manchmal extrem groß und dann wieder kleiner vorkommt. Optische Illusionen wie die Mondtäuschung sind, wie der Wahrnehmungsforscher David Eagleman vom Bayor College of Medicine in Houston es beschreibt „ein Fenster in die Welt des Sehens“ und können nahezu alle Aspekte des Sehens betreffen. Die Vielzahl der "visuellen Ausrutscher" stellt die wissenschaftlichen Theorien über den Sehsinn auf einen harten Prüfstand.

 

Im Gegensatz zu Wahrnehmungsfehlern, die allein unser Denken betreffen, scheint (der allgemeinen Auffassung nach) hier bereits das Sehsystem falsche Annahmen zu treffen, welche über die Möglichkeiten des Sehreizes hinausgehen. Was vielleicht erst einmal wie eine enthüllte Fehlfunktion unseres Sehsystems erscheint, kann - anders herum betrachtet - aber auch als eine Anpassung des Sehens an die jeweilige Umgebung angesehen werden, die unter bestimmten Bedingungen und Umständen zu Fehlfunktionen führt.

 

Obwohl sich alle Untersuchungen im Hinblick auf optische Täuschungen bzw. Visuelle Illusionen zumeist auf den Seh-Sinn beziehen, spielen letztendlich aber auch klassische Interpretationsfehler bzw. Denkfehler eine entscheidende Rolle: Wie wir Dinge und Zusammenhänge wahrnehmen, hängt nämlich nicht zuletzt von der Fähigkeit unseres Gehirns ab, die mittels unserer Augen erfassten Informationen zu verarbeiten.

 

Eine wichtige Rolle spielt dabei unsere Erfahrung und entsprechende Erinnerungen. Das Gehirn merkt sich Objekte, die sich ähneln, ebenso Zusammenhänge und Relationen, vergleicht sie und ordnet diese entsprechend zu. Wir lernen, ähnliche Gegenstände miteinander in Verbindung zu bringen und dadurch zu erkennen, was wir sehen, in welcher Relation das Gesehene zu anderen Dingen und Umständen steht und wie das Gesehene zu werten ist.

 

Bereits die Aufnahme von Informationen bzw. die Art und Weise, wie wir Informationen erfassen, hängt von verschiedenen Umständen ab. Dazu gehört z.B. die jeweilige Perspektive des Betrachters (Perspektivische Täuschung). Nachfolgend

werden die einzelnen vom Auge eingefangenen Informationen an das Gehirn weitergeleitet, wobei unser Gehirn versucht, diese in ein dreidimensionales Bild zu verwandeln, allein schon um sich unserer realen räumlichen Welt entsprechend logisch anzupassen. Manchmal passt jedoch diese Logik nicht (bzw. nicht mehr) und die Strategie unseres Gehirns geht nicht auf.

 

Beispiel: Gegenstände, die sich in der Ferne befinden, wirken logischerweise kleiner. Das führt aufgrund unserer Erfahrung und Erinnerung aber zugleich dazu, dass Gegenstände, die nur so wirken, als würden sie sich scheinbar in der Ferne befinden, genau so wahrgenommen werden. Wer einmal erfahren bzw. gelernt hat, dass man sich bei schiefen Bodenflächen entsprechen schief fortbewegen muss, läuft auch dann schief, wenn lediglich die Einrichtung (bzw. Muster und Farbgebung) des Raumes ein Gefühl der Schiefe vermitteln, obwohl der Boden selbst und vielleicht sogar der ganze Raum völlig gerade bzw. eben ist.

 

Stets versucht unser Gehirn, sich an vorangegangene Erfahrungen bzw. an bereits Gelerntes zu erinnern, Verbindungen herzustellen und daraus ein Bild zu konstruieren, hier z.B. ein räumliches Bild. Dabei können - wie die Beispiele aufzeigen - uns unsere Sinne aber auch in die Irre geführt werden. Das Gehirn geht lieber "auf Nummer sicher", bevor wir z.B. abrutschen oder vielleicht von einem zu nahen Gegenstand, ggf. auch vom Mond, erschlagen werden.

 

So können bei optischen Täuschungen z.B. gleich große Gegenstände unterschiedlich groß wirken, gleiche Farben wesentlich heller oder dunkler erscheinen, während z.B. gerade Linien schief wirken. Das Besondere dabei ist, dass wir von der Richtigkeit unserer Einschätzung absolut überzeugt sind und unsere Annahme zur Realität mutiert. Manchmal sehen wir sogar Dinge, die überhaupt nicht da sind.

 

Derartige Illusionen entstehen nicht nur zufällig: Durch Verwendung bestimmter Farben, Licht und Mustern können sie auch bewusst geplant erzeugt werden z.B. als manipulative Täuschung in Produktdesign, Werbung und Marketing oder als reine Kunstform, die der Verwirrung oder Belustigung dient. Eine dieser Täuschungen ist z.B. die Poggendorff-Täuschung. 

 

 

Optische Täuschung (Visuelle Illusion) / Poggendorff-Täuschung

Die Poggendorff-Täuschung, benannt nach Johann Christian Poggendorff, der das Phänomen 1860 erstmals beschrieb, ist eine optische Täuschung, die auf der Wahrnehmung des Zusammenspiels zwischen diagonalen Linien und horizontalen bzw. vertikalen Kanten basiert.

 

 

Hier einige weitere Beispiele zum Thema Visuelle Illusionen:
7 Best Optical Illusions of All Time (YouTube)

Top 100 Funny Optical Illusions Video (YouTube

 

 

Visuelle Illusionen: Perspektivische Täuschung

Die perspektivische Täuschung erfolgt z.B. bei der optischen Betrachtung von Personen und Gegenständen. Abhängig vom Standort, vom Blickwinkel und der Umgebung ändert sich unsere Wahrnehmung. Je nachdem, wo wir gerade stehen, empfinden wir z.B. Personen und/oder Gegenstände als "groß" oder "klein".

 

So gibt es z.B. Menschen, die z.B. einen Kollegen als großen Mann mit vollem Haar erleben, während andere einen eher kleinen Glatzen- bzw. Tonsur-Träger sehen. Perspektivische Täuschungen werden auch bewusst bzw. geplant eingesetzt z.B. im Foto- und Filmbereich z.B. im Hinblick auf die Kamera-Perspektive. 

 

 

Obwohl sich die klassische Perspektivische Täuschung tatsächlich auf rein optische Täuschungsprozesse bezieht, sollen bereits an dieser Stelle schon Täuschungen erwähnt werden, die sich ebenso auf die jeweilige Perspektive beziehen, sich aber über rein innere Denkprozesse die Wertung von Sachverhalten betreffen (z.B.: einfach/schwierig, sympathisch/unsympathisch, schön/hässlich, halb voll/halb leer usw.).

 

So wagen wir uns z.B. nicht an manche Aufgaben heran, weil die Lösung schwierig ist, sondern nur, weil uns die Lösung aus der aktuellen Perspektive heraus, schwer erscheint. Folglich: "Um klar zu sehen, genügt oft eine. Veränderung des Blickwinkels." (Antoine De Saint Exupery). oder „Nicht weil die Lösung schwierig ist, wagen wir sie nicht, sondern weil wir sie nicht wagen, ist sie schwierig.“ (Seneca). Derartige Formen der Täuschung werden jedoch unter anderen  Wahrnehmungsfehlern näher erörtert. 

 

 

Monstergesicht-Effekt / Flashed Face Distortion Effect

Bei diesem Effekt werden aus normalen Alltagsgesichtern gruselige Monster-Fratzen. Der Effekt wirkt wie der Anstarr-Effekt nur beim Fixieren. Hier betrifft es jedoch nicht das Anstarren der Gesichter selbst: Der Effekt wirkt beim Anstarren des Mittelpunkts zwischen zwei Reihen von Gesichtern, die jeweils nacheinander eingeblendet werden. Nachfolgend ein Beispiel. Es wird jedoch um Vorsicht gebeten, da das Experiment bei vorbelasteten Betrachtern psychotische Zustände und Angstzustände auslösen kann: Shocking illusion (YouTube) 

 

Was passiert? Beim Monstergesicht-Effekt wird das Gesichtsverarbeitungssystem, das auf unserem intuitiven Gesichtserkennungssystem im Gehirn basiert, durch schnell wechselnde Bilder in die Irre geführt. Obgleich es sich bei den gezeigten Portraits um ganz normal alltägliche Gesichter handelt, meint der Betrachter, grotesk verzerrte Fratzen, ja regelrechte Ungeheuer vor sich zu haben. Unser intuitives Gesichtserkennungssystem wird hier überfordert.

 

Wenn wir überfordert werden, versuchen wir uns selbst zu schützen. Weil wir die Gesichter bzw. die Personen, die wir sehen aufgrund der Geschwindigkeit und der Masse nicht so schnell einschätzen können, teilt uns unser Gehirn vorsorglich mit, dass es sich um unangenehme bzw. gefährliche, ja sogar besonders gefährliche Menschen handelt. Unser archaischer Selbstschutz-Mechanismus will quasi bewirken, dass wir sofort fliehen oder uns zur Wehr setzen.

 

Je unangenehmer die Bilder wirken, desto höher ist dieser Selbstschutz-Effekt aus der Steinzeit in uns aktiv bzw. desto mehr ist unsere Gehirn beim empathischen Versuch, unsere Gegenüber zu scannen, überlastet. Nach Andreas Köhler bedeutet dies zugleich: Je stressiger die Eindrücke von Menschen (die wir zuerst an Gesichtern zu erkennen versuchen) sind (z.B. Menschenansammlungen), desto geringer die Chance, dass sie als sympathisch und vertrauenswürdig eingestuft werden.

 

Gut besuchte Messen stellen folglich nicht das beste Umfeld für nachhaltig positive Kontaktanbahnungen dar. Umgekehrt kann ein solches Experiment zugleich Hinweise auf die empathischen Fähigkeiten (Empathie) von Menschen geben. Die Vermutung: Je empathischer eine Person ist, desto mehr ist ihr Gehirn bemüht, Gesichter zu scannen. Ebenso: Je sensibler ein Mensch auf die  Gesichtserkennung bzw. den Versuch der Gesichtserkennung reagiert, desto höher die Empathie.

 

Zugleich gibt es folgende Hypothese: Je stärker die "Monsterwahrnehmung" bzw. die Überreaktion auf die unkorrekte Gesichtserkennung, desto höher die Sensibilität oder (alternativ) schlechter die psychische Konstitution und Anfälligkeit für Überreaktionen. Andreas Köhler strebt diesbezüglich ein konkretes Experiment und einen Vergleichsgruppen-Versuch mit autistischen Menschen an.

 

     

Kognitive Perspektivische Täuschung aufgrund der Grundhaltung

Obwohl sich die klassische Perspektivische Täuschung (s.o.) tatsächlich auf rein visuelle bzw. optische Täuschungsprozesse bezieht, sollen bereits an dieser Stelle bereits Täuschungen erwähnt werden, die sich zwar auch auf die jeweilige Perspektive beziehen, über rein innere Denkprozesse jedoch die Wertung von Sachverhalten betreffen (z.B.: einfach/schwierig, sympathisch/unsympathisch, schön/hässlich, halb voll/halb leer usw.).

 

So wagen wir uns z.B. nicht an manche Aufgaben heran, weil die Lösung schwierig ist, sondern nur, weil uns die Lösung aus der aktuellen Perspektive bzw. dem Denk-Blickwinkel heraus, schwer erscheint. Folglich: "Um klar zu sehen, genügt oft eine Veränderung des Blickwinkels" (Antoine De Saint Exupery).

 

Ergänzend: „Nicht weil die Lösung schwierig ist, wagen wir sie nicht, sondern weil wir sie nicht wagen, ist sie schwierig.“ (Seneca). Derartige Formen der Täuschung werden jedoch unter anderen Wahrnehmungsfehlern näher erörtert. Die Kognitive perspektive Täuschung basiert auf dem "Wahrnehmungsfehler aufgrund der Grundhaltung", korreliert z.T. mit anderen Denkfehlern (z.B. Schwarz-weiß-Denken) und kann auch auf anderen Fehler (z.B. Negatives Denken) aufbauen.

  

 

Akustische Täuschungen

Ebenso wie optische Täuschungen gibt es natürlich auch akustische Täuschungen, die auf auditiver Wahrnehmung basieren. Hier wird unser Hör-Sinn prinzipiell oder im Detail getäuscht bzw. unser Gehirn so überfordert, dass wir z. B. Töne/Klänge hören, die so gar nicht vorhanden sind und sie dort hören, wo sie gar nicht herkommen. Fehlende Klangstrukturen werden im Gehirn einfach rekonstruiert, während andere blindlings überhört werden.

 

 

Beeinflussung durch akustische Reize / Psychoakustische Beeinflussung

Akustische Reize, ob sie nun von einer Stimme herrühren oder von Geräuschen oder Klängen, erzeugen Gefühle, Stimmungen, Ängste und Bedürfnisse. Sie beeinflussen Einstellungen, steuern Kaufentscheidungen und Wertempfinden. Akustische Reize - ob Stimmen, Musik oder raumakustische Zusammenhänge - beeinflussen unsere Wahrnehmung, unser Denken und unsere Gefühle - damit auch unsere Urteile und Entscheidungen. Weitere Infos zum Thema finden Sie unter Psycho-Akustik, Raumakustik und Beeinflussung durch Musik.

 

 

Olfaktorische Wahrnehmungsbeeinflussung / Geruchliche Beeinflussungen (allgemein)

Unter olfaktorischer Wahrnehmungsbeeinflussung versteht man die Beeinflussung der Wahrnehmung und sämtlicher Beobachtungs-, Denk-, Beurteilungs- und Entscheidungsprozesse, die über den Geruchsinn erfolgen. Der ist wichtiger, als viele annehmen: Gleich nach der Geburt finden menschliche Säuglinge, die noch nicht gut sehen können, den Weg zur mütterlichen Brust allein deshalb, weil sie die Milch riechen und der Geruchsquelle folgen. Der Geruchssinn bleibt für den Menschen zeitlebens wesentlich - und das nicht nur im Hinblick auf die Nahrungsauswahl.

 

Olfaktorische Wahrnehmung, die sich auf Gerüche bzw. das Riechen bezieht, unterliegt durch die Aufnahme und Verarbeitung von Riech- und Duftstoffen subjektiven Beurteilungen, die von angenehm / unangenehm über sympathisch / unsympathisch bis hin zur Ablehnung und Aggression reichen.

 

Die Geruchswahrnehmung wird im Gehirn sehr stark mit Emotionen assoziiert. Viele wesentliche Entscheidungen trifft der Mensch allein über den Geruchssinn, weil insbesondere das Riechen eng an Gefühle und Erinnerungen gekoppelt ist und diese den Mensch schwerpunktmäßig leiten. Gerüche bzw. Düfte entscheiden über das Entstehen von Gefühlen wie Sympathie oder Antipathie, lassen einen attraktiv, kompetent, authentisch und anziehend wirken oder bewirken das genaue Gegenteil.

 

Das Schlimme ist, dass wir Gerüche nicht immer bewusst wahrnehmen. Viele überlassen ihren Eigenduft oder den Geruch ihrer Wohnung oder ihres Büros gar dem Zufall, obwohl sie damit die Einstellung und das Verhalten ihrer Besucher z.B. Kunden deutlich in eine bestimmte Richtung gehend beeinflussen. Gerüche und Düfte entscheiden darüber, ob sich ein Mensch wohl fühlt und bleibt oder am liebsten sofort kehrtmacht und sich im wahrsten Sinne des Wortes "verduftet", allein deshalb, weil der betreffende Raum "verduftet" ist.

 

Nicht jeder merkt, wenn es stinkt. Gerüche und Düfte wirken zumeist unbewusst und unterschwellig, obwohl sie direkt und unmittelbar im Limbischen System unseres Gehirns wirken und dort starke und nachhaltige Gefühle erzeugen. Diese Gefühle entscheiden darüber, ob jemand bleibt und kauft, ob jemand sich verliebt oder ob jemand sich ablehnend verhält oder gar aggressiv wird. Gerüche bzw. Düfte beeinflussen auch das Hungergefühl und den Drang, zu bestimmten Genussmitteln zu greifen.

 

Insbesondere in der Frühzeit der Menschheit hatte der Geruchssinn eine wichtige Funktion. Er warnte vor Gefahren, half bei der Suche nach Nahrung und ist hilft nach wie vor dabei, genießbare Lebensmittel bereits vor dem Verzehr von ungenießbaren Lebensmitteln zu unterscheiden. Das ist zugleich der Grund, warum Kinder, die noch nicht gelernt und erfahren haben, dass z.B. Bier oder Stinkkäse ein durchaus angenehmes Genussmittel darstellen kann, vorerst einmal nichts mögen, was vergoren ist oder stinkt. Erst über eine positive Erfahrung oder die Gewöhnung ändert sich ihre ablehnende Haltung.

 

Ein entscheidender Vorteil war der Geruchssinn früher auch bei der frühzeitigen Erkennung drohender Gefahren und für den Kampf z.B. beim Erriechen des Angstschweiß anderer Menschen.

 

Was uns zumeist gar nicht bewusst ist: Auch die Partnerwahl ist vom Geruch abhängig. Wenn "die Chemie stimmt" und man sich im wahrsten Sinne des Wortes "riechen kann", finden Menschen zusammen und paaren sich. Körpereigene Duftlockstoffe verstärken dieses Verhalten. Wenn der Geruch nicht stimmt, was ein Signal für nicht zum Partner passendes Erbgut oder nicht vorhandene "Paarungsbereitschaft" darstellt, finden Partner nicht zusammen oder trennen sich entsprechend. Das kann auch passieren, wenn der körpereigene Duft durch bestimmte Medikamente z.B. die Pille plötzlich verändert wird und der Körpergeruch kommuniziert: "Ich bin besetzt und habe anderes im Sinn."

 

Da sich die Wahrnehmung, die für die Paarung gilt, auch auf andere Beziehungen z.B. das Eingehen beruflicher Beziehungen (Arbeitsverhältnis) übertragen kann, beeinflusst er auch hier die Urteilskraft und Entscheidung. 

 

Forschungen an Mäusen und anderen Säugetieren zeigen, dass Partner bevorzugt werden, deren Erbgut sich möglichst stark vom eigenen unterscheidet. Dadurch wird sichergestellt, dass die Nachkommen mit besonders "guten" Genen ausgestattet werden, die u.a. auch für ein intaktes bzw. widerstandsfähiges Immunsystem und die entsprechende Leistungsfähigkeit sprechen. Bei Menschen hat man z.B. herausgefunden, dass enge Verwandte sich im Erwachsenenalter oft "nicht riechen können", woraus man schließt, dass dadurch Inzest vermieden werden soll, allein schon deshalb, weil die Gefahr von Gen-Defekten bei möglichen Kindern besteht.

 

Akute Abneigungen und solche, die man im Laufe der Zeit entwickelt, beeinflussen ebenfalls über den Geruchssinn unsere Beurteilung und Entscheidung. So wird z.B. von Frauen berichtet, die den Körpergeruch oder das Rasierwasser ihres Ex-Mannes oder eines ungeliebten Chefs nicht ertragen können und ihre Einstellungen dann auf Personen projizieren, die einen ähnlichen Duft haben.

 

Für Menschen ist der Geruchsinn weniger für die Orientierung wichtig, als für Tiere, allein deshalb, weil optische Eindrücke bei Menschen andere Sinneseindrücke überlagern. Für blinde Menschen spielen Gerüche hingegen eine außerordentlich wichtige Rolle für die Orientierung.

 

Neben der Verführung durch optische Sinnesreize handeln Menschen "immer der Nase nach", nur mit dem Unterschied, dass es einem weniger bis gar nicht bewusst ist. Der Geruchssinn schützt nicht nur vor verdorbenem Essen oder anderen Gefahren wie Gas, Rauch und Feuer; er hat wie gesagt großen Einfluss auf die Partnerwahl und das soziale Umfeld, wo insbesondere über unseren Geruchssinn recht schnell ein nachhaltiger erster Eindruck entsteht.

 

Von allen menschlichen Sinnen ist der Geruchssinn der unmittelbarste: Während visuelle, akustische oder haptische Reize vorab in der Großhirnrinde verarbeitet werden müssen, wirken Gerüche und Düfte unmittelbar auf das limbische System. Hier werden Emotionen verarbeitet und Triebe gelenkt, die entscheidender sind als Motive und sachliche Abwägungen.

 

Wenn man zum ersten Mal einen Raum betritt oder einen unbekannten Menschen trifft, entscheidet unbewusst der Geruchssinn, wie dieser Eindruck zu werten ist. Er gleicht wahrgenommene Düften und Gerüche sofort mit unseren Erfahrungen bzw. Erinnerungen ab und kann einen sofort in eine lang zurückliegende, längst vergessene Situation zurückversetzen, in der man den gleichen Duft oder Geruch zum ersten Mal wahrnahm.

 

Erinnerungen, die tief in seinem Unterbewusstsein verschüttet waren, kommen wieder hervor und lassen Bilder entstehen, die wiederum an bestimmte Stimmungen bzw. Gefühle gekoppelt sind (Proust-Effekt). Je nachdem, mit welcher individueller subjektiver Erinnerung ein neuer Geruchs-Reiz nun verknüpft wird, entsteht ein bestimmtes Gefühl, auf dem dann unsere Beurteilung und Entscheidung basiert - und ebenso unser eigenes Verhalten.

 

Obwohl Gerüche in der Regel sehr komplex sind und sich oft aus mehreren hundert Elementen zusammensetzen, findet unser Gehirn, die passende Assoziation und kann sogar über 10000 verschiedene Duftnoten voneinander unterscheiden. Es gibt sogar Menschen, die ihre Wahrnehmung über gezielte Duft-Erfahrungen deutlich steigern können.

 

Beim Riechen spielen zwei Nerven eine Rolle: Der Olfaktorius, der das eigentliche Riechen steuert und der Trigeminus, der schmerzempfindlich ist und auf beißende Gerüche reagiert. Das Besondere: Der Geruchssinn ist eng mit dem Geschmackssinn verknüpft und schafft erst dadurch erst ein differenziertes Geschmackserlebnis. Das Gegenteil kennt wohl jeder z.B. von einem Schnupfen bzw. Erkältung: Wenn wir nicht gut riechen können, schmecken wir kaum etwas.

 

Manche Menschen sind in Bezug auf bestimmte Gerüche überempfindlich und reagieren entsprechend. So sind z.B. werdende Mütter - vor allem im ersten Drittel der Schwangerschaft (wahrscheinlich zum Schutz des werdenden Kindes) - extrem geruchsempfindlich, während sich z.B. Raucher an den beißenden Geruch von Zigaretten gewöhnen und ihn irgendwann sogar als sehr angenehm empfinden.

 

Werdende Nichtraucher hingegen reagieren ebenso überempfindlich auf Tabak-Rauch wie Menschen mit einer Abneigung vor Rauch, dem Rauchen an sich und vor Rauchern als Mensch. Auch andere Abneigungen sind beannt z.B. gegen bestimmte Düfte z.B, bei Parfüms. Sie führen bei einigen Menschen zu extremen Abneigungen, zu Aggressionen und manchmal sogar bis zu Übelkeit und Erbrechen. Das liegt nicht nur an einem speziellen Geruch oder Duft als solcher, sondern daran, mit welchen Erfahrungen und Gefühlen bzw. mit welchen Erinnerungen der jeweilige Geruch verknüpft wird.

 

Mit zunehmendem Lebensalter (ca. ab dem 40. Lebensjahr) lässt der Geruchssinn allmählich nach, ebenfalls aufgrund Gift- und Umwelteinflüssen (Rauchen, häufiger Kontakt mit Chemikalien etc.). Menschen, die ihren Geruchssinn (z.B. aufgrund zerstörter Geruchsnerven) verloren haben, leiden häufig an psychischen Problemen und ggf. an Waschzwang, an chronischen Entzündungen und Allergien, aber auch an Hirntumoren oder Alzheimer-Erkrankungen, wobei auch ein umgekehrter Zusammenhang bestehen kann.  

 

 

Manipulation durch spezielle geruchliche Schlüsselreize

Die Einschätzung und Entscheidung von Menschen fokussiert sich zumeist auf sogenannten Schlüsselreize. Kurz gesagt, sind das Reize, die wir selektiv wahrnehmen und für die wir besonders empfänglich sind. Ebenso ist es bei der sprichwörtlichen "Chemie". Diese sogenannte Chemie, zu der im wahrsten Sinne auch solche Substanzen gehören, die unser Gehirn und unseren Körper steuern, gibt es tatsächlich. So kann bereits ein körpereigener Geruch bzw. Duftstoff oder ein bestimmtes Parfum unsere Wahrnehmungs-, Urteils- und Entscheidungsfähigkeit beachtlich trüben. (Detail-Infos)

 

 

Haptische Täuschung (allgemein)

Haptische Täuschungen sind Wahrnehmungstäuschungen des Tast- und Drucksinnes. Dazu zählen z.B. Täuschungen in Bezug auf die Einschätzung von Größe und Gewicht (Charpentiersche Täuschung), Muskelirritation durch Vibrationen (Pinocchio-Illusion), sowie die Aristotelische Täuschung.

 

 

Haptische Täuschung (Speziell: Charpentiersche Täuschung)

Die charpentiersche Täuschung ist eine Größen-Gewichts-Täuschung. Sie liegt vor, wenn von zwei gleich schweren Körpern der mit dem größeren Volumen leichter erscheint. So erweckt ein 10-Liter-Eimer, gefüllt mit Wasser, beim Tragen den Eindruck, er habe ein geringeres Gewicht als ein 10 kg schwerer Ziegelstein. Die Beschreibung des Effekts aus dem Jahr 1891 wird Augustin Charpentier (1852–1916) zugeschrieben .

 

 

Haptische Täuschung (Speziell: Pinocchio-Illusion / Pinocchio-Effekt)

Bei der Pinocchio-Illusion (auch Pinocchio-Effekt genannt) handelt es sich um eine Sinnestäuschung, die durch Irritationen verschiedener Muskelgruppen durch Vibration ausgelöst wird. Sie bewirkt eine vorübergehende Störung der Tiefensensibilität und damit des Lageempfindens einzelner Körperteile. Das Phänomen wurde 1988 erstmals von James R. Lackner beschrieben, dem Schwiegersohn und langjährigen Partner des NASA-Mediziners Prof. Ashton Graybiel (1902–1995).

 

Personen, die sich mit verbundenen Augen an die eigene Nase fassen, können bei gleichzeitig ausgelösten Vibrationen am Bizeps desselben Armes das Gefühl haben, ihre Nase sei bis zu 30 cm lang. Das funktioniert auch, wenn die Person mit den verbundenen Augen einer anderen Person, die vor ihr steht, an die Nase fasst. Ursächlich ist das durch die Vibrationen gestörte Lageempfinden des Armes, welches dem Gehirn eine vermehrte Streckung des Armes signalisiert.

 

 

Haptische Täuschung (Speziell: Aristotelische Täuschung)

Wenn man zwei Finger derselben Hand übereinander legt bzw. kreuzt und dazwischen ein kleiner Gegenstand gelegt wird, hat man – wenn man nicht auf die Finger schaut – das Gefühl, dass es sich um zwei Objekte handelt. Besonders gut lässt sich diese Wahrnehmungstäuschung des Tastsinnes mit dem gekreuzten Mittel- und dem Ringfinger beim Berühren des Nasenrückens feststellen. Fährt man damit bis zur Nasenspitze spürt man zwei Spitzen.

 

 

Gustatorische Täuschung

Gustatorische Täuschungen erfolgen bei der gustatorischen Wahrnehmung, die über das Schmecken bzw. über chemische Sinnesreize verlaufen. Sie betreffen unseren Geschmackssinn, der oft getäuscht wird oder sich selbst täuscht. So werden z.B. im Zusammenspiel mit weiteren z.B. olfaktorischen und/oder visuellen Sinneseindrücken und/oder akustischen Informationen und Reizen bestimmte Geschmäcker anders wahrgenommen, anders zugeordnet, unterschiedlich interpretiert und gewertet.

 

Hinzu kommen die Täuschungen durch unser "archaisches Testprogramm", das noch aus der Zeit stammt, in der es für uns als Urmenschen durchaus nützlich war, zwischen genießbarer und ungenießbarer Nahrung zu unterscheiden. Im modernen Alltag passen diese alten Zuordnungen oft leider nicht mehr. Sie wirken oft umgekehrt und stehen einer gesunden Ernährung im Weg.

 

Die Temeratur der Speise spielt bei der gustatorischen Täuschung manchmal eine Rolle. Auch gibt es Speisen, die im Zusammenspiel mit dem Säure-Milieu im Mund insofern eine Konfusion der Sinneseindrücke erzielen, dass z.B. Saures plötzlich extrem süß wahrgenommen wird. Die gustatorische Täuschung hat nichts damit zu tun, dass sich Menschen die Geschmacks-Qualität und Wertigkeit von Speisen zumeist nur einbilden.

 

Bei derartigen Beurteilungsfehlern, die sich von Täuschungen der Sinne sowieso abheben, wirken diverse andere Wahrnehmungsfehler und Effekte und ebenso viele Ursachen: Vorerfahrungen, Einstellungen, Erwartungen, Erinnerungen, Umgebung, Ort, an dem wir Essen, Status und konkrete Rolle des Restaurants, Speisekarte, die Geschichte (Legende), die zur jeweiligen Speise erzählt wird, Art und Weise der "Berichterstattung", Einrichtung des Restaurants, Auftreten der Kellner und/oder Verkäufer und natürlich auch der soziale Kontext.  

 

 

 

2. Kognitive Fehler   (inklusive Fehler aufgrund von Emotionen)

Allgemeiner Denkfehler
Unter einem Denkfehler versteht man in der Psychologie eine Fehleinschätzung, einen Irrtum oder eine falsche Schlussfolgerung, die auch unabhängig von möglichen Beobachtungsfehlern, die Informationsverarbeitung im Gehirn (z.B. bei der Zuordnung, Einordnung, Decodierung, Encodierung und Interpretation eingehender und vorhandener Informationen) betrifft. 

 

Denken ist Teil des "Erlebens" und umfasst alle Vorgänge, die aus einer inneren Beschäftigung mit Informationen, Vorstellungen, Erinnerungen und Begriffen eine Erkenntnis zu formen versuchen. Denkprozesse erfolgen bewusst und unbewusst. Bewusst werden zumeist lediglich die Endprodukte des Denkens, nicht jedoch die Denkprozesse, welche die jeweiligen Ergebnisse hervorbringen.

 

Denken kann intuitiv / unbewusst erfolgen (auf einem Einfall basieren, spontan durch Gefühle, Situationen, Sinneseindrücke oder Personen ausgelöst werden) oder abstrakt (bewusst, analytisch) erfolgen. Insofern wird in Bezug auf Denken u.a. zwischen Wahrnehmung und Intuition sowie zwischen automatischem und kontrolliertem (analytischen) Denken unterschieden.

 

Automatisches Denken erfolgt unbewusst (ohne bewusste Kontrolle), unwillkürlich, schnell und mühelos (mit geringer oder keiner Anstrengung), während kontrolliertes Denken bewusst, absichtlich, zumeist freiwillig und aufwendig erfolgt und mit mühevollen mentalen Aktivitäten, die unsere Aufmerksamkeit und Konzentration erfordern, verbunden ist.

 

Denken formt unsere Wahrnehmungen, unsere Meinungen, unsere Überzeugungen, unseren Glauben, unsere Erwartungen, unsere Einsichten, unser Wissen (z.B. Kenntnisse), unsere Fähigkeiten, unsere Sprache und unsere Bewegungen. Denkprozesse unterliegen Denkfehlern (siehe unten) aus denen sich Beobachtungs-, Beurteilungs- und Wahrnehmungsfehler ebenso ergeben wie Selbstbild-Fremdbild-Inkongruenzen, fehlerhaftes Handeln oder psychische Probleme. Denken steht auch in einem Zusammenhang mit Intelligenz inklusive sozialer und emotionaler Intelligenz.

 

Denken bzw. Denkprozesse spielen in der Psychologie eine ebenso große Rolle wie in den modernen Neurowissenschaften bzw. in der Gehirnforschung. Die Wissenschaften bzw. Bereiche, die sich ganz speziell mit dem Denken beschäftigen, sind die Kognitionswissenschaft und der spezielle Bereich der Denkpsychologie, wobei das Thema selbst höchst unterschiedlich betrachtet wird. 

 

Wissenschaftsbereiche wie die Persönlichkeitspsychologie, Sozialpsychologie oder die Soziologie nehmen jeweils unterschiedliche Perspektiven ein und betrachten das Denken in entsprechend anders gelagerten Zusammenhängen. 

 

Denkfehler betreffen jeden Menschen, da jeder Mensch mit seinem Gehirn denkt, das im Prinzip bei allen Menschen gleich funktioniert. Unser Gehirn nimmt die Informationen nicht einfach so wie sie sind, sondern deutet und interpretiert sie wie ein Detektiv, der unbedingt die Wahrheit herausfinden und sich dabei klug verhalten will.

 

In Wirklichkeit bewerten wir eingehende Informationen (z.B. Personen, Sachverhalte und Ereignisse) auf Basis unserer ganz persönlichen Erfahrungen, Werte und Sichtweisen. Wie durch eine getönte Brille, die manchmal rosarot, manchmal schwarz, manchmal undurchsichtig ist, suchen wir in den Schränken und Schubladen unserer Erinnerung und Erfahrung nach Parallelen oder Ähnlichkeiten und unterliegen dabei unzähligen Fehlern, die wir ständig wiederholen, wobei wir immer wieder zu denselben - oft fehlerhaften - Ergebnissen gelangen. Das führt dazu, dass wir immer dem gleichen "Denk-Trott" und bestimmten Denk- und Handlungs-Mustern folgen.

 

Zu den Denkfehlern gehören auch Interpretationsfehler: Wir werten Menschen, Dinge und Sachverhalte sehr subjektiv und oft anders, als sie in Wirklichkeit sind. Wir überschätzen oder unterschätzen uns und andere, übertreiben maßlos oder spielen die Tatsachen entsprechend unserer eigenen subjektiven Ansicht und Wunschvorstellung herunter. Wir sehen unüberwindliche Hürden, wo keine sind. Stets ziehen wir völlig willkürlich Rückschlüsse aus unserem Verhalten und dem Verhalten anderer, selbst wenn wir keinen Beweis haben. Wir verallgemeinern und hören geradewegs "die Flöhe husten".

 

So schlussfolgern wir z.B. aus einem einzigen Wort, einer speziellen Betonung, einem Blick oder einer Bewegung etwas Negatives und Böses oder Ablehnung und Bedrohung, während wir z.B. positive Eigenschaften blindlinks übersehen. Alternativ lassen wir uns bereits von wenigen Schlüsselreizen verführen und täuschen. Wir verdrängen und vergessen bestimmte Erfahrungen und ändern unsere Erinnerungen im Nachhinein so ab, wie es uns bequem, logisch und schlüssig erscheint. Wir übertreiben negative Ereignisse und sehen oft das Glück vor unseren Augen nicht. Erstklassige Chancen und Angebote lehnen wir ab, während wir auf primitive Tricks hereinfallen und Angebote nutzen, die uns eher schaden.

 

Wir ordnen alles in Schubladen, manchmal wild durcheinander ohne Zusammenhang. Wir unterteilen in Kategorien und lassen von diesen nur ungern ab, selbst wenn wir feststellen, dass die Einteilung falsch war. Manchmal sehen wir nur zwei Kategorien und nicht mehr. Wir sehen uns als Gewinner oder als Versager. Unser Denken erfolgt unablässig in gewohnten und zudem bequemen Bahnen, wobei wir regelrechte Denk-Schemata verfolgen und selbst dann einhalten, wenn es nicht passt oder wenn es uns behindert. Manchmal denken wir so ökonomisch, dass es schon zu einfach ist, während wir manchmal viel zu kompliziert denken und dabei das eigentlich Relevante oder Wichtige völlig übersehen.

 

Besonders gravierend ist, dass wir alle der Auffassung sind, in irgendeiner Art und Weise Gedanken lesen zu können. Wir glauben nämlich zu wissen, wie andere sind, wie andere reagieren oder wie sich andere uns gegenüber in Zukunft verhalten werden. Insofern denken wir gerne schon einmal vor und konstruieren uns eine eigene Realität bzw. Zukunft, die sich dann sogar erfüllen kann, jedoch nicht immer zu unseren Gunsten. Daraus machen wir sogar manchmal eine regelrechte "Wissenschaft", obwohl die Wissenschaft selbst das anders sieht.

 

Allein unsere Gefühle nehmen wir als Beweis, dass eine bestimmte Sichtweise wahr sein muss. Dabei vergessen wir den Rückkopplungseffekt zwischen Gedanken und Gefühlen. Gravierend ist auch die Art und Weise wie wir sämtliche Informationen und Eindrücke personalisieren bzw. auf uns beziehen. Selbst äußere Ereignisse, die in keinerlei Zusammenhang mit uns selbst stehen, beziehen wir auf uns. Darüber hinaus sind wir alle der Auffassung, Wahrsager zu sein: Wir prognostizieren und warnen uns und andere selbst dann, wenn kein Anhaltspunkt für eine bestimmte Prognose besteht. 

 

Denkfehler führen nicht nur zu Fehlern in der Art und Weise der Betrachtung bzw. Beobachtung unserer Welt (Selbst + Umwelt, Selbstbild-Fremdbild, Weltbild), sondern auch zu schwerwiegenden Beurteilungsfehlern, die alle Entscheidungen und damit das gesamte Leben betreffen. Darüber hinaus führen sie zu psychischen Problemen, zu Störungen im Sozialverhalten, zu psychosozialen Problemen, zu schwerwiegenden Persönlichkeitsstörungen sowie zu psychosomatischen Erkrankungen und schweren Erkrankungen der Psyche, wobei letzteres keine Seltenheit ist.

 

Denkfehler beheben sich nicht automatisch. Es bedarf einer Einwirkung von außen (z.B. Therapie oder Coaching) und eines Erkennens, Umdenkens und Umlernens.

 

Zitate zum Thema:

 

Wir können überhaupt nicht denken, ohne unsere fünf Sinne zu gebrauchen. (Albert Einstein)

 

An sich ist nichts weder gut noch böse; das Denken macht es erst dazu. (William Shakespeare)

 

Denken ist die schwerste Arbeit, die es gibt. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum sich so wenig Leute damit beschäftigen. (Henry Ford) 

 

Wir denken selten an das, was wir haben, aber immer an das, was uns fehlt. (Arthur Schopenhauer) 

 

Die kürzesten Wörter, nämlich 'ja' und 'nein' erfordern das meiste Nachdenken. (Pythagoras von Samos) 

 

Wer so tut, als bringe er die Menschen zum Nachdenken, den lieben sie.
Wer sie wirklich zum Nachdenken bringt, den hassen sie. (Aldous Huxley) 

 

Wer lange bedenkt, wählt nicht immer das Beste. (Johann Wolfgang von Goethe)

 

Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, es müsse sich dabei doch auch was denken lassen.

(Johann Wolfgang von Goethe)

 

Nur der Denkende erlebt sein Leben, am Gedankenlosen zieht es vorbei. (Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach) 

 

Wer nicht auf seine Weise denkt, denkt überhaupt nicht. (Oscar Wilde)

 

Lernen ohne zu denken, ist eitel, denken, ohne zu lernen, gefährlich. (Konfuzius)

 

Von zwei Menschen, die ihren eigenen Gedanken folgen, wird derjenige die stärkste Persönlichkeit sein, dessen Denken am tiefsten ist. (Ralph Waldo Emerson)

 

Wir sind das, was wir denken. Alles was wir sind, entsteht mit unseren Gedanken.

Mit unseren Gedanken erschaffen wir die Welt... (Dhammapada "Pfad der Lehre")

 

Nur der denkende Denker denkt denkender als der Denker, der nur denkt, dass er denkt. (Andreas Köhler) 

 

 

Encodierungsfehler / Entschlüsselungsfehler

Stets stellen wir Vermutungen darüber an, wie eingegangene Informationen zu werten und auszulegen sind. Dies machen wir nicht nur bewusst, sondern völlig unbewusst: Ständig ist unser Gehirn bestrebt, eingehende Informationen zu entschlüsseln, zu vergleichen und zu deuten. Dabei interpretieren wir selbst jene Informationen, bei denen es eigentlich gar nichts zu interpretieren gibt. Dadurch entstehen viele Fehler, Missverständnisse und Probleme.

 

Abgrenzung von der Beobachtung (siehe separate Rubrik Beobachtungsfehler): Die Einschätzung und Beurteilung von Menschen basiert auf deren Beobachtung. Ob diese nun bewusst oder unbewusst erfolgt, ist dabei unerheblich. Stets stellen wir Vermutungen darüber an, wie Beobachtungen und Informationen zu werten und auszulegen sind. Im Gegensatz zu sonstigen Beobachtungsfehlern, die schwerpunktmäßig auf die konkrete Art und Weise der Beobachtung (sehen, zuhören etc.) zurückzuführen sind, erfolgt der Encodierungsfehler (bzw. Entschlüsselungsfehler oder Interpretationsfehler) bei der Entschlüsselung der (bei der Beobachtung) eingegangenen Reize bzw. Informationen. 

 

Trotz bestmöglicher Beobachtungsgüte interpretieren wir eingehende Informationen - je nach Persönlichkeit - sehr individuell und anders als sie nachweislich bzw. messbar sind (bzw. bei Nachrichten gemeint sind). Sehr häufig wird beobachtbares Verhalten falsch interpretiert. Dadurch kommt es zu vielen Missverständnissen (auch in Bezug auf Kommunikation: Siehe "Informative Kommunikationsverzerrung").

 

Das bekannte Phänomen der falschen Entschlüsselung von Informationen wird z.B. von Trickbetrügern gezielt genutzt. Aber auch andere ganz alltägliche „Trickser“ nutzen dies für sich aus. Zu ihrem Vorteil gereicht insbesondere die Tatsache, dass die meisten Menschen nach impliziten (naiven) Persönlichkeitstheorien urteilen - ebenso die Tatsache, dass nicht wenige Menschen sogar regelrecht von ihrer eigenen Menschenkenntnis als regelrechte Fähigkeit überzeugt sind, obwohl es sich in der psychologischen Wirklichkeit hier weniger um eine Fähigkeit als vielmehr um einen impliziten Wahrnehmungsfehler handelt.

 

Zumeist sind es aber ganz normale Menschen ohne bestimmte (z.B. böse) Absichten, bei denen die hinterlassenen Informationen falsch entschlüsselt bzw. falsch gedeutet und fehlinterpretiert werden. Dadurch können sich entweder Vorteile oder Nachteile für die die eingeschätzte und bewertete Person ergeben. Für den Beobachter und Beurteiler selbst stellen falsche Entschlüsselungen hingegen immer einen Nachteil dar - allein dadurch, dass er nicht objektiv handlungsfähig ist.

 

Daher zählt in der wissenschaftlichen Psychologie vor einer entsprechenden Beurteilung und Prognose nur die systematische Verhaltensbeobachtung nach wissenschaftlichen Kriterien, ebenso die Regel der Trennung von Verhaltensbeobachtung, Verhaltensbeschreibung und Verhaltenserklärung. Derartiges ist den meisten Menschen - insbesondere in Alltagssituationen - aber viel zu kompliziert und dazu recht unökonomisch, was durchaus verständlich ist. Daher sind Fehlinterpretationen keine Seltenheit, sondern fast die Regel.

 

Zu den "Tricksern" ein Beispiel aus dem Arbeitsalltag: Mitarbeiter, die lediglich vorgeben, im Stress zu sein, viel herumlaufen und kommunizieren, werden von ihren Vorgesetzten auch dann als eifrig, engagiert, motiviert, strebsam und erfolgreich eingeschätzt, wenn sie lediglich vorgeben, viel Arbeit zu haben oder durch bestimmtes Verhalten diese Wirkung erzeugen.

 

Eine aktuelle Studie der Harvard University School of Business fand heraus, dass Mitarbeiter, die lediglich vortäuschten, viel Arbeit bewältigen zu müssen, genauso bewertet werden wie diejenigen, die tatsächlich hart arbeiten. Allein der bloße Eindruck, dass jemand scheinbar viel zu tun hat, wird als Zeichen für besonderen Einsatz und Aufopferung für das Unternehmen gewertet. Das vorgetäuschte Verhalten verschafft den betreffenden Mitarbeitern sogar Vorteile.

 

Die Erkenntnis der Studie: Produktivität ist demnach weniger wichtig als der vermittelte und beobachtete Eindruck, angeblich viel Arbeit erledigen zu müssen. Insbesondere beobachtbare Bewegungen werden als "busy" und "important" gewertet. In der besagten Studie konnte z.B. beobachtet werden, dass Angestellte, die sich in Bürokomplexen sehr viel hin und her bewegen als "very busy" angesehen werden. Dass sie dabei lediglich die Kaffeeküche oder das WC aufsuchen, spielt dabei keine Rolle.

 

Einen verstärkenden Effekt bewirken kleinere Gegenstände, die der Mitarbeiter bei seinen Gängen mitnimmt. Helleres Licht im Büro des jeweiligen Mitarbeiters hat einen zusätzlichen Effekt. Der Wahrnehmungsfehler aufgrund derartig falscher Beobachtungs-Interpretation ist zugleich mit die Ursache dafür, dass in großen Unternehmen die durchschnittliche statistische Rate von 31 Prozent an uneffektiven Mitarbeiter, sogenannte "light loads" von Führungskräften und Kollegen nicht erkannt werden.

 

Der Wahrnehmungsfehler aufgrund falscher Beobachtungs-Interpretation (Encodierungsfehler / Entschlüsselungsfehler) basiert u.a. auf dem sogenannten fundamentalen Beobachtungsfehler (siehe Rubrik Beobachtungsfehler), ebenso auf selektiver Wahrnehmung und weiteren Wahrnehmungsfehlern.

 

 

Denk-Schemata und ihre Auswirkung auf die Wahrnehmung

Wir haben in unserem Leben bereits viel gelernt und das Gelernte oft wiederholt. Das Gelernte hat sich eingeprägt und verfestigt. Entsprechend haben sich ganz bestimmte neuronale Bahnen herausgebildet, die unsere Gedanken leiten.

 

Mit Hilfe unserer Gedanken, die dem Denken entspringen, formen wir Bilder und konstruieren Zusammenhänge. Dies erfolgt in Form von Denk-Prozessen, die auf bestimmten Denk-Schemata basieren, das bestimmten Mustern und Denk-Ritualen folgt. Folglich denken wir stets nach Denk-Schemata und formen daraus unsere Denk-Konstrukte bzw. Ergebnisse.

 

Was wir bereits kennen, halten wir für richtig und unumstößlich, insbesondere dann, wenn bzw. weil wir der Auffassung sind, dass andere auch so denken und handeln (z.B. Soziale Wahrnehmung). Wir bilden unsere eigene Meinung, Wahrheit und Erkenntnis und daraus unseren Glauben und entsprechende Glaubenssätze.

 

Auf dieser Basis - der Basis des Gelernten, unserer Selbsteinschätzung, unseres Selbstbildes und unserer eigenen Überzeugung - bilden wir uns weitere Meinungen, folgen Annahmen und stellen Erwartungen an die Dinge und Personen unserer Umwelt. Auf der Basis dieser eigenen sozialisierten Denkmuster schätzen wir neue Informationen ein, nehmen dadurch von vorne herein nur einseitig wahr und gleichen neu eintreffende Informationen mit unseren Erwartungen ab.

 

Dadurch verformt sich die Sichtweise, die Denkweise und die Beurteilung. Neues, was wir noch nicht kennen und uns daher unlogisch oder unbrauchbar erscheint, wird z.B. als befremdlich, falsch, verrückt, dümmlich, überkandidelt und bedrohlich angesehen und daher abgelehnt, negiert und schlecht beurteilt. 

 

Manchmal verläuft diese Wahrnehmung aber auch genau umgekehrt und wir finden dann gerade das Neue und Andersartige interessant und anziehend und beurteilen es im Verhältnis besser, je nachdem wie wir gepolt sind, welche Erwartungen wir stellen und um welchen Lebensbereich es geht.

 

Darüber hinaus bilden wir Denk-Schemata heraus, die informative Lücken (wenn auch fehlerhaft) füllen (z.B. Reconstructive memory-effect), automatisch weiter wirken (z.B. Preseverence effect), sich verkoppeln (Attribution / Fundamentaler Attributionsfehler) und sich verselbstständigen (z.B. Self-fulfilling propecy) können. Unsere Denk-Schemata wirken automatisch, unkontrolliert und ohne mentalen Aufwand oder kontrolliert und bewusst (rationales schlussfolgerndes Denken). Auch können sie von außen aktiviert werden (z.B. Priming).

 

Wie auch immer: Stets wirken unsere Denk-Schemata. Sie organisieren unser Wissen (z.B. über Dinge, Sachverhalte, einzelne Personen, Gruppen, soziale Rollen, sich selbst), haben Einfluss auf die Informationsaufnahme, die Informationsentschlüsselung (Encodierung), die Informationszuordnung (Kategorisierung) und den Abruf von Informationen (reconstructructive memory). Sie strukturieren die Welt um uns herum und beeinflussen unsere Urteile und Entscheidungen.

 

Welche Denk-Schemata konkret angewandt werden, hängt auch von ihrer Verfügbarkeit ab. Während einige Informationen permanent verfügbar sind, gibt es Informationen, die kurzfristig aktiviert und/oder verstärkt werden. So wird z.B. beim Priming der Prozess der Verfügbarkeit durch unmittelbar vorausgehende Erfahrungen erhöht und kurzfristig bestimmte Schemata aktiviert.

 

Denk-Schemata dienen auch dazu, die permanent einströmenden Informationen zu selektieren, zu reduzieren und zu ordnen, damit wir mit der Masse der Informationen nicht völlig überfordert werden. Denk-Schemata helfen, Zeit zu sparen und bringen Struktur in unser Denken, leider nicht immer die richtige, denn Denk-Schemata können falsch sein oder Fehler geradewegs implizieren. Sie verzerren unsere Wahrnehmung, ordnen Informationen ggf. in falsche Schubladen ein, bauen Vorurteile auf und führen zu selbstwertdienlichen Verzerrungen oder selbsterfüllenden Prophezeiungen, die ggf.in die falsche Richtung gehen.

 

Da es zu den Grundbedürfnissen von Menschen gehört, die Richtigkeit der eigenen Verstandes-Logik aufrechtzuerhalten, um nicht etwa an sich selbst, seinem Verstand und seinem Weltbild zweifeln zu müssen, nutzen wir Denk-Schemata auch, um unser Handeln und die Dinge um uns herum so auszulegen, dass sie mit unserem Weltbild übereinstimmen. Bei der Beobachtung und Wahrnehmung setzt der Mensch daher gezielt kognitive Ressourcen ein, um die ihm zur Verfügung stehenden Informationen so zu ordnen und zu interpretieren, dass sie seiner eigenen Logik möglichst nicht widersprechen. 

 

Schließlich geht jeder Mensch naiv davon aus, dass er sich und seine Umwelt realistisch und richtig einschätzt. Entstehen Widersprüche, werden die - aus der mit dem eigenen Verstand und Weltbild disharmonierenden Wahrnehmung resultierenden - Denkprozesse eingestellt und / oder so umgeleitet oder uminterpretiert, dass sie zum eigenen Weltbild passen. Insofern suchen, verarbeiten und interpretieren wir (auch selektiv) bestimmte Informationen, um bestimmte Urteile und Entscheidungen zu treffen.

 

Dies bezieht sich sowohl auf das unbewusste automatische Denken, als auch auf das bewusst kontrollierte rationale und schlussfolgernde Denken (Social-Cognition-Effekt). Denk-Schemata helfen uns unser Weltbild so zu konstruieren, dass es zu uns passt. 

 

Auch implizierte Persönlichkeitstheorien sind Schemata. Sie verknüpfen verschiedene Persönlichkeitseigenschaften miteinander, obwohl diese in keiner ursächlichen bzw. realen Verbindung miteinander stehen. Hier sorgen abgerufene Denk-Schemata dafür, dass wir von einer Eigenschaft automatisch auf eine andere Eigenschaft schließen.

 

Als Beispiel dafür sei der Effekt der Stereotypisierte Kopplung genannt. Bei diesem Beurteilungs- und Wahrnehmungsfehler werden Charaktereigenschaften, die in keinem real abhängigen Zusammenhang stehen, mit einer entsprechend logisch scheinenden unterstellten Annahme und Erwartung automatisch miteinander verknüpft. Wer z.B. sauber und gepflegt ist, ist angeblich zugleich auch höflich. Wer höflich ist, ist auch gebildet. Wer eine Brille trägt, ist intelligent, Wer einen Bart trägt, ist konservativ. Wer konservativ aussieht, ist gemütlich. Wer gemütlich ist, arbeitet langsamer etc. Da die Stereotypisierte Kopplung auf einer unterstellten Erwartung basiert, zählt sie auch zu den Erwartungsfehlern. 

 

 

Logischer Fehler

Der Begriff "Logisches Denken" setzt sich aus den Begriffen "Logik" und "Denken" zusammen. "Denken" umfasst alle Vorgänge, die versuchen, aus einer inneren Beschäftigung mit Vorstellungen, Erinnerungen und Begriffen eine Erkenntnis zu formen. Unter dem Begriff "Logik" der dem Altgriechischen entstammt, versteht man vernünftiges Schlussfolgern bzw. das Ziehen von Schlüssen aus Sachverhalten und Zusammenhängen auf Basis der Vernunft.

 

Logik bezieht sich auf das Erkennen und Bilden von Beziehungen und Zusammenhängen, von Möglichkeiten und Chancen, von Relevanzen, Gültigkeitsbedingungen und die Bildung passender Schlussfolgerungen.

 

Der Logische Fehler basiert auf unserem Denken und unserer Logik. Allein aufgrund der Annahme, dass bestimmte Informationen oder Merkmale (Persönlichkeitsmerkmale, Eigenschaften) miteinander verkoppelt sind, zumindest aber eine Verbindung besteht, unterliegen Menschen (z.B. ein konkreter Beobachter) der Tendenz, vermeintlich logisch zusammengehörende Merkmale ähnlich zu bewerten, von ihnen Rückschlüsse zu ziehen und weitere Zusammenhänge abzuleiten. Daraus leitet sich auch der sogenannte "Korrelationsfehler" ab, der ein "Logischer Fehler" ist.

 

 

Korrelationsfehler

Korrelationsfehler (auch "Korrelations-Fehler" oder "Fehler aufgrund Korrelation von Informationen") basiert auf "Logik" und dem sogenannten "Logischen Fehler". Konkret geht es um falsche logische Informations-Verknüpfungen.

 

Bei einem Korrelationsfehler wird zu Unrecht eine logische Verbindung zwischen mehreren Informationen bzw. Beurteilungsmerkmalen angenommen. Der Beurteiler geht z.B. davon aus, dass zwischen zwei Informationen ein Zusammenhang besteht. Von diesem Zusammenhang leitet er eine neue Logik (Schein-Logik oder Fehl-Logik) ab und begründet darauf sein Urteil.

 

Beispiel: So hat z.B. (laut Nachrichten vom 10.09.2015 und 11.09.2015) der Ältestenrat des Bundestages den (eigentlich zuständigen) Bundesnachrichtendienst (BND) deshalb von der Aufklärung des vorausgegangenen Cyber-Angriffs auf die Computer des Parlaments ausgeschlossen, weil - neben dem Cyber-Angriff auf den Bundestag - auch Angriffe auf andere (z.B. auch privatrechtliche) Institutionen erfolgt sind.

 

Aufgrund beider Informationen, die hier a) in einen Zusammenhang gebracht werden oder b) ggf. einen tatsächlichen Zusammenhang darstellen wird nun ein neuer Zusammenhang konstruiert oder der vorausgegangene mögliche Zusammenhang negiert (z.B. Angriff eines fremden Geheimdienstes, hier konkret aus Russland).

 

Derartige Korrelationsbildung zählt zwar zu den gehirneigenen logischen Denkprozessen - aber leider geht diese Logik nicht immer auf. Im konkreten Fall ist es sogar extrem naiv, einen Zusammenhang zwischen der Cyber-Attacke und der Handlung eines fremden Geheimdienstes nur deshalb auszuschließen, weil auch andere betroffen sind. Aber es ist auch grundsätzlich naiv, so etwas auszuschließen. Letzteres wäre dann zugleich ein typisches Beispiel für den Heile-Welt Naivitätsfehler.

 

Der Korrelationsfehler erfolgt extrem häufig in vielen Bereichen, in denen Menschen und Sachverhalte beurteilt und entsprechende Entscheidungen getroffen werden müssen. Ganz bewusst wird der Korrelationsfehler u.a. in der Werbung, im modernen Neuromarketing und von Trickbetrügern (aus-)genutzt, was eigentlich jedem klar sein sollte.

 

Da der Korrelations-Fehler eine Art Illusion bildet, wird er in (u.a. der Sozialpsychologie, insbesondere in der Vorurteils-Forschung ) auch als "Illusorische Korrelation" bezeichnet und in verschiedene Korrelations-Typen unterteilt bzw. klassifiziert.

 

 

Illusorische Korrelation

Illusorische Korrelation bedeutet, dass in der eigenen Erinnerung bzw. der eigenen Vorstellung Zusammenhänge (z.B. zwischen zwei Ereignissen oder zwischen Personen und entsprechenden Attributen) gesehen werden, die tatsächlich aber gar nicht wirklich vorhanden sind.

 

In der Sozialpsychologie und Vorurteils-Forschung wird die "Illusorische Korrelation" zu den sogenannten "Urteilsheuristiken" gezählt. Dabei werden unterschiedliche Korrelations-Typen unterschieden. Dazu zählen u.a. Illusiorische Korrelationen, die auf einer bestimmten Erwartung oder Erwartungshaltung basieren und zu einem sogenannten "Erwartungsfehler" führen.

 

Folglich besteht hier ein Zusammenhang zwischen Illusorischen Korrelationen und entsprechenden Erwartungsfehlern. Derartige "Erwartungsbasierte Illusionen" entstehen z.B. dann, wenn bestimmte erwartete Ereignisse, die einen vermuteten ursächlichen Zusammenhang erwartungsgemäß bestätigen sollen, stärker gewichtet werden als unerwartete Ereignisse, die der angenommenen Ursache widersprechen.

 

In der Wahrnehmung von Personen (Personenwahrnehmung) liegen u.a. sogenannte Stereotype zugrunde (Siehe auch: Stereotype Wahrnehmung). Zugleich ist dies z.B. der Grund, warum vermeintlich typisch weibliche Verhaltensweisen selbst dann häufiger Frauen zugeschrieben wird als Männern, wenn die objektiv Häufigkeit exakt gleich ist.

 

Eine weiterer Faktor für illusorische Korrelationen ist die eventuell ungleiche kognitive Verarbeitung vorhandener und fehlender Merkmale. Auch die Aufmerksamkeit spielt eine Rolle, wenn wir bestimmte Zusammenhänge in eine angenommene Verbindung bringen.

 

Sofern zusätzlich Informationen wahrgenommen werden, die dem Stereotyp widersprechen (z.B. "Das Blondinen-Girl mit der Eins in Latein."), ist das menschliche Gehirn bemüht, irgendeine Erklärung dafür zu konstruieren bzw. regelrecht zu erfinden (z.B. "Ihr Vater ist Pfarrer und er wird ihr geholfen haben"), selbst wenn diese Erklärung nicht den Tatsachen entspricht oder vollkommen an den Haaren herbeigezogen wird. Die Bildung derartiger Erklärungen zur "Rettung" der vermeintlich eigenen Logik erfolgt wiederum auf anderen logischen Zusammenhängen, die hier kurz erklärt werden sollen:

 

Stets ist der Mensch bestrebt, seine eigene Logik aufrechtzuerhalten und bei Entstehen möglicher Widersprüche und kognitiver Dissonanzen regelrecht zu retten. Das liegt auch daran, dass der Mensch den eigenen Selbstwert bzw. sein Selbstwertgefühl nicht beschädigen möchte. Das subjektive Gefühl einer solchen "Beschädigung" liegt bereits vor, wenn die eigene Logik in Frage gestellt würde.

 

Das Ziehen logischer Zusammenhänge zählt geradewegs zu den Grundprinzipien menschlichen Denkens und Handelns. Allein schon aus Grund des Strebens nach Logik und des Strebens nach Anerkennung aufgrund eigener logischer Schlussfolgerungen wäre das Selbstwertgefühl aus der subjektiven Selbstwahrnehmung heraus dann bereits beschädigt wenn die eigene Logik und die sich daraus ergebenen Schlüsse nicht richtig wären.

 

Im Zuge des Wirkungsprinzips der kognitiven Dissonanz-Reduktion greift der Mensch zu sogenannten "Selbstwertdienlichen Verzerrungen", die auch als "Selbstwert-Effekt" bezeichnet werden - und formt sich so eine neue Realität bzw. selbst konstruierte vermeintlich "logische" Zusammenhänge

 

 

Kleber-Effekt

Der Kleber-Effekt basiert auf einem Logischen Fehler (siehe oben) und zugleich auf einer Art Erwartungsfehler. Was den Logischen Fehler anbetrifft, so unterliegt ein Beobachter bzw. Entscheider aufgrund der Annahme, dass bestimmte Merkmale miteinander verkoppelt sind und in einer logischen Verbindung stehen, der Tendenz, die für ihn logisch zusammengehörenden Merkmale ähnlich zu bewerten, von ihnen Rückschlüsse zu ziehen und weitere Zusammenhänge abzuleiten.

 

Anders als beim klassischen Logischen Fehler werden beim Kleber-Effekt keine Eigenschaften miteinander in Verbindung gebracht, sondern Erfahrungswerte auf Basis vorausgegangener Beobachtungen. Aus diesen Erfahrungen leitet der Beobachter bzw. Entscheider eine bestimmte Erwartung ab, die zu einer Prognose führt, die er für wahrscheinlich bzw. sicher hält.

 

Die meisten kennen den Ausspruch "Ich kenne meine Pappenheimer", was so viel heißt wie "genau wissen, was man von jemandem bzw. einer bestimmten Personengruppe zu erwarten hat" bzw. konkret "Wer sich bis jetzt verlässlich zeigte, wird sich immer wieder verlässlich zeigen." Der Spruch entstammt aus dem Dreißigjährigen Krieg und bezieht sich auf die Pappenheimer Kürassiere des gleichnamigen Regiments. Verbreitung erfuhr die Redewendung in abgewandelter Form spätestens durch Schillers Drama "Wallensteins Tod“.

 

Ähnlich wie Wallenstein oder Tilly dachte auch Napoleon hinsichtlich seiner Alten Garde 1815 bei Waterloo. Danach war nicht nur die Schlacht verloren, sondern auch Napoleon "weg vom Fenster". Schuld war der Kleber-Effekt. Er besagt, dass einmal eingefahrene(r) Ruhm und Ehre an den Betreffenden bzw. Beurteilten für immer haften bleibt und auch in Zukunft das gleiche Verhalten erwartet - und daher sicher vorausgesetzt werden kann, im Positiven wie im Negativen. Während Wallenstein den Ausspruch voller Bewunderung und Hochachtung tat, meint das z.B. die Lehrerin in der Schule ggf. eher kritisch z.B. wenn sie Schüler vor Klassenarbeiten nach Spickzetteln durchsucht.

 

Zugleich beschreibt der Effekt die Überschätzung bzw. Unterschätzung von Leistungen. Der Effekt zeigte sich nicht nur im Militärwesen (z.B. 1415 bei Acincourt oder bei Hitlers Russlandfeldzug etc.) - besondere Wirkung zeigt der Kleber Effekt auch in der Schule, im Arbeitsleben und bei Entscheidungen im Hinblick auf die Personalauswahl und die Personalentwicklung.

 

Ein beobachteter oder beobachtbarer Verlauf (z.B. Lebenslauf eines Bewerbers oder die Personalbeurteilungs-Vita eines Angestellten) prägt die Sicht des Beurteilenden bzw. Entscheiders so stark, dass er von seiner bisherigen, sichtbaren Einschätzung nicht mehr zurück will. Fälschlicherweise wird auf Basis sogenannter Menschenkenntnis und der daraus resultierenden Erwartung (Erwartungsfehler) davon ausgegangen, dass jemand, der z.B. früher zuverlässig war, sich automatisch immer wieder zuverlässig verhält oder jemand, der gute Leistungen zeigte, auch in Zukunft immer wieder gute Leistungen erbringen wird.

 

Man geht davon aus, dass Menschen, die früher gut waren nicht plötzlich oder später schlecht sind. Umgekehrt geht man davon aus, dass Menschen, die in der Vergangenheit negative Muster zeigten, nicht anders können, als sich immer wieder negativ zu zeigen, was sogar zur Bewahrheitung einer sogenannten Selbsterfüllenden Prophezeiung (Rosenthal Effekt) (Ettikettierungs- und Stigmatierungsfehler) führen kann, aber eben nicht zwingend muss.

 

Wer früher schlecht war, kann nach Ansicht von Menschen nicht plötzlich gut sein und selbst bei höchster Motivation und Anstrengung kann ein Mensch dem Glauben nach nicht wirklich deutlich besser werden. Dies kann zu einem Stigma führen und - sowohl für die beobachtete und bewertete Person als auch für den Beobachter und Entscheider - sehr negative Konsequenzen haben.

 

 

Kontrast Effekt

Ein Kontrast-Effekt ist eine kognitive Verzerrung, die zu einer intensiveren Wahrnehmung einer Information führt, welche zusammen mit einer im Kontrast stehenden Information präsentiert wird. Kontrast-Effekte treten zumeist auf, wenn eine negative Beziehung zwischen den Implikationen der Kontextinformation und dem Urteil besteht. Bei Urteilsfindungen führen so positive Kontextinformationen zu negativeren Bewertungen und negative Kontextinformationen zu positiveren Bewertungen.

 

Kontrast-Effekte sind allgegenwärtig in der menschlichen Wahrnehmung, der Kognition und dem daraus resultierenden Verhalten. Ein Objekt erscheint schwerer, wenn es mit einem leichten Objekt verglichen wird, oder leichter, wenn es mit einem schweren Objekt verglichen wird. Die Attraktivität einer Alternative kann deutlich erhöht werden, wenn sie einer ähnlichen aber schlechteren Alternative gegenübergestellt wird.

 

Der Kontrast Effekt basiert auf dem Gesetz der Reihenfolge und besagt, dass Beurteilungen von der Reihenfolge der Beurteilung abhängig sind. Wenn Beurteiler (z.B. Prüfer, Lehrkräfte, Personalentscheider etc.) Bewertungen im Vergleich zu anderen vornehmen, fällt die Beurteilung (z.B. Benotung) anders (Tendenz zum Guten oder zum Schlechten) aus als eine Beurteilung ohne Vergleichsmöglichkeit.

 

Wird zuerst ein schlechter Kandidat beurteilt und unmittelbar danach ein guter, fällt die Beurteilung des guten Kandidaten noch besser aus. Wird zuerst ein guter Kandidat beurteilt und unmittelbar danach einer, der eher schlechter ist, fällt die Beurteilung des schlechteren Kandidaten viel schlechter aus als sie eigentlich ist.

 

Aktive Anwendung findet der Kontrast Effekt im Verkauf. Hier wird zuerst ein teureres Produkt angeboten. Fakt ist: Zwei beliebige Dinge, die uns in einer bestimmten Reihenfolge angeboten werden, werden verschiedener wahrgenommen als sie sind. Der Effekt kann unsere Beurteilung dermaßen verzerren, dass sämtliche Relationen nicht mehr stimmen und sich die eigentliche Skalierung verschiebt. Beim Skalierungs-Effekt hilft man dann sogar noch unbewusst aber aktiv nach (Siehe Skalierungs-Effekt). Trotz des ähnlichen Namens unterscheidet sich der Kontrast-Effekt vom Kontrastfehler den sie in einer anderen Rubrik finden.

 

 

Wahrnehmungsfehler / Täuschung aufgrund Weglassens von Informationen

Werden bei der Präsentation von Informationen / Daten solche Informationen weggelassen bzw. ausgeblendet, welche die präsentierten Informationen erklären oder in eine natürliche Relation stellen, führt dies zu einer völlig anderen Wahrnehmung einer Sachlage bzw. zu einer Täuschung des Rezipienten.

 

Wird z.B. ein Schüler als der Beste einer Klasse präsentiert, entsteht das Bild eines sehr guten Schülers, sofern man die Information weglässt, dass die Schüler anderer Klassen tatsächlich viel besser sind als der beste Schüler jener besagten Klasse, die als das einzige relative Verhältnis präsentiert wird. 

 

 

Verfügbarkeitsheuristik

Die Verfügbarkeitsheuristik ist eine Urteilsheuristik, die eingesetzt wird, um die Häufigkeit oder Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses oder einer Kategorie zu beurteilen, wenn keine präzisen Daten zur Verfügung stehen.

 

Menschen behalten die Wahrscheinlichkeit von Ereignissen je nach ihrer Verfügbarkeit in der Erinnerung, d.h., wenn ihnen schnell Beispiele einfallen, halten sie ein solches Ereignis für häufig. Die Verfügbarkeitsheuristik macht die Einschätzung der Häufigkeit oder Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses oder einer Kategorie unbewusst davon abhängig, wie leicht es fällt, entsprechende Ergebnisse oder Kategorien aus dem Gedächtnis abzurufen.

 

Die Verfügbarkeitsheuristik  wirkt u.a. bei Häufigkeits- und Wahrscheinlichkeitsschätzungen sowie bei der Urteilsbildung im sozialen Kontext. Da im Gehirn manche Informationen schneller und leichter abgerufen werden können als andere, entscheidet die Leichtigkeit über die Wahrnehmung und Urteilsbildung:

 

An 3 Beispiele kann man sich besser erinnern als an 20 Beispiele. Einfache bzw. niedrige Zahlen sind leichter zu merken als hohe Zahlen oder komplexe Zahlenkombinationen. Einfache, oft gehörte Begriffe sind leichter zu merken als schwierige oder selten verwendete bzw. selten gehörte Begriffe.

 

Da die Leichtigkeit des Abrufs von Informationen jedoch nicht immer den eigentlich gewünschten oder gesuchten Informationen entspricht, entstehen gravierende Fehlurteile, die sich der Urteilende nicht erklären kann. Obgleich die meisten Unfälle statistisch betrachtet im Haushalt passieren, fällt es unserem Gehirn leichter, sich an typische Gefahrenberufe zu erinnern. Folglich fällt einem der Feuerwehrmann eher ein als z.B. die Hausfrau.

 

Besonders stark wird die Leichtigkeit des Abrufs von Informationen durch Wiederholung, Bekanntheits- und Verbreitungsgrad und den Stellenwert des jeweiligen Informations-Verbreiters beeinflusst. Die Medien spielen hier eine sehr bedeutende Rolle. Sie beeinflussen die Urteilsbildung in enormem Umfang.

  

Obgleich die meisten Unfälle statistisch betrachtet im Haushalt passieren, fällt es unserem Gehirn leichter, sich an typische Gefahrenberufe zu erinnern. Folglich fällt einem der Feuerwehrmann eher ein als z.B. die Hausfrau. Besonders stark wird die Leichtigkeit des Abrufs von Informationen durch Wiederholung, Bekanntheits- und Verbreitungsgrad und den Stellenwert des jeweiligen Informations-Verbreiters beeinflusst. Die Medien spielen hier eine sehr bedeutende Rolle. Sie beeinflussen die Urteilsbildung in enormem Umfang.

 

 

Repräsentationsheuristik

Wir begegnen Ereignissen stets mit bestimmten Vorannahmen und leiten daraus bestimmte Erwartungen ab, die unserer Logik (unserem Weltbild) entsprechen und zu unseren bisherigen Erfahrungen passen. Die Informationsverarbeitung in unserem Gehirn erfolgt dabei unter ökonomischen Gesichtspunkten.

 

Bei einfachen Erklärungsversuchen gehen wir ökonomisch vor. Einfache Erinnerungen oder Erklärungen sind dabei ebenso ökonomisch wie Ähnlichkeiten. Die Ähnlichkeit von zu beurteilenden Sachverhalten oder Gegenständen beeinflusst die Erinnerung und Urteilsbildung enorm. Wir erinnern uns besser, wenn Ähnlichkeiten bestehen, halten zu starke Ähnlichkeiten aber in einigen Fällen wiederum für unwahrscheinlich und unglaubwürdig.

 

Der Nennung einer Telefonnummer mit der Zahlenfolge 648722 halten wir schlichtweg für glaubwürdiger als 123456 oder 333333. Fakt ist, dass die tatsächliche Wahrscheinlichkeit keine Rolle spielt. Unser Gehirn bastelt sich eine eigene Wahrscheinlichkeit, die auf Ähnlichkeiten basiert.

 

 

Ankerheuristik 

Ein vorab genannter Ausgangswert beeinflusst das Ergebnis bzw. die komplette Einschätzung - auch hinsichtlich der Wertigkeit. Der Ankereffekt tritt z.B. beim Schätzen von Quantitäten auf, wobei eine zeitlich vorhergehende hohe Maßangabe die weitere Maßeinschätzung erheblich beeinflusst. Die Ankerheuristik basiert auf dem Fehler des Ersten Eindrucks (primacy effect) und ist aufgrund der bestimmten Erwartung, die dadurch erreicht wird, zugleich ein Erwartungsfehler. 

 

 

Ankereffekt

Der Ankereffekt tritt beim Schätzen von Quantitäten auf, wobei eine zeitlich vorhergehende hohe Maßangabe die weitere Maßeinschätzung erheblich beeinflusst. Ein Ankereffekt tritt immer dann auf, wenn der Befragte nach konkreten Zahlen wie z.B. Preisen oder Jahreszahlen gefragt wird. Jede andere Zahl, die zuvor vom Interviewer oder vom Interviewten selbst genannt wird, kann die zu nennende Zahl beeinflussen, selbst dann, wenn beide Zahlen offensichtlich nichts miteinander zu tun haben.

 

Studien zeigten, dass sich erfahrene Richter selbst von Rechtsbegehren offensichtlich inkompetenter Personen (hier Jurastudenten) und von unglaubhaft hohen Anträgen (sowohl Schadenersatzforderungen als auch Haftdauer) maßgeblich beeinflussen lassen. Der Ankereffekt wird insbesondere im Verkauf genutzt.

 

 

Fehler aufgrund Wiederholung (Priming)

Informationen, die oft wiederholt werden bzw. Gelerntes, das sich selbst immer wiederholt, verfestigt / verfestigen sich. Das erscheint prinzipiell durchaus nützlich, behindert aber die Flexibilität unseres Denkens und die Aktualisierung von Informationen und persönlicher Wahrheiten. Was wir bereits kennen bzw. durch Wiederholung "gut" kennen, halten wir für richtig und zumeist unumstößlich, selbst dann, wenn das Gelernte falsch oder nicht mehr aktuell ist.

 

Daraus formt sich unsere eigene Wahrheit auf der unsere Denk-Muster und Erwartungen basieren. Dies führt sowohl zu Fehlern in der Beobachtung als auch zu unterschiedlichen Denkfehlern, die z.B. in der Manipulation (Werbung/Werbepsychologie) und im Neuromarketing (Consumer Neuroscience) genutzt werden (Gehirnwäsche). Um diesen Effekt zu erreichen wird das sogenannte Priming eingesetzt, das auch von Politik und politisch motivierten bzw. politisch gesteuerten Medien eingesetzt wird, um Menschen bestimmte Informationen einzutrichtern, die sich dann verfestigen und zu den von Werbung, Marketing, Politik und Medien gewünschten Beurteilungen und Entscheidungen führen.  

 

Beim Priming werden bestimmte Schemata (übergeordnete Wissensstrukturen durch vorausgehende Erfahrung / Denkprozess-Schema), die Einfluss auf die Informationsaufnahme und Entschlüsselung haben, durch Wiederholung im Gehirn aktiviert und durch dadurch bestimmte Informationen abgerufen bzw. durch unbewusste Wahrnehmung eines Reizes zugänglich gemacht. Die so aktivierte Information ist zu einem späteren Zeitpunkt leichter abrufbar und breitet sich auf verwandte, ähnliche  Informationen im Gedächtnis aus.

 

Beim Priming steigt die Zugänglichkeit zu bestimmten gespeicherten Informationen im Gedächtnis durch vorherige unbewusste Wahrnehmung von Reizen. Dieses wirkt sich auf spätere Informationsverarbeitungsprozesse aus.

 

Nutzung des Priming-Effekts in der Werbung: a) Wiederholte Darbietung und Nennung eines Produktes auf unterschiedlichen Plattformen, b) Aktivierung eines Stereotyps z.B. bei der Werbung mit Prominenten (Testimonial Werbung) und entsprechende Anregung  der Konsumenten, sich dem Stereotyp entsprechend  zu verhalten bzw. es dem Prominenten gleich zu tun, c) Übertragung der im „Priming“  ausgelösten Assoziationen und Affekte auf ein Produkt und d) Verstärkung latent vorhandener Bedürfnisse, d) Positiv-Stimmung durch positive Aussagen und Bilder... 

 

Nutzung des Primings zur Veränderung von Grundhaltungen: Priming kann nicht nur Kaufentscheidungen herbeiführen sowie Verkaufsgespräche und Einkaufverhandlungen beeinflussen, sondern auch die Einstellung gegenüber anderen Personen positiv oder negativ beeinflussen. Priming ist zugleich eine hervorragende Möglichkeit, andere - aber auch uns selbst - in eine bestimmte Grundhaltung zu bringen, die für unsere Ziele förderlich ist.

 

Modelle zur Erklärung der Funktionsweise des Primings:

Erregungs-Übertragungs-Modelle z.B. „energy-cell-model“

(Higgins & King 1981): Das Erregungsniveau steigt, wenn Speichereinheiten durch Informationsverarbeitungsprozesse aktiviert werden. Je häufiger eine Zelle aktiviert wird, desto weniger Energie ist nötig, diese weitere Male zu aktivieren. Kommen mehrere Speichereinheiten zur Interpretation eines Reizes in Frage, wird diejenige verwendet, die das  höchste Erregungsniveau aufgrund der kürzlichen Aktivierung hat.

 

Papierkorb-Modell  („storage bin model“: Wyer & Srull 1980):

Zuletzt abgerufene Informationen werden im Speicher an oberster Stelle „abgelegt“ und können wieder als erstes abgerufen werden.

 

Assoziative  Netzwerkmodelle z.B. „spread of activation model“

(Anderson 1983): Informationen werden im Gedächtnis in einer Art Netzwerk gespeichert. Dabei sind ähnliche Informationen über assoziative Bahnen eng miteinander verbunden. Wenn eine Informationseinheit aktiviert wird, breitet sich diese Aktivierung im Netzwerk aus und erleichtert damit den Abruf des gesamten Netzwerkes.

 

Ausnahme: Priming erleichtert nicht immer die Verarbeitung eines Reizes. Wenn die zuletzt aktivierte Speichereinheit und der später folgende Reiz gegensätzlich sind, wird die Verarbeitungsgeschwindigkeit des neuen Reizes reduziert.

 

Testen Sie sich: 

Welche Farbe hat Schnee? Welche Farbe hat ein weißes Blatt Papier?

Welche Farbe hat Milch? Sie hatten eine Antwort parat? Gut, dann sprechen Sie folgende Wörter laut und deutlich nach: "Knilch, Knilch, Knilch". Gut, noch einmal bitte, nur noch etwas lauter und deutlicher! "Knilch, Knilch, Knilch".Danke.

Nun zur letzten Frage: Was trinken Kühe?

Merken Sie nun, was Priming ist?

 

 

Wahrnehmungsfehler aufgrund Gerüchteküche 

Das Verbreiten von Gerüchten, die sich durch ständiges Nachfragen und Wiederholen manifestieren, werden wahrnehmungstechnisch irgendwann zur Tatsache. Das Verbreiten von Gerüchten ist eine besondere Form des Storytellings und damit der Manipulation. Durch das Verbreiten von Gerüchten kommen bestimmte Informationen in Umlauf, die der Informations- und Meinungsbildung dienen und Informationen und Meinungen verzerren.

 

Einmal in die Welt gesetzt, wird ein Gerücht initial z.B. mit einer bestimmten Tatsachenbehauptung oder einer geäußerten These, die möglichst provokant ist, das Schamgefühl anspricht, zu Entrüstungen führt, Diskussionen anregt usw. Je mehr Aufmerksamkeit erregt wird und je mehr eine Nachricht oder Behauptung die Emotionsebene anspricht, desto höher ist ihr Verbreitungsgrad. Der Wahrheitsgehalt spielt dabei keine Rolle. Eine These kann folglich wahr, halbwahr oder unwahr sein. Entscheidend ist, dass sie Emotionen weckt und auf entsprechenden Nährboden trifft.

 

Trifft ein Gerücht auf bestimmte - bereits vorhandene - Erwartungshaltungen (z.B. Hoffnungen und Ängste), dann findet es einen regelrechten Nährboden für seine Verbreitung. Eine besondere Aufmerksamkeit und besonders gute Chance auf Weiterverbreitung hat ein Gerücht, wenn es sich um ein angebliches Geheimnis handelt und der Empfänger gebeten wird, dieses vermeintliche Geheimnis nicht weiterzuerzählen bzw. die mitgeteilten Information niemandem zu verraten.

 

Besonders wirksam ist ein Gerücht, wenn es von Personen mit hoher Popularität und Glaubwürdigkeit in die Welt gesetzt wird. Je einfacher und dramatischer die Information klingt, desto wirkungsvoller ist ein Gerücht, insbesondere dann, wenn die Informationen mit Schuldzuweisungen einhergehen, wobei indirekte Schuldzuweisungen eine stärkere Wirkung haben als direkte Schuldzuweisungen.

 

Gerüchte haben eine sehr starke Eigendynamik, die man allein vom sogenannten "Stille Post" Spiel kennt. Gerüchte manifestieren sich scheinbar in regelrechtem "Wissen", in "Glauben" und in "Überzeugungen". Dabei handelt es sich jedoch in Wirklichkeit nachweislich um Fehlannahmen und um falsche Überzeugungen, die lediglich subjektive Meinungsbilder sind. Man nennt sie auch "Common Myth-Conceptions" (auch "Common MythConceptions" geschrieben). 

 

Der Glaube an sogenannte Menschenkenntnis ist dafür ein ebenso gutes Beispiel wie so manche Verschwörungstheorie, so manche Lebensweisheit und so manches Vorstellungsbild, das sich in den Köpfen der Menschen über die Zeit hinweg zur vermeintlichen Realität gefestigt hat. Niemand kommt auf die Idee kommt, derartige Fehlinformation anzuzweifeln. Tut jemand das doch, dann erntet er Lacher, Hohn, Spott oder Ächtung. Allein die Abrufbarkeit derartigen Fehl-Wissens stellt eine Selbstverständlichkeit dar, die keiner Vergewisserung bedarf.

 

 

Emotionsfehler

Wie der Motiv-Fehler (siehe Rubrik Beobachtungsfehler) so entsteht der Emotionsfehler durch Prozesse unseres Motiv- und Emotionssystems im Gehirn. Emotionen nehmen hier eine starke Rolle ein. Sie beeinflussen sämtliche Beurteilungen und Entscheidungen. Wie man aus den modernen Neurowissenschaften weiß, basieren die meisten Entscheidungen auf intuitiven / unbewussten Gefühlsentscheidungen, die im Limbischen System entstehen.

 

Beim Limbischen System handelt es sich um eine Funktionseinheit des Gehirns, die der Verarbeitung von Emotionen und der Entstehung von Triebverhalten dient und auch für die Ausschüttung von Endorphinen, also körpereigenen Opioiden verantwortlich ist, die unser Denken, unsere Urteile und unsere Entscheidungen stimuliueren.

 

 

Motiv-Emotionsfehler (nach Köhler)

Der Motiv-Emotionsfehler ist eine Kombination aus dem Motiv-Fehler (siehe Rubrik "Beobachtungsfehler") und dem Emotionsfehler. Mit dem Motiv-Emotionsfehler beschäftigt sich die Marktforschung, das moderne Marketing (z.B. Viralmarketing) und der Bereich Consumer Neuro Science, der seine Praxis im sogenannten Neuroselling und Neuromarketing findet, weil man weiß, dass Entscheidungen (z.B. Kaufentscheidungen) überwiegend unbewusst hervorgerufen werden und über das Motiv- und Emotionssystem im Gehirn bzw. unser Unterbewusstsein erfolgen, das intuitive Entscheidungsprozesse nach irrationalen Gesichtspunkten herbeiführt.

 

Unser innerer Autopilot sagt uns, was wir wollen, was wir tun und wie wir das tun. Anders als viele meinen, regeln unbewusste Schaltkreise die meisten Dinge für uns, ohne, dass es uns bewusst ist. Das ist auch praktisch so. Müssten wir über alles nachdenken, kämen wir kaum von der Stelle. Bewusstes Denken kostet nämlich sehr viel Energie. Deshalb versucht unser Gehirn, das Denken möglichst zu vermeiden.

 

Der Motiv-Emotionsfehler basiert auf der Theorie, dass alle biologischen Prozesse inklusive unserer Emotionen und unserer Erfahrungen im Gehirn gespeichert sind. Was wir dort abrufen, wird im Allgemeinen als „Bauchgefühl“ bezeichnet. Genau das wird im Neuroselling und Neuromarketing angesprochen. Daher lernen effiziente Verkäufer und Vertriebler nicht nur aus der Sicht des Kunden zu denken, sondern auch aus der Sicht des Gehirns. Das hier für die Bildung von Emotionen verantwortliche Limbische System wirkt stets im Hintergrund mit.

 

Emotionen sind zugleich die Kräfte, die uns antreiben. Neben Emotionen spielen im Hinblick auf die Auslösung von Wünschen (z.B. eines Kaufwunsches) auch Motive (Motivsystem) und die Werte eine Menschen (Wertsystem) eine Rolle. Motiv- und Wertsysteme besitzen nämlich ebenfalls eine emotionale Komponente und es findet hier eine entsprechende Wechselwirkung statt.

 

Zusammengefasst kann gesagt werden, dass sowohl Motive als auch Emotionen unsere Wahrnehmung lenken, unsere Urteile und Entscheidungen maßgeblich beeinflussen - und damit auch unser "quasi triebgesteuertes" Verhalten. Die meisten Menschen wollen diese Realität ebenso wenig wahrhaben wie die meisten anderen Wahrnehmungsfehler. Die Realität ist aber nun einmal Fakt und der Neuro Consumer Bereich freut sich sehr darüber, dass "Konsumenten" immer noch so denken und sich kaum davor schützen.

 

 

Wahrnehmungsfehler aufgrund bestimmter Moralvorstellungen

Der Wahrnehmungsfehler aufgrund bestimmter Moralvorstellungen basiert wie der Motiv-Emotionsfehler auf ähnlichen Prozessen im Gehirn - schließlich steht unsere Moral in Verbindung mit unseren Emotionen und Motiven. Anders als der Motiv-Emotionsfehler sind uns unsere Moralvorstellungen jedoch teilweise bewusst. Das merken wir allein dadurch, dass wir etwas (bewusst) für unmoralisch halten. Was passiert hier?

Bestimmte Moralvorstellungen beeinflussen unsere Wahrnehmung, unsere Beurteilung und unsere Entscheidungsfindung in erheblichem Maße. Dies beginnt bereits bei der Beobachtung (siehe dazu auch Rubrik "Beobachtungsfehler"): Finden wir bereits eine bestimmte Beobachtung als "unmoralisch" bzw. gegen unsere "Prinzipien" und geltende "Konventionen", schauen wir - allein aufgrund unseres Schamgefühls oder wegen der Furcht, selbst bei der Beobachtung beobachtet zu werden - nicht so genau hin oder sogar weg. Ebenso werten wir die Dinge um uns herum stets über unsere Moralvorstellungen.

 

Hinzu kommt, dass wir uns oft nicht trauen, andere zu sanktionieren oder zumindest nicht zu protegieren, weil wir befürchten, nach der Moralvorstellung anderer selbst negativ beurteilt zu werden. Das tun wir selbst dann, wenn wir eigentlich nach geltendem Recht urteilen wollen: Unser Urteil wird verzerrt oder entfällt - und wir finden für unser eigentlich ungerechtes verhalten stets genügend Argumente, warum wir das tun oder aber aufgrund von Moralvorstellungen trotzdem richtig oder zumindest verständlich finden.  

 

Empfinden wir es als unmoralisch, eine Person oder Personengruppe in irgendeiner Art und Weise zu bewerten bzw. zu beurteilen und über diese ggf. negative Beurteilungs-Option eventuell zu diskreditieren, ändern wir die Bewertung oder unterlassen die Beurteilung an sich. Um eine daraus resultierende kognitive Dissonanz zu vermeiden bzw. zu verarbeiten, richten wir stattdessen unsere Aufmerksamkeit nur noch auf die möglichen oder unterstellten positiven Aspekte, die wir so aufwerten, dass jegliche Relationen nicht mehr stimmen und die Beurteilung wie auch eine Entscheidung jeglicher sachlicher Grundlage und Logik entbehrt.

 

Das bezieht sich nicht nur auf den Prozess der Wahrnehmung an sich, sondern auch auf das daraus resultierende Verhalten. Wenn wir es z.B. als unmoralisch empfinden, ein negatives (ggf. sogar strafbares) Verhalten einer bestimmten Person anzusprechen oder gar zu sanktionieren, ändern wir die üblichen Raster für eine sachliche Beurteilung und ein z.B. sanktionierendes Verhalten, blenden wir einfach aus und vermeiden die sonst übliche Reaktion, insbesondere dann, wenn es sich bei der beobachteten Person oder Personengruppe um Stereotype handelt, die von unseren Moralvorstellungen direkt oder tendenziell protektioniert sind (z.B. Ausländer, Frauen, Behinderte, Kinder, alte Menschen etc.).

 

Dies führt dazu, dass bestimmte (z.B. negative) Verhaltenstendenzen (z.B. eine Straftat) eher toleriert werden. In einigen Fällen erfolgt eine regelrechte Wahrnehmungs-Umkehr, wobei sich die Beurteilung und Entscheidung sogar gegen die Opfer oder die Sicherheitsorgane wendet.

 

Selbst wenn eine durch unsere Moralvorstellungen geschützte Person oder Personengruppe unzählige Menschen ermordet, wird es aufgrund des besagten Wahrnehmungsfehlers viele Menschen geben, die z.B. als Zeuge keine oder keine eindeutige Aussage machen, die Tat herabspielen, Verständnis für den Täter bzw. die Tätergruppe zeigen (nicht oder weniger aber für die Tat an sich) oder sogar den oder die Täter schützen und sich sogar gegen die Opfer oder Sicherheitsorgane opponieren. Dies geschieht allein, weil der oder die Täter ggf. zu einem moralisch geschützten Personenkreis gehören z.B. aus einem bestimmten Kulturkreis stammen, Ausländer sind, behindert sind, unterdrückt sind, Kinder sind.

 

Das ist zugleich auch einer der vielen Gründe, warum auf Basis dieses Wissens bzw. dieser Erfahrung z.B. Kinder zum Stehlen geschickt werden. Ältere Menschen zählen heute übrigens nur noch sehr bedingt zu den moralisch protegierten Personengruppen, was darin liegt, dass sich die Moralvorstellungen aufgrund gesellschafts- und medienbedingter Prozesse - wie in anderen Fällen auch - ändern können. Moralvorstellungen unterliegen - ähnlich wie Trends - einer stetigen (nur langsameren) Veränderung, die mit vielen anderen Prozessen (z.B. Sozialisierungsprozess, Erziehung, Bildung etc.) in Verbindung steht.

 

Der Wahrnehmungsfehler aufgrund von Moralvorstellungen verzerrt nicht nur die Wahrnehmung, sondern auch die Realität in erheblichem Maße. Dies kann sogar so weit gehen, dass ein bestimmter Straftäter bzw. bestimmte Personengruppen in gewisser Hinsicht direkt oder zumindest indirekt eine regelrechte "Narrenfreiheit" bekommen.

 

Aber selbst dabei muss es nicht bleiben: Unter bestimmten Umständen führt die besagte "Narrenfreiheit" sogar dazu, dass eine aufgrund unserer Moral protegierte Person - anstelle einer Ächtung oder Bestrafung - sogar (allgemein oder speziell, direkt oder indirekt) gefördert wird. Bereits das Unterlassen einer negativen Beurteilung oder das Fehlen der überwiegend einstimmigen kollektiven Sicht kann dazu führen, dass z.B. negatives Verhalten dadurch indirekt gefördert wird. Dies alles nur, weil die Moral die Sachlage verzerrt und unsere sachliche Urteilsfähigkeit entscheidend beeinflusst.

 

Hinsichtlich der Vorstellungen und Ansichten in Bezug auf das, was als unmoralisch gilt, trifft der Effekt ebenso zu, nur umgekehrt: Hier werden bestimmte Personen und Personengruppen mit einem Stigma behaftet, welches sämtliche Beobachtungen, Wahrnehmungen, Beurteilungen und Entscheidungen ebenso trübt und stark beeinflusst.

 

Moralvorstellungen stehen in einem Zusammenhang mit stereotypen Menschenbild-Annahmen (z.B. Ausländer, Frauen, Behinderte, Kinder, alte Menschen etc.) (siehe Rubrik Wahrnehmungsfehler aufgrund des sozialen Einflusses") und dem Fehler der sozialen Wahrnehmung (siehe entsprechende Rubrik). Konformitätsdruck und andere Effekte spielen hier ebenfalls eine Rolle. Obgleich das Thema unter der Rubrik "Wahrnehmungsfehler aufgrund des sozialen Einflusses" abgehandelt wird, soll hier ein kurzes Beispiel für einen Konformitätsdruck erfolgen:

 

Menschen sind in der Regel stets bestrebt, sich möglichst Gruppenkonform zu verhalten und den an sie gestellten Erwartungen zu entsprechen. Selbst dann, wenn diese Erwartungen nur vermutet bzw. unterstellt werden, sind Menschen bemüht, ihre Urteilsfindung möglichst konform zu den Urteilen anderer zu treffen und sich der Gruppe anzuschließen. Es besteht eine Angst, sich asozial zu verhalten und dadurch selbst ins Abseits zu geraten.

 

Je weniger Menschen in einer Gruppe sind, desto höher die Hemmung, gegenteiliger Auffassung zu sein, desto geringer der individuelle Widerspruch, desto wahrscheinlicher die Urteilsfindung zu Gunsten der Mehrheit der Anwesenden. Daher gilt auch vor Gericht: Je mehr Richter bzw. Geschworene, desto wahrscheinlicher ist es, dass auch Minderheitenmeinungen vertreten werden. Ansonsten wird bei der Urteilsfindung bereits die Bewertungs-Skalierung zu Gunsten der Mehrheit bzw. der angenommenen bzw. unterstellten Mehrheit verschoben.

 

Zu beeinflussenden Moralvorstellungen, die sich teilweise in schriftlichen Normen (Gesetze) manifestieren zählen u.a. die sogenannte Frauenquote, bestimmte Religionszugehörigkeiten, das Schuldnerrecht und in gewisser Weise der Verbraucherschutz. Umgekehrt seien hier Menschen mit pädophilen Neigungen, Millionäre und - tendenziell zunehmend - Raucher erwähnt. Wie bereits erwähnt, ändern sich derartige Moralvorstellungen. Zudem sind Moralvorstellungen individuell sehr unterschiedlich. Das kann zu Täuschungen und dadurch zu Problemen führen.

 

Wenn wir z.B. einer Person oder einer Personengruppe (z.B. einem Staat) aufgrund unserer eigenen individuellen und/oder gesellschaftlichen Moralvorstellung viel Geld leihen, bedeutet das nicht, dass wir es bei erneuter Liquidität dann auch wirklich zurückerhalten, nur weil wir dem bzw. den anderen blindlings die gleiche Moral unterstellen (weil wir selbst so denken). Bereits ein neuer Partner oder - im Hinblick auf einen Staat - eine neue, anders denkende Regierung kann aufgrund anderer Moralvorstellungen oder einer Änderung der Moralvorstellungen bereits dazu führen, dass der besagte Schuldner sich anders verhält, als vorher versprochen.

 

Insofern liegt das Problem darin, dass wir anderen Menschen oder Gruppen unsere eigene Moral zuschreiben bzw. unsere eigenen Moralvorstellungen und Werte automatisch in andere hineinprojizieren (siehe Projektionsfehler). Der hier beschriebene Fehler steht in Verbindung mit weiteren Beobachtungs-, Beurteilungs- und Wahrnehmungsfehlern (z.B. Fehler aufgrund Konformitätsdruck) und verschiedenen Effekten. Einer von vielen weiteren Effekte ist der Bettler-Effekt:

 

 

Projektion (Psychoanalyse)

In der Psychoanalyse beschreibt Projektion einen Abwehrmechanismus, bei dem innerpsychischer Inhalte oder ein innerpsychischer Konflikt auf andere Menschen bzw. das jeweilige Gegenüber übertragen und von sich auf andere bzw. auf das Gegenüber verlagert werden. Dabei entsteht der sogenannte "Projektionsfehler", der bei gestörten Persönlichkeiten bzw. bei psychisch kranken Menschen auf als Umkehr-Mechanismus bekannt ist. Hierbei handelt es sich bei psychisch kranken Menschen um einen Wahrnehmungsfehler, welcher der Abwehr von Einsicht, der Aufrechterhaltung des eigenen Selbstbildes und dem Schutz des Selbstwertes (siehe: Selbstwert-Effekt und selbstwertdienliche Verzerrung) dient.

 

Emotionen, Affekte, Wünsche, Impulse und Eigenschaften, die im Widerspruch zu eigenen und/oder gesellschaftlichen Normen stehen, werden auf andere Personen, Menschengruppen, Lebewesen oder Objekte der Außenwelt übertragen und anderen unterstellt. Siehe dazu auch "Umkehr". Die „Abwehr“ besteht dabei darin, dass durch Projektion vermieden wird, sich mit Inhalten bei sich selbst auseinanderzusetzen, die man beim anderen sieht.

 

Der oben erwähnte Projektionsfehler tritt aber nicht nur bei - an einer Psychose erkrankten - Menschen bzw. bei Menschen mit einer bestimmten Persönlichkeitsstörung auf. Vielmehr ist der nachfolgend beschriebene Projektfehler zugleich ein kognitiver Wahrnehmungsfehler, der im Prinzip alle Menschen betrifft.    

 

 

Projektionsfehler

Völlig unbewusst neigen Menschen bei der Einschätzung anderer dazu, ihre eigenen Einstellungen, Ansichten, Erfahrungen, Interessen, Fähigkeiten, Bedürfnisse, Wünsche und Motive in andere hineinzuprojizieren und das, was sie selbst denken und fühlen in ihrer Vorstellung auf andere zu übertragen bzw. anderen zuzuordnen.

 

Dabei wird übersehen oder vergessen, dass andere Menschen völlig andere Einstellungen, Ansichten, Erfahrungen, Interessen, Fähigkeiten, Bedürfnisse, Wünsche und Motive und Motive haben. Von sich selbst auf andere zu schließen, erzeugt enorme Fehler in der Einschätzung und Beurteilung anderer Menschen. Daher ist der kognitive Fehler des Projektionsfehlers zugleich ein Beobachtungsfehler, der aufgrund des Zusammenhangs mit der sozialen Wahrnehmung zugleich der Kategorie "Wahrnehmungsfehler auf Basis sozialer Wahrnehmung zugeordnet werden kann - und dor ebenfalls kurz erwähnt wird.  

 

 

Wahrnehmungsfehler aufgrund Sympathie / Antipathie

Gefühle wie Sympathie oder Antipathie sind zwar keine sachlichen Maßstäbe für die Beurteilung von Menschen; sie beeinflussen jedoch automatisch alle Beobachtungs-, Beurteilungs- und Entscheidungsprozesse. Selbst wenn einem Menschen (dem Beobachter) seine eigenen Gefühle bekannt sind, ist er nicht in der Lage, sich neutral und objektiv zu verhalten. Selbst wenn die Messlatte bzw. der Maßstab zu Gunsten einer Person geändert wird, erhält man durch das persönliche Gefühls-Involvement keine objektive Bewertung.

 

Sympathien können auf einem sogenanntem "Ähnlichkeitsfehler" ("Selbsterkennungs-/Sympathie-Fehler" bzw. "Sympathie-/Ähnlichkeitsfehler") basieren, während Antipathien auf einem "Antipathie-/Selbsterkennungs-Widerspruchsfehler" beruhen können. Das Gefühl der Sympathie oder Antipathie kann aber auch ohne diese Selbsterkennung oder "Selbstnichterkennung" bzw. Kontrast- und Widerspruchsfindung entstehen, z.B. allein über das Image (das unserer Vorstellungskraft entspringende phantastische Bild von einer Person, einer Organisation oder einer Sache, die man einschätzt.

 

So kann allein das subjektiv gewertete Vorstellungsbild (Image) von einer Person, Organisation oder Sache mit Sympathien oder Antipathien behaftet sein und sowohl durch diese Voreinstellung als auch durch dadurch entstehende neue (verstärkende) Gefühle der Sympathie oder Antipathie die Beurteilung und Entscheidung maßgeblich beeinflussen.

 

Gefühle der Sympathie oder Antipathie und dadurch entstehende Sympathie-Antipathie-Fehler wirken sogar bereits im Vorfeld z.B. bei der Beobachtung einer Person oder Sachlage. Das durch irgendwelche Annahmen oder sonstigen Schlüsselreize entstehende Gefühl der Sympathie oder Antipathie kann bereits im Vorfeld entstehen und dann einen Erwartungsfehler erzeugen, der sich dann allein schon deshalb erfüllt, weil man voreingenommen in die weitere z.B. persönliche Beobachtung hineingeht.

 

Hinzu kommt, dass Gefühle der Sympathie und Antipathie direkt oder indirekt gezeigt bzw. vom Gegenüber gefühlt werden, wodurch ein Rückkopplungseffekt entsteht, der dann zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung führt und das Gefühl bestätigt. Diesen typischen Rückkopplungseffekt kennen wir bereits vom sogenannten Pupillen-Effekt. Wenn uns jemand sympathisch findet und seine Pupillen daher erweitert sind, finden wir unser Gegenüber ebenso sympathisch. Unsere Pupillen werden dann ebenfalls weiter.

 

Aber auch hier kann es - allein durch moderne Umwelteinflüssen z.B. Lichteffekte oder die Einnahme medizinischer Präparate zu einer trügerischen Fehlwahrnehmung kommen. Wie auch immer gibt es einen Rückkopplungseffekt. Ob dieser nun auf natürlichen und echten Fakten oder auf Einflüssen und Manipulationen basiert, ist hierbei unerheblich.

 

So kann z.B. das Empfinden von Antipathie gegenüber einer zu beurteilenden Person (z.B. einem Mitarbeiter) deren (dessen) Leistungswillen blockieren, was zu geminderter Leistung, Schlechtleistung, Leistungsverweigerung und/oder Kündigung führen kann. Sympathie hingegen bildet die Grundlage für hohe Motivation, Leistungsbereitschaft und Lernwilligkeit und sorgt darüber hinaus für ein gutes Lern- und Arbeitsklima, was zu höheren (mehr und besseren) Leistungen führt.

 

 

Ähnlichkeitsfehler / Selbsterkennungs-/Sympathie-Fehler / Sympathie-Ähnlichkeitsfehler)

Bei der Wahrnehmung anderer Menschen nimmt man sich selbst als Bezugsrahmen. Nimmt man bei einem Menschen eine Ähnlichkeit (äußere Erscheinung, Kleidungs-Stil, Interessen, Herkunft, Einstellung, Gesinnung, Weltanschauung etc.) mit der eigenen Person wahr, führt dies zu einer Beurteilung entsprechend dem eigenen Selbstbild, das zumeist positiv ist. So werden z.B. diejenigen Menschen (z.B. Mitarbeiter) von anderen Menschen (Beurteiler, Entscheider z.B. Personalentscheider, Vorgesetzte) besser beurteilt, wenn der Beurteiler der Auffassung ist, dass sie ihm ähnlich sind.

 

Der Ähnlichkeitsfehler basiert darauf, dass man sich selbst in dem anderen, den man einschätzt bzw. beurteilt, in irgendeiner Art wiedererkennt. Entsprechend dem eigenen, zumeist positiven Selbstbild entstehen entsprechende Sympathien. Wenn man in der anderen Person an Stelle von Ähnlichkeiten und dadurch entstehenden Sympathien jedoch eher Gegensätze erkennt, entstehen Antipathie-/Widerspruchsfehler (Selbsterkennungs-Widerspruchsfehler).

 

Similitarity Attraction Theory

Die besagte Theorie bezieht sich auf den vorgenannten Ähnlichkeitsfehler (Selbsterkennungs-/Sympathie-Fehler)/ (Sympathie-/Ähnlichkeitsfehler). Sie besagt: Wer einer anderen Person in irgendeiner Art und Weise ähnlich ist, wird von dieser Person bevorzugt. Es entstehen Sympathien. Wer z.B. dasselbe wie sein Chef isst, hat – sofern der Chef dies mitbekommt bzw. wahrnimmt – bessere Chancen im Job, ebenso bessere Chancen mehr Gehalt zu bekommen.

 

Dies ermittelten Forscher der Chicago University in einer Untersuchung. Entsprechende psychologische Tests haben gezeigt, dass Menschen anderen eher vertrauen, wenn sie bemerken, dass diese die gleichen Lebensmittel konsumieren. In Experimenten, in denen Arbeitgeber mit Angestellten über Gehalt oder Arbeitsumstände diskutierten, fiel das Ergebnis für den Arbeitnehmer dann zufriedenstellender aus, wenn er sich die gleichen Snacks wie sein Vorgesetzter nahm.

 

Dieses Phänomen wird auf die sogenannte "Similarity Attraction Theory" zurückgeführt, jedoch ist die Studie der Chicago University eine der ersten, welche die Beziehung in diesem Ausmaß auch zum Essen herstellt. Daher ist es sinnvoll, mit Menschen, die man gut kennt oder kennenlernen möchte, gemeinsam zu essen. Aktuellen Untersuchungen zufolge trifft dies auch für den Arbeitsbereich zu. Entscheidend ist das Zusammensein und ebenso die Wahl der gleichen Speisen.

 

 

Antipathie-/Widerspruchsfehler (Selbsterkennungs-Widerspruchsfehler)

Der Antipathie-/Widerspruchsfehler funktioniert ähnlich wie der Ähnlichkeitsfehler ( Selbsterkennungs-/Sympathie-Fehler), nur umgekehrt: Er basiert darauf, dass man sich selbst in einer Person, die man einschätzt und beurteilt, nicht wiedererkennt, vielleicht sogar Kontraste und Widersprüche zur eigenen Persönlichkeit feststellt, was automatisch zum Gefühl der Antipathie führt. Dieses unangenehme Gefühl beeinflusst dann die Beurteilung und Entscheidung in erheblichem Maße.

 

 

Bettler-Effekt

Auch beim Bettler-Effekt wird unsere Wahrnehmung durch unsere Moral - verknüpft mit stereotypen Menschenbildannahmen - beeinflusst, ebenso unser Handeln. Das beginnt bereits damit, dass wir bestrebt sind, uns den Blicken und Ansprachen von "Bettlern" schamvoll zu entziehen oder aber alternativ unter Einfluss bestimmter Moralvorstellungen und unserer jeweiligen Stimmungslage - selbst dann, wenn wir davon ausgehen, dass es sich bei dem besagten Bettler ggf. um einen "Gauner" bzw. "Betrüger" handeln könnte, einer entsprechende Spende geben, allein um unser Gewissen zu befriedigen und uns als Wohltäter zu fühlen. Allein das damit verbundene Gefühl der Überlegenheit kann - je nach Einstellung und Moral ein bestimmtes Handeln in die ein oder andere Richtung erzeugen. Der beschriebene Wahrnehmungsfehler steht in Verbindung mit weiteren Fehlen z.B. Fehlern aufgrund von Konformitätsdruck (siehe Rubrik "Wahrnehmungsfehler auf Basis des Sozialen Einflusses").

 

 

Wahrnehmungsfehler aufgrund von Involvement (allgemeine Einbezogenheit)

und Ego-Involvement (persönliche Einbezogenheit / Ich-Beteiligung / Betroffenheit)

"Involvement" bedeutet "Einbezogenheit" oder "Einbindung". Zugleich stellt Involvement eine Art der persönlichen Betroffenheit dar. Durch die direkte oder indirekte Einbezogenheit und Einbindung der eigenen Person in ein zu bewertendes Geschehen oder ein zu beurteilendes Produkt und die damit verbundene "Betroffenheit" wird die eigene Urteilsfähigkeit und Entscheidung massiv beeinflusst, insbesondere dann, wenn "High Involvement" vorliegt.

 

Involvement bezeichnet das persönliche Empfinden einer Person, dass eine Sache, ein Geschehen oder eine Geschichte etwas mit ihm selbst und seiner eigenen Persönlichkeit zu tun hat. Folglich hat es spürbare Auswirkung auf ihn selbst, seine Wahrnehmungen, seine Urteile und Entscheidungen. Als Mensch direkt miteinbezogen zu sein, geht zugleich mit einer konkreten Bewertung der Realität einher. Wer sich unmittelbar eingebunden und betroffen fühlt, ist weniger in der Lage, sich sachlich-nüchtern zu distanzieren oder angemessene Vergleiche zu ziehen. (Detail-Infos)

 

Durch Involvement kommt es zu einer persönlichen Eingebundenheit, die dann automatisch das Gefühl der persönlichen Betroffenheit auslösen kann. Dadurch kann eine regelrechte Begeisterung für eine Sache, eine Person oder ein Produkt erfolgen und/oder aber ein ebenso starkes Gefühl der Ablehnung des Gegenteils (z.B. Mitbewerber, Konkurrenz-Produkte, anders denkende Menschen etc.). Involvement erzeugt somit auch einen Polarisierungs-Effekt: Menschen werden folglich parteiisch.

 

Wahrnehmungs- und Realitäts-Verzerrung aufgrund Involvement: Als Mensch direkt mit einbezogen zu sein und sich regelrecht betroffen zu fühlen, geht zugleich mit der entsprechenden Wahrnehmung und der Bewertung der Realität einher. Wer sich unmittelbar eingebunden und betroffen fühlt, ist weniger in der Lage, sich sachlich-nüchtern zu distanzieren oder angemessene Vergleiche zu ziehen.

 

Wer betroffen ist, der engagiert sich mehr. Auch engagiert er sich für in eine ganz konkrete Richtung (und ggf. gegen eine andere Richtung). Involvement zeigt sich folglich insbesondere durch das Engagement, mit dem sich der Involvierte einer Person, einer Sache oder einem Geschehen (im Marketing: Einer Marke, einem Produkt oder einem konkreten Angebot) zuwendet. Auch zeigt sich Involvement durch das Engagement, mit dem sich der Involvierte von einer Person, einer Sache oder einem Geschehen, welches er als gegensätzlich empfindet, abwendet.

 

Heute weiß man längst, dass Beurteilungen und Entscheidungen überwiegend unbewusst erfolgen und über unbewusste Prozesse im Gehirn bzw. über unser das Motiv- und Emotionssystem gesteuert werden. Daher werden Marketingstrategien - aber auch andere Strategien zur Meinungsbildung (z.B. Strategien zum Zwecke der gesellschaftspolitischen Meinungsbildung) durch bestimmte Kommunikationsmedien unterstützt, die das nötige Involvement über Bilder, Ton, Duft und Storytelling erzeugen - und möglichst erhöhen - sollen.

 

Bereits beim Konsum der konkreten Medien wird dem Rezipienten ein bestimmtes Involvement abverlangt. Bezüglich dieser Kommunikationsmedien wird zwischen Medien unterschieden, die dem Konsumenten ein hohes Involvement abverlangen und solchen, bei denen der Konsument eher beiläufig informiert wird. So verlangt z.B. das aufmerksame Lesen eines längeren Textes eines Zeitungs-Artikels dem Konsumenten ein eher hohes Involvement bzw. eine höhere Investition in Form von Konzentration und Zeit ab, während z.B. ein Plakat auf der Straße oder ein Werbespot im Fernsehen eher beiläufig seine Informationen an den Konsumenten abgibt.

 

Während das sogenannte "Storytelling" den Konsumenten der jeweiligen Zielgruppe eher stark involviert, haben andere Medien hingegen eine geringere Involvement-Wirkung, werden dafür aber schneller und öfter wahrgenommen - ohne das dies den Konsumenten eine besonders hohe Aufmerksamkeit und Konzentration abverlangt.

 

Je nach Persönlichkeit kann sich das Involvement stark voneinander unterscheiden und je nach Situation und Anlass stark schwanken. So können z.B. aktuelle oder saisonale Anlässe das Involvement stärker beeinflussen als alltägliche Situationen. Manche Menschen (Zielgruppen) fühlen sich von einer bestimmten Story oder von bestimmten Bildern stärker persönlich angesprochen und selbst betroffen als andere.

 

Über das Wissen über individuelle zielgruppenspezifische Involvement-Vorausetzungen kann somit auch die konkrete Zielgruppe gesteuert werden. Das setzt voraus, dass sich das Marketing über entsprechende Marktforschung mit der konkreten Zielgruppe und ihren besonderen Eigenarten (Persönlichkeits-Typen, Einstellungen, Meinungen, Bedürfnissen, Erfahrungen, Trends usw.) eingehend auseinandersetzt.

 

Wie bereits erwähnt, wird zwischen "Low Involvement" und "High Involment" unterschieden. Beides kann sich auf Produkte (Produkt-Involvement), aber auch auf die konkrete Persönlichkeit (Ego-Involvement) des Rezipienten bzw. Konsumenten beziehen. Low Involvement: Bei einem sogenannten "Low Involvement" liegt ein eher geringer bzw. niedriger Miteinbezug vor. Dieser Miteinbezug erfolgt über a) das Gefühl, das unmittelbar mit dem Produkt selbst verbunden ist (Produkt-Involvement), b) dem persönlichen Gefühl, das dem Kauf des Produktes vorausgeht oder c) dem Gefühl, das beim Kauf des Produktes bzw. bei der Kaufhandlung selbst entsteht.

 

Low Involvement liegt im Marketing in Bezug auf Produkt-Involvement z.B. bei Produkten des alltäglichen Bedarfs mit eher geringem Kaufwert und einer geringen Verbrauchsdauer vor. Aber es sind nicht die Produkte allein, die für ein eher niedriges Involvement verantwortlich sind, sondern auch das persönliche Gefühl, das mit diesen Produkten automatisch in Verbindung gebracht bzw. hier (z.B. von der Werbung) konkret (künstlich, manipulativ) erzeugt wird.

 

Zum Low Involvement in Bezug auf Produkt-Involvement: Mit relativ emotionslosen Alltagsprodukten beschäftigt sich der Kunde in der Regel nur oberflächlich. Daher spielt bei seiner Kaufentscheidung zumeist eher der Preis eine Rolle als bei typischen Produkten, die ein High Involvement auslösen. Da sich (z.B. bei Verbrauchsmaterial) konkurrierende Produkte in Preis und Qualität oft nur minimal unterscheiden, werden derartige Produkte vom Kunden als eher austauschbar empfunden, weshalb dann ein Low Involvement vorliegt. 

 

Aber auch hier geht modernes Marketing (Neuromarketing) neue Wege, in dem auch typische Low Involvement Produkte über das Erzeugen von Emotionen ein High Involvement abgerungen wird. Dabei steht dann nicht mehr der eigentliche Nutzen des Produktes im Vordergrund, sondern das Gefühl, das mit dem Kauf (selbst) oder der Benutzung des Produktes verbunden wird.

 

High Involvement: Bei einem sogenannten "High Involvement" liegt ein hoher Miteinbezug vor. Dieser Miteinbezug erfolgt über a) das Gefühl, das unmittelbar mit dem Produkt selbst verbunden ist (Produkt-Involvement), b) dem persönlichen Gefühl, das dem Kauf des Produktes vorausgeht oder c) dem Gefühl, das beim Kauf des Produktes bzw. bei der Kaufhandlung selbst entsteht. Wie hoch das Involvement tatsächlich ist, entscheidet das erzeugte Gefühl, das beim modernen Marketing (z.B. Neuromarketing) oder aber auch bei der gesellschaftspolitischen Meinungsbeeinflussung durch die gesellschaftspolitisch involvierten Medien angesprochen oder ausgelöst wird.

 

Im klassischen Marketing bzw. im Hinblick auf das reine Produkt-Involvement spricht man von regelrechten High Involvement Produkten. Das sind z.B. Produkte mit einem hohem Kaufwert und/oder Produkte mit einer hoher Verbrauchsdauer. Ein Auto gehört ebenso dazu wie ein Haus. Allein schon wegen des relativ hohen Preises und der angestrebten Nutzungsdauer muss sich der Kunde gründlich mit dem jeweiligen Produkt auseinandersetzen. Er wird sich informieren und vergleichen. Allein dadurch ist er persönlich viel stärker involviert als dies bei typischen Low Involvement Produkten der Fall ist.

 

Ebenso werden Kaufentscheidungen in Bezug auf High Involvement Produkte weniger delegiert. Der Konsument fühlt sich persönlich unmittelbar in die Entscheidung eingebunden. Er ist gefühlsmäßig betroffen bzw. viel stärker betroffen als dies bei Kaufentscheidungen in Bezug auf Low Involvement Produkte der Fall ist.

 

Im Hinblick auf möglichen Fehlentscheidungen entstehen beim High Involvement ebenso größere kognitive Dissonanzen, die entweder marketingseitig (z.B. durch Service und After Sales) oder kundenseitig durch den Effekt der kognitiven Dissonanz-Reduktion und entsprechende selbstwertdienliche Verzerrungen (Selbstwert-Effekt) wieder aufgefangen und umgedeutet werden müssen. Dadurch entwickelt der Kunde auch eine höhere Markentreue als bei niedrigem Miteinbezug. Da hier das Ego-Prinzip wirkt, spricht man gerne auch von sogenanntem Ego-Involvement.

 

Ein High Involvement kann aber auch künstlich z.B. im Hinblick auf die Erzeugung bzw. das Ansprechen bestimmter Emotionen in Bezug auf typische Low Involvement Produkte erzeugt werden, schließlich gibt es die unterschiedlichsten Einflussfaktoren, die Involvement bilden.

 

Ego Involvement  

"Ego-Involvement" bedeutet "Ich-Beteiligung" und/oder "persönliche Betroffenheit" und bezieht sich auf die ganz persönliche Eingebundenheit, ja Betroffenheit der eigenen Persönlichkeit in ein Geschehen, eine Situation, eine Geschichte oder (im Marketing) auf ein Produkt oder eine Marke.

 

Ego Involvement bezieht sich auf bestimmte Einstellungen, persönliche Ansichten oder die Lebenssituation des Betroffenen bzw. Konsumenten, ebenso aber auch auf seinen sozialen Status, seine Rolle in der Gesellschaft (soziale Rolle) und die konkreten Rollenerwartungen, die mit dem Zugehörigkeitsgefühl zu einer bestimmten Gruppe und der konkreten eigenen Rolle einhergehen.

 

Beim "Ego-Involvement" liegt eine regelrechte "persönliche Betroffenheit" in Bezug auf die eigenen Gefühle vor. In Situationen, die mit dem Gefühl der Betroffenheit im Zusammenhang mit Gefühlen und Einstellungen sowie mit dem Bild vom eigenen sozialen Status und den verschiedenen Rollenerwartungen in sozialen Gruppen einhergehen, führt Ego-Involvement zu einer ganz bestimmten (selektiven) Wahrnehmung und einem bestimmten Verhalten, das an das eigene Gefühlsleben, die eigenen Einstellungen sowie den eigenen sozialen Status und die konkrete Rollenerwartung geknüpft ist. Dadurch wird die Realität stark verfälscht. 

 

In Situationen, die mit dem Gefühl der Betroffenheit im Zusammenhang mit Gefühlen und Einstellungen sowie mit dem Bild vom eigenen sozialen Status und den verschiedenen Rollenerwartungen in sozialen Gruppen einhergehen, führt Ego-Involvement zu einem bestimmten Verhalten, das an das eigene Gefühlsleben, die eigenen Einstellungen sowie den eigenen sozialen Status und die konkrete Rollenerwartung geknüpft ist.

 

Zur Einbindung des Ego-Involvements werden im Marketing und in den gesellschaftspolitischen Meinungsbeeinflussungs-Strategien der gesellschaftspolitisch involvierten Medien die unterschiedlichsten Instrumentarien genutzt. Ein Instrument ist z.B. das "Storytelling". Darüber hinaus sind es bestimmte Bilder, die gezeigt und  ggf. verstärkend mit beeinflussenden Klängen (z.B. Musik) untermalt werden, Vorzeige-Persönlichkeiten (z.B. Muster-Menschen, Autoritäten) mit Vorbild-Charakter, das Herausstellen, Hervorheben, Betonen und Unterlassen (z.B. Wegschneiden) von Informationen usw.

 

Moderne Marketingstrategien, die das Ego Involvement nutzen und ansprechen, schließen sogar die Ansprache von Persönlichkeitseigenschaften und Einstellungen mit ein, die auf (der steigenden) Naivität (inklusive bestimmter Formen der Naivität z.B. "Heile Welt Naivität") und/oder Beeinträchtigungen des Intellekts (Dummheit) oder der emotionalen Intelligenz und/oder Beeinträchtigungen in Bezug auf Sozialkompetenz (Soziale Inkompetenz) und/oder auf Ängsten, Sorgen und Frust und/oder auf Persönlichkeitsstörungen (die immer mehr zunehmen) basieren.

 

 

Wahrnehmungsfehler aufgrund eines best. Produkt- und Kommunikations-Involvements

Die Einstellung zu einem bestimmten Sachverhalt, die Bewertung eines bestimmten Geschehens, die Einstellung gegenüber einer bestimmten Person oder Marke sowie die Entscheidung über die Wertigkeit und Notwendigkeit eines bestimmten Produktes wird durch persönliche Einbezogenheit, Beteiligung/Einbindung und insbesondere durch die persönliche Betroffenheit einer Person stark beeinflusst.

 

Ein Produkt, das dem Konsumenten von sich aus oder über bestimmte Kommunikationsmedien (allein über eine höhere zeitliche, konzentrationsmäßige oder finanzielle Investition) ein höheres Involvement abverlangt, wird z.B. anders (höher, wertvoller) bewertet als ein Alltags-Produkt, das entweder wegen seines eher kurzfristigen Nutzens oder wegen des niedrigeren Investionsaufwandes in zeitlicher oder finanzieller Hinsicht ein eher geringeres Involvement erfordert. 

 

Manche Konsumenten haben eine starke Bindung an eine Marke (z.B. Apple-Kunden, früher Commodore-Amiga-Kunden etc.) oder die Art und Weise, mit denen ein Produkt, eine Marke oder eine Partei kommuniziert wird (z.B. "Respekt für Dich" oder "Das Statussymbol für alle die kein Statussymbol mehr brauchen etc. ).

 

Das Involvement in eine Marke oder einen Slogan kann je nach Persönlichkeit derart hoch sein, dass alle Nachteile - ja sogar Lügen - blindlings übersehen werden. Wer involviert ist, will nur das wahrhaben bzw. glauben, von dem er selbst positiv beeindruckt ist. So nehmen Liebhaber bestimmter - der Konkurrenz weit unterlegenen - Produkte im Zuge der entsprechenden selektiven Wahrnehmung stets nur die Vorteile solcher Produkte oder Marken wahr.

 

Alles andere (Nachteile) werden ausgeblendet. Notfalls greifen diese Liebhaber, die sich persönlich involviert fühlen mit Hilfe ihrer Kreativität sogar zu regelrechten Phantasien in Form von Mythen, Übertreibungen und phantastischen Lügengebilden, um das geliebte bzw. verehrte Produkt oder die entsprechende Marke aufzuwerten und nach außen zu verteidigen. Bestimmte Marken oder Parteien machen sich dieses Phänomen zu nutze. 

 

 

Erinnerungsfehler

Unter Erinnerung versteht man das mentale Wiedererleben früherer bzw. vorausgegangener Erlebnisse und Erfahrungen. Man unterscheidet Erinnerungen, die mit Hilfe unseres Erinnerungsvermögens abgerufen werden und solche, die spontan abgerufen werden z.B. durch Assoziation bzw. Verknüpfung mit früheren Erlebnissen.

 

Erinnerungen können unterschiedliche Informationen enthalten (Daten, Zahlen, bildhafte Elemente, Szenen, Geräusche, Stimmen, Klänge, Klangfarben und Gerüche und vor allem Gefühle), die auf unserer "Festplatte" bzw. im Langzeitgedächtnis in komprimierter Form abgespeichert sind und zur Aktivierung aufbereitet werden (müssen). 

 

Je nach Art der Erinnerung ist dies sehr präzise oder nur sehr vage möglich. Ähnliche, häufige und wiederkehrende Ereignisse verschmelzen mit der Zeit zu einem mentalen Schema und lassen sich dann zumeist nicht mehr als einzelne Erinnerung abrufen. Manchmal kommt es zur Vermischung unterschiedlichster Erinnerungen, manchmal zur Vermischung realer Erinnerungen mit Wunsch-Phantasien. Manchmal füllt unser Gehirn Erinnerungslücken einfach selbstständig auf. Wir erinnern uns dann zwar an etwas, das aber im Detail in Wirklichkeit anders war, als in unserer Erinnerung.

 

Ähnliche, häufige und wiederkehrende Ereignisse verschmelzen mit der Zeit zu einem mentalen Schema und lassen sich dann zumeist nicht mehr als einzelne Erinnerung abrufen. Manchmal kommt es zur Vermischung unterschiedlichster Erinnerungen, manchmal zur Vermischung realer Erinnerungen mit Wunsch-Phantasien.

 

Manchmal füllt unser Gehirn Erinnerungslücken einfach selbstständig auf. Wir erinnern uns dann zwar an etwas, das aber im Detail in Wirklichkeit anders war als in unserer Erinnerung. Darauf basieren alle neuen Beobachtungen, Wahrnehmungen und Urteile. Manchmal nehmen wir an Stelle neuer Informationen auch einfach lediglich irgendwelche Erinnerungs-Konstrukte wahr. Manchmal stimmen selbst unsere Erinnerungen nicht z.B. weil unserer Gehirn Erinnerungslücken einfach mit anderen Informationen auffüllt, die aber gar keine Erinnerungen sind.

 

 

Rekonstruktive Erinnerung / Reconstructive Memory-Effect

Unsere Erinnerungen sind nicht vollständig. Oft bauen wir unbewusst fehlende Informationen, die wir erst viel später erfahren haben, in unsere Erinnerung ein. Der Reconstructive Memory-Effect besagt, dass zum Zwecke der Vollständigkeit Gedächtnislücken automatisch mit eigener Logik durch Details aufgefüllt werden, die in die Lücke bzw. zum Schema passen.

Manchmal nimmt dieser - gut gemeinte - Effekt sogar recht wahnwitzige Züge an z.B. dann, wenn wir Erinnerungen nicht nur zeitlich versetzt zusammenfügen, sondern Erinnerungslücken mit Phantasien z.B. Wunschvorstellungen auffüllen.

 

In Wirklichkeit ist nicht alles, woran wir uns erinnern, auch tatsächlich (so) passiert. Vieles ist erst im Nachhinein von unserem Gehirn ergänzt wurden - und zwar so, dass es unserem Denkschema entspricht. Unsere Einstellungen, Erwartungen, Bedürfnisse und Wünsche haben wir dazu ebenso mit einbezogen wie ganz andere Erfahrungen oder Phantasien. Je nach individuellem Denkschema kann man sich an Ereignisse und/oder Details erinnern, die gar nicht vorhanden sind.

 

Ein solches Speicherproblem kann zu schwerwiegenden Beurteilungsfehlern führen z.B. wenn sich Zeugen vor Gericht an einen bestimmten Tathergang erinnern sollen und das Gehirn unterschiedliche Erinnerungen zusammenwürfelt oder Erinnerungslücken nachträglich mit völlig anderen Informationen auffüllt bzw. Erinnerungslücken falsch rekonstruiert.

 

Dies geschieht insbesondere dann, wenn wir uns unter Zwang oder Druck erinnern müssen oder unsere Erinnerung ständig hinterfragt wird. Auch bestimmte Befragungstechniken von Anwälten, neurolinguistische Programmiertechniken (z.B. NLP) oder andere Beeinflussungstechniken führen dazu, dass unser Gehirn uns einen Streich spielt und wir dann eine Falschaussage machen, von deren Richtigkeit wir selbst jedoch überzeugt sind.

 

Im Positiven führt der Effekt der Rekonstruktiven Erinnerung allerdings dazu, dass (z.B. in einer Psychotherapie oder mittel NLP) negative Erinnerungen, die z.B. zum Zwecke des Selbstschutzes einfach ausgeblendet werden, durch neue Erinnerungen bzw. nachträgliche positive Informationszugabe (durch entsprechende Positiv-Programmierung) ergänzt werden können, was zu entsprechend positiven Erinnerungen führt, die dann (wieder) zu positivem bzw. optimiertem Verhalten führen. Der Effekt der rekonstuktiven Erinnerung steht oft in Verbindung mit weiteren Effekten wie z.B. dem Source Monitoring-Effekt, wenn wir uns z.B. an etwas erinnern, aber gar nicht mehr wissen, woher wir diese Erinnerung bzw. die Information an sich überhaupt haben. Was passiert mit uns, wenn ein derartiger Fehler entlarvt wird, erfahren Sie beim nächsten Effekt:

 

Preseverence effect

Selbst wenn die durch den o.g. Reconstruktive Memory Effect produzierten Denkfehler entlarvt werden, weil z.B. bewiesen wird, dass die Realität anders war als in der Erinnerung, wirkt sie dennoch weiter und wir sind nach wie vor fest davon überzeugt, dass eine Sache oder ein Ereignis genau so stattgefunden hat.

 

Das liegt daran, dass durch die Aktivierung eines Schemas schemakonsistente Erinnerungen abgerufen werden, die aktiv bleiben. Sie werden zu unserer eigenen Überzeugung. Zugleich gehen wir felsenfest davon aus, dass auch andere, das genau so erlebt haben müssen. Bestimmten Experimenten (z.B. "False Feedback") zur Folge wirkt der Preseverence effect auch bei falschen Feedback z.B. wenn dies nachträglich relativiert bzw. korrigiert wird.

 

Die Ursache ist relativ einfach und logisch: Bei positivem Feedback werden Erinnerungen an vergangene Leistungen und Erfolge aktiviert, während bei negativem Feedback Erinnerungen an Fehler, Schwächen und Defizite wieder hervorgerufen werden. Die Erinnerungen sind real, nur der Zusammenhang stimmt nicht. Aufgrund der realen Erinnerung kommt es - völlig unabhängig vom tatsächlichen Zusammenhang - zu entsprechend passenden Gefühlen. Da wir überwiegend von Emotionen gesteuert werden, überwiegen sie auch in ihrer Erinnerung.

 

 

Source Monitoring-Effect / Source Monitoring Error / False Memory-Effect

Manchmal wissen wir Dinge, wissen aber nicht woher. Informationen vermischen sich häufig miteinander. Oft wissen wir nicht oder nicht genau, woher wir manche Erinnerungen bzw. Informationen, über die wir verfügen, haben. Wir wissen dann nicht, ob etwas tatsächlich passiert ist oder ob die Informationen, die wir in Erinnerung haben, wirklich real sind. Daher können wir bestimmte Sachverhalte nicht immer mit Wahrscheinlichkeit oder in richtiger Zuordnung wiedergeben und sind daher z.B. als Zeuge manchmal unbrauchbar, allein schon deshalb, weil wir nicht überzeugend sind.

 

Beim Source Monitoring-effect handelt es sich ebenfalls um ein Daten-Speicherungs-Problem in unserem Gehirn. Wir sehen, hören oder träume etwas, wissen aber nicht woher wir die entsprechenden Informationen überhaupt haben und ob die Information überhaupt real ist. Manchmal werden unterschiedlichste Informationen in unserem Gehirn miteinander so vermischt, dass sich neue Informationen ergeben, die durchaus richtig, sogar genial, aber auch völlig irrational sein können.

 

Der Einfluss kann zu kreativen systematischen Kombinationen, aber auch zu irrationalen Denkgebilden führen, die u.a. auf Wunschdenken zurückgeführt werden können, wobei bereits ein einziger Wunsch unsere komplette Datenbank und die ansonsten unabhängigen Erinnerungen verzerren kann. 

 

Beim besagten Effekt handelt es sich - wie bei der Rekonstruktiven Erinnerung - um einen Speicher-Fehler, bei dem Erinnerungen falsche Erfahrungen wiedergeben bzw. man selbst meint, dass etwas der Erinnerung entspringt, was aber in Wahrheit keine echte Erinnerung an sich ist, sondern vielmehr eine Kombination unterschiedlicher Informationen und/oder Phantasien.

 

Wenn wir nach Informationen suchen, die wir im Gehirn abgespeichert haben, starten wir im Gehirn - ähnlich wie beim PC - einen regelrechten Suchlauf, bei dem wir unsere Festplatte nach entsprechenden Daten (Erinnerungen) durchsuchen. Dies geschieht auch, wenn wir eine Eingebung haben oder uns als Zeuge vor Gericht an einen Täter oder einen Tathergang erinnern müssen.

 

 

Reframing

Vorkommnisse erhalten, je nach Sichtweise, Stimmung und Deutung, eine andere Bedeutung bzw. einen anderen Sinngehalt. So kann ein bloßer Bilderrahmen darüber entscheiden, ob wir ein Kunstwerk mögen oder nicht. Der Rahmen entscheidet ebenso über die Einschätzung der Wertigkeit des Bildes. Er gibt dem Bild auch seine generelle Bedeutung als Bild und macht aus einem Bild ein Kunstwerk.

 

 

Automatic believing-effect / Theory of automatic believing

Ohne, dass wir uns diesem Effekt verweigern können, werden eingehende Informationen automatisch geglaubt und vom Gehirn automatisch verarbeitet. Erst danach - also in einem zweiten Schritt - macht sich unser Gehirn daran, den Wahrheitsgehalt der zuvor eingegangenen Informationen zu prüfen und lehnt diese ggf. im Nachhinein ab. Da der zweite Schritt Zeit und Verarbeitungsaufwand erfordert, können hier aufgrund Konzentrationsverlust oder Müdigkeit Fehler entstehen, insbesondere beim...

 

 

Übersättigungs-Effekt / Reizüberflutung

Informationen bzw. Reize aus unserer Umwelt, die wir öfter wahrnehmen bzw. denen wir häufig ausgesetzt sind, verlieren mit der Häufigkeit und Regelmäßigkeit des Eintreffens ihren "Reiz". Wir nehmen sie dann schwächer oder stärker oder irgendwann gar nicht mehr wahr. Am Ende steht die völlige Reizüberflutung und Abstumpfung hinsichtlich des Empfindens.

 

Während z.B. der anfangs beißende Rauch einer Zigarette mit der Zeit der Gewöhnung deutlich abgeschwächt - und schließlich als angenehm - empfunden wird, kann ein Kettenraucher nicht genug davon bekommen, weil er den "Genuss" schließlich immer schwächer wahrnimmt. Ähnlich verhält sich dies bei anderen Genussmitteln, beim Temperaturempfinden, bei sexuellen Stimuli und bei allen anderen Reizen, die mit der Zeit "abflachen" und dann geringer bis kaum noch wahrgenommen werden.

 

Umgekehrt kann sich das bei - als unangenehm empfundenen - Reizen verhalten, denen man unfreiwillig ausgesetzt ist. Sie können sich wahrnehmungstechnisch deutlich verstärken und schließlich als unerträglich empfunden werden. Es gibt bestimmte Folter- und Mobbing-Methoden, die diesen Effekt ausnutzen. Ein weiterer Effekt, der mit Reizüberflutung in Verbindung steht, ist der...

 

 

Totlese-Effekt

In der Kürze steckt nicht nur die Würze, sondern auch das Verständnis. Viele Informationen können nicht gut verarbeitet werden. Das menschliche Gehirn ist schnell ermüdet und überfordert. Es entsteht schnell eine Demotivation, die eingehenden Informationen weiter zu verarbeiten.

 

So verlässt einen ggf. das Interesse, einen langen Text oder komplexe Ausführungen konzentriert oder überhaupt weiter zu lesen. Die Informationsverarbeitung kann nicht konstant aufrechterhalten werden und ermüdet. Dann überlesen (überfliegen) wir einen Text z.B. einen Vertrag oder reimen uns den Rest selbst zusammen. Wir ahnen die weiteren Zusammenhänge voraus, füllen offene Lücken mit eigenen Denk-Schemata und konstruieren uns den Rest selbst.

 

Dabei können wichtige, wertvolle und tragende Informationen untergehen, ggf. zu unseren Ungunsten. Lieber bleiben wir im ersten Schritt (Informationsaufnahme) hängen und glauben das alles, als im zweiten Schritt der Informationsprüfung (siehe Automatic believing effect) alles komplex prüfen zu müssen. Die Ökonomie geht vor, leider nicht immer zu unseren Gunsten. Unser Urteil wird getrübt und dadurch die Fähigkeit zur objektiven Entscheidung. 

 

Gleichzeitig stellt der Totlese-Effekt in gewisser Hinsicht einen Spiegel in unser Unterbewusstsein dar und zeigt auf, wie hoch unsere Motivation für ein Thema ist, mit dem wir uns lesend beschäftigen: Während ein hoch motivierter Mensch, den das Thema (z.B. Fachartikel, Stellenanzeige etc.) oder die Hintergründe (Thematik, ein bestimmter neuer Job) brennend interessieren, einen Text komplett und ggf. mehrmals interessiert liest und versteht (bzw. für sich verständlich macht), hört ein weniger interessierter Leser vielleicht schon nach wenigen Textpassagen auf zu lesen.

 

Das Thema interessiert ihn nicht bzw. nicht wirklich. Er versteht den Text bzw. den Inhalt nicht. Er fühlt sich nicht persönlich angesprochen oder er empfindet bei einigen Begriffen oder Ausführungen derart negative Gefühle und Desinteresse, dass er aufhört, zu lesen oder das gelesene - selbst nach mehrmaligem Lesen - nicht versteht. Ggf. entstehen sogar negative Gefühle, die seinem Unterbewusstsein und einer dort schlummernden Problematik herrühren.

 

Der Totlese-Effekt steht in einem Zusammenhang mit unserem Unterbewusstsein und unserer Motivation. Dabei gilt folgendes Wirkungs-Prinzip: Je geringer die Motivation und das Interesse an einem Thema, desto schneller tritt der Effekt ein. Umgekehrt gilt dies entsprechend: Je höher die Motivation und das Interesse, desto langsamer tritt er ein, ggf. gar nicht.

 

Innovative tiefenpsychologische Personalauswahlkonzepte wie das "ib reality view & proof concept" machen sich u.a. genau diesen Effekt zunutze, um a) die Motivation eines Kandidaten für einen neuen Job allgemein, b) für eine konkrete berufliche Tätigkeit, c) für ein bestimmtes Thema zu messen und gleichzeitig, bestimmte Charaktereigenschaften und innere Probleme frühzeitig festzustellen. Dabei geht es jedoch nicht nur um die Feststellung, sondern vielmehr die Selektion der Bewerber im Voraus. Von vorne herein unpassende bzw. unerwünschte Bewerber werden sich in der Regel gar nicht erst bewerben, weil sie a) die Stellenausschreibung nicht wahrnehmen und b) weil sie die Anzeige frühzeitig abschreckt.

 

Bei denen, die tatsächlich lesen und weiterlesen, entscheidet sich dann, c) wie gut sie lesen, d) den Inhalt verstehen und e) auf den Inhalt konkret reagieren. Im Bewerbungsprozess wird dies bereits am Anfang deutlich und zwar vor dem weiteren Test-Prozedere bzw. einem etwaigen Vorstellungsgespräch. 

 

 

Best-guess-Problem / Best-guess-Fehler

Bei der Identifizierung einer Person verfolgen wir das Ähnlichkeitsprinzip. So wird z.B. bei der Identifikation eines Täters oft eine Person gewählt, der dem Täter am ähnlichsten sieht, selbst wenn die tatsächliche Ähnlichkeit nur sehr dürftig ist.

 

Zur Abgrenzung: Das Best-guess-Problem bzw. der Best-guess-Fehler hat nichts mit dem sogenannten Ähnlichkeitsfehler gemein, bei dem sich der Beobachter bei der Wahrnehmung anderer Menschen selbst als Bezugsrahmen nimmt. Der Ähnlichkeitsfehler tritt dann auf, wenn Eigenschaften oder Charaktermerkmale der eigenen Person auch fremden Personen zugeschrieben werden.

 

 

Perpetuierende Wahrnehmung

Die Fehler in Bezug auf die perpetuierende Wahrnehmung beziehen sich auf das Fällen von Urteilen. Es handelt sich hier um einen kognitiven Fehler (Denkfehler) auf Basis von Eindrücken und deren Erinnerung, der aber auch als Beobachtungsfehler gesehen werden kann. Dahinter verbirgt sich der unreflektierte Wunsch, bei einem einmal gefassten Urteil zu bleiben und nur noch das wahrzunehmen, was diesem „Grundsatzurteil“ entspricht. Alles andere wird sofort abgewiesen und nicht geglaubt. Eine besondere Bedeutung spielt hier z.B. der Primacy-recency-effect, der sich aus dem Zusammenspiel des Primär-Effektes (Fehler des ersten Eindrucks / Primacy effect) und des Rezenz-Effektes (Recency Effect) ableitet. Infos dazu finden Sie separat unter der Rubrik "Beobachtungsfehler". 

 

 

Charakterliche Individualität + Einfluss auf die Wahrnehmung

Jeder Mensch ist durch seine Anlagen und Umwelt vorgeprägt und entwickelt - je nach Anlagen, Einflüssen und Erfahrungen - seine eigene Persönlichkeit mit individuellen Gedanken, Interessen, Einstellungen, Wünschen, Bedürfnissen und Wertvorstellungen etc. Dies bestimmt und beeinflusst sein gesamtes Denken und Handeln (Verhalten), auch die Wahrnehmung. Auf der Individualität des Wahrnehmenden bzw. Beobachters basieren alle Beobachtungen, Wahrnehmungen, Gefühle, Beurteilungen und Entscheidungen.

 

Würde man Menschen in verschiedene Kategorien unterteilen wollen, wie dies nach den unterschiedlichsten - zumeist subjektiven - Persönlichkeits-Theorien geschieht, gäbe es neben den unterschiedlichsten Persönlichkeits-Typen daher auch unterschiedliche Wahrnehmungs- und Beurteilungstypen. Entsprechend ihrer unterschiedlichen Wahrnehmung und Beurteilung impliziert allein bereits der individuelle Charakter und die individuelle Eigenart der Wahrnehmung einen Wahrnehmungsfehler.

 

So gibt es z.B. Menschen, die wahrnehmungstechnisch eher optisch veranlagt sind (visueller Typ), während andere z.B. hinsichtlich ihrer Wahrnehmung und der entsprechenden Reiz-Verarbeitung eher akustisch veranlagt sind.

 

Es gibt Menschen, die Informationen eher sachlich beurteilen, während es Menschen gibt, die von vorne herein sehr subjektiv in ihrer Wahrnehmung und/oder Beurteilung sind, je nachdem, wie sie geprägt sind und je nachdem wie sie gerade fühlen. Während der eine Mensch mehr auf der Beziehungsebene wahrnimmt und urteilt, tut dies ein anderer mehr auf der Selbstoffenbarungs-Ebene oder der Appell-Ebene.

 

Während der eine eher zurückhaltend und vorsichtig urteilt, tut dies ein anderer sehr schnell, oberflächlich und geradewegs draufgängerisch. Der eine urteilt sehr streng, sehr andere sehr wohlwollend, protegierend und begünstigend. Der eine bewertet die Dinge schnell über, der andere unter.

 

Hinzu kommen Menschen mit negativen und schädigenden Absichten, die auf Antipathien, Aggressivität, Neid, Rachgelüsten, Angst, Hemmung, Scham oder auf schwerwiegenden Persönlichkeitsstörungen basieren. Nicht zu unterschätzen sind auch die vielfältigen psychischen Erkrankungen, die das Wahrnehmungs-, Denk- und Urteilvermögen trüben. Egal wie der einzelne Mensch von seiner Persönlichkeit her wahrnimmt und urteilt: Er tut dies stets sehr individuell und subjektiv. 

 

Während eine eher sachliche Persönlichkeit bestrebt ist, möglichst nüchtern eine weitestgehend objektive Sicht einzunehmen und persönliche Einstellungen, Ansichten, Wünsche, Bedürfnisse, Beeinflussungen etc. zu unterdrücken (was gar nicht geht), beobachtet und bewertet eine eher emotionale Persönlichkeit alles nach seinen Gefühlen und seiner Intuition, wobei er auch auf die Gefühle des beobachteten Gegenübers eingeht.

 

Er ist bestrebt, die Gefühle seines Gegenübers empathisch wahrzunehmen, sich in ihn einzufühlen und nach gefühlsmäßigen Regungen zu suchen, womit er diese zugleich indirekt bewirkt bzw. erzwingt, aber immer einseitig auf seine eigenen Gefühle bezogen. Vielleicht erzeugt er durch sein Verhalten sogar eine Selbsterfüllende Prophezeiung oder wird bereits über die Spiegeltechnik getäuscht, die sein Gegenüber anwendet.

 

Eine eher strenge Persönlichkeit hält gute Leistungen ggf. für selbstverständlich und wird sein Gegenüber oder etwas anderes, was er begutachtet, daher seltener mit "gut" bewerten. Während er das Prädikat "sehr gut" tunlichst zu vermeiden versucht, wird er häufig eher mittlere bis negative Bewertungen abgeben, insbesondere dann, wenn er aufgrund seiner Persönlichkeit erzieherisch wirken will. Es gibt aber auch Persönlichkeiten mit erzieherischer Tendenz, die ganz bewusst positiv bewerten, um ihre Gegenüber zu motivieren und zu mehr Leistung anzuspornen.

 

Und dann sind da noch jene Persönlichkeiten, die eher zurückhaltend und gehemmt sind und daher auch nur sehr vorsichtig beurteilen. Derartige Menschen wollen sich nicht festlegen. Sie vergeben selten extreme, sondern überwiegend durchschnittliche, wenig aussagekräftige oder sogar durch die Bank "wohlgesonnene", aber eben nicht herausragend gute Beurteilungen. Das führt dazu, dass schlechte Leistungen aufgewertet und gute Leistungen abgewertet werden.

 

Während das besagte Wahrnehmen, Denken und Verhalten, selbst wenn man es kaum glauben mag, in der Regel völlig unbewusst erfolgt, werden Beurteilungen von einigen Charakteren manchmal sogar ganz bewusst verfälscht, so dass nicht der Beurteiler einem Wahrnehmungsfehler bzw. Beurteilungsfehler unterliegt, sondern andere. In derartigen Fällen kann man auch von einer bewussten Manipulation und Täuschung sprechen.

 

So gibt es Menschen, die z.B. ganz bewusst negativ bzw. schlechter bewerten, weil sie damit ihren Frust oder ihre Wut an anderen auslassen wollen. Derartiges Verhalten führt nicht selten zur Demotivation der Beurteilten und ihres Umfeldes.

 

Bei ängstlichen Menschen kann z.B. die Angst vor möglichen Konsequenzen auch dazu führen, dass Beurteilungen bewusst verzerrt und verfälscht werden. Die Angst kann darin liegen, dass die beurteilende Person generell Angst vor der zu beurteilenden Person hat. Alternativ kann es die konkrete Angst sein, den Beurteilten durch eine schlechte Bewertung zu verletzen, die Angst, eine persönliche Beziehung zu der beurteilten Person herabzuwürdigen und dessen Zuneigung oder Liebe zu verlieren. Und dann ist da noch die Angst, sich für die Beurteilung persönlich rechtfertigen zu müssen, was zu einer Konfrontation mit der zu beurteilenden Person oder einer höheren Aufsichtsperson (Chef, Schuldirektor etc.) oder mit Dritten (schlechter Ruf, Aufruhr) führen kann.

 

Auch gibt es raffinierte Persönlichkeiten, die Beurteilungen bewusst verfälschen, weil sie ein bestimmtes strategisches Ziel verfolgen. Eine dieser Strategien ist das bewusste Überbewerten oder das Unterbewerten, eine andere das Wegloben. Derartige Persönlichkeiten, die auf ihren Vorteil, ihre Selbstautonomie und ihre Ruhe bedacht sind, loben andere (Mitarbeiter, Nachbarn, ihren Partner, ihre Kinder etc.) über alle Maße, damit diese Ruhe geben oder ausziehen oder (bei Mitarbeitern) in eine andere Abteilung versetzt werden.

 

Alternativ machen sie das Gegenteil: Sie bewerten andere unterhalb des Niveaus, das sie eigentlich verdient hätten. So kann z.B. eine fürsorgliche Mutter, die den Auszug ihres Kindes vermeiden will, ihrem Kind einreden, es sei noch nicht reif, erwachsen oder selbstständig genug, um auf eigenen Beinen zu stehen. Ein Vorgesetzter, der seine eigene Person nicht gefährden will,  bewertet die Leistung eines Mitarbeiters unter, damit er nicht befördert und versetzt wird, sondern in seiner Abteilung bleibt.

 

Nicht selten spielen schädigende Absichten eine Rolle für bewusste Falschbewertung. Missgünstige Persönlichkeiten sind bestrebt, andere Menschen durch falsche Bewertung bzw. Beurteilung zu schmälern, zurückzustufen und zu diskreditieren. Derartige Menschen scheuen sich nicht, Menschen, die sie im negativen Sinne beneiden, ihnen Schwierigkeiten zu bereiten, Steine in den Weg zu legen, sie durch ihre Bewertung zu benachteiligen oder durch bewusst falsches negatives Feedback herabzusetzen.

 

Neid und Missgunst gehören bei diesen Menschen ebenso zu den Motiven wie Antipathie oder Rache.  Auch kann es sein, dass raffinierte Persönlichkeiten andere Menschen durch ihre Bewertung begünstigen z.B. aus Angst vor Rechtfertigung oder einfach nur, weil ihnen der andere sympathisch ist.

3. Selbsttäuschungen

 Stockholm-Syndrom

Unter dem sogenannten Stockholm-Syndrom versteht man ein psychologisches Phänomen, das mit einer Verdrehung des Täter-Opfer-Verhältnisses im Rahmen der sogenannten "Umkehr" - ein Phänomen, welches man aus dem Fachgebiet der Psychiatrie kennt, einhergeht. Bei diesem psychologischen Phänomen erzeugt der betroffene Mensch aufgrund von Stress und zum Zwecke des Selbstschutzes und Aufrechterhaltung des Selbstwertes im Zuge des Wirkungsprinzips der kognitiven Dissonanz-Reduktion  von innen heraus selbst einen Wahrnehmungsfehler, der eine unangenehme bzw. traumatisch erlebte Realität derart verfälscht, dass sie leichter ertragbar ist. 

 

Im Zuge des Stockholm-Syndroms bauen zum Beispiel Opfer von Vergewaltigungen und Geiselnahmen ein positives emotionales Verhältnis zu ihren Vergewaltigern und Entführern auf. Beim Stockholm-Syndrom handelt es sich um einen Denkfehler, der bewirkt, dass das Opfer mit den Tätern sympathisiert und mit ihnen kooperiert.

 

Zurückgeführt wird der Begriff ursprünglich auf das Geiseldrama am Norrmalmstorg vom 23. bis 28. August 1973 in Schweden. Damals wurde eine Bank in Stockholm überfallen und vier Angestellte als Geiseln genommen. Aufgrund des besagten Effektes entwickelten die Geiseln eine regelrechte Zuneigung zu den Geiselnehmern. Dies führte dazu, dass sie mehr Angst vor der Polizei als vor ihren Geiselnehmern hatten. Auch nach der Beendigung der Geiselnahme empfanden die Geiseln keine negativen Gefühle wie z.B. Hass auf die Täter. Sie waren ihnen sogar dankbar, baten um Gnade für die Täter und besuchten sie im Gefängnis.

 

Das Phänomen basiert auf dem Prinzip der selbstwertdienlichen Verzerrungen und der sogenannten Umkehr (z.B. Täter-Opfer-Umkehr) basiert, das man von der Schizophrenie kennt. Im Zusammenhang mit dem Stockholm-Syndrom auffällig, ist bei Menschen auch die Verdrehung (exakte 1:1 Umkehr der Tatsachen), sofern es sich um Täter-Opfer-Verhältnisse handelt.

 

Laut Andreas Köhler handelt es sich beim Stockholm-Syndrom aber nicht zwingend um ein psychiatrisches Problem, sondern eines, dass sich unabhängig von einer psychischen Erkrankung rein psychologisch anhand des Wirkungsprinzips zur Bewältigung kognitiver Dissonanzen (Effekt der kognitiven Dissonanz-Reduktion nach Köhler) erklären lässt. Laut Köhler ist das Stockholm-Syndrom auf kognitive Dissonanzen und Selbstwertdienliche Verzerrungen zur künstlichen Um-Erklärung der eigenen Weltanschauung zurückzuführen, sofern das Erleben der Realität bzw. der persönlichen Erfahrungen nicht mehr dem ursprünglich verinnerlichtem Weltbild entspricht.

 

Anstatt das eigene Weltbild zu hinterfragen und entsprechend umzulernen, sind die Betroffenen bemüht, ihr Weltbild mit den ihnen zur Verfügung stehenden kognitiven Mitteln, zu denen die Nutzung der eigenen Vorstellungskraft (=Phantasie) gehört, aufrechtzuerhalten. Dies mündet dann letztendlich in ein Denken, das auch Schizophrenie-Patienten nutzen, um ihren krankhaften Gesundheitszustand umzuinterpretieren.   

 

 

Tatsachenverdrehung: Umkehr

Ein weiterer selbst erzeugter Wahrnehmungsfehler, bei dem die Realität wie beim Stockholm-Syndrom von innen heraus verfälscht wird, um Situationen bzw. Zustände, die kognitive Dissonanzen erzeugen, besser zu ertragen ist die sogenanntwe "Umkehr", die auch als Abwehr gegen Einsicht gilt.

 

Bei bestimmten psychischen Störungen (z.B. der Schizophrenie) erfolgt an Stelle einer Einsicht nicht selten die Umkehr eines Fehlers, eines Problems, einer Diagnose oder Verhaltens-Zuschreibung. Umkehrung bedeutet, dass ein Fehler, ein Problem, eine Diagnose oder eine Verhaltenszuschreibung auf genau die Person oder Personengruppe projiziert wird, welche die Beobachtung, Vermutung oder Tatsache anspricht oder eine eventuell vorhandene Störung/Erkrankung diagnostiziert. Insofern handelt es sich hier auch um einen Projektionsfehler.

 

 Unter anderem tritt die Umkehr von Tatsachen bzw. die Umkehr der Realität bei schweren Psychosen wie der Schizophrenie auf - ebenso bei Wahnzuständen: Wahnhafte Gedanken, Vorstellungen und Annahmen werden von den Betroffenen gegenüber der Außenwelt so stark verteidigt, dass Zuschreibungen oder Anschuldigungen jeglicher Art zur sogenannten "Umkehr" führen. Das eigene Denkkonstrukt der vom Wahn Betroffenen kann so stark sein, dass sie das, was ihnen von Außenstehenden zugeschrieben wird (der Wahn an sich oder ein bestimmtes Verhalten), in das Gegenteil umkehren und den anderen zuschreiben.

 

Menschen, die vom Wahn Betroffene für krank halten, werden von diesen selbst für wahnhaft bzw. krank gehalten. Menschen, die vom Wahn Betroffene auf ihre wahnhafte Gedanken ansprechen oder sie vom Gegenteil überzeugen wollen, werden für verrückt oder für Feinde gehalten. Wenn wahnhaft Kranken ein negatives Verhalten vorgeworfen wird, werfen sie den anderen negatives Verhalten vor. Aus Opfern werden Täter, aus Helfern werden Angreifer.

 

Interessant ist, dass von einem Wahn Betroffene sämtliche Zuschreibungen fast 1:1 umkehren. Wird ihnen geholfen, versuchen sie den anderen zu helfen. Beleidigen sie andere Menschen, so werfen sie den anderen genau diese Beleidigungen vor. Absprachen, Schuld- und Rechtsverhältnisse werden oft so herumgedreht, dass sie genau gegensätzlich sind (Detail-Infos).

 

 

Wahrnehmungsfehler aufgrund kognitiver Dissonanzen

Kognitive Dissonanzen lösen in uns ein ungutes Gefühl aus. Sie stellen unsere vorausgegangenen Wahrnehmungen und Entscheidungen in Frage. Passt unser Verhalten und unser Denken (auch Ansichten, Wert- und Moralvorstellungen etc.) nicht zusammen, erscheint unser Selbstkonzept gefährdet bzw. unser Selbstwert bedroht. Um damit klar zu kommen greifen wir zu Mechanismen, die unsere Wahrnehmung verzerren und entsprechende Ausreden ermöglichen.

 

Zur Erhaltung unseres Selbstwertes setzt unser Denken oft starke Erklärungs- bzw. Selbstentschuldigungs-Mechanismen in Gang, welche die Realität und ursächliche Zusammenhänge stark verzerren. Diese Mechanismen werden durch den Effekt der kognitiven Dissonanz-Reduktion beschrieben:

 

 

Effekt der kognitiven Dissonanz-Reduktion

Das Wirkungs-Prinzip der kognitiven Dissonanz-Reduktion besagt, einfach ausgedrückt: Wir denken und reden uns negative Dinge schön, insbesondere solche, die in uns einen gedanklichen Missklang bzw. einen als unangenehm empfundenen Gefühlszustand bzw. einen Widerspruch auslösen. (Detail-Infos)

 

 

Selbstwertdienliche Verzerrung / self-serving bias

Unser Leben wird bestimmt durch den Glauben an den eigenen Selbstwert. Weil wir "sind" und uns wahrnehmen, messen wir uns als Individuum einen bestimmten Wert zu. Diesen Wert wollen wir a) schützen und b) steigern. In der Regel stellen wir den Wert unserer eigenen Person über den der anderen.

 

Zu den Bedürfnissen von Menschen gehört es auch das Bedürfnis nach Korrektheit. Die Richtigkeit der eigenen Verstandes-Logik aufrechtzuerhalten, ist ein regelrechtes Grundmotiv, ohne das Menschen an sich selbst, ihrem Verstand und ihrem Weltbild zweifeln. Schließlich geht jeder Mensch naiv davon aus, dass er sich und seine Umwelt realistisch und richtig einschätzt.

 

Bei der Beobachtung und Wahrnehmung setzt der Mensch daher gezielt kognitive Ressourcen ein, um die ihm zur Verfügung stehenden Informationen so zu ordnen und zu interpretieren, dass sie seiner eigenen Logik möglichst nicht widersprechen. Entstehen Widersprüche, werden die - aus der mit dem eigenen Verstand und Weltbild disharmonierenden Wahrnehmung resultierenden - Denkprozesse eingestellt und / oder so umgeleitet oder uminterpretiert, dass sie dem eigenen Weltbild entsprechen.

 

Insofern suchen, verarbeiten und interpretieren wir (auch selektiv) bestimmte Informationen, um bestimmte Urteile und Entscheidungen zu treffen. Dies bezieht sich sowohl auf das unbewusste automatische Denken, als auch auf das bewusst kontrollierte rationale und schlussfolgernde Denken.

 

Unser Denken biegen wir uns zum Schutz und zur Steigerung unseres Selbstwertes, aber auch zur Aufrechterhaltung der vermeintlichen Richtigkeit der eigenen Verstandes-Logik so zurecht - wie wir es brauchen bzw. wie es uns zuträglich ist. Nicht selten kommt dabei der größte Unfug heraus, der mit der (vielleicht unangenehmen) Realität, die man von sich fern hält,  in keinem Einklang steht.

 

Bei eigenem Versagen finden wir die abstrusesten (externen) Erklärungen, eigene Erfolge schreiben wir hingegen ausschließlich uns selbst zu. Unsere Selbstwert-Vorstellung beeinflusst und verzerrt unsere Wahrnehmung, führt zu bestimmten (Menschenbild-) Annahmen über uns und andere - und darüber hinaus zu bestimmten Erwartungen an die eigene Selbstwirksamkeit (Selbstwirksamkeitserwartung).

 

Auf jeden Fall besteht bei uns Menschen der Hang, sich selbst in einem günstigen Licht zu sehen, sich selbst nach außen in ein günstiges Licht zu stellen und das eigene positive Bild von sich nach innen und außen - unabhängig von der Realität - aufrechtzuerhalten. Um dies zu erreichen, verzerren wir unsere Wahrnehmung und die Realität so, dass sie zur Aufrechterhaltung unseres Selbstwertes passt und unseren Selbstwert möglichst steigert.

 

Die Aufwertung unserer Person macht uns Mut und gibt uns Tatendrang,

verleitet uns aber ebenso zu Übermut und Hochmut und lässt und in gewissen Situationen im wahrsten Sinne regelrecht "vor die Pumpe laufen".

 

Hier kommt der "Selbstwert-Effekt" ins Spiel: Zu den grundlegenden Motiven von Menschen zählt u.a. das Bedürfnis, das eigene Selbstwertgefühl aufrechtzuerhalten. Anstatt sich eine falsche persönliche Sicht oder persönliche Fehler und Schwächen zuzugestehen, besteht das Bedürfnis, das eigene Verhalten zu rechtfertigen. Die individuelle Wahrnehmung passt sich dem an. Empfinden also Menschen eine kognitive Dissonanz bzw. eine Bedrohung ihres Selbstwertgefühls, neigen sie zum Zwecke des Selbstschutzes und zur Aufrechterhaltung des Selbstwertgefühls dazu, die Realität in Richtung einer ihrem Selbstbild entsprechenden Logik zu verzerren. 

 

Bei der Selbstwirksamkeitserwartung ist dies ähnlich, nur mit dem Unterschied, dass die Erklärungsversuche weniger irrational sind, allein deshalb, weil Menschen mit einer hohen Selbstwirksamkeitserwartung Ursächlichkeiten (z.B. die Schuld an Fehlern, Misserfolgen oder Versagen) nicht ihrer Umwelt zuschreiben.

 

Während beim Selbstwert-Effekt die Tatsachen so verdreht werden, dass z.B. allen möglichen Umständen und Menschen die Schuld an Misserfolgen zugeschrieben - und dadurch die Erkennung eigener Fehler behindert - wird, können Menschen mit einer hohen Selbstwirksamkeitserwartung an Stelle von irrationalen umweltbezogenen Ursächlichkeitszuschreibungen und paradoxem Verhalten aus Fehlern lernen und - in Verbindung mit weiteren o.g. Komponenten - positive Rückschlüsse daraus ziehen.

 

Selbstwertdienliche Verzerrung: Unter einer selbstwertdienlichen Verzerrung (engl. self-serving bias) versteht man den Hang eines Menschen, sich selbst in einem günstigen Licht zu sehen und sich selbst nach außen in ein günstiges Licht zu stellen. Die Selbstwertdienliche Verzerrung bezeichnet in der Sozialpsychologie die Tendenz, eigene Erfolge im Zweifelsfall eher inneren Ursachen (z.B. eigene Fähigkeiten) und eigene Misserfolge (z.B. Versagen) eher äußeren Ursachen (z.B. die besondere Situation, die besondere Schwierigkeit einer Aufgabe, negative Umwelteinflüsse oder dem Zufall etc.) zuzuschreiben. Die Verzerrung geht auf kognitive und motivationale Faktoren zurück und fällt,  je nachdem, ob es sich um eine private oder eine öffentliche Situation handelt, anders aus.

 

Defensiv-Attributionen dienen der Vermeidung von Hilflosigkeit. Das Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht, bestimmten Situationen (bestimmten Krankheiten, Katastrophen, Verbrechen oder der eigenen Sterblichkeit) ausgesetzt zu sein, selbst aber nichts dagegen unternehmen zu können, ist für Menschen derart unerträglich, dass sie sich zum Zwecke der Verteidigung bestimmte Dinge einreden (Bildung von Defensiv-Attributionen) und daran glauben.

 

 Derartige Defensiv-Attributionen mildern das Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht ab. Wer sich z.B. einredet, dass bestimmte Dinge lediglich bestimmten Menschen zustoßen (z.B. Menschen, die selbst dazu beitragen, etwa weil sie z.B. unvorsichtig oder dumm sind) erzeugt die Illusion, das Auftreten derartiger Ereignisse beeinflussen zu können (Melvin Lerners „Gerechte-Welt-Hypothese“).

 

So geben sich z.B. Opfer einer Gewalttat - um das unerträgliche Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht abzumildern - selbst eine gewisse Mitschuld. Unbeteiligte Außenstehende machen es ihnen gleich: Um sich selbst einreden zu können, sie seien selbst gegen ähnliche Vorkommnisse immun, schreiben sie Opfern automatisch eine Mitschuld zu (sogenannte Opfer-Abwertung).

 

 

Ein Grund dafür, Erfolge eigener Ursächlichkeit zuzuschreiben, ist der „unrealistische Optimismus“. Die Mehrheit der Menschen glaubt, mehr positive und weniger negative Erlebnisse zu haben als der Durchschnitt. Beispiele:

Nach einer gut bestandenen Prüfung schätzen Schüler und Studenten das Leistungsmaß der Prüfung als „angemessenen" ein. Nach schlechten Bewertungen tendieren sie hingegen dazu, die Prüfung als "unfair" bzw. den Lernstoff oder die Prüfungsinhalte als "nicht repräsentativ" zu bewerten.

 

Geschiedene Ehepartner tendieren stets dazu, die Schuld am Scheitern der Ehe dem anderen Partner zuzuschreiben. Bei militärischen Misserfolgen schreiben die Befehlshaber ihr Versagen bzw. ihre Niederlage oft nicht ihrer eigenen Strategie und Befehlsgebung, sondern ihren Soldaten und allen möglichen äußeren Umständen zu (Übermacht des Feindes, schlechtes Wetter, Versorgungslage etc.).

 

Bei wirtschaftlichen Misserfolgen ihres Unternehmens geben Manager eher den Mitarbeitern, der Marktlage oder externen Unternehmen (Konkurrenten und Zulieferern) die Schuld, während Mitarbeiter dazu tendieren, nicht sich, sondern der Unternehmensführung die Schuld zuzuschreiben.

 

Menschen empfinden Lohnerhöhungen dann als fair, wenn sie - unabhängig von ihrer tatsächlichen Leistung - mehr Geld als ihre Kollegen bekommen. Ebenso fühlen sich Menschen besser, wenn sie - unabhängig von der Höhe ihres Einkommens - auf jeden Fall mehr verdienen als andere, die sie kennen.

 

Eine entsprechende Studie hat aufgezeigt, dass Probanden ein niedriges Gehalt, das jedoch deutlich höher war als das ihrer Kollegen, gegenüber einem hohen Gehalt, das alle Mitarbeiter bekamen, bevorzugten. Weiterhin haben selbstwertdienliche Verzerrungen auch einen großen Einfluss auf Beziehungen: Wir mögen und schätzen Menschen mit gleichen Ansichten und gleichem Ansehen mehr als andere.

 

Social-Cognition-Effekt: Zu den Bedürfnissen von Menschen gehört es auch das Bedürfnis nach Korrektheit. Die Richtigkeit der eigenen Verstandes-Logik aufrechtzuerhalten, ist ein regelrechtes Grundmotiv, ohne das Menschen an sich selbst, ihrem Verstand und ihrem Weltbild zweifeln. Schließlich geht jeder Mensch naiv davon aus, dass er sich und seine Umwelt realistisch und richtig einschätzt.

 

 Bei der Beobachtung und Wahrnehmung setzt der Mensch daher gezielt kognitive Ressourcen ein, um die ihm zur Verfügung stehenden Informationen so zu ordnen und zu interpretieren, dass sie seiner eigenen Logik möglichst nicht widersprechen. Entstehen Widersprüche, werden die - aus der mit dem eigenen Verstand und Weltbild disharmonierenden Wahrnehmung resultierenden - Denkprozesse eingestellt und / oder so umgeleitet oder uminterpretiert, dass sie dem eigenen Weltbild entsprechen.

 

Insofern suchen, erarbeiten und interpretieren wir (auch selektiv) bestimmte Informationen, um bestimmte Urteile und Entscheidungen zu treffen. Dies bezieht sich sowohl auf das unbewusste automatische Denken, als auch auf das bewusst kontrollierte rationale und schlussfolgernde Denken.

 

 

Überlegenheitsillusion / Lake Wobegon-Effekt

Die Überlegenheitsillusion - auch Lake Wobegon-Effekt genannt - zählt wie der Selbstwert-Effekt / Social-Cognition-Effekt und der Overconfidence-effect / Overconfidence-barrier-effect zu den selbstwertdienlichen Verzerrungen im Rahmen der Selbstwirksamkeitserwartung und basiert somit auf auf einem Wahrnehmungs- und Beurteilungsfehler.

 

Lake Wobegon ist ein fiktives Dorf im ebenso fiktiven Mist County in Minnesota, in dem alle Frauen stark, alle Männer gutaussehend, und alle Kinder überdurchschnittlich sind. Bekannt wurde das Dorf durch den US-amerikanischen Schriftsteller Garrison Keillor, der den Alltag im provinziellen Mittelwesten auf liebevolle Art und Weise "aufs Korn" nimmt.

 

Die Überlegenheitsillusion gehört zu den praktischen selbstwertdienlichen Verzerrungen, mit denen wir uns selbst schön reden und aufwerten. Sie hilft uns, ein positives Selbstbild zu entwickeln und zu behalten, was dazu führt, dass wir uns gut bzw. besser fühlen. Aufgrund der Illusion können wir aber auch genauso gut "vor die Pumpe laufen". Wie auch immer: Wir merken es erst, wenn es zu spät ist - und selbst dann wirkt die Verzerrung, die unserem Selbstwert dient weiter.

 

Kurz formuliert, besagt der Effekt, dass die eigenen Fähigkeiten überschätzt werden. Der Effekt bezeichnet die Tatsache, dass Menschen ihre eigenen Fähigkeiten (insbesondere bestimmte eigene Fähigkeiten) für überdurchschnittlich halten. Besonders interessant ist hierbei die Tatsache, dass Menschen ihre eigenen Fähigkeiten umso stärker überschätzen, je schlechter diese in Wirklichkeit sind. Dies wird auch als Dunning-Kruger-Effekt bezeichnet.

 

Der Effekt zählt zu den selbstwertdienlichen Verzerrungen (self-serving bias), die in der Sozialpsychologie die Tendenz beschreiben, eigene Erfolge im Zweifelsfall eher den eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten und eigene Misserfolge eher äußeren Ursachen zuzuschreiben. Beispiel: So ist die Mehrzahl der Autofahrer davon überzeugt, besser zu fahren als der Durchschnitt. Auch bei Intelligenztests schätzen sich Teilnehmer häufig falsch ein.

 

Der Effekt der Überlegenheitsillusion beschreibt ein Vorurteil, das uns dazu verleitet, unsere Stärken im Vergleich zu anderen überzubewerten bzw. maßlos zu überschätzen. Bei dem Effekt handelt es sich - wie der Name sagt - um eine reine Illusion, die uns aber natürlich glaubwürdig erscheint, so glaubwürdig, dass wir nicht daran zweifeln.

 

Wie wirkt die Illusion: In unserer eigenen Wahrnehmung schätzen wir uns im Vergleich zu anderen immer überdurchschnittlich intelligent, befähigt, attraktiv oder beliebt ein. Der Effekt führt nicht nur dazu, dass wir uns selbst völlig überbewerten, sondern alle anderen unterbewerten und zugleich abwerten.

 

Wer meint, genau das nicht zu tun, gehört vermutlich zu denen, die in Wirklichkeit wirklich gut sind. Der Effekt erfolgt nämlich nach dem einfachen Prinzip: Je schlechter wir in Wirklichkeit sind, desto besser schätzen wir uns ein.

Umgekehrt gilt dies ebenfalls: Je besser wir sind, desto kritischer sehen wir unsere eigenen Fähigkeiten und werten diese sogar herab.

 

Je niedriger der IQ eines Menschen bzw. je schwächer eine bestimmte Fähigkeit ausgeprägt ist, desto mehr neigt derjenige dazu, seine Intelligenz bzw. die betreffende Fähigkeit zu überschätzen. Insbesondere die Dümmsten halten sich für die Klügsten. Daher kommt vermutlich auch der Spruch: "Der dümmste Bauer hat immer die dicksten Kartoffeln".

 

Das ist auch der Grund, warum wir viele Menschen beobachten können, die sich in unseren Augen in irgendeiner Art und Weise geradezu lächerlich machen oder gar schamlos wirken. Diese Menschen finden sich aber selbst grandios. Zugleich ist das ein Grund, warum besonders intelligente Menschen in der Gesellschaft untergehen oder sogar Probleme bekommen. Derartige Probleme beginnen bereits in der Schule und betrifft zumeist die Hochbegabten ganz besonders.

 

Probleme haben aber auch deshalb jene, die wirklich überaus attraktiv sind oder irgendetwas besonders gut können. Diese Menschen sehen das oft anders und halten sich im Vergleich zu anderen eher zurück. Wahrgenommen werden mehr jene Menschen, die gegenteilig veranlagt sind: Sie sind wesentlich selbstbewusster und großspuriger, treten eher in Aktion bzw. in die Offensive. Schließlich gilt die Regel: "Wer am wenigsten ist und kann, hat die größte Klappe." Tatsächlich halten sich gerade unattraktive Menschen für besonders attraktiv, während sich umgekehrt besonders attraktive Menschen oftmals für weniger attraktiv oder sogar hässlich halten. Das Gleiche gilt für Beliebtheit, Befähigungen usw.

 

Das ist u.a. auch der Grund, warum in Unternehmen gerade die am wenigsten geeigneten Kandidaten auf Einstellung oder Beförderung drängen. Je höher und hochwertiger eine Stellenausschreibung bzw. Stellenbeschreibung formuliert ist,

desto höher die Tatsache (und zugleich Gefahr), dass sich die Schlechten bewerben oder unfähige Mitarbeiter einen Anspruch darauf erheben. Das gleiche Prinzip gilt in der Wirtschaft und in der Politik und in der Kunst. Herausragende Künstler wurden oft erst nach ihrem Ableben als solche erkannt und berühmt, während viele zu ihren Lebtagen ein eher kümmerliches Dasein fristeten.

 

Auch vor Gericht wird viel Aufwand und Geld verloren, weil - entgegen den Empfehlungen ehrlicher Juristen - die Erfolgsaussichten vieler Klagen bzw. Anträge von vorne herein überschätzt werden. Viele Kläger sind dermaßen stark davon überzeugt, im Recht zu sein, dass sie selbst bei größter Aussichtlosigkeit auf Erfolg, niemand davon abhalten kann, den Rechtsweg zu beschreiten und bis zum bitteren Ende fortzusetzen - um dann sogar noch in Berufung zu gehen. Zugleich ist der Effekt ein "gefundenes Fressen" für Anwälte, die weniger moralisch-ehrlich als mehr geschäftsorientiert denken. Sie brauchen nicht viel dafür zu tun, um ihre Mandanten zum Rechtsstreit zu bewegen. Umgekehrt ist der Aufwand höher und ggf. sucht sich ein Mandant, welcher der Überlegenheitsillusion verfallen ist, gleich einen neuen Anwalt, der möglichst zurät.

 

Die Überlegenheitsillusion bezieht sich auf sämtliche alltägliche Lebensbereiche, nicht aber auf besondere Situationen und Aufgaben, die als besonders schwierig gelten. Hier kehrt sich der Effekt um und wir neigen dann plötzlich dazu, unsere eigenen Fähigkeiten völlig zu unterschätzen. So war es zumindest früher. Die Medien wie auch Computerspiele konfrontieren uns jedoch mittlerweile mit so vielen Situationen und Aufgaben, dass die Umkehr des Effektes sozialisationsbedingt immer mehr abnimmt.

 

Wer am Computer einen Düsenjet fliegen kann, traut sich das dann auch oft im wahren Leben zu. Dies kann insbesondere bei Jugendlichen beobachtet werden, die einen Großteil ihrer Freizeit mit derartigen Medien verbringen. Sie halten sich dann irgendwann auch in der Realität für "Supermann" oder den gerechten überlegenen Rächer, der dann - sofern er eine Waffe in Besitz bekommt - dann auch nicht zwingend davor scheut, einen Amoklauf in seiner Schule zu veranstalten und dabei viele Menschen zu töten - und das mit völligem Selbstverständnis und ohne Hemmung oder Angst.

 

Selbstüberschätzung kann (z.B. über das Phänomen der Selbsterfüllenden Prophezeiung) zu mutigen Taten und außergewöhnlichen Leistungen anspornen. Sie kann aber auch großen Schaden anrichten z.B. wenn wir uns selbst für außergewöhnlich begabte Gesangstalente halten und dann mutig bei Dieter Bohlens DSDS Jury vorsprechen und uns im Fernsehen öffentlich blamieren.

 

Viel schlimmer steht es aber um das Autofahren: Ein Großteil an Verkehrsunfällen passiert deshalb, weil sich die Fahrer für sicher und überlegen und sogar für besonders gute Autofahrer halten oder sie ihr Auto besonders sicher, gut und überlegen einschätzen. Dieser Wahrnehmungsfehler verleitet Autofahrer zu hohem Tempo und zu riskanten Überhol- und Auffahr-Manövern. Ebenso verleitet er Fußgänger und Radfahrer zu riskantem Verhalten (z.B. Ignorieren roter Ampeln). Rote Ampeln empfinden sie als unnötige Bevormundung durch den Staat, schließlich haben sie selbst zwei Augen im Kopf, um Gefahren durch heranfahrende Autos rechtzeitig zu erkennen. Das meinen sie zumindest. Dabei gilt das Prinzip: Je schlechter die eigene Wahrnehmung, desto höher die Selbstüberschätzung.

 

Die Wirkung der Selbstüberschätzungs-Illusion bekommen auch Polizeibeamte zu spüren, nicht nur bei schweren Straftaten und dem immer respektloseren Verhalten von Bürgern ihnen gegenüber, sondern bereits bei einer normalen Verkehrskontrolle. Selbst wenn Verkehrssündern per Video-Aufzeichnung erläutert wird, dass sie um ein Wesentliches schneller waren, als erlaubt, empfinden das viele Verkehrssünder als regelrechte Schikane. Sie reagieren genervt, überheblich und geradewegs großspurig und entgegnen, dass der Vorwurf überzogen und das Verhalten der Polizei geradewegs lächerlich sei, zumal sie selbst alles im Griff hätten. Viele, die so etwas nicht äußern, denken sich so etwas zumindest. Ein Bußgeld kann und wird sie nicht daran hindern, sich weiter zu überschätzen und das nächste mal das gleiche Verhalten an den Tag zu legen. Schließlich merken sie nicht, dass sie einer Illusion zum Opfer gefallen sind und ihr Denken ist nach wie vor das gleiche.

 

Die Überlegenheitsillusion ist auch die Basis für Morde trotz hoher Strafandrohung durch die Gesetzgebung: Mörder gehen zum Zeitpunkt ihrer Tat davon aus, dass sie nicht gefasst werden. Insofern stellt die Überlegenheitsillusion den Effekt der Abschreckung durch Strafe in Frage.

 

 Wie bei anderen Wahrnehmungs- und Beurteilungsfehlern auch fällt es uns selbst leider sehr schwer, zu erkennen, dass wir einer Illusion zum Opfer gefallen sind. Ähnlich einem Wahn sind wir so felsenfest von der Richtigkeit unserer Einschätzung bzw. Annahme überzeugt, dass wir uns von niemandem davon abbringen lassen und selbst wissenschaftlich bewiesene Erkenntnisse negieren.

 

Wenn wir glauben, ein guter Sänger zu sein, kann selbst eine hundertköpfige Jury bestehend aus Gesangs-Profis uns nicht davon abbringen, daran zu glauben, dass wir gut sind. Stattdessen denken wir: Alle anderen sind "doof", zumindest haben sie "keine Ahnung" oder "heute einen schlechten Tag". Deshalb machen wir weiter. Wir suchen uns "einfach" eine andere Jury, gehen zu einer anderen Casting-Show oder stellen uns beim nächsten mal gleich wieder vor. Dann ist die Jury nicht mehr so "blind" wie jetzt.

 

Neben dem Überlegenheitsfehler gibt es auch den Unterlegenheitsfehler. Auf dem Prinzip der Überlegenheitsillusion basiert der Overconfidence-effect, auch Overconfidence barrier-effect genannt. Der Effekt ist auf viele Lebens- und Arbeitsbereiche übertragbar z.B. das Management und Risikomanagement in Unternehmen. Hier werden positive Abweichungen vom Plan stets den eigenen Fähigkeiten zugeschrieben, negative Planabweichungen hingegen äußeren Einflüssen zugeschrieben. Dann ist der Markt schuld, die Wirtschaftslage, die Wettbewerber oder die Politik. Manchmal sind es sogar einfach nur die Kunden, die schuld sind. Stets sind es alle anderen, die schuld sind, man selbst aber nicht. Führungskräfte sind zumeist der selbstsicheren Überzeugung, alles voll im Griff zu haben, selbst dann, wenn nachweislich das Gegenteil wahr ist.

 

Bei Bewerbern ist das ähnlich: Wenn eine Bewerbung keinen Anklang findet, dann ist der Arbeitsmarkt schuld oder das Unternehmen, bei dem man sich beworben hat, doof. Man selbst geht davon aus, keinen Fehler zu machen. Es sind sogar Fälle bekannt, in denen Bewerber explizit darauf hingewiesen wurden, dass ihre Bewerbung nicht nur nicht aussagefähig, sondern sogar negativ sind. Das Ergebnis: Ein Jahr später "trudelt" die gleiche Bewerbung wie früher auf den Tisch des Personalentscheiders - nach einem Jahr Arbeitslosigkeit. In vielen Fällen ist er Verlust eines ganzen Jahreseinkommens immer noch nicht ausreichend, den Fehler bei sich zu suchen und etwas zu optimieren.

 

 

Dunning-Kruger-Effekt

Als Dunning-Kruger-Effekt bezeichnet man die systematische fehlerhafte Neigung relativ inkompetenter Menschen, das eigene Wissen und Können zu überschätzen und zugleich die Kompetenz anderer zu unterschätzen, was zudem mit einer großen Selbstsicherheit im Rahmen einer Überlegenheitsillusion einhergeht.

 

Der Begriff geht auf eine Publikation von David Dunning und Justin Kruger aus dem Jahr 1999 zurück. Dunning und Kruger hatten in ihren vorausgegangenen Studien bemerkt, dass etwa beim Erfassen von Texten, beim Schachspielen oder Autofahren Unwissenheit oft zu mehr Selbstvertrauen führt als Wissen.

 

An der Cornell University erforschten die beiden Wissenschaftler diesen Effekt in weiteren Experimenten und kamen 1999 zum Resultat, dass weniger kompetente Personen dazu neigen, ihre eigenen Fähigkeiten zu überschätzen, überlegene Fähigkeiten bei anderen nicht erkennen und das Ausmaß ihrer extremen Inkompetenz selbst nicht erkennen können. Dunning und Kruger zeigten, dass schwache Leistungen mit größerer Selbstüberschätzung einhergehen als stärkere Leistungen. Im Jahr 2000 erhielten Dunning und Kruger für ihre Studie den Ig-Nobelpreis im Bereich Psychologie. 

 

 

Overconfidence-effect / Overconfidence barrier-effect

Es besteht eine grundsätzliche Tendenz des Menschen, von seinen eigenen Urteilen und seiner Urteilskraft überzeugt zu sein. Basis eines jeden Urteils bzw. einer jeden Entscheidung ist demnach die Selbstüberschätzung. Das Vertrauen in das eigene Urteilsvermögen ist bei Menschen größer als die objektive Richtigkeit dieser Urteile, vor allem dann, wenn das Selbstvertrauen und das generelle Vertrauen relativ hoch ist. 

 

Die eigene Überschätzung basiert auf einer natürlichen Fehlkalibrierung subjektiver Wahrscheinlichkeiten im Gehirn. Insofern handelt es sich um einen Mechanismus, der uns grundsätzlich Kraft und Mut verleiht und uns zum Handeln bewegt, wobei auch Risiken in Kauf genommen werden (müssen), da wir sonst nur bedingt handlungsfähig und nicht mutig genug wären, was unser Handeln hemmen würde. 

 

Die Tendenz zur Selbstüberschätzung beeinflusst unser Urteilsvermögen also bewusst, weil das Handeln an sich evolutionstechnisch wichtiger ist als die Richtigkeit des Handelns. Bei Untersuchungen wurde im Schnitt eine Selbstüberschätzungs- und Übermütigkeits-Quote von 20 % gemessen.

 

Man unterscheidet zwischen

a) der Überschätzung der tatsächlichen Leistung,

b) der Überbewertung der eigenen Leistung im Vergleich zu anderen und

c) der übermäßigen Gewissheit in Bezug auf die Richtigkeit der eigenen Überzeugungen (overprecision).

 

Untersuchungen zeigen, dass das Vertrauen in die eigene Person den Realitätsgehalt und die Genauigkeit systematisch übersteigt. Zudem halten sich Menschen grundsätzlich für besser als andere und besser, als sie wirklich (nachgemessen) sind. So lag bei Experimenten z.B. bei jenen Probanden, die sich bezüglich der Erwartung ihrer Richtigkeit zu 100 % sicher waren, die Fehlerquote bei 20 % anstatt bei 0%. Darüber hinaus konnte der Hang zur Übermütigkeit deutlich nachgewiesen werden.

 

Sobald die Genauigkeit (z.B. bei der Tefferquote)  80% übersteigt, erfolgt das menschliche Handeln sogar unterbewusst. Dann neigen wir dazu, angeblich selbst die Antworten auf komplizierte Probleme zu kennen, was als "Gott-Komplex" bezeichnet wird. Dies lässt sich auch im Alltagssituationen beobachten, wo Menschen mit vollem Selbstbewusstsein Lösungen für komplexe Weltfragen vorschlagen oder Lehrer relativ selbstbewusst darüber urteilen, dass einige Individuen und / oder Gruppen intelligenter seien als andere, was auch zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung führen kann. Der besagten Übermütigkeit stehen Ängste gegenüber, welche die Wahrnehmung und Urteilskraft ebenfalls stark beeinflussen.

 

 

Gott-Komplex

Der Begriff bezeichnet die unerschütterliche Selbstwahrnehmung eines Menschen, der glaubt, aufgrund von subjektiv angenommenen persönlichen Fähigkeiten, Privilegien oder seiner Unfehlbarkeit, gottgleich zu sein oder gottgleich zu handeln. Geprägt wurde der Begriff im Jahre 1913 von dem britischen Psychoanalytiker Ernest Jones (1879–1958).

 

Menschen, die dem Gott-Komplex unterliegen, weigern sich - selbst angesichts unwiderlegbarer Beweise, unlösbarer Probleme oder unmöglicher Aufgaben - beharrlich, die Möglichkeit ihres Irrtums oder Versagens zuzulassen oder zuzugeben. Sie sind zudem extrem dogmatisch in ihren Ansichten.

 

Menschen mit einem Gott-Komplex sprechen von ihren persönlichen Meinungen so, als seien diese zweifellos richtig. Dabei nehmen sie keine Rücksicht auf Konventionen und Forderungen der Gesellschaft und verlangen stattdessen ggf. sogar Privilegien. Ihr Charakter basiert zumeist auf Narzissmus. Ihr Verhalten basiert auf angenommener vermeintlicher Unfehlbarkeit im Denken und Handeln, auf Selbstüberschätzung, Realitätsverlust (bzw. fehlender Realitätsbezug) und dogmatischem Denken mit dem festen Glauben daran, die einzigen, richtigen Werte und Ideale zu vertreten und diese im Gegensatz zu anderen (aus ihrer Sicht dummen und minderwertigeren Menschen) erkennen zu können.

 

Begriffe, die mit dem Begriff einhergehen sind zum Beispiel: Hochmut, Allmacht, Fanatismus, Gott spielen, Hybris, Jerusalem-Syndrom und Megalomanie. Der Begriff Gott-Komplex trifft jedoch nicht nur auf ganz bestimmte und ggf. gestörte Persönlichkeiten zu:  Untersuchungen zeigen, dass das Vertrauen in die eigene Person den Realitätsgehalt und die Genauigkeit systematisch übersteigt.

 

Zudem halten sich Menschen generell grundsätzlich für besser als andere und besser, als sie wirklich (nachgemessen) sind. So lag bei Experimenten z.B. bei jenen Probanden, die sich bezüglich der Erwartung ihrer Richtigkeit zu 100 % sicher waren, die Fehlerquote bei 20 % anstatt bei 0%. Darüber hinaus konnte der Hang zur Übermütigkeit deutlich nachgewiesen werden.

 

Sobald die Genauigkeit (z.B. bei der Tefferquote)  80% übersteigt, erfolgt das menschliche Handeln sogar unterbewusst. Dann neigen wir dazu, angeblich selbst die Antworten auf komplizierte Probleme zu kennen, was als "Gott-Komplex" bezeichnet wird. Dies lässt sich auch im Alltagssituationen beobachten, wo Menschen mit vollem Selbstbewusstsein Lösungen für komplexe Weltfragen vorschlagen oder Lehrer relativ selbstbewusst darüber urteilen, dass einige Individuen und / oder Gruppen intelligenter seien als andere, was auch zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung führen kann. Der besagten Übermütigkeit stehen Ängste gegenüber, welche die Wahrnehmung und Urteilskraft ebenfalls stark beeinflussen.

 

Menschen mit einem Gott-Komplex, der auf einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung beruht, werden gerne als Protagonisten in der Literatur und im Film genutzt. Eines der wohl bekanntesten Beispiele ist die Figur des "Hannibal Lecter", ein hochintelligenter Psychiater und kannibalistischer Serienmörder. Auch in Staffel 8, Folge 4 der Serie Criminal Minds  treibt ein vermeintlich vom Gott-Komplex Besessener sein Unwesen. Er amputiert Männern ihre Beine derart unsachgemäß, dass nur einer von ihnen den Eingriff überlebt. Die nächste Eskalationsstufe ist das Transplantieren dieser Beine mittels chirurgischem Pfusch. Hinter den Experimenten vermutet man einen Narzissten, der etwas Göttliches vollbringen will – liegt damit jedoch völlig falsch.

 

 

Überlegenheitsfehler / Überlegenheits-Fehler

Das Gefühl der Überlegenheit verzerrt unsere Wahrnehmung: Wenn wir uns einer anderen Person gegenüber überlegen fühlen bzw. von einer anderen Person annehmen, dass sie uns unterlegen sei, allein weil wir diese so wahrnehmen,

treffen wir sehr unbesonnene Entscheidungen, die nicht selten zu unseren Ungunsten sind. Viele Schlachten und Kriege wurden nur deshalb verloren, weil sich ein Feldherr (oder eine Armee oder eine Nation) einem anderen Feldherrn (bzw. einer anderen Armee oder Nation) überlegen fühlte.

 

Die Annahme einer Überlegenheit kann auf dem Selbst- und Fremdbild einer Person basieren oder gar auf einer Selbstbild-Fremdbild-Inkongruenz; sie kann aber auch auf einem Beobachtungs-, Beurteilungs- und Wahrnehmungsfehler an sich beruhen.

 

Wenn wir aufgrund irgendwelcher Beobachtungen und Informationen annehmen, dass jemand schwächer sei, fühlen wir uns selbst überlegen und verhalten uns - unabhängig davon, ob es sich um "Freund" oder "Feind" handelt - generell anders.

 

Freunden oder armen Menschen gegenüber verhalten wir uns wohlwollender und großzügiger (z.B. Großzügigkeitsfehler), legen eine andere Messlatte an und werten mit einer anderen Skala (z.B. Skalierungsfehler). Gegnern bzw. Feinden gegenüber verhalten wir uns unvorsichtiger, wenn wir diese als schwach oder geschwächt wahrnehmen - selbst wenn sich diese vielleicht nur zum Schein schwach und unterlegen stellen, um uns z.B. zum Angriff zu bewegen und in eine Falle zu locken (Strategie/Taktik). 

 

Aufgrund eines derartigen Beurteilungsfehlers handeln Menschen zumeist sehr leichtsinnig und unbesonnen. Sie werden in ihrer Urteilsfähigkeit stark getrübt, was nicht selten zu einer falschen und ungünstigen Entscheidung führt.

 

Der Effekt trifft ganz besonders auf Entscheider zu (z.B. Personal-Entscheider), die sich bereits in ihrer Rolle und Funktion selbst schon "mächtig" fühlen. Sofern jetzt noch das hinzukommt, dass der betreffende Entscheider von seiner eigenen Meschenkenntnis überzeugt ist oder generell viel davon hält, wird das eigene Urteilsvermögen extrem getrübt.

 

Wer sich anderen (z.B. Bewerbern) gegenüber überlegen fühlt und sich bei seiner Einschätzung zusätzlich noch auf Intelligenz und Menschenkenntnis verlässt, ist eigentlich schon verlassen, nur eben mit dem Unterschied, dass man die Fehlentscheidung selbst gar nicht wahrnehmen kann. Die Überzeugung von der betreffenden Entscheidung wirkt ähnlich mächtig und wie eine Psychose, bei der der Betroffene die eigene Krankheit selbst nicht erkennt, nur sein Umfeld. 

 

Je überlegener sich eine Person oder Personengruppe fühlt, desto stärker wirkt der Effekt - desto mehr wird die Wahrnehmung getrübt. Das beginnt bereits beim Prozess der Beobachtung, reicht über die Beurteilung und endet bei der Entscheidung. Fehler, die jetzt aufgrund einer Fehlentscheidung geschehen, kann der Entscheider selbst nicht sehen. Er will sie nicht wahrhaben, selbst dann, wenn der Schaden hoch und die Beweislage (so es denn überhaupt Hinweise, Indizien oder gar Beweise gibt) erdrückend ist.

 

In letzter Instanz wirkt der Effekt bzw. das Wirkungsprinzip der kognitiven Dissonanzreduktion und selbstwertdienliche Verzerrungen. Daher gibt es viele Personalentscheider, die unzählige Fehlentscheidungen niemals selbst wahrnehmen, selbst dann nicht, wenn das Unternehmen Insolvenz anmeldet. Schließlich werden genügend andere Gründe vorgeschoben. Selbst die Tatsache, dass letztendlich Menschen und deren Handeln (inklusive Entscheidungen) für Erfolge bzw. Misserfolge verantwortlich sind, wird dann verdrängt und stets andere Aspekte (z.B. die Markt-/ Wirtschaftslage vorgeschoben).

 

Der Überlegenheitsfehler basiert u.a. auf bestimmten Erwartungen (Erwartungsfehler) sowie auf Menschenkenntnis, naiven Menschenbildannahmen, impliziten Persönlichkeitstheorien, Stereotype und Stereotypisierter Kopplung und steht in Verbindung mit weiteren Beobachtungs-, Beurteilungs- und Wahrnehmungsfehlern, ebenso der Unterlegenheitsfehler:

 

 

Unterlegenheitsfehler 

 Das genaue Gegenteil des Überlegenheitsfehlers  ist der Unterlegenheitsfehler. Wie beim Überlegenheits-Fehler auch, treffen Menschen auf Basis ihres Selbst- und Fremdbildes oder über ihre Wahrnehmung anhand bereits weniger Kriterien eine Einschätzung, die zu einer entsprechenden Annahme führt.

 

Fühlt man sich dieser Annahme zufolge unterlegen, schaut man genauer hin und beobachtet stärker, insbesondere dann, wenn wir unserem Gegenüber kritisch gegenüberstehen (z.B. Feind). Zugleich sind wir bemüht, uns unsere (angenommene) Unterlegenheit nicht anmerken zu lassen, was man uns aber gerade dadurch anmerkt (z.B. sich aufplustern / siehe Tierreich). Gehört unser Gegenüber zu unserem "Rudel" (z.B. Freund), zeigen wir ihm sogar gern unsere Unterlegenheit und lassen ihn das spüren, alleine schon deshalb, um bewusst / unbewusst einen Vorteil aus diesem Verhalten zu ziehen.

 

Sind wir uns nicht sicher und fühlen wir uns ggf. unterlegen, sehen wir genauer hin, sind wesentlich kritischer, manchmal sogar zu kritisch. Die Sinne sind wacher und wir reagieren schneller auf kleinste Auffälligkeiten und Abweichungen, schalten auf Abwehr und Verteidigung.

 

Allerdings wird dann auch unser Verhalten gehemmt, allein dadurch, dass wir bemüht sind, eben keine vorschnelle Entscheidung zu treffen. Wir entscheiden und verhalten uns dann eher defensiv, manchmal zu defensiv. Wir ergreifen weder die Initiative noch  die Offensive. Stattdessen verharren wir regungslos, obwohl unser Gegenüber vielleicht eigentlich eine Initiative bzw. Offensive erwartet hat, weil er in Wirklichkeit selbst schwach und unterlegen ist. So kann der Unterlegenheits-Fehler gar dazu führen, dass unser Verhalten - völlig irrational - zu einem regelrechten Fluchtverhalten wird.

 

Unser abwartendes gehemmtes Defensiv-Verhalten lässt uns wichtige Chancen verpassen, nur weil wir vielleicht fälschlicherweise annehmen, wir seien unterlegen bzw. weil wir einer anderen Person z. B. einem Gegner oder einem potentiellen Partner des anderen Geschlechts völlige Überlegenheit uns gegenüber unterstellen.

 

Sehr häufig lassen wir uns hinsichtlich dieser Einschätzung bereits von wenigen Eindrücken täuschen, sind gehemmt, verpassen Chancen oder ergreifen die Flucht, vielleicht auch nur, weil ein listiger Gegner uns durch bestimmtes (z.B. selbstsicheres) Verhalten, das wir selbst als Überlegenheit einstufen, täuscht, obwohl dieser uns in Wahrheit nichts entgegenzusetzen hat.

 

Der Fehler führt auch dazu, dass man manche Menschen, die einem besonders gut gefallen, nicht anspricht, weil man aufgrund eines irrationalen Unterlegenheitsgefühls Ablehnung bzw. "eine Abfuhr" bzw. "einen Korb" erwartet. 

 

 

Hochstapler Syndrom

Impostor-Syndrom / Impostor-Phänomen / Mogelpackungs-Syndrom / Betrüger-Phänomen 

Das Hochstapler-Syndrom, auch Impostor-Syndrom, Impostor-Phänomen, Mogelpackungs-Syndrom oder Betrüger-Phänomen genannt, ist ein psychologisches Phänomen, bei dem Betroffene von massiven Selbstzweifeln hinsichtlich eigener Fähigkeiten, Leistungen und Erfolge geplagt werden und unfähig sind, ihre persönlichen Erfolge zu internalisieren.

 

Es handelt sich um eine Störung, die zu Versagensängsten und übersteigertem Leistungszwang führen kann. Zugrunde liegt die Unterlegenheitsillusion (s.o.). Der Begriff bezieht sich nicht etwa darauf, dass die Betroffenen wie beim Dunning-Kruger-Effekt hochstapeln, sondern dass sie sich selbst unterschätzen und sogar als Hochstapler erachten. 

4. Phantasie- und Erwartungsfehler

Wahrnehmungsfehler aufgrund des Bildes

Wir nehmen nicht die beobachtbaren Verhaltensweisen einer Person oder Sache wahr, sondern sehen ein ganz bestimmtes Bild (Vorstellung), das wir mit Hilfe unserer Vorstellungskraft (Phantasie) kreativ formen. Aus diesem selbst erzeugtem Vorstellungs-Bild ziehen wir Schlussfolgerungen, die jedoch mit der beobachteten Person oder Sache an sich ggf. nicht mehr viel zu tun haben.

 

 

Kontrollillusion

Menschen fühlen sich gut, wenn sie Kontrolle über ihr Leben haben - oder zumindest das Gefühl der Kontrolle haben. Das liegt daran, dass wir zumeist denken bzw. annehmen, dass alles erklärbar ist und folglich alles erklärbar sein muss.

 

Wenn wir weder einen Einfluss auf ein Ereignis haben, noch eine Erklärung für das Ereignis finden oder zwar eine Erklärung für ein Ereignis haben, wir diese Erklärung aber nicht akzeptieren wollen, bekommen wir den Eindruck, einer unerklärlichen Willkür ausgeliefert zu sein. Das Gefühl, die völlige Kontrolle verloren zu haben, würde zu einem derart unerträglichem Gefühl der Hilflosigkeit und einem derart starkem Zweifel am Leben führen, dass unser Gehirn es nicht zulässt und versucht, seinerseits die Kontrolle zurückzugewinnen.

 

Mit Hilfe unserer Vorstellungskraft (= Phantasie) basteln wir uns dann die wahnwitzigsten phantastische Erklärungen für all das zusammen, was um uns herum oder mit uns geschieht. Wir sehen dann, selbst da, wo es keine gibt, irgendwelche Zusammenhänge, finden dann regelrechte Muster, Systeme, Trends und Gesetzmäßigkeiten, obwohl es sich in Wahrheit um reine Zufälle oder um Chaos handelt. 

 

Wenn wir uns unvorhergesehene Ereignisse, die sich unserer Kontrolle entziehen, wenigstens irgendwie logisch erklären können, weil wir z.B. Ursache und Wirkung kennen, behalten wir zumindest das Gefühl der Kontrolle, haben ein bestimmtes Kontrollempfinden und bleiben dadurch in der Lage, bestimmte Voraussagen zu treffen. Selbst wenn derartige Voraussagen, nach denen wir stetig streben, sehr theoretisch und wage sind, so haben wir wenigstens das Gefühl, in ein Ereignis eingreifen und es irgendwie zu unseren Gunsten beeinflussen zu können.

 

Wenn wir aber weder einen Einfluss auf ein Ereignis haben, noch eine Erklärung für das Ereignis finden, bekommen wir den Eindruck, einer unerklärlichen Willkür ausgeliefert zu sein. Das Gefühl, die völlige Kontrolle verloren zu haben, würde zu einem derart unerträglichem Gefühl der Hilflosigkeit und einem derart starkem Zweifel am Leben führen, dass unser Gehirn es nicht zulässt und versucht, seinerseits die Kontrolle zurückzugewinnen.

 

Je mehr uns die Kontrolle entgleitet, desto stärker basteln wir uns mit Hilfe unserer Vorstellungskraft (=Phantasie) die wahnwitzigsten phantastische Erklärungen für all das zusammen, was um uns herum oder mit uns geschieht. Wir sehen dann, selbst da, wo es keine gibt, irgendwelche Zusammenhänge, finden dann regelrechte Muster, Systeme, Trends und Gesetzmäßigkeiten, obwohl es sich in Wahrheit um reine Zufälle oder um Chaos handelt.

 

Wir hören dann quasi geradewegs "die Flöhe husten" und "das Gras wachsen", erinnern uns an irgendwelche Bauernweisheiten oder an Aberglauben. Wir finden phantastische oder mystische Regelwerke (z.B. Schwarze Katze) oder glauben plötzlich an Gespenster und andere übersinnliche Phänomene. Manchmal finden Menschen, die das Gefühl bekommen, die Kontrolle zu verlieren, dann plötzlich (wieder) an Gott oder flehen Schutzpatrone und Heilige an. Andere sehen hinter bestimmten Ereignissen, die sie sich nicht erklären können, sogar eine Verschwörung und bilden regelrechte Verschwörungstheorien.

 

Das Gleiche gilt selbst dann, wenn wir zwar eine Erklärung für ein Ereignis haben, wir diese Erklärung aber nicht akzeptieren wollen. In solchen Situationen puzzeln wir uns die abstrusesten Erklärungen zusammen und bilden uns daraus eine eigene völlig neue Logik. Dabei ist unser Gehirn äußerst kreativ.

 

Menschen brauchen möglichst Kontrollerlebnisse, die ihnen zeigen, dass sie prinzipiell alles unter Kontrolle haben. Fehlen derartige Erlebnisse, dann brauchen wir zumindest eine Erklärung. Fehlt eine entsprechende Erklärung, basteln sich unser Gehirn eine eigene mit Hilfe kreativer Phantasien. Je mehr Kontrolle wir generell in unserem Leben haben, desto eher sind wir in der Lage, uns mit Situationen und Ereignissen abzufinden, für die wir spontan keine Erklärung finden, weil sie einzig und allein auf Chaos beruhen. 

 

Wir denken stets, dass alles erklärbar ist und erklärbar sein muss. Vielleicht gibt es für manche Dinge aber gar keine Erklärung. Vielleicht gibt es aber auch eine ganz einfache, nahe liegende Erklärung, die wir einfach nicht wahrhaben wollen. Derartige Gefühle zuzulassen und auszuhalten, ist nicht nur eine fast übermenschliche Kunst, sondern in Wahrheit eine erlernbare Fähigkeit.

 

In gewisser Hinsicht steht die Kontrollillusion in Verbindung mit dem sogenannten Attributionsfehler (auch Fundamentaler Attributionsfehler genannt). Auch hier werden einfache Lösungen angezweifelt und stattdessen etwas Komplexes dahinter vermutet: Was sich Menschen nicht erklären können, weil sie anders denken, kann und darf ihrer Auffassung nach, nicht so einfach sein wie es dargestellt wird. Daher wird nach einer komplexen intelligenten Lösung gesucht, selbst dort, wo es gar keine komplexe oder intellektuell anspruchsvolle Ursächlichkeit gibt. Dies kann zu einem regelrechten Wahn führen oder mit einem solchen in Verbindung stehen.

 

In gewisser Hinsicht steht die Kontrollillusion auch in einem Zusammenhang mit dem z.B. aus der Psychiatrie bekannten "Rorschach-Test", schließlich erfolgt auch hier eine phantasiereiche "Entschlüsselung" von Bildern bzw. chaotischen Tintenkleksen, die jedoch von den Testpersonen mehr oder weniger phantasiereich interpretiert werden.

 

 

Erwartungen / Erwartungsfehler

Sowohl eine bestimmte allgemeine Erwartungshaltung als auch bestimmte konkrete Erwartungen sowie das Maß dieser Erwartungen prägen die Tendenz und Ausprägung der Wahrnehmung sowie die entsprechende Einschätzung und Wertung. Unsere Erwartungen beeinflussen nicht nur die Informationsverarbeitung, sondern bereits die Güte der Informationsaufnahme bei der Beobachtung. Woran liegt das?

 

Erwartung bezeichnet in der Psychologie die Annahme, was jemand (ein anderer oder mehrere andere) in Zukunft tun würde oder sollte. Erwartung ist zugleich die vorausgenommene prognostizierte Annahme eines Ereignisses oder Zustandes. Selbst sachliche Prognosen sind, sofern durch Menschen erfolgen, stets mit einer unbewussten Erwartung (Erwartungsfehler) verbunden.

 

Konkrete Erwartungen stehen in einer Verbindung mit einer bestimmten (bewussten oder unbewussten) Erwartungshaltung sowie mit mit individuellen Wahrnehmungs- und Denkmustern, die sich auf das Erwartete und die Wertung des Erwarteten übertragen. Die Übertragung bezieht sich auf das Eintreffen der Erwartung sowie die Wertung des Erwarteten.

 

Individuelle Erfahrungen, Wünsche, Bedürfnisse und Wertvorstellungen der Person, die etwas erwartet, spielen eine ebenso große Rolle wie die konkrete Ausprägung der jeweiligen Erwartung sowie der Glaube an die Erfüllung oder das eigene (sachliche oder naive) Weltbild in Sachen Erwartungs-Erfüllung an sich.

 

Erwartungsfehler beziehen sich auf unsere Wahrnehmung und zählen zu den Wahrnehmungsfehlern. Der Erwartungsfehler tritt in der allgemeinen Wahrnehmung und in der Selbst- und Fremdwahrnehmung (Personenwahrnehmung) auf. Sowohl eine bestimmte allgemeine Erwartungshaltung als auch bestimmte konkrete Erwartungen sowie das Maß dieser Erwartungen prägen die Tendenz und Ausprägung der Wahrnehmung sowie die entsprechende Einschätzung und Wertung. Unsere Erwartungen beeinflussen nicht nur die kognitive Informationsverarbeitung, sondern bereits die Güte der Informationsaufnahme bei der Beobachtung.

 

So wird z.B. die Einschätzung der Leistung einer Person von Erfahrungen mit vorangegangen Leistungen dieser Person beeinflusst. Ebenso wird das Gefühl von Glück und Zufriedenheit von der jeweiligen Erwartungshaltung und dem konkreten Maß der Erwartung beeinflusst. Auch das Selbstwertgefühl und die Bewertung von Leistungen und Erfolgen hängt von Erwartungen ab u.a. davon, a) welche Ansprüche (Erwartungen) man selbst an sich stellt, b) welche Erwartungen andere an einen stellen und diese äußern, c) welche Erwartungen anderen Anwesenden (die sich nicht äußern) zugeschrieben bzw. unterstellt werden und d) welche Erwartungen Menschen haben, die Leistungen messen und Erfolge bewerten.

 

Menschen gehen mit einer bestimmten Erwartungs- und Anspruchshaltungen an eine Sache, einen Zustand, ein anstehendes Ereignis oder an Personen heran. Diese Erwartungshaltung bezieht sich zumeist auf vorausgegangene Erfahrungen und die Übertragung dieser Erfahrung auf die Zukunft (Prognose).

 

So erinnert sich z.B. ein Personalentscheider an bestimmte Erfahrungen mit Bewerbern allgemein oder mit bestimmten Bewerber-Typen und koppelt diese Erfahrung an die Annahme/Prognose aktueller Bewerber. Er ist damit von vorne herein grundsätzlich nicht neutral. Ein Sportler ist unglücklich und deprimiert darüber, dass er (vor hundert anderen) an Stelle des ersten Platzes (nur) den zweiten Platz errungen hat. Seinen (messbaren) nachweislichen Sieg empfindet er (subjektiv) als Niederlage. Die Skalierung wird subjektiv interpretiert. Er sieht sich nicht als Sieger und Gewinner von Rang 2., sondern (entsprechend seiner Erwartung, den ersten Platz zu erreichen) als Verlierer (ggf. als völligen Verlierer, der keinen Wert hat und sich schämen muss) Entsprechend seiner eigenen Erwartung und/oder der Erwartung seiner Fans wird er entweder gefeiert oder feiert sich selbst oder er wird bedauert oder geschmäht oder bedauert sich selbst.

 

Erwartungsfehler treten auch in der sozialen Wahrnehmung auf. Siehe dazu u.a.: Hypothesentheorie der sozialen Wahrnehmung, Stereotypisierte Kopplung, Kleber-Effekt usw.  (Siehe Rubrik "Wahrnehmungsfehler auf Basis der sozialen Wahrnehmung"). Einige dieser Wahrnehmungsfehler auf Basis der sozialen Wahrnehmung können jedoch zu den klassischen Erwartungsfehlern gezählt werden:

 

 

Etikettierungs- und Stigmatisierungsfehler

Das Thema "Etikettierungs- und Stigmatisierungsfehler" wird grundsätzlich unter Rubrik "Wahrnehmungsfehler auf Basis der sozialen Wahrnehmung" abgehandelt. Gleichzeitig handelt es sich auch um einen Erwartungsfehler: Denn wenn Menschen über die soziale Wahrnehmung einer negativ bewerteten Kategorie zugeordnet werden, hat dies zur Folge, dass sie sich automatisch auch in eine bestimmte Richtung, die ihnen zugeordnet bzw. zugeschrieben wird, entwickeln.

 

Aus einer eventuell nicht zutreffenden Zuschreibung wird dadurch Realität. Ein beispielhaftes Phänomen, das darauf basiert, ist z.B. die Selbsterfüllende Prophezeiung, die auch als Rosenthal Effekt bezeichnet wird:

 

 

Selbsterfüllende Prophezeiung / Self-fulfilling-prophecy 

Die Selbsterfüllende Prophezeiung (Self-fulfilling-prophecy), auch als Rosenthal Effekt bekannt, beschreibt das Phänomen, dass Erwartungen, die an andere Personen gerichtet sind, sich selbst erfüllen, indem erwartetes Verhalten einer anderen Person durch das Verhalten einer anderen Person oder Personengruppe (z.B. Beurteiler, Feedback-Geber, Erzieher) erzwungen wird.

 

Anmerkung: Da das Denken und Verhalten sowohl der beeinflussenden Personen als auch der beeinflussten Personen zumeist unbewusst erfolgt und selbst kaum wahrgenommen wird, könnte man bezüglich des Effektes auch hier im entferntesten Sinne von einem Wahrnehmungsfehler sprechen. Zur Abgrenzung von klassischen Wahrnehmungsfehlern sind die jeweiligen Überschriften ebenso wie beim Rosenthal-Effekt oder dem Effekt der selbstzerstörenden Prophezeiung (self-defeating prophecy) aber nicht  in grün gekennzeichnet. 

 

Erwartet jemand ein bestimmtes Verhalten von seinem Gegenüber, erzwingt er allein durch eigenes (auch unbewusstes) Verhalten genau dieses Verhalten. Dies beginnt bereits bei der Verhaltensbeobachtung, umfasst die Interpretation des beobachteten bzw. unterstellten Verhaltens sowie verbal oder nonverbal geäußertes oder unterlassenes Feedback und reicht bis hin zu direkten oder indirekten Prognosen, die eben auf einer bestimmten Erwartungshaltung basieren, die den Beurteiler selbst beeinflussen, aber eben auch die beobachtete bzw. beurteilte Person, die ihr Verhalten dann entsprechend der Verhaltenserwartung der anderen ausrichtet.

 

Das Verhalten kann bewusst oder unbewusst erfolgen, im Tun oder Unterlassen liegen. Allein die Erwartungshaltung einer anderen Person ist entscheidend, sofern sie irgendwie (über entsprechendes Verhalten) von der betreffenden Person wahrgenommen wird. Dazu reicht allein die soziale Interaktion: In der sozialen Interaktion teilen wir anderen bewusst oder unbewusst mit, welches Bild wir von ihnen haben. Damit beeinflussen wir in erheblichem Maße ihr Selbstbild.

 

Fazit: Wird jemandem mehr oder weniger offen eine gewisse Erwartungshaltung entgegengebracht, steigt automatisch die Wahrscheinlichkeit, dass dich der andere entsprechend dieser Erwartungshaltung verhält. 

 

Selbsterfüllende Prophezeiung in der Erziehung: Insbesondere Kinder sind hier besonders beeinflussbar durch das Urteil anderer Personen, denn das Selbstbild des Kindes hängt entscheidend von der Meinung seiner Bezugspersonen ab und richtet sein Verhalten weitgehend nach dem aus, was von ihm erwartet wird. So hat zum Beispiel ein Erzieher eine gewisse Erwartung an das Verhalten eines Kindes, an die das Kind sich mehr oder weniger anpasst.

 

Wird z.B. ein Heimkind einmal bei einem Diebstahl ertappt, wird es bei jedem weiteren Diebstahl immer als erstes gefragt und verdächtigt. Das Kind lernt, dass das Thema Diebstahl in einem direkten Zusammenhang mit ihm selbst steht und fügt sich diesem Zusammenhang. Schließlich wird das Kind irgendwann nicht mehr anders können als die Erzieher ohnehin erwarten. 

 

Rosenthal Effekt / Versuchsleiter(erwartungs)effekt oder Versuchsleiter-Artefakt

Der Rosenthal Effekt, der in der Sozialpsychologie auch als Versuchsleiter(erwartungs)effekt oder Versuchsleiter-Artefakt bezeichnet wird, besagt, dass sich Erwartungen, Einstellungen, Überzeugungen sowie Stereotype eines Versuchsleiters (oder eines Vorgesetzten oder Erziehers) im Rahmen einer selbsterfüllenden Prophezeiung (siehe oben) auf das Ergebnis (des Experiments, der wahrgenommenen Leistung) auswirken.

 

In einem Laborexperiment (Klassisches Experiment von Robert Rosenthal und K. L. Fode wurden zwölf Studenten jeweils fünf Laborratten gegeben. Der einen Hälfte der Studenten wurde mitgeteilt, dass ihre Ratten darauf hin gezüchtet wurden, einen Irrgarten besonders schnell zu durchlaufen, während der anderen Hälfte der Studenten mitgeteilt wurde, dass ihre Ratten auf besondere Dummheit hin gezüchtet wurden. Obwohl die Ratten in Wirklichkeit alle vom gleichen Stamm kamen, zeigten jene Ratten, zu denen mitgeteilt wurde, dass sie intelligent seien, deutlich bessere Leistungen als die Ratten in der Kontrollgruppe. Die jeweiligen Projektionen (siehe Projektionsfehler) hatten die Leistung der Ratten beeinflusst.

 

 

Selbstzerstörende Prophezeiung (self-defeating prophecy)

Eine Prognose kann das Eintreffen ihrer Voraussagen unter bestimmten Voraussetzungen auch verhindern. Hier verhält sich der Betreffende so, dass die Prophezeiung gerade nicht in Erfüllung geht. Gerade weil etwas ganz konkret prophezeit wird, tritt etwas nicht ein.

 

Relativ genaue Vorhersagen eines Unglücks können zum Beispiel bewirken, dass Maßnahmen eingeleitet werden, die das beschriebene Unglück unmöglich machen. Als Beispiel sei hier eine ganz konkrete Stauwarnung genannt. Wenn zu einer bestimmten Zeit vor einem bestimmten Stau auf einem bestimmten Streckenabschnitt in einer bestimmten Art und Weise sehr bestimmend gewarnt wird, kann es passieren, dass viele Autofahrer den Bereich umfahren und der erwartete Stau daher nicht einritt.

 

 

YAVIS-Prinzip / Yavis-Syndrom

Der Begriff wurde als Akronym von Professor William Schofield (University of Minnesota) geprägt, wobei das "Y" steht für "jung", das "A" für "attractive", das "V" für "verbal", das "I" für "intelligent" und das "S" für "successful" steht.

 

Untersuchungen zeigten auf, dass Menschen, die o.g. YAVIS-Eigenschaften aufweisen bzw. Personen, denen diese Eigenschaften unterstellt werden, sowohl begünstigt, als auch bevorzugt behandelt und beurteilt werden. Personen, die nach dem Yavis-Prinzip wahrgenommen werden, unterstellt man unbewusst, dass sie automatisch motivierter, engagierter, genauer und besser arbeiten.

 

Ärzte und Therapeuten verbinden bei Patienten, die das Yavis-Prinzip erfüllen, zugleich die Hoffnung bzw. Erwartung,  sie seien gesünder und eine Behandlung, so sie denn überhaupt erforderlich ist - wirksamer bzw. erfolgversprechender. Zusätzlich wird eine bessere Zusammenarbeit unterstellt, was zugleich den Erfolg mit beeinflusst.

 

Ursächlich ist das Bedürfnis unseres Gehirns nach schnellen ökonomischen Entscheidungen. Aus dem YAVIS-Prinzip leitet sich umgekehrt das HOUND-Prinzip ab, wobei "H" für "homely", "O" für "unsuccessful", "N" für "nonverbal" und "D" für "dumb" steht. Beide Prinzipien bzw. Syndrome basieren auf stereotypen Annahmen und Kopplungen sowie auf den daraus resultierenden Erwartungen.

 

Beim Yavis-Syndrom geht es folglich darum, dass auf Basis bestimmter (erster) subjektiver Eindrücke bei der Personenbeobachtung - ähnlich wie bei der "stereotypisierten Kopplung" - automatisch bestimmte Erwartungen abgeleitet (und nicht hinterfragt) werden, die einen Wahrnehmungsfehler darstellen. Bei der stereotypisierten Kopplung werden Charaktereigenschaften, die in keinem real abhängigen Zusammenhang stehen, mit einer entsprechend logisch scheinenden unterstellten Annahme und Erwartung automatisch miteinander verknüpft:

 

Wer z.B. sauber und gepflegt ist, ist im Rahmen des Wahrnehmungsfehlers der "stereotypisierten Kopplung" der allgemeinen Auffassung nach zugleich auch höflich. Wer höflich ist, ist dann auch gebildet. Wer eine Brille trägt, ist intelligent. Wer intelligent ist usw. Da die Stereotypisierte Kopplung, die auf Stereotypen basiert (und daher auch dem Bereich Social Cognition zugeordnet werden kann) auf einer unterstellten Erwartung basiert, wird der Effekt hier ebenfalls der Rubrik Erwartungsfehler zugeordnet.

 

Zur Abgrenzung: Beim "Yavis-Prinzip" geht es allerdings weniger um die Verknüpfung bestimmter Charaktereigenschaften, sondern auf optisch wahrgenommene bzw. subjektiv unterstelle Zustände und Eigenschaften einer Person, konkret um ein "junge" Alter", eine hohe "Attraktivität", eine gute Kommunikationsfähigkeit sowie um "Intelligenz" und "Erfolg" - Zustände und Eigenschaften, die generell bereits sehr subjektiv wahrgenommen werden.

 

Tatsächlich geht es hier nicht um die Objektivität dieser angenommenen Zustände und Eigenschaften, sondern um den nach außen wahrgenommenen (ersten) Eindruck, den Personen bei Beobachtern hinterlassen, folglich um das Image. 

 

Image bezeichnet das Vorstellungsbild, das Menschen von einer Person (oder auch einer Organisation oder einer Sache) haben. Mit Hilfe unserer Vorstellungskraft (= Phantasie) formen wir in unserem Gehirn aufgrund bereits weniger Informationen und/oder Annahmen ein ganz bestimmtes Bild, mit dem zugleich eine bestimmte Bedeutung verbunden ist. Dabei handelt es sich nicht etwa um ein realistisches Abbild z.B. von einer Person, so wie die Person wirklich ist, sondern um eine subjektive Unterstellung. Auf dieser Unterstellung basieren alle weiteren Wahrnehmungen, Meinungen und Erwartungen sowie sämtliche Denk-, Beurteilungs- und Entscheidungsprozesse.

 

Image ist in so fern ein subjektiv gewertetes Bild der Wirklichkeit. Ein Image kann man (unbewusst) haben oder aber bewusst und geplant konstruieren. Ein solches Konstrukt, das z.B. im sogenannten "Image-Engineering" zielgerichtet entwickelt werden kann, basiert auf bewusstem Verhalten und Unterlassen, auf Wahrnehmungen, den dabei entstehenden Beobachtungs-, Wahrnehmungs-, Beurteilungs- und Denkfehlern und deren gezielten Beachtung und ggf. Nutzung.

 

Die Vorstellungen von einer Person, Organisation oder Sache basieren nicht nur allein auf der Gesamtheit der subjektiv gewerteten Vorstellung und Meinung anderer, sondern auch auf dem konkretem Verhalten der wahrgenommenen Person bzw. dem wahrgenommenen Verhalten der Personen, die eine wahrzunehmende Sache imagegerecht (= zum Markt bzw. zum Entscheider passend) präsentieren und ggf. geschickt in Szene setzen.

 

Dies erfolgt z.B. durch Erscheinungsbild, Körpersprache (Aussehen, Kleidung, Frisuren, Accessoires, Düfte/Gerüche etc.), Mimik (z.B. Gesichtsausdruck, Blick, Blickkontakt etc.), Gestik (Körperhaltung, Bewegungen, Gang, Händedruck etc.), was man sagt (Sprache z.B. Ansprache, Wortwahl, Satzbau, Füllwörter, Floskeln) und wie man etwas sagt (Sprechweise z.B. Stimmführung, Stimmklang, Sprechmelodie, Betonung, Tonhöhe, Artikulation, Sprechtempo) und nicht zuletzt die gesamte Peripherie, die einen umgibt (z.B. Kulisse, Auto etc.). Vorausurteile über Vorinformationen (z.B. Name, Anschrift, Alter, Ausbildung, Beruf etc) zu einer Person zählen ebenfalls dazu.

 

Hier zählt insbesondere der "Erste Eindruck" (Primacy Effect), der nachfolgend separat unter "Perpetuierender Wahrnehmung" ebenfalls beschrieben wird. 

 

Fakt ist: Niemand kann einem hinter den Kopf schauen. Niemand weiß, wie man wirklich ist. Man nimmt es lediglich an, deutet, interpretiert und schlussfolgert. Dennoch sendet man wichtige Signale, die auf eine ganz bestimmten Verhalten basieren, das auf entsprechendem Tun oder Unterlassen sowie auf ganz konkreten Verhaltensweisen basiert, die einen von anderen unterscheiden oder denen anderer ähnlich sind.  Das Aussehen gehört ebenso dazu: Sich zu kleiden, zu frisieren, zu stylen, seinen Körper zu pflegen, zu trainieren und zu schmücken ist auch Verhalten. Dies spricht Bände, zumindest in den Augen anderer, die einen bewusst oder unbewusst einschätzen, einstufen und in irgendwelche klischeemäßigen Raster packen. Dieses Rastern basiert auf gehirnökonomischen Ursachen.

 

Wie man auf andere wirkt, entscheidet unser aktives und passives Verhalten stets im Hinblick auf individuelle Wahrnehmungen, Wahrnehmungs- und Denkprozesse und entsprechende Wahrnehmungsfehler. Verantwortlich für ein sich manifestierendes Bild, das stets mit Hilfe unserer Vorstellungskraft (Phantasie) entsteht, sind sozialisierte Denkmuster und die starke Wirkung audiovisueller Eindrücke (Reize) auf unseren Denkprozess, aber auch individuelle Einstellungen, Wertvorstellungen, Wünsche, Gefühle und Bedürfnisse.

 

Für jeden, der viel mit Menschen zu tun hat oder dessen Erfolg von menschlichen Entscheidungen (z.B. Wahl / Wählerstimme, Bewerbung / Einstellungsentscheidung, Kauf / Kaufentscheidung etc.) abhängt, ist es nützlich, die wirkliche Einschätzung durch andere Menschen zu kennen und ggf. zu lenken. Selbsterkenntnis ist in sofern die unbedingte Voraussetzung für erfolgreiches Handeln und ein wesentlicher Schlüssel zum persönlichen, beruflichen und geschäftlichen Erfolg. Schließlich gilt die Devise: „Wie Du kommst gegangen, so wirst Du auch empfangen".

 

Wie bereits erwähnt, ist unsere Meinungsbildung extrem subjektiv, so auch die Einschätzung von Menschen. Einschätzungen von Personen basieren stets auf einseitigen subjektiven Wahrnehmungen und Empfindungen, die sich zumeist bereits in Bruchteilen von Sekunden zu einem pauschalen Bild manifestieren, auf dem dann alle weiteren nachfolgenden Wahrnehmungen und Einschätzungen basieren. So entsteht eine „Meinung“. Diese ist war keine „Erkenntnis“, stellt aber eine ganz persönliche „Wahrheit“ bzw. "Überzeugung" einer Person dar.

 

Meinungen  und daraus resultierende ganz persönliche Wahrheiten sind immer subjektiv und stellen natürlich keine Erkenntnis  über den wirklichen Charakter einer Person dar. Entsprechende Aufschlüsse können lediglich detaillierte Testungen geben. Auf diesen subjektiven persönlichen Meinungen bzw. individuell persönlichen Wahrheiten basiert jedoch die gesamte Einschätzung, das Image (Abbild) einer Person. Wahrnehmungspsychologisch bzw. image- oder meinungsmarkttechnisch betrachtet, ist es also nicht entscheidend, wer oder wie man selbst wirklich ist, sondern auch wie man nach außen / auf andere wirkt. Dies basiert wiederum auf kleinen, kurzen und oberflächlichen Aussehens- und Verhaltensausschnitten, die man bewusst oder aber zumeist unbewusst von sich nach außen zeigt.

 

Bewusste bzw. gelernte/gewohnte Verhaltensmuster, die wir uns im Laufe unseres Lebens angeeignet haben und die wir aufgrund des Lernprozesses prinzipiell für richtig halten spielen eine ebenso große Rolle wie unsere unbewussten Handlungen, die einen wesentlich größeren Teil ausmachen. Hinzu kommt, dass auch unsere bewussten Handlungen von unserem Unterbewusstsein sehr stark beeinflusst werden.

 

Ähnlich bzw. mit dem Effekt korrelierend wirkt der Pygmalioneffekt:

 

 

Pygmalioneffekt

Der Begriff stammt aus der griechischen Mythologie. In der Psychologie ist damit gemeint, dass Menschen z.B. Schüler, die der Lehrer – egal aus welchen Gründen- für (sehr oder besonders) intelligent hält, besonders oder besser gefördert werden und daher (gerade deshalb) größere Fortschritte machen als die anderen Schüler, die der Lehrer als normal oder weniger intelligent einstuft. Dieser Mechanismus spielt auch in Bewerbungsverfahren und Personalauswahlprozessen eine Rolle:

 

Glaubt ein Personalentscheider nämlich, dass ein bestimmter Bewerber bzw. eine bestimmte Eigenschaft eines Bewerbers (z.B. eine konkrete Ausbildung, ein bestimmtes Alter etc.) in jedem Falle besser für die Stelle geeignet sei als die Mitbewerber, wird er ihm während des Interviews bewusst oder unbewusst Steine aus dem Weg räumen, ihm leichtere Fragen stellen oder sonst wie auch immer automatisch protegieren. So schneidet der Bewerber tatsächlich besser ab und bekommt den Job, ganz der Erwartung entsprechend.

 

Insofern realisiert sich hier eine Art der Selbsterfüllenden Prophezeiung, nur mit dem Unterschied, dass nicht der Beobachtete sich in Richtung der jeweiligen Erwartung verändert, sondern die beobachtende Person. In diesem Kontext könnte man hier auch von einem Beobachtungsfehler sprechen.

 

 

Selbstwirksamkeitserwartung / Self-efficacy / Perceived self-efficacy

Der Glaube, bestimmte Ziele erreichen zu können, wirkt ähnlich wie die Selbsterfüllende Prophezeiung (Self-fulfilling-prophecy), die auch als Rosenthal Effekt bekannt ist. Das Konzept der Selbstwirksamkeitserwartung (SWE) (perceived self-efficacy) (nach Albert Bandura) basiert auf der eigenen Erwartung und beschreibt die positiven Auswirkungen des Glaubens an sich selbst.

 

Der bekannte Spruch "Glaube versetzt Berge" ist nicht nur etwa eine leere Redewendung, sondern trifft zu: Ein Mensch, der fest daran glaubt, selbst etwas aus sich heraus zu bewirken und auch in schwierigen Situationen selbstbestimmend handeln zu können, hat demnach eine hohe Selbstwirksamkeitserwartung und dadurch Vorteile. Die Selbstwirksamkeitserwartung führt dazu, dass sich die Erwartung erfüllt.

 

Allein die Annahme, man könne selbst Einfluss auf alles nehmen (internaler locus-of-control), anstatt äußere Umstände und Umwelteinflüsse (Gesellschaft, Staat, Entscheider, Mitmenschen, Bezugspersonen, Glück und Zufall) dafür verantwortlich zu machen, löst enorme Kräfte und Energien aus, die sich in einem bestimmten Verhalten zeigen, welches sich in Richtung des jeweiligen Zieles bewegt und sich dabei durchaus durchsetzungsstark zeigt.

 

Untersuchungen zeigen ganz klar, dass Menschen mit einem starken Glauben an die eigene Person (Kraft, Fähigkeiten, Kompetenzen) nachweislich mehr Erfolg (z.B. Ausbildung und Berufsleben) haben. Dies erreichen sie a) u.a. durch ihre erwartungs- und glaubensbedingte Ausdauer bei der Bewältigung von Aufgaben. 

 

Parallel dazu besteht b) eine geringere Anfälligkeit für Ängste (z.B. Angststörungen), Hemmungen und Depressionen. Hinzu kommt, c) dass eine hohe Selbstwirksamkeitserwartung zu hohen Ansprüchen an die eigene Person führt. Daher besteht d) eine geringere Scheu vor anspruchsvollen, schwierigen Aufgaben; es werden sogar bevorzugt eben solche Herausforderungen gesucht.

 

Höher ist auch die Chance, diese Herausforderungen zu bewältigen und gute Leistungen zu erbringen. Der Effekt funktioniert auch, wenn die Kraft, Fähigkeiten und Kompetenzen in Wirklichkeit gar nicht vorhanden sind, es sich folglich nur um eine Illusion handelt.

 

Gute Leistungen führen dann wieder zur Bestätigung und dadurch wieder zur Erhöhung der weiteren Selbstwirksamkeitserwartung. Durch die nunmehr erhöhte Selbstwirksamkeitserwartung wird dann noch mehr Leistung erfolgreich erbracht. Insofern wirkt ein Kreislauf, der zu Höchstleistungen führt (high performance cycle / Locke und Latham). Eigene Erfolgserlebnisse (Performance Accomplishments) sind eine ebenso treibende Kraft wie mentale Stärke, fester (sogar durchaus naiver) Glaube, mentale und verbale Ermutigungen (Verbal Persuasion) und positive emotionale Erregung (Emotional Arousal).

 

Erfolg bei der Bewältigung schwieriger Aufgaben führt zur Stärkung und Festigung des Glaubens an sich und die eigenen Fähigkeiten. Daher traut man sich auch zukünftig vergleichbar schwierige Aufgaben und sogar noch schwierigere Aufgaben und Situationen zu. Man strebt sogar danach. Das Gegenteil wären Zweifel an den eigenen Fähigkeiten und der eigenen Selbstbestimmung. Sie führen schneller zu Misserfolgen, die dann wiederum dazu führen, an sich selbst zu zweifeln und bestimmte Aufgaben und Situationen in Zukunft zu vermeiden.

 

Menschen mit einer hohen Selbstwirksamkeitserwartung haben jedoch eine höhere Frustrationstoleranz. Daher werden einzelne Rückschläge weniger stark wahrgenommen und schwere Rückschläge, die ein Weitermachen behindern könnten, besser weggesteckt oder durch stellvertretende Erfahrungen (Vicarious Experience) relativiert. Während andere aufgeben, ziehen Menschen mit einem hohen Selbstwirksamkeitserwartungsfaktor Ermutigung und neue Kraft selbst durch bereits geringe Erfolge, die ggf. in keinerlei Zusammenhang mit dem eigentlich angestrebten Ziel-Erfolg stehen.

 

Hinzu kommt die Fähigkeit, sich an anderen Menschen, die erfolgreich agieren, eher ein Beispiel zu nehmen, als diese frustriert oder aus Neid abzulehnen oder gar zu meinen, dass man deren herausragende Leistung niemals erreichen kann.

 

Je größer die Ähnlichkeit zur diesen Vorbild-Personen, desto stärker wirkt die Beeinflussung durch das jeweilige Vorbild. Menschen, die andere, die besser sind, eher ablehnen und das Gefühl von Neid spüren, übertragen dies hingegen als Rückkopplung auf sich selbst. Neid ist ein negatives Gefühl und dieses negative Gefühl manifestiert sich im eigenen Handeln, welches dann auch eher negativ ausfallen wird (Rückkopplungs-Effekt). Daher der Spruch "Schlechte Gedanken gegenüber anderen kommen zurück".

 

Menschen, die positives Feedback und Aufmunterung erhalten (z.B. wenn ihnen positiv zugeredet wird) und von anderen Zutrauen erfahren, sind nicht nur motivierter und selbstwirksamer: Sie glauben mehr an sich und strengen sich zudem mehr an. Dies führt dazu, dass diese Menschen mehr anpacken und mehr machen und auch dazu, dass sie automatisch mehr leisten und allein über diese Mehrleistung höhere Chancen haben, Aufgaben erfolgreich zu bewältigen und Ziele zu erreichen.

 

Zweifel oder Abreden durch andere, bewirken eher das Gegenteil, können bei Menschen mit hoher Selbstwirksamkeitserwartung aber auch oder gerade dazu führen, dass sie es den Menschen, die ihnen Leistungen, Können, Fähigkeiten und Möglichkeiten absprechen, zeigen bzw. beweisen wollen.

 

Da Menschen im Schwerpunkt über Emotionen gesteuert werden, wirkt sich positive emotionale Erregung positiv auf die Bewältigung von Anforderungssituation aus, während negative emotionale Erregung (Gesichtsrötung, Zittern, Schwitzen, Schweißausbrüche, Herzklopfen, Frösteln oder Übelkeit), die mit Anspannung, Hemmung und Angst einhergeht, negativ auswirkt, allein schon, weil dies von anderen und/oder von einem selbst als Schwäche interpretiert wird und über Feedback und den psychosomatischen Rückkopplungs-Effekt Selbstzweifel entstehen, hinderlich sind.

 

Der Effekt der Selbstwirksamkeitserwartung ist - obgleich er ggf. bzw. zumeist auf einem Wahrnehmungs- und Beurteilungsfehler basiert, eigentlich ein sehr positiver Effekt. Er kann sich aber wie z.B. der  Selbstwert-Effekt auch, ebenso negativ auswirken z.B. dann, wenn man im festen Glauben an die eigene richtige Entscheidung fälschlicherweise annimmt, dass diese Entscheidung immer richtig bzw. zutreffend ist.

 

Der Effekt führt dann nämlich auch dazu, dass z.B. eine falsche Entscheidung im Hinblick auf die Einschätzung und Beurteilung einer anderen Person (z.B. Personalentscheidung/Einstellungsentscheidung) nicht mehr revidierbar ist. Eine einmal eingestellte Führungskraft (oder ein einmal gewählter Politiker) kann dann nämlich relativ frei (auch fehlerhaft) - sogar zum Nachteil (des Unternehmens, des Staates, des Teams, der Gesellschaft) wirken, ohne dass dieser im Verlaufe seiner Wirkungszeit bzw. Amtszeit (z.B. durch den, der die Wirksamkeit seiner Selbst voraussetzt) ernsthaft in Frage gestellt würde. Will heißen: Einmal "drin" kann z.B. eine gestörte Persönlichkeit (z.B. ein Mensch mit einer negativistischen oder narzisstischen Persönlichkeit) frei walten und schalten, ohne dass dies wirklich (ernsthaft) auffällt.

 

Wie Untersuchungen ergeben haben, kann eine solche Persönlichkeit dann sogar Entscheidungen treffen, die den Ruin (bzw. den Untergang des betreffenden Unternehmens oder Staates) darstellen. Selbst dann, wenn kurz vor diesem vermeintlichen Ruin (bzw. der Zerstörung oder des Untergangs) es einigen (z.B. externen) Menschen doch auffällt, wird das Handeln (Verhalten) in den meisten Fällen ebenso wenig gestoppt wie die Entscheidung für den Ruin selbst kaum in Frage gestellt wird, da hier Effekte wie der Selbstwert-Effekt / Selbstwertdienliche Verzerrung und/oder der Effekt der kognitiven Dissonanzreduktion entscheidend mitwirken.

 

Bei der Einschätzung einer Person oder einer Sache nutzt die einschätzende Person zwar die gleiche Bewertungs-Skala, jedoch nicht faktisch, sondern durch den persönlichen Eindruck getönt. Alternativ verändert er die Skalierung oder die Bewertung der Skalierung entsprechend seiner Erwartungshaltung. Diese Veränderung muss nicht bewusst erfolgen. Sie erfolgt zumeist unbewusst. Zumeist wird die Skalierung so verschoben, dass sich die eigene Erwartung schließlich erfüllt.

 

Synästhesie 

(Vom Griechischen syn-aisthese - die Mit-Empfindung). Überwiegend ist darunter die Kopplung zweier verschiedener, physikalisch getrennter Wahrnehmungen, etwa Farbe und Töne auf Grund von Erwartungshaltungen gemeint.

 

Bei der häufigsten Form der Synästhesie nehmen die Betroffenen Gehörtes (z.B. Sprache, Musik oder Geräusche) unwillkürlich zusammen mit Zweitempfindungen (Farben, geometrische Formen, Farbmuster) wahr. Den ursprünglichen Reiz und das Zweitempfinden werden als Einheit wahrgenommen.

 

So können Wochentage z.B. mit Charaktereigenschaften und Farben verbunden werden. Diese Einheit steht in einer Verbindung mit einer Erwartung. Entsprechend einer unangenehmen Erwartungshaltung nach einem freien Wochenende ist der Montag zum Beispiel schwarz, männlich und dominant.

 

Tatsächlich handelt es sich nicht - wie angenommen - um eine Krankheit oder Störung, sondern um um eine besondere Sensibilität und Kreativität im Hinblick auf Gedanken-Zusammenhänge, die eigentlich jedes gesunde Gehirn erzeugt, nur mit dem Unterschied, dass das, was bei anderen unbewusst abläuft, Synästhetikern bewusst ist. Sie selbst halten es aber für alltäglich und gehen davon aus, dass andere das ebenso empfinden. Daher bemerken manche Menschen (durch Wahrnehmungsabgleich) erst sehr spät, dass sie selbst in einem bestimmten Bereich Synästhetiker sind. Für sie war bis dahin ja diese Art der Wahrnehmung "normal" und alltäglich.  

 

Zusammenhang Erwartung - Zufriedenheit

Zufriedenheit und Glücksempfinden stehen in einem engen Zusammenhang mir Erwartungen. Erwartungen haben widerum einen starken Einfluss auf die eigene Zufriedenheit und das Empfinden von Glück. 

 

Haben z.B. Menschen niedrigere Erwartungen, so haben sie auch eine höhere Chance, glücklich zu werden. Dies trifft auch auf Menschen zu, denen von außen bzw. von anderen Menschen niedrigere Erwartungen entgegengebracht werden. Glück hängt nicht nur vom tatsächlichen Ergebnis ab, also davon wie die Dinge tatsächlich bzw. konkret laufen, sondern davon, was man konkret erwartet oder andere von einem erwarten.

 

Hohe Erwartungen und verkrampfte Erwartungshaltungen führen dazu, dass man das Glück nicht wahrnimmt und eher unzufrieden und unglücklich ist. Eine bestimmte Erwartungshaltung beeinflusst das Gefühl der Wahrnehmung in erheblichem Maße. Tatsächlich ist in einer Situation nicht der gewonnene Mehrwert, sondern das Maß der vorausgegangen Erwartungsannahme in Relation zum Maß der nachfolgenden Erfahrung ausschlaggebend.

 

Wichtig ist nicht nur das Maß der konkreten Erwartung, sondern auch die konkrete Erwartungshaltung anderen Menschen gegenüber sowie die Erwartung anderer einem selbst gegenüber. Wenn man z.B. sein Glück davon abhängig macht, dass andere die eigene Erwartungen erfüllen, bringt einen das in eine Abhängigkeit. Einfach wäre es, wenn wir unsere Erwartungen ausschalten könnten. Das ist jedoch nicht möglich.

 

Jede sachliche Prognose ist immer mit einer unbewussten Erwartung verbunden, die wiederum auf einer bestimmten Erwartungshaltung basiert. Man kann jedoch seinen Blick weiten und einzelne, positive Details beachten. Negative Gedanken bewirken das Gegenteil und es kann durchaus passieren, dass selbst bei vollständigem Eintreffen des Erwarteten, das Erwartete nicht wahrgenommen oder nicht vollständig wahrgenommen werden kann.

 

Als Beispiel hierfür seien die vielen Menschen genannt, die sachlich betrachtet, im Wohlstand leben, dennoch aber unglücklich sind, sich arm fühlen etc. Hinzu kommt der Effekt, dass man Erwartungen, die bereits in Erfüllung gegangen sind bzw. dass man das, was man bereits erreicht hat, nicht mehr wahrnimmt und/oder noch noch mehr davon wünscht. Der Wunsch nach "mehr" führt automatisch zu einer Unzufriedenheit, da "mehr wollen" gehirntechnisch im Umkehrschluss mit "wenig haben" in Verbindung gebracht wird. 

 

 

Kontrastfehler

Im Gegensatz um Kontrasteffekt, der in einer anderen Rubrik abgehandelt wird, ist der Kontrastfehler ein Wahrnehmungsfehler, bei dem anderen Personen Eigenschaften zugeschrieben werden, die beim Beobachter gar nicht vorhanden oder nicht ausgeprägt vorhanden sind. Der Kontrastfehler entsteht dadurch, dass Menschen unterschiedliche Maßstäbe an Handlungen oder Eigenschaften anlegen. 

 

Stets vergleichen wir uns mit anderen Menschen, suchen bewusst oder unbewusst nach Unterschieden (Kontrast), die wir zumindest unterstellen. Hier kommt unsere Phantasie ins Spiel, mit der wir uns Dinge ausmalen oder Eigenschaften zuordnen, die uns logisch bzw. passend erscheinen, die so aber gar nicht vorhanden sind.

Beim Kontrastfehler spielt der Kontrast zwischen den Eigenschaften der eigenen Person und Eigenschaften anderer Personen in so fern eine Rolle, dass anderen Personen Eigenschaften zuordnet bzw. zugeschrieben bzw. unterstellt werden, welche beim Beobachter bzw. bei der beurteilenden Person entweder selbst gar nicht vorhanden oder nicht ausgeprägt vorhanden sind.

 

Der Kontrastfehler kann auch erfolgen, wenn der Kontrast fehlt und der Beobachter bzw. Beurteiler fälschlicherweise annimmt, eine andere Person oder Personengruppe sei gleichgeartet wie er selbst. Der Kontrastfehler kann auch Merkmal eines Wahns sein z.B., wenn angenommen wird, dass alle gleich denken und handeln oder alle anderen anders bzw. gegen einen selbst gerichtet sind.

 

Der Kontrastfehler steht in Verbindung mit dem Antipathie- / Widerspruchsfehler, der auf gering wahrgenommenen Ähnlichkeiten mit einer anderen Person basiert, in der man sich selbst wenig wiedererkennt, dafür aber Kontraste und sogar Widersprüche zur eigenen Persönlichkeit feststellt bzw. subjektiv wahrnimmt bzw. unterstellt z.B. aufgrund von bereits im Vorfeld bestehender Vorinformationen.

 

 

Fehler aufgrund Vorinformationen

Bestimmte Vorinformationen (z.B. über eine bestimmte Person oder Sache, aber auch allgemeine Kenntnisse und Wissen) beeinflussen sowohl die Beobachtung als auch die Urteilsbildung. Emotional behaftete Vorinformationen wirken dabei noch stärker als sachliche. So lassen sich z.B. Richter und Geschworene allein durch emotional aufgeladene Medienberichte unbewusst sehr stark in ihrer Urteilsbildung beeinflussen.

 

Es geht nicht nur darum, ob Vorinformationen richtig oder falsch sind: Die Vorinformation allein wirkt bereits an sich beeinflussend und sorgt für Voreingenommenheit, Informationsverzerrung und subjektive und ggf. falsche Urteilsbildung, insbesondere dann, wenn sie emotionsgeladen sind. 

 

Besonders gravierend wirkt die Beeinflussung bei Menschen, die von ihrem Wissen bzw. Vorwissen bzw. ihren Erfahrungen bzw. Vorerfahrungen oder dem Glauben an dieses Wissen sehr überzeugt sind. Hier wird die klare objektive Sicht von vorne herein getrübt und es fehlt die Möglichkeit zur Offenheit für Neues oder Alternativen. Fehler aufgrund Vorinformationen führen automatisch zu Voraus-Urteilen, die jedoch von allgemeinen Vorurteilen abzugrenzen sind. (Detail-Infos)

 

 

Wahrnehmungsfehler aufgrund Abrufbarkeit von vermeintlichem Wissen aus Massenmedien

Der Wahrnehmungsfehler aufgrund Abrufbarkeit von vermeintlichem Wissen aus Massenmedien basiert auf dem "Sozialen Einfluss" (siehe separates Kapitel) und dem damit verbundenen Einfluss von Autoritäten, auf der Erwartung, dass das über die Medien erworbene vermeintliche "Wissen" richtig ist bzw. der vollen Wahrheit und auf den so erhaltenen Vorinformationen, auf denen weitere Wahrnehmungen, Urteile und Entscheidungen basieren.

 

Insofern könnte der besagte Wahrnehmungsfehler gleich mehreren Rubriken zugeordnet werden z.B. der Rubrik "Wahrnehmungsfehler aufgrund des sozialen Einflusses". Dort steht im Vordergrund, wie und warum warum wir aus dem Einfluss unserer Umwelt Handlungsoptionen ableiten - und uns - zumeist völlig unbewusst anderen Menschen oder Autoritäten - wozu auch anerkannte Medien zählen - anpassen.

 

Zugleich ist der Wahrnehmungsfehler aufgrund Abrufbarkeit von vermeintlichem Wissen aus Massenmedien ein kognitiver Fehler: Informationen, Personen und Dinge, die in den Medien stärker bzw. öfter präsentiert werden, werden automatisch auch stärker wahrgenommen. Die höhere Wahrnehmung beeinflusst unsere Beurteilungen und unsere Entscheidungen in erheblichem Maße. Sie entscheidet über den Ausgang von Wahlen, die Beliebtheit und öffentliche Anerkennung von Künstlern sowie den bevorzugten Kauf bestimmter Produkte und deren Wertschätzung bzw. Wertigkeitsempfinden inklusive der Bereitschaft, einen höheren Preis für das jeweilige Produkt zu bezahlen.

 

Derartige Medien haben maßgebliche Einfluss auf unser Denken und Verhalten, weshalb sie in politischer sowie in werbe- und marketingtechnischer Hinsicht genutzt werden, um Menschen gezielt zu beeinflussen, Meinungen und Urteile zu lenken oder Grenzen zu ziehen.

 

Medien sorgen für das sogenannte "Schwarmverhalten" bei Menschen, deren Individualität durch die Orientierung sich stets an der vermeintlichen Masse (Massenmedien) ausrichtet. Menschen leben nicht nur von Luft und Nahrung, sondern auch von Informationen. Ohne Informationen von außen fühlt sich der Mensch völlig orientierungslos, schließlich ist der Mensch ein soziales Wesen - quasi eine Art "Herdentier", jemand, der gern in der Herde mitläuft bzw. im Schwarm mitschwimmt - selbst dann, wenn man als naives Individuum und aus dem Blickwinkel des Ichs heraus selbst anderer Auffassung ist.

 

Weil dies aber nachweislich so ist wie beschrieben,  sucht der Mensch ständig nach Informationen, die er z.B. aus seinem unmittelbaren persönlichen bzw. sozialen Umfeld (Familie, Freunde, Kollegen) erlangt. Die wichtigsten Informationsquellen der Menschen sind die Massenmedien. Sie haben nicht nur Auswirkungen auf den einzelnen Menschen, sondern auch auf sein gesamtes Umfeld, von dem der Einzelne ebenfalls Informationen erlangt bzw. die Informationen der Massenmedien bestätigt bekommt. 

 

Diese direkte oder zumeist sehr subtile Beeinflussung erfolgt auch ohne Anwendung gezielter, das menschliche Denken und Verhalten steuernder anerkannter Persuasions-, Nudging- und Manipulations-Instrumente wie  NLP & PLP, Rhetorik sowie bestimmte Argumentationstechniken (z.B. Scheinargumente). Eine zentrale Steuerung von Information und Desinformation ist gar nicht nötig. Diese fungieren lediglich als Verstärker, Beschleuniger, Hemmer oder Denkblockaden-Setzer  (Siehe PLP / Psycholinguistische Programmierung / Gehirnprogrammierung).

 

Die Ansichten und das daraus abgeleitete Verhalten der individuellen Medienmacher alleine reichen bereits - und wirken ähnlich wie beim vorgenannten Rosenthal-Effekt. Nachfolgens soll  beschrieben werden, wie der Wahrnehmungsfehler aufgrund Abrufbarkeit von vermeintlichem Wissen aus Massenmedien wirkt:

 

Wahrnehmung stellt einen komplexen Prozess der Informationsgewinnung durch die Verarbeitung von Reizen dar. Die Verarbeitung dieser Reize erfolgt im Gehirn über das Abrufen, Vergleichen und Bewerten bereits vorhandener Information im Gedächtnis. Diese Informationen basieren auf Erfahrungen und bereits gelerntem Wissen. Die Informationen bzw. das vermeintliche "Wissen", das wir bereits aufgenommen, im Gehirn gespeichert, fest verankert und mental intuitiv verinnerlicht haben, bildet nun die Grundlage für neue Wahrnehmungen, Beurteilungen und Entscheidungen.

 

Folglich basiert die Verarbeitung sämtlicher neu eingehender Informationen stets auf dem, was wir bereits gelernt bzw. erfahren haben. Grundsätzlich stellt dies für das Lernen - und damit für die persönliche Entwicklung - einen praktischen Nutzen und Mehrwert dar, der von der Natur so gewollt ist. Das Problem ist aber, dass die Informationen, die wir aufnehmen, speichern, verankern und verinnerlichen nicht immer richtig sind.

 

So ist dies auch bei Medieninformationen: Manchmal ist dieses Wissen einfach nicht mehr aktuell, manchmal aber auch schlichtweg falsch oder wird vorsätzlich verzerrt oder verfälscht Auf diesem ggf. "falschem" oder "einseitigen" Wissen basieren dann alle weiteren Wahrnehmungen sowie unsere Urteile und Entscheidungen.

 

Eine besondere Rolle beim Erwerb von vermeintlichem "Wissen" spielen die Medien, insbesondere die Massenmedien wie Rundfunk, Fernsehen und die sozialen Medien. Über ihre hohe Zugänglichkeit und Abrufbarkeit stellen sie eine wichtige Plattform für den vermeintlichen Wissens-Erwerb dar - in mancher Hinsicht und in manchen Bereichen bilden sie – insbesondere im Zeitalter des Internets - sogar die Basis dieses vermeintlichen "Wissens"-Erwerbs. Tatsächlich wird dieses "Wissen" oft nur wenig hinterfragt, insbesondere von jenen, die Medien genau so konsumieren wie andere Dinge.

 

Menschen, die etwas wissen wollen, suchen bzw. "googeln" im Internet und werden dann fündig. Unabhängig davon, ob es sich bei der jeweiligen Plattform, die das entsprechend gewünschte "Wissen" zur Verfügung stellt, um einen Anbieter mit wirtschaftlichen oder moralischen Absichten handelt, ob es sich um eine private oder eine institutionelle Plattform handelt oder um ein Medium mit  ideologisch agierenden Journalisten, die eine ganz bestimmte Weltanschauung vertreten.

 

Ob dieses vermeintliche "Wissen" nun richtig und allgemeingültig oder gar einseitig und falsch ist, hinterfragen Menschen zumeist ebenso wenig wie die Gefahr der indirekten oder sogar gezielt gesteuerten Beeinflussung. Sicher spielt eine gewisse Naivität und Gutgläubigkeit eine Rolle (wie diese z.B. beim "Heile-Welt-Naivitäts-Fehler" oder bei anderen Formen des naiven Glaubens eventuell vorliegt). Dabei handelt es sich aber nicht nur um die eventuelle Naivität und Gutgläubigkeit, die in der jeweils individuellen Persönlichkeitsstruktur begründet liegt, sondern vielmehr um eine Form der unbewussten intuitiven "Naivität" und "Gutgläubigkeit", die unser Gehirn generell betrifft:

 

Schließlich hat alles, was irgendwo "geschrieben" steht - oder was "der Mann oder die Frau im Fernsehen" sagt, eine "hoch offizielle" Wirkung und damit zugleich eine hohe subjektiv empfundene Wertigkeit, die unser Gehirn dann sowohl gewohnheitsmäßig (nach rituellen Denk-Schemata) als auch rein intuitiv und unbewusst als "richtig" eingestuft - selbst dann, wenn wir selbst bestimmte Informationen oder Quellen doch einmal bewusst hinterfragen.

 

Selbst wenn wir von der "Fehlerhaftigkeit" oder "Falschheit" der empfangenen Informationen überzeugt sind, wirken sie in unserem Gehirn weiter. Entscheidend ist, dass die entsprechenden Informationen grundsätzlich im Gehirn gespeichert vorliegen. Da unsere Urteile und Entscheidungen überwiegend intuitiv und unbewusst erfolgen (was viele Laien leider immer noch nicht wahrhaben wollen, obwohl sogar im professionellen Marketing und Verkauf bzw. Neuroselling längst damit gearbeitet wird), bilden die bereits vorhandenen Informationen nun die Basis für alle weiteren Wahrnehmungen, Beurteilungen und Entscheidungen.

 

Unser Gehirn, das sehr ökonomisch arbeitet, kommt gar nicht auf die Idee, dass es sich bei den neu gewonnenen Informationen um mögliche Fehlinformationen oder gar Manipulationen handeln könnte. Es gibt zwar Menschen, die aufgrund ihrer Intelligenz und Vorsicht immer noch in der Lage sind, Informationen und Quellen bewusst anzuzweifeln – unser Unterbewusstsein tut dies jedoch nicht.

 

Wie die moderne Gehirnforschung mittlerweile weiß, basiert der überwiegende Anteil unserer Urteile und Entscheidungen genau auf diesen unbewussten intuitiven Prozessen – und eben nicht auf bewussten analytischen Prozessen. Obwohl wir es selbst gar nicht mitbekommen, "glaubt" unser Unterbewusstsein (im übertragenen Sinne erklärt) auch das, was wir bewusst eigentlich anzweifeln würden. Hinzu kommt: Nicht nur bewusst, sondern völlig intuitiv nehmen wir aus der Masse an Sinneseindrücken und Medieninformationen, entsprechende Informationen auf und speichern sie völlig automatisch (ohne einen bewussten Lernprozess und Lernaufwand zu verspüren) im Gehirn ab – damit zugleich auch alles Falsche und Schädliche: Z.B. Falschinformationen und Manipulationen. 

 

Alle neu eingehenden Informationen gleicht unser Gehirn nun mit eben diesen Falschinformationen und Manipulationen ab, wodurch die neu eingetroffenen Informationen ebenso verzerrt und verfälscht werden, selbst dann, wenn diese richtig sind. Dabei gilt die Regel, dass zuerst eingehende Informationen (weil sie das Fundament bilden, auf dem sich alle weiteren Informationen ablagern) eine stärkere Wirkung haben als nachfolgende Informationen (Primacy effect). Den Effekt kennen die meisten bereits von der Personenwahrnehmung, wobei der erste Eindruck alle weiteren Eindrücke überlagert (Perpetuierende Wahrnehmung).

 

Allein die Abrufbarkeit von Wissen stellt eine derartige Selbstverständlichkeit dar, dass es aus Sicht unseres Gehirns keiner Vergewisserung bedarf. Hinzu kommt folgende Tatsache: Weil die meisten Menschen insbesondere jenen Informationen einen hohen Stellenwert beimessen, die etabliert, überall zugänglich und für jedermann abrufbar sind (z.B. Wikipedia, Tagesschau etc.) kommen die meisten Menschen auch nicht im Entferntesten auf die Idee, dass die vielen aus den unzähligen "hochoffiziell" wirkenden Medien in Wirklichkeit "falsch" oder einfach nur sehr "einseitig" sein könnten.

 

Ebenso merken die Menschen nicht, dass sie manipuliert werden oder bereits schon längst so manipuliert worden sind, dass sie alle nachfolgenden Informationen in eine bestimmte Richtung bewerten und genau auf diesen Urteilen ihre täglichen Entscheidungen treffen. Wenn entsprechende Informationen sich einmal "verankert" haben, können nicht mehr gelöscht werden. Selbst dann wenn wir uns an bestimmte Informationen gar nicht mehr erinnern können, wirken sie im Hintergrund weiter. 

 

Verschiedene Formen der Psychotherapie nutzen diesen Effekt, der auch in der Neurolinguistischen Programmierung (NLP) bewusst eingesetzt wird - und hier in der Regel durchaus Positives bewirkt, sofern die Anker entsprechend positiv gesetzt werden. Auch die Werbung (siehe Werbepsychologie) und das moderne Marketing (siehe Neuromarketing, Consumer Neuro Science, Neuroselling, Viralmarketing etc.) nutzen diese Erkenntnis massiv - teilweise sogar schamlos – aus, ebenso die Politik und auch die Medien selbst.

 

Dass dort - zum Beispiel mit regelrechten Polit-Framing-Manuals gearbeitet wird, ist unlängst am Beispiel der ARD bekannt geworden, wo man zum Beispiel zugibt, die Entscheidung der Konsumenten und Wähler beeinflussen zu wollen und in Bild und Ton vorgibt, was angeblich "richtig" und was angeblich "falsch" ist. Angesichts der bereits erwähnten politischen Ausrichtung der meisten Medienvertreter wird die entsprechende Marschrichtung durch Propaganda und Gehirnwäsche - aber auch mittels regulärer Informationen vorgegeben. Das Wirkungsprinzip des sozialen Einflusses regelt den Rest.     

 

 

Dass ein zivilisierter moderner demokratischer Staat in Bezug auf ideologische Propaganda (direkt oder indirekt) ggf. ähnlich verfahren könnte wie dies bereits in der nationalsozialistischen Diktatur des Dritten Reichs (z.B. unter Reichspropagandaminister Joseph Goebbels) erfolgt ist, können sich die wenigsten Menschen kaum bzw. nur schwerlich vorstellen – allein schon deshalb, weil im Gehirn bereits Informationen verankert sind, die besagen, dass eine "Demokratie" genau dagegen ist und sogar dagegen opponiert. Gegen die Propaganda des Nationalsozialismus zu sein, bedeutet aber nicht gleichsam, keine Beeinflussungen in eine andere Richtung vorzunehmen.

 

Tatsächlich weiß man, dass jedes Staatsgebilde auch eine bestimmte Ideologie hat, die der Staat nach innen und außen vertritt. Ebenso ist bekannt, dass sich der Staat zum Zwecke der Meinungsbildung insbesondere der Medien bedient und diese Medien (allein über staatliche bzw. öffentlich-rechtliche Sender bzw. den öffentlich-rechtlichen Rundfunk) selbst politisch beeinflusst bzw. ideologisch involviert sind.

 

In totalitären System werden die Medien sogar von der Regierung finanziert oder zumindest finanziell mitgetragen. Sofern dies nicht über Steuermittel erfolgt, wird in totalitären Systemen eine Zwangsgebühr erhoben, um die Bürger folglich mit ihrem eigenen Geld beeinflussen und indoktrinieren zu können, wobei die Medien - neben allgemeiner Information und Unterhaltung - politische Indoktrination und Propaganda im Sinne der jeweils Regierenden betreiben.   

 

Ob eine solche Ideologie nun (wie im Dritten Reich) darauf basiert, vermeintlich "minderwertige" Völker zu "unterwerfen" oder sie (in der modernen Demokratie) darauf basiert, Völker die für arm und bedauernswert bzw. für "minderbemittelt" gehalten werden, zu "entwickeln" und ihnen (regelrecht zwanghaft, fast sogar manisch) zu helfen (ob mit Geld, Entwicklungshilfe, über Asylgewährung und Sozialhilfe oder mit Waffen) ist in der Realität kein Unterschied: Alle Ideologien, seien sie auch noch so unterschiedlich aufgestellt, haben ihre ganz eigene Moral und eigene Werte, die jeweils so vermittelt, transportiert und etabliert werden, dass jeweils andere Denkmuster nach Möglichkeit vermieden, bekämpft oder geächtet werden.

 

Selbst wenn offiziell eine vermeintliche "Diskussion" angekündigt wird, so steht natürlich bereits im Vorfeld fest, mit welchem Ergebnis (und welchen transportierten Stimmungs- und Meinungsbildern) diese ausgeht: Nicht etwa, weil die eingeladenen Diskussionsteilnehmer zu bestimmten Aussagen gezwungen werden, sondern allein durch die selektive Auswahl der Teilnehmer und den sozialen Druck (Sozialer Einfluss / Social Cognition) aber natürlich auch durch gezielte Auswahl des Studio-Publikums inklusive sogenannter "Claqueure" (Klatscher), die den Zuschauern quasi vorgeben, was als "gut" und "richtig" oder eben als "schlecht" und "falsch" wahrzunehmen und entsprechend zu bewerten ist.

 

Aus dem Lern-Prozess der eigenen Sozialisierung heraus, bekommen wir in Wirklichkeit gar nicht mehr mit, was richtig und falsch ist. Die Beeinflussung unseres Gehirns aufgrund überall abrufbarer Informationen mit Allgemeingültigkeits-Charakter (alternativ mit  bewusstem Ächtungscharakter (sogenannte "Schwarz-weiß-Informationen") haben sich längst in unseren Köpfen etabliert. Wo diese Verankerung noch nicht stattgefunden hat, da wird sie nachgeholt. Die Medien kümmern sich darum.

 

Bereits Joseph Goebbels (1897 - 1945) wusste, wie Menschen und Massen in ihrer Meinungsbildung über entsprechende Medien-Kanäle beeinflusst werden können: Sein Wirken hatte wesentlichen Anteil am Aufstieg der NSDAP. Von 1933 bis 1945 war er Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda und Leiter der Reichskulturkammer. In dieser Funktion trug er wesentlich dazu bei, Presse, Rundfunk und Film im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie auszurichten.

 

Obwohl es damals nach kein Internet gab und die Zugänglichkeit sowie Abrufbarkeit von Medieninformationen im Verhältnis zu heute noch sehr stark eingeschränkt war, schaffte er es, über das Zusammenspiel von demagogischer Rhetorik, choreographierter Massenveranstaltungen und Nutzung von Radio und Film (z.B. Wochenschau, Ohm Krüger, Heimkehr, Der große König, Kolberg, Die Entlassung, Kolberg,  S.A. Mann Brand, Hitlerjunge Quex, Kampfgeschwader Lützow, Der Herrscher, Patrioten, Urlaub auf Ehrenwort, Pour le Mérite, Mutterliebe, Jud Süß  etc.) den überwiegenden Anteil des deutschen Volkes für den Nationalsozialismus zu begeistern, die nationalsozialistische Idee zu indoktrinieren und ebenso Feindbilder (z.B. Juden und Kommunisten) aufzubauen.

 

Die Polarisierung in Freund-Feind Bilder sowie die Diffamierung dieser Feindbilder stellt zum Zwecke der "Verblendung" der Massen sowie zur Ruhigstellung, Bekämpfung und Zerschlagung Andersdenkender ein ganz wesentliches Instrumdentarium dar. Heute ist dies - selbst in einer "modernen" und vermeintlich "toleranten" "Demokratie" nicht anders. Allgemein wird zwar gesagt, dass die Medien eine wichtige (und auch positive) Funktion in der Meinungsbildung einer Demokratie darstellen – aber genau diese "Meinungsbildung" bzw. der Begriff selbst ist es, der zugleich eine Gefahr darstellt.

 

Allein die Tatsache des rein offiziellen Vorhandenseins einer Demokratie bedeutet nicht automatisch, dass alle vermittelten Informationen, Meinungen und Wertvorstellungen zugleich auch "richtig" und auch "demokratisch" sind. Sollte sich in einer Demokratie, in der die Macht vom Volke ausgeht, nicht lieber jeder selbst eine Meinung bilden?

 

Allein die Tatsache, dass es um "Meinungen" geht - und eben nicht um Sachinformationen stellt eine erhebliche Beeinflussung dar, die teilweise sogar ganz bewusst erfolgt. Weitaus gravierender ist die Tatsache, dass in den letzten Jahren an Stelle von Informationen zur Meinungsbildung (Bild: „Heute lesen was morgen Meinung ist“ ) immer mehr und vehementer sogar regelrecht lenkende Emotionen über die Medien (insbesondere das Fernsehen) transportiert werden, die dazu dienen, ein regelrechtes Involvement bei den Rezipienten zu erreichen.

  

Die Vorführung von Muster-Menschen und Muster-Beispielen mit Vorbild-Charakter und extrem positiver Wirkung (siehe Lernen am Modell und Vorbild im Rahmen der sozialkognitiven Lerntheorie) zuzüglich entsprechender Feedback-Nennung (siehe: "Sozialer Einfluss / Soziale Einflussnahme") seien hier ebenso als Beispiel genannt wie grässlich abstoßende Beispiele bösartiger oder primitiver Subjekte und Handlungen, die mit dunklen Bildern und dumpfer, Angst einflößender musikalischer Untermalung unterstrichen und emotional gelenkt werden - und das sogar im öffentlich-rechtlichen Fernsehen und mit steigender Tendenz.

 

Neben den gezeigten Bilder ist der Schnitt ganz entscheidend. Auch wenn es in der Werbung nicht anders ist: Hier wird so lange geschnitten bis genau das als Essenz bleibt, was die konkret gewünschte Information zur Meinungsbildung exakt spiegelt und ein eindeutiges persönliches Involvement beim Rezipienten erzeugt. Dadurch entsteht das völlig verzerrte, aber eben gewünschte Bild und niemand kann behaupten, es wurde gelogen (siehe Vorwurf der "Lügenpresse"). Das aber Unterlassen und Auslassen entscheidender Informationen einer Lüge gleichkommt, kann der Rezipient nicht erkennen.

 

Insbesondere das erzeugte Involvement beeinflusst Menschen sehr stark in ihrer Urteilsbildung und Entscheidungsfindung und wirkt besonders heimtückisch. Dies stellt eine unglaubliche Gefahr dar, die sogar weitaus höher und brisanter ist, als die damalige gelenkte Propaganda des Dritten Reiches - nicht zuletzt deshalb, weil heute eine wesentlich höhere Zugänglichkeit und Abrufbarkeit der Medien vorliegt – nicht nur Hinsichtlich der Nutzung an sich, sondern auch im Hinblick auf die hohe Qualität und damit die exzellent hohe Qualität und Wirksamkeit der entsprechenden Manipulation. Was früher vielleicht noch als sogenannte "Schleichwerbung" auffiel und regelrecht verpönt war, ist in den heutigen Medien alltäglicher Usus, der anscheinend nirgendwo mehr hinterfragt wird.

 

Jeder Staat nutzt die Medien und baut Feindbilder auf, so wie es gerade passt, logisch erscheint und zur entsprechenden Ideologie passt. Viele vergessen, dass es in Deutschland ein öffentlich-rechtliches Staatsfernsehen und unzählige staatliche Radiosender gibt, die natürlich genau das in die Köpfe transportieren, was der betreffenden Ideologie und ihren Werten eben gerade zuträglich ist. Das, was als Moral gilt, wird in einer modernen Demokratie ebenso transportiert wie Feindbilder, die dem Zwecke der Polarisierung gelten.

 

Wer naiv meint, dass in offiziell präsentierten vermeintlich "offiziellen" Nachrichten objektive wertfreie Sachinformationen vermittelt werden, braucht sich nur einmal einen Notizblock zur Hand nehmen und darauf immer dann einen Strich machen, wenn er (überhaupt bewusst) wahrnimmt, dass an Stelle von Sachinformationen gerade Gefühle erzeugt werden, Beziehungen dargestellt werden, Appelle an die Menschen gerichtet werden oder Selbstoffenbarungen der Journalisten und ihrer Interviewpartner erfolgen. In Kürze ist der erste Zettel des besagten Notizblockes voll.

 

Hier geht es aber nur um Unsachlichkeiten bzw. Gefühle die zum Zwecke des manipulativen Involvements erzeugt werden. Was ist aber, wenn die Informationen oder die Informationsgrundlagen selbst falsch sind?

 

Allein die Abrufbarkeit von Wissen stellt eine derartige Selbstverständlichkeit dar, dass es aus Sicht unseres Gehirns keiner Vergewisserung bedarf. Dadurch entstehen starke Verzerrungen der Wahrnehmung (Wahrnehmungsfehler) und des Denkens. Unsere Meinungen unser Glaube und unsere Überzeugungen werden dadurch ebenso stark beeinflusst wie unsere Urteile und Entscheidungen - ebenso unser persönliches Empfinden und Erleben, unsere Erwartungen und unser Verhalten.

 

Es kommt zur Bildung sogenannter Legenden, was durch sogenanntes "Storytelling" noch forciert wird. Diese Verzerrung der Realität führt ebenso zu einer ganz bestimmten Kommunikation, wobei die Medien wiederum sich selbst beeinflussen. Dadurch entsteht eine sogenannte "kollektive Kommunikation", ein sozialisiertes Kollektiv-Produkt, dass im Volksmund auch (vom Tierreich abgeleitet) als "Schwarmintelligenz" bezeichnet wird:

 

Über die Medien sind Menschen in der Masse eben nicht nur schlauer, sondern (bei Fehlinformationen) auch dümmer. Dies ist zugleich mit ein Grund, warum Menschen der modernen Wohlstands-Zivilisations- und Konsum-Gesellschaft tatsächlich (statistisch messbar) immerr dümmer, statt intelligenter werden. Der Wahrnehmungsfehler aufgrund Abrufbarkeit von Medieninformationen und "Wissen" trägt einen nicht unwesentlichen Teil dazu bei. Besonders deutlich machen dies die sogenannten „Common MythConceptions“

  

Der Begriff Common Myth-Conceptions (auch "Common MythConceptions" geschrieben) bezeichnet populäre Irrtümer, die im Volksmund auch als „Ammenmärchen“ bezeichnet werden und auf Gerüchten basieren (sogenannte „Gerüchteküche“). Sie sind jedermann präsent und jedem im Kopf. Man hört sie auf dem Schulhof, bei Stammtisch-Gesprächen oder im Büro. Dabei handelt es sich um Fehlinformationen, die überall weitergetragen werden,  die sich mittlerweile in den Köpfen von uns Menschen derart stark verankert haben, dass sie das bilden, was wir als "Wissen" und "Bildung" bezeichnen.

 

In Wahrheit handelt es sich um einen Irrglauben bzw. um sogenannte Mythen. Dennoch: Trotz neueren und besseren Wissens wirken derartige Fehlinformationen immer noch in unseren Köpfen weiter. Darunter sind regelrechte (vermeintliche) "Weisheiten", die von Generation zu Generation weitergetragen werden, wodurch sie aber eben nicht weniger falsch sind. Manchmal sind es aber auch gerade die vermeintlich "neuen Erkenntnisse", die Common Myth-Conceptions zu widerlegen versuchen, selbst aber wiederum in Wahrheit Mythen sind.

  

Zwischen Meinung, Wahrheit und Erkenntnis scheiden sich die Gemüter: Oft ist insbesondere das, was als "Erkenntnis" gilt, in Wirklichkeit nicht mehr als eine "Meinung", die später zu einer persönlichen und kollektiven Überzeugung wird, in Wahrheit jedoch ein reiner Mythos ist. Ursächlich für derartige Mythen sind Gerüchte bzw. die sogenannte Gerüchteküche, manipulatives Storytelling als Marketinginstrument - nicht zuletzt die Beeinflussung durch die Massenmedien sowie die hohe Zugänglichkeit und Abrufbarkeit von Informationen.

 

Was vielen nicht gar nicht bewusst ist: Statistisch betrachtet, nutzt jeder Deutsche im Durchschnitt täglich zehn Stunden irgendwelche Medien, davon allein achteinhalb Stunden lang die tagesaktuellen Medien (Radio, Fernsehen, Zeitung, Internet). 30 Jahre vor dieser Statistik von 2010 - das war im Jahr 1980 - lag der zeitliche Rahmen der Medien-Nutzung noch unterhalb von sechs Stunden täglich.

 

In den 90er Jahren hat insbesondere das Fernsehen an Bedeutung gewonnen, danach das Internet, insbesondere in den vergangenen Jahren. Dabei geht es nicht nur um Kommunikation und Unterhaltung: Auch vermeintliche Sachinformationen und Wissen wird immer häufiger aus dem www. gewonnen. Im Gegensatz zu früher ist das Internet eine hohe Zugänglichkeit und Abrufbarkeit von Informationen. Darüber hinaus gibt es einen hohen Verbreitungsgrad.  Informationen können von nahezu jedermann verbreitet - und von jedermann abgerufen werden. 

 

Dadurch etabliert sich nicht nur viel neues Wissen, sondern auch eine Menge an Fehlwissen, das nun aber zur vermeintlichen Bildung und sogar – neben dem Fernsehen - zur etablierten gesellschaftlichen Bildungs-Grundlage wird.  Neben Radio und Fernsehen stellt das Internet sogar eine ganz wesentliche Plattform der Meinungsbildung dar, die insbesondere von jüngeren Menschen immer stärker genutzt wird als andere Medien.

 

Insofern hat das Internet die gesamte Medien-Szene geradewegs umgewälzt. Wer Informationen und vermeintliches Wissen sucht, der googelt im Internet. Allein dadurch hat sich "Google" zu einer derart anerkannten Suchmaschine - und darüber hinaus zu einem derart mächtigen internationalen Konzern - etabliert, dass nicht nur die Informationsgewinnung und Informationsverbreitung, sondern sogar die gesamte Gesellschaft regelrecht von Google abhängig ist.

 

Auch im Unterhaltungsbereich wurde die Medien-Szene umgekrempelt: Allein über die Plattform YouTube kann heute jedermann lebendige Informationen in Bild und Ton veröffentlichen, Viral-Marketing technisch agieren, persönliches Involvement erreichen und mit der richtigen Präsenz - ohne besonderen Aufwand - sogar zum "Star" mutieren. Früher war dies ein eher langer, kostspieliger und mühevoller Weg (Beispiel: „Fame“).

 

Während vor 1998 nicht einmal jeder zehnte Deutsche das Internet nutzte bzw. einen Internet-Zugang hatte, wird das Internet heute generell von fast allen Menschen genutzt. Den Schwerpunkt bilden die jüngeren Generationen. Bei jungen Menschen im Alter von 14 bis 19 Jahren liegt die Quote der Internet-Nutzung bei 98 %. Menschen in der Altersgruppe von 20 bis 29 Jahren nutzen zu 95 % das Internet.

 

Auch in den darüber liegenden mittleren Altersgruppen nutzt eine deutliche Mehrheit das Internet. Bei älteren Menschen (über 60) ist es dagegen nur eine Minderheit von 27 %, die das Internet nutzt. Aber auch das ändert sich zu Gunsten des Internets – allein dadurch, dass junge Menschen älter werden und diese ihre Gewohnheiten beibehalten, aber auch dadurch, dass immer mehr ältere Menschen Internet-affiner oder in Bezug auf das Internet zumindest neugieriger werden. Schließlich ist das, was im Internet passiert und dort berichtet wird, mittlerweile ebenso in aller Munde wie dies früher nur das Fernsehen erreichte.

 

 

Voraus-Urteile

Bevor wir eine Person, eine Organisation, ein Objekt oder eine Sache persönlich sehen und beurteilen können, führen vorausgehende Wahrnehmungen, die in einem direkten oder indirekten Zusammenhang mit der Person, Organisation oder Sache stehen (z.B. Daten, Name, Ruf, Zeugnisse, Referenzen, Bewerbungsfotos) zu Voraus-Urteilen aufgrund eines sich manifestierenden ersten Eindrucks (Primacy effect). 

 

Anders als Vorurteile, die auf dem basieren, was bereits ohne vorausgehendes "Beurteilungsmaterial" in unserem Gehirn fest verankert ist und allgemeingültig scheint, basieren Voraus-Urteile auf konkreten Vorinformationen (Siehe "Fehler aufgrund Vorinformationen" oben). Ob diese Vorinformationen nun allgemein vorhanden und unbewusst wahrgenommen werden - oder ob sie konkret gegeben bzw. gestreut werden und bewusst wahrgenommen werden, spielt dabei keine Rolle. Sie wirken immer - und zwar so, dass sich Beurteiler von ihnen stark beeinflussen lassen.

 

Diese Beeinflussung erfolgt selbst dann, wenn Beurteiler bestrebt sind, Vorinformationen zu vermeiden. Letztendlich sind sie immer in irgendeiner Art und Weise vorhanden. Einige werden bewusst wahrgenommen; es wird geradewegs nach ihnen gesucht und diese erwartet bzw. vorausgesetzt (z.B. in der Personalauswahl), andere erfolgen unterschwellig.

 

Bevor wir eine Person, eine Organisation, ein Objekt oder eine Sache persönlich sehen und beurteilen können, führen vorausgehende Wahrnehmungen, die in einem direkten oder indirekten Zusammenhang mit der Person, Organisation oder Sache stehen (z.B. Daten, Name, Ruf, Zeugnisse, Referenzen, Bewerbungsfotos) zu Voraus-Urteilen aufgrund eines sich manifestierenden ersten Eindrucks (Primacy effect). (Detail-Infos)

 

 

Vorurteile

Die Thematik der Vorurteile ist von der Thematik der Vorausurteile deutlich abzugrenzen. Trotz der ähnlich klingenden Bezeichnung handelt es sich um zwei unabhängige Themen. Beide haben jedoch eines gemein: Beide zählen zu den sogenannten Wahrnehmungsfehlern, die auf bestimmten Erwartungen basieren. 

 

Stets gehen wir mit bestimmten Erwartungen bzw. Vorurteilen an andere Menschen, Sachverhalte und Themen heran, wobei diese Erwartungen bzw. Vorurteile sowohl die Beobachtung als auch die Beurteilung beeinflussen. Vorurteile basieren nicht einfach nur auf im Gehirn abgespeicherten Vorinformationen, auf die unser Unterbewusstsein bei Wahrnehmungs-, Beurteilungs- und Entscheidungsprozessen intuitiv zurückgreift, sondern auf konkreten Theorien, sogenannte implizite Persönlichkeitstheorien.

 

Anders als Voraus-Urteile basieren Vorurteile allein auf dem, was bereits ohne vorausgehendes "Beurteilungsmaterial" in unserem Gehirn fest verankert ist und aufgrund innerer Theorien allgemeingültig scheint. So werden bestimmten Berufsgruppen automatisch bestimmte Eigenschaften zugeschrieben und man sieht sogar ein bestimmtes Bild vor sich z.B. "der Arzt".

 

Vorurteile beeinflussen nicht nur die Beurteilung eines Menschen, sondern bereits die Beobachtung: Wer mit Vorurteilen beobachtet, beobachtet anders. Insofern könnten Vorurteile auch den Beobachtungsfehlern zugeordnet werden. Bereits bei der Beobachtung verhält sich ein Mensch mit Vorurteilen nicht objektiv. Selbst wenn man richtig beobachten würde, wertet man das Beobachtete subjektiv bzw. automatisch voreingenommen aus z.B. nicht sorgfältig genug oder gerade noch sorgfältiger als bei anderen.

 

Derartige Vorurteile führen auch zu einem bestimmten Verhalten gegenüber Personen, von denen wir bereits ein fixes theoretisches Bild im Kopf verankert haben. Dadurch verhalten wir uns gegenüber Menschen mit einem bestimmten Status oder einer bestimmten Rolle anders, worauf auch der sogenannte Status-Rollen Effekt basiert. 

 

Vorurteile fließen in Bewertungen mit ein und führen zu bestimmten Denk-Schemata, die zugleich zur Bildung / Entwicklung naiver bzw. impliziter Persönlichkeitstheorien beitragen. Sie führen zu Verallgemeinerungen (Schablonen-Denken) und damit zur Missachtung der Individualität von Menschen. Vorurteile können auf vorausgegangenen Erfahrungen (Voraus-Urteile) oder auf Naivität, Unsicherheit, Bequemlichkeit, Gutgläubigkeit und Autoritäts-Glaube basieren. Vorurteile basieren auch auf Stereotyper Wahrnehmung (siehe Wahrnehmungsfehler auf Basis sozialer Wahrnehmung). Einer der Fehler im Rahmen der stereotypen Wahrnehmung, die auf Erwartungen basieren, ist die stereotype Kopplung:

 

 

Stereotypisierte Kopplung

Ergänzend zu Stereotypen (siehe Rubrik Soziale Wahrnehmung) besteht der Wahrnehmungsfehler der stereotypisierten Kopplung: Hier werden Charaktereigenschaften, die in keinem real abhängigen Zusammenhang stehen, mit einer entsprechend logisch scheinenden unterstellten Annahme und Erwartung automatisch miteinander verknüpft. Wer z.B. sauber und gepflegt ist, ist der allgemeinen Auffassung nach zugleich auch höflich. Wer höflich ist, ist dann auch gebildet. Wer eine Brille trägt, ist intelligent. Wer intelligent ist usw. Da die Stereotypisierte Kopplung auf einer unterstellten Erwartung basiert, wird der Effekt hier der Rubrik Erwartungsfehler zugeordnet.

 

 

Menschenkenntnis

Stereotype  (siehe Rubrik Soziale Wahrnehmung) stehen in einem indirekten Zusammenhang mit dem, was man als "Menschenkenntnis" bezeichnet. Menschenkenntnis ist eine aus der Beobachtung und Einschätzung von Auftreten und Verhalten abgeleitete Menschenbild-Annahme und aus wissenschaftlich-psychologischer Sicht ein "Vorurteil", aus dem bestimmte Erwartungen abgeleitet werden. Daher wird Menschenkenntnis hier der Rubrik der Erwartungsfehler zugeordnet.

 

"Menschenkenntnis" ist eine von vielen Menschen angestrebte, im Leben erworbene, zumeist unterstellte bzw. fiktiv angenommene "Fähigkeit", die dazu dienen soll, Menschen "richtig" einzuschätzen, "richtig" zu beurteilen und darauf basierend "richtige" Entscheidungen zu treffen. Menschenkenntnis wird von Menschen ebenfalls angestrebt, um andere Menschen zum Vorteil des jeweiligen "Menschenkenners" zu manipulieren z.B. im Verkauf/Vertrieb.

 

Nicht selten wird "Menschenkenntnis" verwechselt mit "Beobachtungsgabe" oder "Intuition". Doch das, was Menschen als "Menschenkenntnis" bezeichnen und als Fähigkeit erachtet wird, basiert in Wahrheit auf subjektiven Theorien (impliziten Persönlichkeitstheorien) und Menschenbildannahmen (z.B. Vorurteilen), nicht aber auf objektiv überprüfbaren (messbaren) Tatsachen, folglich nicht auf professioneller bzw. wissenschaftlicher Psychologie.

 

Wer kann schon in Kürze sagen, dass das, was er sieht, wirklich immer zutrifft. Die gemessene Fehlerquote ist viel höher als man denkt. Hinzu lauert die größte Gefahr bei der Einschätzung von Menschen dann, wenn wir bestrebt sind, andere bewusst einzuschätzen. Wir haben dann nämlich ein Motiv. Und allein das verfälscht die Realität.

 

Wenn wir meinen, Menschenkenntnis zu besitzen und mit dieser Haltung Menschen beobachten, können zusätzliche Fehler in der Beobachtung entstehen, weshalb Menschenkenntnis als Haltung zugleich ein relevanter Beobachtungsfehler sein kann, der bereits die Art und Weise sowie die Objektivität und Güte der Beobachtung maßgeblich verfälschen kann. Insbesondere Trickbetrüger machen sich diese Erkenntnis zu nutze.

 

Deutlich wird dies u.a. in dem Film "Catch Me If You Can" (2002) (englisch für ‚Fang mich, wenn du kannst‘) von Steven Spielberg mit Leonardo DiCaprio (als Frank Abagnale, jr.), Tom Hanks (als Ermittler Carl Hanratty) und Christopher Walken (als Frank Abagnale, sr.) in den Hauptrolle. Der Film basiert auf einer wahren Geschichte: Der echte Frank Abagnale spielt in dem Film in einer kurzen Szene selbst mit. Die Handlung des 1961 erschienenen Films "Ein charmanter Hochstapler" mit Tony Curtis ist sehr ähnlich und endet ebenfalls mit dem Auftreten der Hauptfigur als FBI-Agent.

(Detail-Infos zum Thema

 

 

Anstarr-Effekt (allgemein)

Wenn man einen Gegenstand minutenlang anstarrt, beginnt er sich in der eigenen Wahrnehmung langsam zu verändern. Der Effekt geht weder auf eine Wahrnehmungsstörung, noch auf eine Trugwahrnehmung aufgrund einer psychischen Störung, sondern allein auf die Interpretation: Allein dadurch, dass wir durch längeres Hinschauen mehr in ihm sehen, ihn interpretieren und ggf. uminterpretieren, verändert sich der Gegenstand oder eine Person.

 

 

Anstarr-Effekt bei sensorische Deprivation

Der Anstarr-Effekt (siehe oben) ist zugleich mit ein Grund, warum Menschen, die im Dunkeln und in der Dämmerung etwas fixieren, merkwürdige bzw. phantastische Veränderungen in ihrem Umfeld wahrnehmen, die manche Menschen mit Gespenstern bzw. Geistern zu erklären versuchen. Insbesondere sensible bis ängstliche Kinder können beim Schlafengehen sehr darunter leiden. Wenn sie von ihrem Bett aus einen Gegenstand im Raum beobachten, kann es aus ihrer Sicht bald so wirken, als nimmt er mit der Zeit eine andere Form und Gestalt an z.B. die Gestalt einer Person (Gespenst, Geistererscheinung) oder eines bösen Tieres.

 

Gleiches passiert aber auch bei Erwachsenen wenn ihre äußeren Sinnesein­drücke (z.B. durch Dunkelheit) eingeschränkt werden (sensorische Deprivation): Bereits nach kurzer Zeit beginnt ihr Gehirn, ihnen bestimmte Bilder, Bewegungen oder Geräusche vorzugaukeln. Kurzum: Man beginnt zu halluzinieren (Halluzination). Diese Halluzination wird mit Hilfe unserer Vorstellungskraft (Phantasie) erschaffen und hängt zugleich von unserer Kreativität und Erwartungshaltung ab. Auch Ängste spielen hier eine Rolle. Wenn man sich in seiner Phantasie etwas Negatives ausmalt und dies an negative Erfahrungen (Erinnerungen) verknüpft, die nun wiederholt erwartet werden (Erwartungsfehler), sieht man eher angsteinflößende Umrisse oder Gestalten als wenn man keine Angst hat oder positiv denkt. (Siehe Anstarr-Sensibilitäts-Effekt nach Köhler). Alternativ könnte man auch Positives erwarten und dann wahrnehmen.   

 

 

Anstarr-Sensibilitäts-Effekt

Andreas Köhler konnte bei Experimenten beobachten: Je höher die Sensibilität in Anstarr-Effekt-Situationen bei sensorischer Deprivation und je höher die Emotionalität (z.B. Angst) und je höher die Kreativität der Phantasie der betreffenden Person, desto höher die Verzerrung und desto stärker die phantastische Ausprägung bis hin zum Gefühl, dass der Versuchsperson eine reale Gestalt (mit Augen und Fratze etc.) gegenübersitzt, steht oder sogar auf einen zukommt.

 

Bedingung ist immer die Dunkelheit oder das Dämmerlicht. Was passiert? Unser Gehirn blendet mit der Zeit die eigentlichen Wahrnehmungsinhalte aus und flickt die Lücken im Gesamtbild durch Versatzstücke aus dem Gedächtnis zusammen. Diese Fragmente aus unserer Erinnerung können zu völlig neuen Bildern werden, die mit Hilfe der Vorstellungskraft (= Phantasie) erzeugt werden.

 

Je höher die Kreativität eines Menschen ist, desto ausgeprägter die Vorstellungskraft und das daraus resultierende Phantasie-Konstrukt. Gleiches gilt auch für die Emotionalität von Menschen. Je emotionaler eine Person wahrnimmt, desto sensibler reagiert sie und formt dann aus einer harmlosen Sache umso schneller im Kopf ein "gefährliches Monster". Siehe dazu auch "Monstergesicht-Effekt" / "Flashed Face Distortion Effect". Dieser Effekt wird hier jedoch bei den optischen Täuschungen gelistet.  

5. Beobachtungsfehler

Wahrnehmungsfehler aufgrund falscher Beobachtungs-Interpretation

(Beobachtungs-Interpretations-Fehler)

Die Einschätzung und Beurteilung von Menschen basiert auf deren Beobachtung. Ob diese nun bewusst oder unbewusst erfolgt, ist dabei unerheblich. Sehr häufig wird beobachtbares Verhalten falsch beobachtet und falsch interpretiert. Daher zählt in der wissenschaftlichen Psychologie vor einer entsprechenden Beurteilung und Prognose nur die systematische Verhaltensbeobachtung nach wissenschaftlichen Kriterien, ebenso die Regel der Trennung von Verhaltensbeobachtung, Verhaltensbeschreibung und Verhaltenserklärung. Trickbetrüger und sonstige „Trickser“ nutzen den Beobachtungs-Interpretations-Fehler - mehr oder weniger bewusst - für sich aus.

 

Beispiel aus dem Personalwesen: Mitarbeiter, die lediglich vorgeben, im Stress zu sein, viel herumlaufen und kommunizieren, werden von ihren Vorgesetzten auch dann als eifrig, engagiert, motiviert, strebsam und erfolgreich eingeschätzt, wenn sie lediglich vorgeben, viel Arbeit zu haben oder durch bestimmtes Verhalten diese Wirkung erzeugen

(Siehe dazu auch: "Encodierungsfehler" unter der Rubrik Denkfehler).Sowohl bei der Aufnahme bzw. der Einholung von Informationen als auch bei deren Verarbeitung unterliegen wir bzw. unser Gehirn unzähligen Fehlern. Manchmal machen wir diese sogar bewusst, ohne die Konsequenzen zu erkennen. 

 

Einschätzungen, Urteile, Beurteilungen und Entscheidungen basieren auf Beobachtungen. Sowohl die Art und Weise der Beobachtung als auch die Güte beeinflussen sämtliche weiteren Denkprozesse und Urteile. Selbst die wissenschaftliche Psychologie, bei der u.a. strikt zwischen Verhaltensbeobachtung, Verhaltensbeschreibung und Verhaltenserklärung unterschieden wird, unterliegt diesen Beeinflussungen und Fehlern, die bereits bei der bewussten, gezielten Beobachtung beginnen. 

 

Menschen unterliegen bei der Beobachtung anderer Menschen sowie von Dingen, Situationen und Sachverhalten unzähligen Beobachtungsfehlern. Sie schauen oder hören nicht richtig hin, sehen oder hören nicht lange genug zu, beobachten nicht genau, nicht lange genug. Sie sind zu weit entfernt oder zu nah (z.B. Nähe-Fehler), beobachten aus einer ungünstigen Position oder einem bestimmten Blickwinkel heraus. Zumeist fehlt ein System und die entsprechende Technik. Dabei entgehen uns viele Informationen, während sich die Aufmerksamkeit unserer Beobachtung lediglich auf bestimmte Beobachtungs-Ausschnitte bezieht und das Gesamtbild stark verzerrt.

 

Selbst dort wo eine hohe Beobachtungs-Güte wichtig ist und bestimmte Beobachtungs-Systeme und -Techniken Anwendung finden, kommt es zu Beobachtungsfehlern. Einer von vielen Beobachtungsfehlern, der über allem schwebt, ist der Fundamentale Beobachtungsfehler.

 

 

 

Fehler in Bezug auf die Beobachtungs-Güte

Die Güte der menschlichen Beobachtung ist von Natur aus eingeschränkt. Schließlich ist unser Gehirn gar nicht in der Lage, alle tatsächlich vorhandenen Informationen zu verarbeiten. Daher verarbeitet unser Gehirn nur einen Teil davon. Die Selektion beginnt aber bereits bei der Wahrnehmung mit Hilfe unserer Sinne. Damit unser Gehirn aufgrund der Reizüberflutung nicht völlig "überfordert" ist (z.B. Übersättigungs-Effekt), nehmen wir nur einen Bruchteil der Informationen, die uns umgeben, auf. Folglich nehmen wir sehr selektiv wahr (siehe Selektive Wahrnehmung).

 

Die Güte der Beobachtung basiert aber auch auf der jeweiligen Beobachtungstechnik, selbst dort, wo es auf eine hohe Beobachtungs-Güte ankommt (z.B. Eignungsdiagnostik, Personalauswahlentscheidung, Notengebung, richterliche Bewertung und Entscheidung, Produktauswahl und Kaufentscheidung etc.). So kann z.B. bereits die Art und Weise der Beobachtung an sich zu ungenau, unzureichend und fehlerhaft sein. Beobachtungszeitraum, Beurteilungszeit und Beobachtungsintervalle können zu kurz sein. Der Blickwinkel kann zu einseitig oder die Sichtbedingungen zu schlecht sein.

 

Hinzu kommt das Problem von falschem Vertrauen in die eigene Beobachtungsgabe, das automatische Vertrauen (Selbstvertrauen) in die eigene Menschenkenntnis und Selbstwirksamkeit sowie das stetige Mitschwingen impliziter Persönlichkeitstheorien, welche die Beobachtung und die Beobachtungstechnik von vorne herein (z.B. über eine bestimmte Erwartungshaltung und Vorurteile) beeinflussen - damit auch die Güte der Beobachtung.

 

Beobachtungsgabe: Viele Menschen streben eine gute Beobachtungsgabe an. Eine gute Beobachtung basiert jedoch nicht auf einer Gabe, sondern auf entsprechenden Techniken, die Disziplin und Selbstdisziplin erfordern. 

 

Beobachtungsgabe: Im Gegensatz zur sogenannten "Menschenkenntnis", die auf unmittelbaren, kurz und einseitig beobachteten Aussehens- und Verhaltens-Deutungen auf Basis bereits vorgefasster subjektiver Theorien und Menschenbild-Annahmen beruht, bezieht sich Beobachtungsgabe auf einen grundlegenden Bestandteil der Psychologie: Die Verhaltensbeobachtung - nur eben mit dem Unterschied, dass hier das Wort "Gabe" stört.

 

Verhaltensbeobachtung ist nämlich keine Gabe, sondern eine erlernbare Technik. Das, was als "Gabe" bezeichnet wird, betrifft maximal a) die innere Bereitschaft, sich überhaupt auf ein sachlich-nüchternes technisches System und eine unvoreingenommene analytische Auswertung eingeholter Informationen einlassen zu können sowie b) die Fähigkeit, seinen Intellekt, seine Menschenkenntnis, sein Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl inklusive einer möglichen Selbstüberschätzung weitestgehend zu unterdrücken, was sicher nicht ganz einfach ist.

 

Wenn Sie also irgendwo einen Aufreißer lesen, der in etwa lautet wie "Entwickeln Sie eine Intuition wie Sherlock Holmes!", dann sollte man das mit Vorsicht genießen und so etwas eher mit Argwohn oder Schmunzeln betrachten. Denn anders, als man es vielerorts nachlesen kann, basiert professionelle Verhaltensbeobachtung eben nicht auf Intuition. Vielmehr ist es ganz entscheidend, diese weitestgehend auszuschließen.

 

Dennoch verfügt der Mensch über eine besondere intuitive Gabe: Die Fähigkeit zur intuitiven Gesichtserkennung - und liegt hinsichtlich der Einschätzung dabei sogar zumeist richtig. Bei der Gesichtserkennung geht es jedoch um die Wahrnehmung und Interpretation spontaner Eindrücke. Sie basiert auf Intuition.

 

Intuition ist sinnvoll für schnelle und ökonomische Einschätzungen, nicht aber für Einschätzungen mit hoher Präzision. Bei der intuitiven Einschätzung holen wir uns - sehr energiesparend - nur jene Informationen ins Bewusstsein, die gerade wichtig sein könnten und passen. Dabei „trickst“ unser Gehirn ein wenig. Wir holen nur Bruchstückchen zurück ins Bewusstsein und "basteln" uns den Rest zusammen.

 

Mit Verhaltensbeobachtung hat das wenig gemein. Hier geht es um schnelle Reaktion. Einschätzungen und Entscheidungen, die allein auf Intuition bzw. bruchstückhaften Fakten beruhen, die wir dann vervollständigen, können im Ernstfall zwar Leben retten oder helfen, Ärger zu vermeiden, für wichtige und gerechte Entscheidungen mit langfristiger Prognose-Sicherheit reicht jedoch nicht aus, was unsere rechte Hirnhälfte da intuitiv produziert. Sie enthält sich sämtlicher Rationalität und Differenzierung. Sie reagiert ganzheitlich, unbewusst und gefühlsbezogen.

 

Zum Zwecke einer nachhaltigen Einschätzung müssen wir unsere linke Gehirnhälfte bermühen, die unser Bewusstsein verwaltet und für konzentriertes analytisches Denken verantwortlich ist. Genau hier erfolgt professionelle Verhaltensbeobachtung. Zugleich ist das der Grund, warum man weniger von einer "Gabe" sprechen kann. Vielmehr handelt es sich um eine erlernbare systemische Technik, die Disziplin und Selbstdisziplin erfordert, darüber hinaus der Fähigkeit bedarf, all das, was mit Intuition, Menschenkenntnis und "kluger" Kombinationsgabe zu tun hat, außen vor zu lassen und möglichst bereits im Vorfeld über Bord zu werfen.  

 

Schneller Verstand und das eigene Vertrauen (Selbstvertrauen) auf die eigene "scharfe Beobachtungsgabe", die Sherlock Holmes angeblich nutzte, um die größten Geheimnisse zu lösen, sind in Wirklichkeit hinderlich und können in die Irre führen, ganz besonders dann, wenn die Indizien und "Spuren" denen wir "intelligent" folgen, "falsche Spuren", "täuschende Spuren" oder bewusst gelegte vorgetäusche Spuren" sind. Derartiges gibt es nicht etwa nur in der Kriminalistik, sondern in vielen Alltagssituationen, ganz besonders aber in Werbe- und Bewerbungs-Situationen bzw. im Marketing und Selbstmarketing.

 

Dann landen wir nämlich ganz schnell mit ihrem scharfen Verstand auf einer falschen Fährte, nicht selten genau dort, wo andere einen hinlocken wollen. Nicht immer haben wir es mit naiven und "dummen" Menschen zu tun. Nicht immer sind wir die klugen und erst recht nicht die, die stets den vollen Durchblick haben. Wer so denkt, lässt sich nicht nur viel schneller manipulieren und täuschen - er täuscht sich sogar selbst - und das viel stärker und häufiger, als jene, die in der Lage sind bzw. lernen, "ihren Kopf auszuschalten". 

 

Selbst jene, die wir für angeblich naiv und dumm halten, verhalten sich oft so, dass sich Beobachter, Beurteiler und Entscheider hinsichtlich ihrer Beobachtung, Einschätzung, Beurteilung und Entscheidung selbst ziemlich naiv verhalten und schließlich selbst "dumm dastehen".

 

Um eine gute Beobachtungsgabe zu bekommen, werden erschreckenderweise Dinge geraten wie: Seine Intuition zu akzeptieren, von einer Person unmittelbar Eigenschaften abzuleiten und mit Logik an die Sache heranzugehen. In Wirklichkeit darf man jedoch weder seiner Intuition vertrauen, noch von einer Person unmittelbar Eigenschaften ableiten, noch mit Logik an die Sache herangehen, zumindest nicht mit dem, was wir selbst als logisch empfinden, weil es unserer eigenen Logik entspricht.

 

Genau diese menschliche Logik bzw. Schein-Logik kennt und nutzt man bereits im klassischen Marketing sowie im modernen Neuromarketing / Consumer-Neuroscience. Selbst ohne Marketing-Kenntnisse kann uns jede Privatperson mit einer hohen Sozialen Intelligenz bzw. mit sozial kompetentem Verhalten beeinflussen, manipulieren und täuschen. Eigentlich ist es nicht die besagte sozial intelligente Person selbst, die uns durch sozialkompetentes Verhalten täuscht: Wir sind es selbst, weil wir das wollen und als Mensch so funktionieren. 

 

Professionelle Verhaltensbeobachtung basiert zuerst einmal auf der strikten Trennung von systematischer Verhaltensbeobachtung, präziser Verhaltensbeschreibung und dem späteren Versuch, das beobachtete Verhalten zu erklären.

 

So finden wir z.B. einen Menschen sympathisch, weil er freundlich und nett ist bzw. sich so verhält. Einer von unzähligen Fehlern liegt im Ansatz bereits darin, dass "freundlich verhalten" oder "nett" überhaupt kein Verhalten sind. Vielmehr handelt es sich hierbei bereits schon um die vorschnelle und voreingenommene Interpretation bestimmter verbal geäußerter und paraverbal verzerrter Worte oder Sätze, bestimmter Gesten oder eines bestimmten Gesichtsausdrucks in einer ganz bestimmten kurzen und einseitigen Situation, über die der Beobachtete darüber hinaus natürlich die volle Kontrolle behalten konnte. 

 

Kenntnisse über die vielen möglichen Beobachtungsfehler sind ebenso wichtig wie die Bemühung, diese zu vermeiden. Technische Fehler in der Beobachtung (fehlerhafte Beobachtungstechniken) führen bereits im Vorfeld ebenso zu Fehlbeobachtungen und Fehleinschätzungen wie Emotionen und Intuition bei der Beobachtung. Auch ist es wichtig, wirklich beobachtbares Verhalten von nicht beobachtbarem Verhalten und von dem, was zum Erleben gehört, zu unterscheiden. 

 

Neben Wissen über unser Denken und mögliche Denkfehler ist das richtige Verständnis von Wahrnehmung und Wahrnehmungsprozessen wichtig, ebenso Kenntnisse über die vielzähligen unterschiedlichen Wahrnehmungs- und Beurteilungsfehler, denen wir als Menschen unterliegen.

 

Allein das kann im Zusammenspiel mit einer bewusst geplanten, sachlich-nüchtern angewandten Beobachtungs- und Messtechnik dazu führen, dass wir plötzlich klarer sehen. Dann sehen wir plötzlich etwas ganz anderes, als unsere Intuition uns gesagt hat. Dann sehen wir plötzlich einen völlig anderen Menschen, als den, den wir mit Hilfe unserer Menschenkenntnis eingeschätzt haben.

 

Manchmal sehen wir, dass wir direkt zu Beginn in einigen Punkten richtig lagen, aber nicht in allen. Manchmal sind wir aber sogar sehr schockiert darüber, wie sehr uns unsere Intuition und Menschenkenntnis getäuscht hat - und das nicht nur, wenn unser Verstand oder unsere Intuition wieder einmal den Künsten eines Magiers erlegen ist oder wir einem Trickbetrüger zum Opfer gefallen sind.

 

Doch selbst dann wirkt unsere Selbsttäuschung nach, allein mit Hilfe unseres eigenen Gehirns, das bestrebt ist, als unangenehm empfundene nicht erklärbare Ereignisse (z.B. Illusionen, Kontrollillusionen) und dadurch entstehende kognitive Dissonanzen mit Hilfe der eigenen kreativen Vorstellungskraft (=Phantasie) zu erklären bzw. umzudeuten (siehe Wirkungsprinzip der kognitiven Dissonanz-Reduktion).

 

Beobachtet und gemessen wird Verhalten in unterschiedlichen Situationen und möglichst unter unterschiedlichen Umständen und aus unterschiedlichen Blickwinkeln heraus. Entscheidend ist es auch, richtig hinzusehen und dann erneut nachzusehen, richtig hinzuhören, zuzuhören und dann erneut zuzuhören usw. Es geht nicht etwa darum, spontan, schnell und logisch irgendwelche "Signale der Persönlichkeit" zu entschlüsseln, sondern darum, unter Ausschluss o.g. Fehlerquellen, sachlich-nüchtern Daten und Informationen zu sammeln, zu messen, nachzumessen und zu vergleichen.

 

Nur wenn das, was die Intuition und angebliche Menschenkenntnis vermuten lässt, überprüfbar ist und sich die Ergebnisse auf unterschiedliche Situationen gleich anwenden lassen, kann man echte Rückschlüsse auf Menschen ziehen und ihr Verhalten relativ sicher vorhersagen.

 

Entscheidend ist auch, ob man bewusstes Verhalten oder unbewusstes Verhalten misst. Aus den unterschiedlichsten Motiven von Menschen heraus, entspricht nämlich Verhalten, das bewusst zur Schau gestellt bzw. an den Tag gelegt wird, logischerweise nicht zwingend dem Denken der betreffenden Person, weder ihrer wahren Persönlichkeit noch ihren wirklichen Einstellungen.

  

 

Fundamentaler Beobachtungsfehler 

Der fundamentale Beobachtungsfehler besagt, dass bereits die Beobachtung an sich bereits einen Fehler impliziert (z.B. aufgrund der Intention und Erwartungshaltung).

 

Einschätzungen, Urteile, Beurteilungen und Entscheidungen basieren nicht nur auf Denkprozessen, sondern auch auf den Beobachtungen, auf denen die Denkprozesse basieren, ebenso auf Beobachtungen, die von Denkprozessen herrühren. Sowohl die Art und Weise der Beobachtung selbst, als auch die Güte beeinflussen sämtliche weiteren Denkprozesse und Urteile.

 

Hier kann bereits die Beobachtung an sich schon (z.B. aufgrund der Intention und Erwartungshaltung) einen Fehler implizieren. Hinzu kommt, dass die Beobachtung durch bestimmte Denk-Schemata einen ganz bestimmten Aufmerksamkeitsfokus, die Aufmerksamkeit an sich oder durch andere Anwesende oder zu hohe Vertrautheit stark beeinträchtigt bzw. beeinflusst wird.

 

Manche Informationen sehen wir eher, während wir andere blindlings übersehen. Hinzu kommen die vielen Fehler, die bei der Speicherung, Verarbeitung und Abrufung der in der Beobachtung gewonnen Daten erfolgen: So bauen wir z.B. bei der Speicherung beobachteter Daten unbewusst Informationen in die Erinnerung ein, die wir nachträglich bzw. zu einem späteren Zeitpunkt erfahren haben. Alternativ bauen wir Informationen in die Erinnerung ein, die wir allein mit Hilfe unserer Vorstellungskraft erzeugen. Einige Informationen merken wir uns besser als andere. Oft wissen wir nicht, woher wir eine bestimmte Erinnerung haben.

  

 

Beeinflussung der Beobachtung durch Wissen bzw. Vorinformationen

Beobachtungen werden auch durch Wissen bzw. Vorinformationen beeinflusst. Jede Vorinformation beeinflusst nicht nur die Meinungs- und Urteilsbildung, sondern bereits die Beobachtung an sich. Wir sind dann voreingenommen, nehmen eine ganz bestimmte Haltung und einen ganz bestimmten Blickwinkel ein.

 

Wir entscheiden uns für eine bestimmte Beobachtungstechnik oder halten eine bestimmte Technik nicht für erforderlich, weil wir meinen, sowie in etwa zu wissen, wie jemand bzw. etwas zu beobachten ist und worauf unsere Beobachtung hinausläuft bzw. zu welchem Ergebnis diese Beobachtung in etwa führen wird.

 

Wir fokussieren unsere Aufmerksamkeit auf das, was wir bereits kennen bzw. wissen und übersehen dabei - bereits bei der Informationseinholung - viele relevante Informationen, weil wir sie dann a) (aufgrund selektiver Wahrnehmung) übersehen, b) nicht wahrnehmen wollen, c) nicht wahrnehmen können oder weil d) unser Fokus auf andere Informationen gerichtet ist (ebenfalls selektive Wahrnehmung).

 

Emotional behaftete Vorinformationen wirken dabei noch stärker als sachliche. So lassen sich z.B. Richter und Geschworene allein durch emotional aufgeladene Medienberichte unbewusst sehr stark in ihrer Urteilsbildung beeinflussen.

 

  

Beobachtung & Denk-Schemata

Bestimmte Denk-Schemata führen automatisch zu einer bestimmten Beobachtung. So wie wir denken bzw. unsere Denk-Muster "gestrickt" sind, so beobachten wir auch.

 

 

Perpetuierende Wahrnehmung

Auch unterliegt unsere Beobachtung dem Problem der perpetuierenden Wahrnehmung. Dahinter verbirgt sich der unreflektierte Wunsch, bei einem einmal gefassten Urteil zu bleiben und nur noch das wahrzunehmen, was diesem „Grundsatzurteil“ entspricht. Alles andere wird sofort abgewiesen und nicht geglaubt (Siehe Kognitive Fehler / Denkfehler).

 

Dieses Wahrnehmungsproblem überträgt sich auch auf alle zeitlich nachfolgenden oder Beobachtungen. Es beinflusst selbst die vorausgegangenen Beobachtungen, die dann vergessen, relativiert, umgedeutet, oder uminterpretiert werden (Primacy-Recency Effect). Neben diesen zeitlichen Effekten existieren bestimmte Positionseffekte, wobei der individuelle Blickwinkel des Beobachters (z.B. örtlich oder hierarchisch) eine ganz wesentliche Rolle bei der Wahrnehmung und Einschätzung spielt. Bereits eine Änderung des Blickwinkels führt teilweise zu völlig anderen Einschätzungen und Ergebnissen.

 

 

Primär-Effekt (Fehler des ersten Eindrucks / Primacy effect)

Der erste Eindruck bildet sich bereits in wenigen Sekunden. Alle folgenden Informationen werden so gewertet, dass sie den ersten Eindruck nachhaltig stützen (Perpetuierung). Der erste Eindruck, den ein Mensch von einem anderen bekommt, ist so stark, dass andere Eigenschaften dieser Person nicht gesehen werden können oder blindlings übersehen werden.

 

Die Kraft, die der erste Eindruck hat, rührt u.a. auch von der Emotionalität her, da Ersteindrücke generell unter starker Gefühlsbeteiligung erfolgen. Da Gefühle eines besonders starke Wirkung auf unsere Beurteilung und Entscheidungen haben, besteht die Gefahr, dass man sich vom ersten Eindruck zu vorschnellen Urteilen und Entscheidungen verleiten lässt. Wie und wann auch immer die Beurteilung und Entscheidung ausfällt. Der erste Eindruck wirkt in jedem Fall nach und beeinflusst diese.

 

 

Rezenz-Effekt (Recency Effect)

Dem vorausgenannten Primär-Effekt steht der so genannte Rezenzeffekt (Recency Effect) gegenüber, bei dem später eingehende Informationen stärkeres Gewicht erhalten. Tatsächlich bleiben die letzten Eindrücke in unserem Gedächtnis besser haften, zählen bei Bewertungen bzw. Beurteilungen mehr und beeinflussen diese entsprechend der zuletzt eingegangen Informationen. Aus dem Rezenz-Effekt resultiert der...

 

 

Primacy-Recency Effect

Der Primacy-Recency Effect resultiert aus dem Zusammenspiel der Effekte des ersten und letzten Eindrucks. Dadurch verstärken sich beide o.g. Effekte. Sie führen zu einer Beurteilung, von der man felsenfest überzeugt ist. Alle dazwischen liegenden Wahrnehmungen werden verdrängt.

 

 

Fehler der zeitlichen Nähe

Der Fehler der zeitlichen Nähe ist ein Beobachtungs- und Beurteilungsfehler. Er bedeutet, dass Reize und Verhaltensweisen, die kurz vor dem Zeitpunkt einer Beurteilung gezeigt bzw. wahrgenommen werden, einen so starken Eindruck hinterlassen, dass sie vom Beurteiler unreflektiert übernommen werden und alle anderen Verhaltensweisen und Wahrnehmungen überstrahlen. Dabei handelt es sich um ein Gedächtnis-Problem. Die Wahrnehmungen, die zeitlich am nächsten liegen, sind im Gedächtnis stärker vorhanden als andere. Sie werden daher überbewertet.

 

 

Positionseffekte

Im Gegensatz zu den vorausgenannten zeitlichen Effekten spielt bei der Beobachtung und Einschätzung auch die örtliche und hierarchische Position bzw. der individuelle Blickwinkel des Beobachters eine ganz wesentliche Rolle bei der Wahrnehmung und Einschätzung. Bereits eine Änderung des Blickwinkels (ob örtlich oder hierarchisch etc.) führt teilweise zu völlig anderen Einschätzungen und Ergebnissen.  

 

 

Beobachtungsfehler durch selektive Beobachtung

Allein aus gehirnökomischen Gründen nehmen stets sehr selektiv wahr (Selektive Wahrnehmung). Folglich ist auch die Art und Weise unserer Beobachtung sehr selektiv. Dies führt dazu, dass wir uns bei der Beobachtung auf bestimmte Dinge bzw. bestimmte Merkmale aus der Menge der Umweltreize konzentrieren, während gleichzeitig alles andere bzw. andere Reize mehr oder weniger ignoriert werden.

 

Wir konzentrieren uns auf das, was unser Unterbewusstsein und unsere gelernten Raster uns vorgeben. Alles andere wird ignoriert. Ein minimierter Beobachtungs-Ausschnitt ist hinterher ausschlaggebend für die Gesamtbeobachtung und -bewertung. Hintergrund ist, dass die Vielzahl der einströmenden Reizen nicht alle von uns verarbeitet werden können, weshalb wir eine Auswahl zwischen relevanten und weniger relevanten Informationen treffen. Damit nehmen wir nur das wahr, was uns gerade wichtig erscheint. Hinzu kommt das Problem mit unserer Aufmerksamkeit, welche sehr viel Energie benötigt und unser Gehirn schnell überfordert:

 

 

Selektive Wahrnehmung

 Wahrnehmung basiert auf der Erfassung und Aufnahme von Informationen und Umwelt-Reizen (mit Hilfe unserer Sinne) und deren Verarbeitung im Gehirn. Die Vielzahl der unterschiedlichsten Sinneseindrücke, denen wir ausgesetzt sind, ist enorm. Ständig und überall prasseln unzählige Informationen und Reize auf uns ein, die von unseren Sinnen bzw. von unserem Gehirn irgendwie verarbeitet werden müssen. 

 

Unser Gehirn ist dabei völlig überfordert. Wenn es nicht selektiv gegensteuern würde, käme es zur völligen Reizüberflutung. Um "handlungsfähig" zu bleiben, greift unser Gehirn automatisch zur "Strategie" der Selektiven Wahrnehmung. Das bedeutet, dass unser Gehirn eine Vorentscheidung trifft, was wichtig ist bzw. Wert ist, überhaupt wahrgenommen zu werden und was nicht. Wir konzentriert uns auf bestimmte Dinge bzw. bestimmte Merkmale aus der Menge der Umweltreize (z.B. bestimmte Ausschnitte auf eine zu beurteilende Person), während gleichzeitig alles andere (andere Reize) mehr oder weniger ignoriert wird.

 

Leider geht die Strategie der Selektiven Wahrnehmung, die bei unseren Steinzeit-Vorfahren eigentlich einen praktischen Nutzen (Konzentration auf das, was gerade zum Überleben zählt z.B. schnelles Erkennen von "Freund oder Feind", "stärker und Gefahr" oder "schwächer und keine Gefahr", "Weibchen oder Männchen", "paarungsbereit und -lohnend oder nicht") hatte, heute angesichts der unzähligen und vielfältigen unterschiedlich gearteten Informationen und Umweltreize nicht mehr auf.

 

Wir konzentrieren unsere Wahrnehmung auf das, was unser Unterbewusstsein und unsere gelernten Raster uns vorgeben. Alles andere wird ignoriert bzw. ausgeblendet. Ein minimierter Wahrnehmungs-Ausschnitt ist hinterher ausschlaggebend für die Gesamtbewertung. Das führt dazu, dass wir nur das wahrnehmen, was uns gerade wichtig erscheint, während wir alles andere übersehen bzw. ausblenden.

 

Hintergrund ist, dass die Vielzahl der einströmenden Reizen nicht alle von uns verarbeitet werden können, weshalb unser Gehirn allein aus ökonomischen Gründen eine Auswahl zwischen relevanten und weniger relevanten Informationen trifft. Das führt nicht nur dazu, dass wir wichtige Dinge übersehen, weil wir einfach nicht aufmerksam genug sind oder unsere Aufmerksamkeit auf etwas völlig anders richten (Aufmerksamkeitsfehler), sondern auch dazu, dass wir manche Wahrnehmungs-Ausschnitte geradewegs fixieren (Fixstern-Theorie/Köhler) und als allein vorhanden oder als allgemeingültige Tatsache ansehen, worauf dann auch nachfolgende Denkprozesse basieren.

 

Dies führt schließlich auch zu einem ganz bestimmten Weltbild, das als real und allgemeingültig angesehen wird, jedoch in Wirklichkeit lediglich auf wenigen selektierten Ausschnitten der eigentlichen Wirklichkeit besteht und in Relation zum Ganzen oder zu anderen einzelnen Details sogar falsch ist. Ein Beispiel dafür bietet u.a. der Heile Welt Naivitätsfehler, der auf bestimmten Menschenbildannahmen und dem Phänomen der Selektiven Wahrnehmung basiert sowie der Wahrnehmungsfehler aufgrund falscher Grundannahmen. Als weiteres Beispiel sei hier der Fehler aufgrund der selektiven Schockrisiko-Wahrnehmung, der auf selektiv wahrgenommenen Ängsten basiert, genannt.

 

 

Beobachtung & Aufmerksamkeit / Aufmerksamkeitsfehler

Bei der Beobachtung von Menschen und ihrem Verhalten spielt unsere Aufmerksamkeit eine bedeutende Rolle.

 Allein schon aus ökonomischen Gründen, aber auch wegen Energieabbau und daraus resultierendem Konzentrationsverlust sehen wir nur das, was eben gerade für uns wichtig erscheint und übersehen dabei anderes (Aufmerksamkeitsfehler).

 

Weil wir nicht aufmerksam sind, sehen nur das, was eben gerade für uns wichtig erscheint, übersehen dabei anderes. Das bekannte Experiment mit dem Gorilla, der zwar winkend durchs Bild läuft und den wir ganz deutlich sehen, den aber unser Gehirn trotzdem nicht wahrnimmt bzw. ausblendet, kennen wohl alle.

 

 

Wahrnehmungsfehler durch Ablenkung

Hierbei handelt es sich im Prinzip um eine Art Aufmerksamkeitsfehler, nur mit dem Unterschied, dass wir nicht nur nicht aufmerksam sind, sondern uns von anderen Dingen, die uns im Moment mehr interessieren bzw. die eine größere Bedeutung für uns haben, ablenken lassen. Während der Aufmerksamkeitsfehler von innen heraus wirkt, wirkt der Ablenkungsfehler durch Ablenkung durch externe Faktoren (Reize) von außen.

 

 

Wahrnehmungsfehler aufgrund Interesse / Fokus Fehler / Fokussierungs-Fehler

Wie oben bereits erwähnt, lassen wir uns schnell ablenken. Grund ist häufig einzig und allein unser Interesse an etwas, das uns im Moment besonders interessiert oder uns aber auch generell interessiert, auf jeden Fall mehr als das, was im Moment gerade sonst noch an Informationen auf uns einströmt. Weil uns etwas mehr oder generell oder ganz besonders interessiert, richten bzw. konzentrieren wir unseren Aufmerksamkeits-Fokus folglich darauf, was uns besonders oder mehr interessiert. Dabei blenden wir bzw. unser Gehirn andere Dinge völlig aus, die wir dann "blindlinks übersehen".

 

 

Peripherie-Effekt

Bei der Beobachtung und Beurteilung von Menschen und Dingen fokussieren wir unsere Beobachtung, Einschätzung und Bewertung nicht etwa nur auf die beobachteten Menschen und Gegenstände selbst, sondern beziehen die Wirkung der Peripherie (Umgebung, Kulisse, benachbarte Objekte, vorhandene Gegenstände, andere Personen oder weitere Aspekte) (bewusst oder unbewusst bzw. automatisch) mit ein.

 

Von dieser Peripherie schließen wir dann zugleich auf die zu beurteilende Person oder einen zu bewertenden Gegenstand und bilden einen Gesamtkontext. So bewerten wir ein Bild z.B. ein Kunstwerk auch nach seinem Rahmen oder nach dem Raum, in dem es sich befindet. Schmuck bewerten wir z.B. in Zusammenhang mit einer Schatulle, einer Vitrine oder einem Untergrund, auf dem er liegt. Einen Menschen bewerten wir im Interview nach dem Hintergrund, eine Szene nach der Kulisse etc. (Detail-Infos). Der Peripherie-Effekt steht in einem Zusammenhang mit dem Halo-Effekt / Hof-Effekt / Überstrahlungs-Effekt:

 

 

Halo-Effekt / Hof-Effekt / Überstrahlungs-Effekt

Mit dem Halo-Effekt wird das Phänomen beschrieben, dass eine bestimmte Eigenschaft einer Person, die wahrgenommen wird, alle anderen Eigenschaften dieser Person so stark überstrahlt, dass das Gesamtbild völlig verzerrt wird. Von einer oder wenigen bekannten Eigenschaften einer Person (z.B. Verhalten, Daten) ziehen wir automatisch Rückschlüsse auf unbekannte Eigenschaften.

 

Der Halo-Effekt ist sowohl ein Effekt, der bei der sozialen Wahrnehmung auftritt, zugleich aber auch ein Wahrnehmungsfehler in Form einer kognitiven Verzerrung und ein ganz typischer Fehler bei der Beobachtung von Menschen, aus der wir entsprechende Rückschlüsse ziehen, die allein aufgrund des Halo-Effektes zumeist sehr fehlerhaft sind. Zu den Hintergründen des Halo-Effektes:

 

Die Wahrnehmung von einer Person orientiert sich an wenigen hervorstechenden Eigenschaften. Wir betrachten ein Merkmal einer Person als besonders charakteristisch und zentral für die Person und bilden eine dazu passende Gesamtassoziation. Alle anderen Eigenschaften werden übersehen. Bestimmte Eindrücke wirken auf den Beobachter so stark, dass sie alle anderen Wahrnehmungen überstrahlen. Die weiteren Eindrücke orientieren sich nachfolgend daran.

 

Anders ausgedrückt: Beim Halo-Effekt erzeugen einzelne teilweise unwesentliche, beiläufige Eigenschaften einer Person einen Gesamteindruck, der die weitere Wahrnehmung von der beurteilten Person überstrahlt, so dass dieser in seiner Gesamtheit  vorwiegend nach dieser Eigenschaft beurteilt wird.

 

Bei dieser Beurteilung wird zumeist von leicht zu beobachtenden Eigenschafts-Merkmalen auf schwer beobachtbare Eigenschafts-Merkmale geschlossen. Oftmals ist es das Aussehen, das diesen Überstrahlungs-Effekt auslöst. Es kann aber auch jede andere Eigenschaft sein, sofern sie über entsprechendes Verhalten wahrgenommen wird. Ganz einfach ausgedrückt, könnte man zum Halo-Effekt - zumindest in Bezug auf optische Eindrücke sagen: "Das Auge isst mit." Das bezieht sich natürlich nicht nur auf Essen, sondern auf alle Lebens- und Arbeitsbereiche.

 

Sprachlich abgeleitet bedeutet "Halo" "Lichthof" oder "Hof" des Mondes. Besonders stark wirkt der Effekt, wenn dem Beobachter die konkret wahrgenommene Eigenschaft besonders wichtig ist.

 

Wird eine Person von einer (aus unserer subjektiven Sicht heraus) positiven Eigenschaft überstrahlt, so schreiben wir dieser Person zugleich alle anderen positiven Eigenschaften zu. Überstrahlt hingegen eine negative Eigenschaft, so unterstellen wir der betreffenden Person zugleich alle möglichen weiteren negativen Eigenschaften. Die entsprechenden weiteren Eigenschaften, die einer Person zugeschrieben werden, stehen in keiner zwingenden Verbindung zu der speziell wahrgenommenen Eigenschaft, die alles andere überstrahlt.

 

Beispiel Personalauswahl: Wenn z.B. ein Personalentscheider erfährt bzw. liest, dass ein Bewerber auf eine bestimmte Stelle eine ganz bestimmte Ausbildung hat - und er generell meint, dass Menschen mit dieser konkreten Eigenschaft (Studium, Ausbildung) automatisch gut qualifiziert sind, wird er automatisch (unbewusst) davon ausgehen, dass der Bewerber zugleich grundsätzlich alle anderen Eigenschaften mitbringt, die zur Ausübung der Stelle gewünscht sind (z.B. Führungsfähigkeit, analytisches Denken, Intelligenz, gute Auffassungsgabe, Mitdenken usw.). Dass sowohl die Auffassungsgabe wie auch andere Fähigkeiten des betreffenden Bewerbers in Wahrheit stark eingeschränkt sind, wird der Personalentscheider weder wahrnehmen noch wahrhaben wollen, selbst dann nicht, wenn er ihm konkrete Indizien dafür vorliegen.

 

Bei einer derart positiven Verzerrung spricht man auch vom sogenannten Heiligenschein-Effekt. Den Überstrahlungseffekt kennen wir auch aus der religiösen Kunst in Form der Symbolik des Heiligenscheins, der aus einem Menschen einen Heiligen macht, dem dann automatisch alle positiven Eigenschaften zugeschrieben werden. 

(Siehe "Heiligenschein-Effekt in der religiösen Kunst")

 

Erstmals wurde der Halo-Effekt 1907 von Frederic L. Wells untersucht. Der Begriff selbst wurde von Edward Lee Thorndike eingeführt. Die US-Psychologen Edward Lee Thorndike und Gordon Allport untersuchten während des ersten Weltkrieges wie Offiziere ihre Soldaten beurteilten. Sie fanden heraus, dass Offiziere ihren Soldaten dann so ziemlich alle Fähigkeiten zutrauten, wenn sie attraktiv waren und eine gute Körperhaltung hatten. Auffallend war insbesondere folgendes: Während einige vermeintliche "Supersoldaten" in fast allen Bereichen hervorragende Noten erhielten, wurden andere in fast allen Bereichen unterdurchschnittlich bewertet.

 

Beispiel Medizin: Untersuchungen ergaben auch, dass Ärzte Patienten dann als schwerer bzw. ernsthafter krank einstuften und bevorzugt behandelten, wenn sie ungepflegt aussahen bzw. auch so bekleidet waren. Patienten, die sich vor dem Besuch des Krankenhauses bzw. Arztes noch frisierten und gut anzogen, warteten länger. Sie erhielten bei gleicher Krankheit eine weniger genaue Untersuchung und eine wenig gravierendere Diagnose. Einige wurden sogar nach Hause geschickt.

 

Beispiel Journalismus: Ohne sich mit Hintergründen detailliert auseinanderzusetzen und Zusammenhänge stärker zu durchdringen, geben sich Journalisten schnell mit einer Story zufrieden, die allein durch den Halo-Effekt geprägt wird.

 

Beispiel Gericht: Der Halo-Effekt tritt insbesondere bei der Beurteilung von Menschen inklusive der Bewertung von Sachlagen auf. Der Halo-Effekt suggeriert dem Beobachter (z.B. Richter) einen Kontext, der im Prinzip über alle Indizien und Beweise erhaben ist. Ein bestimmtes Äußeres einer beschuldigten bzw. angeklagten Person sowie bestimmte Eigenarten des vertretenden Rechtsanwaltes beeinflussen nachweislich sowohl die Urteilsfindung als auch das Maß des Urteils maßgeblich.

 

Wer glaubt, dass es hier nur um Sympathie oder Antipathie geht, hat die mächtige Wirkung des Halo-Effektes noch nicht verstanden. Selbst wenn der Richter aufgrund seines Wissens um den Effekt bemüht ist, eine Person eben nicht aufgrund ihrer z.B. besseren äußeren Erscheinung zu beurteilen, wird das Urteil verzerrt - allein schon deshalb, weil man (der Richter oder aber der Beschuldigte/Angeklagte selbst) um Vermeidung einer solchen Wahrnehmung bemüht ist, andere Eigenschaften vernachlässigt wahrgenommen werden und man bestrebt ist, den Gegner nicht zu übervorteilen.

 

Halo-Effekt in Werbung und Marketing: Der Halo-Effekt wird insbesondere in der Werbung zur Beeinflussung der Wahrnehmung und Beurteilung in eine bestimmte positive und konsumorientierte Richtung genutzt. Er hat eine entsprechende Image-Wirkung. "Image" bezieht sich auf Marktpsychologie und die Psychologie der Wirkung. Image ist die bedeutungsgeladene Ganzheit der Wahrnehmungen, Vorstellungen, Ideen und Gefühle, die Menschen von anderen Menschen oder von irgendeiner Gegebenheit haben. Auf dieser Deutung bzw. Beurteilung basieren alle Handlungen (z.B. Kundenverhalten), Entscheidungen (z.B. Kaufentscheidung) und Wertschätzungen (Bereitschaft, einen bestimmten, ggf. höheren Preis zu zahlen) sowie der jeweilige Status (gesellschaftliches Ansehen, Ansehen bei Kunden).

 

Wie der Halo-Effekt selbst, zählt auch die Imagepsychologie zur sozialen Wahrnehmung (Siehe "Social Cognition" / Sozialpsychologie). Die Erwartungen der Rezipienten bzw. Kunden, die sich von jeweiligen Image ableiten basieren wiederum auf Erwartungsfehlern. Einer der wichtigsten Leitsätze der Image-/Marktpsychologie lautet: "Nicht die objektive Beschaffenheit einer Ware ist die Realität, sondern einzig die Verbrauchervorstellung und das Verbrauchererlebnis, d.h. das anschaulich Angetroffene." Einer der wichtigsten Leitsätze der Image- und Wahrnehmungspsychologie lautet: "Wir sehen nicht das, was da ist, sondern das, was wir sehen wollen." oder "Die Realität ist das, wofür wir sie halten."

 

Rückkopplung: Insbesondere in Bezug auf Image-, Werbe- und Marketing-Ziele sei erwähnt, dass der Halo-Effekt auch eine Rückkopplungsfunktion hat, die hier im Rahmen der Schleichwerbung genutzt wird. So schließen wir nicht nur von einer Detail-Eigenschaft auf eine Person oder Sache, sondern erhalten zugleich eine Qualitäts-Aussage: Ordnen wir z.B. eine Aussage (z.B. Partei X ist schlecht) einer vom Rezipienten positiv bewerteten Person (z.B. (Held) oder Sache (z.B. Errungenschaft) zu, so führt dies dazu, dass der Held (versteckt) für die Aussage (Partei X ist schlecht) wirbt. Die Botschaft: "Wer zu mir als Held steht und selbst ein Held sein möchte, der darf diese Partei nicht wählen". Umgekehrt funktioniert das auch. Nachfolgend ein Beispiel aus der politisch-medialen Propaganda:

 

Hier noch ein Beispiel zur Nutzung des Rückkopplungs-Effekts in der politisch-medialen Propaganda:
Um eine (aus links-grün ideologischer Sicht) unliebsame Partei zu diskreditieren, wurde in der ARD-Serie "Polizeiruf 110" vom 11.11.2018 Hinweise in Form von Stickern und/oder Flyern/Plakaten geschickt im Hintergrund (Peripherie) platziert, die mit der positiven Persönlichkeit der Heldin des Films in Verbindung gebracht werden sollten - und somit eine Botschaft vermitteln soll. Konkret wurden Anti-AfD-Aufkleber, Antifa-Plakate und Sticker der linksextremistischen Punkband „Feine Sahne Fischfilet platziert und der "Heldin" zugeordnet, um auf Basis der (gemäß Befragung und Statistik) "links-grünen" Motivation der (meisten) entsprechenden Medienmacher, die sich seit mindestens einem  Jahrzehnt bekanntlich mehr als Polit-Aktivisten, politische Erzieher, Propagandisten und Meinungsmacher verstehen, gegenüber der besagten von ihnen politisch verhassten Partei, die deren Verhalten bekanntlich kritisiert, entsprechende Antipathie zu erzeugen. 

 

Auf dem Computer und an der Pinnwand der "Heldin" waren unter anderem „FCK NZS“- und „FCK AFD“-Aufkleber (Kurzform für „Fuck Nazis“ und „Fuck AfD“) zu sehen. Zudem wurden den Zuschauern die Regenbogenflagge präsentiert, das Symbol der Lesben- und Schwulen-Bewegung. Dass der Sender seine Zuschauer damit manipulieren will, ist den meisten Zuschauern gewiss nicht bewusst aufgefallen. Doch  die Wirkung derartiger Image-Schleich-Kampagnen ist erstaunlich hoch. Seit mindestens einem Jahrzehnt fallen sie in den meisten Beiträgen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens ins Auge.

 

Der öffentliche-rechtliche Rundfunk möchte damit erreichen, dass sich die Zuschauer angesichts der "Heldin" a) mit linksradikalen Aussagen identifizieren und b) sich gegen die Opposition wenden, diese zumindest nicht wählen. Ob dies mit Demokratie und Rechtsstaat vereinbar ist, sei dahingestellt. Hier geht es lediglich um das Aufzeigen eines von Hunderten Beispielen dieser Art im Sinne der versteckten Manipulation, die sehr häufig unter Nutzung des Halo-Effektes erfolgt.

 

Stärken-Schwächen-Wahrnehmung: Der Halo-Effekt bezieht sich folglich auch auf die Wahrnehmung von Stärken und Schwächen und führt zu einer regelrechten "Verblendung". Dies geschieht in einer derart starken Form, dass wir die konkreten Stärken und Schwächen von Menschen nicht mehr differenzieren können.

 

Daher versteht man in der Sozialpsychologie und Wahrnehmungspsychologie unter dem Halo-Effekt die Tendenz, faktisch unabhängige oder nur mäßig zuschreibbare Eigenschaften von Personen oder Sachen fälschlicherweise als zusammenhängend wahrzunehmen (Siehe auch: Stereotypisierte Kopplung). Einzelne Eigenschaften einer Person (z.B. Attraktivität, Brille, sozialer Status) erzeugen einen pauschal positiven oder einen pauschal negativen Eindruck, der die weitere Wahrnehmung von der betreffenden Person überstrahlt und so den Gesamteindruck unverhältnismäßig beeinflusst.

 

Häufigkeit: Der Halo-Effekt ist ein normaler Wahrnehmungsfehler, der immer erfolgt, selbst wenn man bestrebt ist, ihn zu vermeiden. Man kann ihn nicht ausblenden, nur verstärken. Besonders häufig tritt der Effekt auf, wenn sich die zu beurteilende Person durch besonders hervorstechende, ausgeprägte Eigenschaften oder Verhaltensweisen auszeichnet bzw. bestimmte Informationen vorliegen.

 

Ausprägung: Der Einfluss des Halo-Effekts wirkt dann besonders stark, wenn die beurteilende Person auf eine bestimmte Eigenschaft, eine Verhaltensweise oder ein Merkmal besonderen Wert legt (ggf. Überbewertung). Besonders stark wirkt der Effekt ach auf Personen, die ihre sogenannte "Menschenkenntnis" (bzw. implizite Persönlichkeitstheorien) nutzen und sogar davon überzeugt sind.

 

Schutzmöglichkeiten: Wie bei anderen Wahrnehmungsfehlern auch, so gibt es gegen den Halo-Effekt keinen wirksamen Schutz. Der Effekt wirkt selbst bei entsprechender Informiertheit des Beobachters. Dennoch kann gesagt werden, dass der Halo-Effekt bei geringer Motivation und Informiertheit stärker wirkt.

 

Antwortverzerrung bei Befragungen oder Tests: Der Halo-Effekt kann auch bei Befragungen oder Tests auftreten. Einzelne Fragen können andere z.B. dann überstrahlen, wenn die vorausgehende Frage bestimmte Gedanken oder Gefühle auslöst. Die Antwort der nächsten Frage wird dadurch beeinflusst. Ausdiesem Grund wird der Halo-Effekt auch bei sogenannten Trickfragen eingesetzt. Auch findet er Berücksichtigung im Bereich der persuasiven Kommunikation.

 

Versuch der Minimierung von Halo-Effekten: Für eine möglichst objektive Beurteilung müssen Beurteiler bestrebt sein, Halo-Effekte möglichst zu minimieren. Dies ist jedoch nur schwer möglich. Wichtig ist, dass Beurteiler von Profis im Hinblick auf den Effekt sensibilisiert werden. Auch ist es wichtig, jedes einzelne Merkmal getrennt für sich zu untersuchen. Eine Lehrkraft kann dies z.B. bei der Korrektur von Klausuren und Prüfungen durch sogenannte "Querkorrektur" berücksichtigen. Sie wird den Effekt aber niemals komplett ausschließen können. Bereits eine bestimmte Schrift beeinflusst die Gesamtbeurteilung. Der Lehrer bzw. Prüfer kann sie nicht ausblenden. Allein das Weglassen oder Herausstellen bestimmter Informationen erzeugt bzw. beeinflusst den Effekt.

 

Anwendung & Problematik: Schwerpunktmäßig wird der Effekt in der Sozialpsychologie untersucht. Er findet aber auch in der Image-/Marktpsychologie und in der Werbepsychologie Anwendung. Darüber hinaus wird der Effekt in der Rhetorik - insbesondere in der persuasiven Kommunikation - zum Zwecke der Übervorteilung (bewusst geplant) genutzt. Im Beurteilungswesen und in der Entscheidungsfindung sollte er vermieden werden. Genau dies ist jedoch schwierig bis nahezu unmöglich.

 

Darüber hinaus besteht die gegenteilige Tendenz, dass Menschen dem täuschenden Halo-Effekt sogar geradewegs mit Vorliebe verfallen: Insbesondere Personen, die ihre sogenannte "Menschenkenntnis" (bzw. implizite Persönlichkeitstheorien) nutzen und sogar davon überzeugt sind, unterliegen allein durch ihre Überzeugung von ihrer eigenen Beobachtungs- und Beurteilungsgabe dem Effekt in aller Vehemenz.

 

Zusammenhänge: Der Halo-Effekt steht in einem Zusammenhang mit der Theorie der sozialen Wahrnehmung und den damit verbundenen Wahrnehmungsfehlern (z.B. Stereotype, Stereotypisierte Kopplung, Ähnlichkeitsfehler, Selbsterkennungs-/Sympathie-Fehler, Projektionsfehler, Attributionsfehler, Anwesenheitsfehler) bzw. Wahrnehmungsverzerrungen, Effekten (z.B. Hierarchie-Effekt, Social Role-Effekt, Bezugspersonen-Effekt) und Prinzipien (z.B. YAVIS-Prinzip). Denn als soziale Wesen bilden wir uns stets einen Eindruck von anderen Menschen und ziehen daraus Rückschlüsse. Bei der Einschätzung anderer Menschen schließen wir aus Verhalten oder Unterlassen auf deren Einstellung und leiten daraus entsprechende Rückschlüsse ab. Nicht selten sind diese Rückschlüsse falsch.

 

 

Motiv-Fehler

Unser oben bereits angesprochenes "Interesse" basiert - wie die Wahrnehmung selbst - auf unserer Motivation bzw. auf ganz bestimmten Motiven. Diese sind oft anders als wir selbst es denken, was dazu führt, dass wir unsere Entscheidungen zumeist nicht nur auf Motiven basiert, die uns bewusst sind, sondern oft auf völlig anderen versteckten Motiven, die wir nicht kennen und eher leugnen würden. Selbst Beziehungen und sogar Ehen werden sehr häufig aus "falschen" bzw. unbewussten und ggf. ungünstigen Motiven heraus eingegangen bzw. geschlossen. Grund dafür ist, dass wir völlig andere Motive für unsere Entscheidungen und unser Handeln als ursächlich ansehen. Oft schieben wir selbst bestimmte Motive unserem Handeln wie eine "Ausrede" vor und täuschen uns damit selbst. (Siehe dazu auch "Motivation" und "Motive"). Weiterhin gibt es den Motiv-Emotionsfehler, der im Gegensatz zum Motiv-Fehler hier der Rubrik "Kognitive Fehler" zugeordnet ist.

 

 

Beobachtung & Logik

Manchmal denken wir aber - aus ökonomischen Gründen oder aus Gründen unserer Intelligenz oder aufgrund bestimmter Erwartungen einfach logisch vor (Logischer Fehler). Allein aufgrund der Annahme, dass bestimmte Merkmale (Persönlichkeitsmerkmale, Eigenschaften) miteinander verkoppelt sind, zumindest aber eine Verbindung besteht, unterliegt ein Beobachter der Tendenz, die für ihn logisch zusammengehörenden Merkmale ähnlich zu bewerten, von ihnen Rückschlüsse zu ziehen und weitere Zusammenhänge abzuleiten (siehe dazu auch "Logischer Fehler" unter der Rubrik Denkfehler).

 

 

Beobachtung & Erwartung

Eine Bestimmte Erwartungshaltung beeinflusst nicht nur die Beurteilung, sondern die die Art und Weise der Beobachtung. Allein auf der Grundlage von Erfahrungswerten bzw. vorausgegangenen Beobachtungen leiten wir stets eine bestimmte Prognose für die Zukunft ab, die wir für sehr wahrscheinlich bzw. sicher halten (siehe auch "Kleber-Effekt").

 

 

Beobachtung & Anwesende

Bereits bei der Beobachtung unterliegen wir dem Fehler bzw. Effekt der sozialen Wahrnehmung. Wenn andere Menschen anwesend sind oder wir uns diese Anwesenheit lediglich vorstellen, beobachten wir anders.

Fakt ist: Durch die Anwesenheit anderer Personen wird die Beobachtung stark beeinflusst (Anwesenheitsfehler). Besonders stark erfolgt die Beeinflussung dann, wenn es sich um Personen handelt, zu denen ein Bezug besteht. (Bezugspersonen-Effekt). Beim Bezugspersonen-Effekt richtet der Beobachter seine Bewertung - zumeist völlig unbewusst - auf die Einstellung, Erwartung, Wünsche und Bedürfnisse dieser Bezugspersonen oder dieser Bezugspersonengemeinschaft aus. 

 

Etikettierungs- und Stigmatisierungsfehler

Bereits bei der Beobachtung etikettieren und stigmatisieren wir (Etikettierungs- und Stigmatierungsfehler) gehen mit Vorurteilen an Menschen und Sachverhalte heran und bedienen uns sogenannter Stereotype. Selbst dann, wenn wir uns dieser Fehlerquellen bewusst sind und manchmal sogar gerade deshalb, weil wir derartige Fehler bewusst vermeiden wollen, beobachten wir individuell anders.

 

Stets gehen wir bereits bei der Beobachtung mit bestimmten Meinungen und Erkenntnissen sowie mit bestimmten Vorstellungsbildern und Vorurteilen an die Beobachtung anderer Menschen heran, ebenso an Sachverhalte und Themen. Bereits bei der Beobachtung verhält man sich nicht objektiv. Selbst wenn man "richtig" beobachten würde, wertet man das Beobachtete subjektiv bzw. automatisch voreingenommen aus. Man ist dann eben nachfolgend unbewusst nicht sorgfältig genug oder gerade eben noch sorgfältiger als sonst bzw. sorgfältiger als bei anderen. 

 

Hinzu kommen die vielen in unseren Köpfen festverankerten stereotypen Vorstellungen von den zu beobachtenden Menschen, Dingen und Begebenheiten. Dazu zählen auch soziale Stereotype (Siehe Soziale Wahrnehmung / Social Cognition) Stets haben wir eine bereits vorgefasste Meinungen z.B. über Menschen, Menschen-Typen. Klassifizierungen, Menschenbild- und Persönlichkeits-Typ-Annahmen. Wir meinen, dass sie hilfreich sind. In Wahrheit verfälschen sie unsere Beobachtung.

 

Wenn Menschen einer negativ bewerteten Kategorie zugeordnet werden, hat dies zur Folge, dass sie sich automatisch auch in eine bestimmte Richtung, die ihnen zugeordnet bzw. zugeschrieben wird, entwickeln. Aus einer eventuell nicht zutreffenden Zuschreibung wird dadurch Realität. Ein beispielhaftes Phänomen ist z.B. die Selbsterfüllende Prophezeiung, die auch als Rosenthal Effekt bezeichnet wird.

 

 

Weitere Beobachtungsfehler aufgrund Fehler in der sozialer Wahrnehmung

Aufgrund unserer sozialen Wahrnehmung und entsprechender Denkfehler (Siehe separate Rubrik "Social Cognition") beobachten wir manche Menschen prinzipiell anders (z.B. genauer, vorsichtiger, rücksichtsvoller, ängstlicher, gehemmter usw.) als andere. Dies zeigt sich unter anderem beim sogenannten Hierarchie-Effekt.

 

Der Effekt besagt, dass Menschen (z.B. Mitarbeiter eines Unternehmens) höherer Hierarchie-Stufen (Positionen im Unternehmen) grundsätzlich anders beobachten und beurteilen als Vertreter unterer hierarchischer Stufen. Zum einen wird z.B. mit viel mehr Vorsicht und Respekt an beobachtete Personen höherer Hierarchien herangegangen, während auf der anderen Seite prinzipiell davon ausgegangen wird, dass Menschen höherer Hierarchien automatisch besser sind, weshalb sie auch nicht zu genau beobachtet werden müssen. Ein fataler Fehler.

 

Zugleich kann es zu stereotypisierten Kopplungen kommen z.B. wenn Charaktereigenschaften, die in keinem real abhängigen Zusammenhang stehen, mit einer entsprechend logisch scheinenden unterstellten Annahme und Erwartung automatisch miteinander verknüpft werden und die Beobachtung daher verkürzt oder nur ausschnittweise erfolgt. In Wirklichkeit bedeutet es aber nicht zugleich, dass jemand, der sauber und gepflegt ist, z.B. gleichzeitig auch ordentlich und gewissenhaft ist. Nur weil es auf der einen Seite eine bestimmte Beobachtung gibt, darf die Beobachtung anderer Aspekte nicht wegfallen. 

 

Die Beobachtung wird auf durch den Halo-Effekt (Hofeffekt) überstrahlt, weshalb man auch vom sogenannten Überstrahlungseffekt spricht. Hier orientiert sich die Wahrnehmung von einer Person an wenigen hervorstechenden Eigenschaften. Wir betrachten ein Merkmal einer Person als besonders charakteristisch und zentral für die Person und bilden eine dazu passende Gesamtassoziation. Alle anderen Eigenschaften werden übersehen.

 

Bestimmte Eindrücke wirken auf den Beobachter so stark, dass sie alle anderen Wahrnehmungen überstrahlen. Die weiteren Eindrücke orientieren sich nachfolgend daran. Beim Halo-Effekt erzeugen einzelne teilweise unwesentliche, beiläufige Eigenschaften einer Person einen Gesamteindruck, der die weitere Wahrnehmung von der beurteilten Person überstrahlt, so dass dieser in seiner Gesamtheit  vorwiegend nach dieser Eigenschaft beurteilt wird. Dabei wird zumeist von leicht zu beobachtenden Eigenschafts-Merkmalen auf schwer beobachtbare Eigenschafts-Merkmale geschlossen.

 

 

Beobachtungsfehler aufgrund Sympathie oder Antipathie

Gefühle wie Sympathie oder Antipathie sind zwar keine sachlichen Maßstäbe für die Beurteilung von Menschen; sie beeinflussen jedoch automatisch den gesamten Beurteilungsprozess und sogar allein die reine Beobachtung. Selbst wenn dem Beobachter seine eigenen Gefühle bekannt sind, ist er nicht in der Lage, neutral und objektiv zu beobachten.  Oft wird dann die Messlatte bzw. der Maßstab zu Gunsten einer Person geändert wird, wodurch bereits die Beobachtung verfälscht wird und sich allein durch das persönliche Gefühls-Involvement keine objektive Bewertung ergibt.

 

Hinzu kommt, dass Gefühle der Sympathie und Antipathie direkt oder indirekt gezeigt und von beobachteten Personen gefühlt werden. Dadurch entsteht ein Rückkopplungseffekt, der dann erst dazu führt, dass sich Menschen so verhalten wie es bei der Beobachtung unbewusst angestrebt wird (Selbsterfüllende Prophezeiung). Sympathie-Antipathie-Fehler geschehen nicht nur bei der persönlichen Beobachtung: Das durch irgendwelche Annahmen oder sonstigen Schlüsselreize entstehende Gefühl der Sympathie oder Antipathie kann bereits im Vorfeld entstehen und dann einen Erwartungsfehler erzeugen, der sich dann allein schon deshalb erfüllt, weil man voreingenommen in die weitere z.B. persönliche Beobachtung hineingeht.

 

Bei der Beobachtung anderer Menschen nimmt man sich selbst als Bezugsrahmen. Nimmt man bei einem Menschen eine Ähnlichkeit (äußere Erscheinung, Kleidungs-Stil, Interessen, Herkunft, Einstellung, Gesinnung, Weltanschauung etc.) mit der eigenen Person wahr, führt dies zu einer Beurteilung entsprechend dem eigenen Selbstbild, das zumeist positiv ist (Ähnlichkeitsfehler, Selbsterkennungs-/Sympathie-Fehler, Sympathie-/Ähnlichkeitsfehler). Dieser Effekt überträgt sich auch den reinen Beobachtungsprozess.

 

Besonders schlimm ist es, wenn Beobachtung mit Hilfe sogenannter Menschenkenntnis erfolgen. Leider besteht jedoch die Tendenz des Menschen, von seinen eigenen Kenntnissen, seinen Urteilen und seiner Urteilskraft überzeugt zu sein. Basis eines jeden Urteils bzw. einer jeden Entscheidung ist demnach die Selbstüberschätzung. Diese Selbstüberschätzung wirkt sich bereits auf die Art und Weise bzw. die Güte der Beobachtung aus (Overerconfidence-effect / Overconfidence barrier-effect).

 

 

Beobachtungsfehler aufgrund Übermut

Tatsächlich ist das Vertrauen in das eigene Urteilsvermögen bei Menschen generell größer als die objektive Richtigkeit dieser Urteile, vor allem dann, wenn das Selbstvertrauen und das generelle Vertrauen relativ hoch sind. Darüber hinaus besteht ein nachgewiesener Hang zur Übermütigkeit in der Beobachtung und in der Auslegung. Dieser Übermütigkeit stehen Ängste gegenüber, welche die Wahrnehmung und Urteilskraft - aber auch bereits die Beobachtung an sich stark beeinflussen.

 

 

Beobachtungsfehler aufgrund Hemmungen / Ängsten 

Wer ängstlich oder gehemmt ist, beobachtet z.B. viel vorsichtiger oder zurückhaltender, ggf. auch weniger oder genauer (vielleicht sogar übergenau). Wer Angst hat, ein Fehlbeurteilung oder eine falsche Entscheidung zu teffen. Angst vor einer offenen Konfrontation, vor Widersprüchen oder anstrengenden Diskussionen hat oder Angst vor Sympathieverlust oder Liebesentzug beobachtet ungenauer oder wird eine genaue Beobachtung generell zu vermeiden suchen. 

 

 

Skalierungs- und Maßstabsfehler / Skalierungs-Effekt

Auch Skalierungs- und Maßstabsfehler spielen bereits bei der Beobachtung eine Rolle z.B. wenn bei der Beobachtung mit falschen Skalen bzw. Maßstäben beobachtet und gemessen wird oder der Maßstab zu Gunsten oder zu Ungunsten der beobachteten Personen verändert wird. Dadurch werden Menschen milder oder strenger beobachtet. Siehe Milde Effekt / Leniency-Effekt, Großzügigkeitsfehler / Generosity error, Tendenz zur Mitte / Fehler der zentralen Tendenz, Tendenz zur Strenge). Auch hier spielen Hemmungen und Ängste eine Rolle. 

 

Von einem Maßstabsfehler spricht man, wenn Menschen (bzw. das Verhalten von Menschen) nach unterschiedlichen oder falschen Maßstäben gemessen und bewertet werden. Entweder stimmen die Relationen nicht oder der Beurteilungs- bzw. Bewertungsmaßstab wird zu Gunsten oder zu Ungunsten der beobachteten, zu beurteilenden Person verändert oder der Beobachter bzw. Beurteiler nimmt sich selbst oder alternativ eine subjektive Menschenbildannahme als Maßstab.

 

Dadurch werden z.B. einige Menschen milder (siehe Milde Effekt / Leniency-Effekt), andere strenger (siehe Tendenz zur Strenge), andere großzügiger (siehe Großzügigkeitsfehler / Generosity error), andere sehr unkonkret und zumeist mittig (siehe Tendenz zur Mitte), andere ohne jedes realistische Verhältnis.

 

Skalierungs- und Maßstabsfehler können auch auf bestimmte Erwartungen basieren (siehe Rubrik Erwartungsfehler): Wenn sich eine bestimmte Erwartung wunschgemäß bzw. erwartungsgemäß erfüllen soll, nutzen wir einfach unterschiedliche Skalierungen und setzen unterschiedliche Maßstäbe.

 

Beim Skalierungsfehler nutzt der Einschätzende einer Person oder einer Sache zwar die gleiche Bewertungs-Skala, jedoch nicht faktisch, sondern durch den subjektiven persönlichen Eindruck getönt. Alternativ verändert er die Skalierung oder die Bewertung der Skalierung entsprechend seiner Erwartungshaltung.

 

Diese Veränderung kann nicht nur bewusst über gezielte manipulative Einflussnahme erfolgen. Der Skalierungsfehler besagt, dass das Verhalten zumeist unbewusst erfolgt: Zumeist wird die Skalierung so verschoben, dass sich die eigene Erwartung schließlich erfüllt. Daher ist der Skalierungsfehler zugleich ein Erwartungsfehler. Zugleich geht er mit unterschiedlichen Maßstabsfehlern einher, die unter anderem Ängste als Ursache haben:

 

 

Milde-Effekt / Leniency-Effekt 

Der Milde-Effekt bzw. Leniency-Effekt ist ein Maßstabsfehler. Hier ist ein Beurteiler bzw. Entscheider bei seiner Beurteilung stets bestrebt, tunlichst "Milde" walten zu lassen, wobei z.B. negative Eigenschaften des Beurteilten verharmlost, heruntergespielt oder gar geleugnet werden.

 

Dieser klassische Beurteilungsfehler tritt vor allem bei der Einschätzung und Beurteilung von Personen auf, die dem Beurteiler (gut) bekannt oder sympathisch sind. Der Beurteiler hat Angst, den Beurteilten zu verletzen, zu demotivieren oder seine persönliche Beziehung zu ihm zu gefährden.

 

Insbesondere ein hohes "Ego-Involvement" oder auch Ängste / Hemmungen führen dazu, dass der Beurteiler eine zu beurteilende Person positiver bewertet, als sie objektiv gemessen ist. Insbesondere ängstliche, gehemmte oder unentschlossene Beurteiler mit eher niedrigem Anspruchsniveau bewerten eher zu gut. Zusätzlich besteht ein Zusammenhang mit dem sogenannten Sympathie-/Ähnlichkeitsfehler (siehe oben) und dem Sympathie-/Antipathieeffekt. 

 

 

Großzügigkeitsfehler/ Generosity error

Die Sorge, durch negative Aussagen einer beobachteten, einzuschätzenden zu beurteilenden Person ggf. zu schaden, führt beim Beobachter zur generellen Neigung, eine gute Beurteilungen abzugeben.

 

 

Die auf Angst basierende Sorge, durch eindeutig negative Aussagen einer beobachteten, einzuschätzenden zu beurteilenden Person zu schaden, führt beim Beobachter zur generellen Neigung, eine gute Beurteilungen abzugeben, auch aufgrund der Befürchtung, sich ggf. bei den beurteilten Personen oder anderen unbeliebt zu machen. Die Angst sorgt für Hemmung in der realistischen Nutzung objektiver Maßstäbe. Insofern ist auch der Großzügigkeitsfehler ein Maßstabsfehler.

 

 

Tendenz zur Mitte / Fehler der zentralen Tendenz

Hier fällt ein Beurteiler bzw. Entscheider sein Urteil bzw. seine Entscheidung immer möglichst so unkonkret, dass er alles gleich bewertet bzw. nach Möglichkeit genau die Mitte wählt, z.B. um Fehleinschätzungen zu vermeiden und niemanden vor den Kopf zu stoßen. Extreme Beurteilungen und Bewertungen werden generell vermieden (Vermeidungsverhalten) und stattdessen mittlere Ausprägungen bei der Bewertung bevorzugt.

 

Der Tendenz zur Mitte unterliegen zumeist gutmütige, ängstliche und unentschlossene Beurteiler mit geringem Anspruchsniveau oder zu geringen Information über die zu Beurteilenden. Die Beurteiler beabsichtigen zwar bewusst, eine Demotivierung bei den zu Beurteilenden zu vermeiden, erzeugen aber genau dies, bei jenen, die dich angestrengt haben, nun aber in Relation genau so oder zumindest ähnlich bewertet werden wie jene, die sich konträr verhalten und z.B. nur geringe oder schlechte Leistung erbracht haben. Ein fast gegenteiliger Beurteilungs- bzw. Urteilsfehler, der auf falschen Maßstäben (Maßstabsfehler) basiert, ist die...

 

 

Tendenz zur Strenge

Bei der "Tendenz zur Strenge" handelt es sich ebenfalls um einen Maßstabsfehler. Hier setzt der Beurteiler bzw. Entscheider aufgrund seiner Wahrnehmung, seiner Erfahrung, seiner Persönlichkeit oder seines Weltbildes einen zu hohen Maßstab bzw. ein zu hohes Anspruchsniveau gegenüber einzuschätzenden bzw. zu beurteilenden Personen an, wobei hohe Erwartungen und die daraus resultierenden hohen Ansprüche zu überproportional niedrigen Einstufungen und ggf. grundsätzlich schlechteren Bewertungen führen.

 

 

Schwarz-weiß-Denken

Hier geht es um die Verhaltensbeobachtung und Beurteilung bzw. das Denken in zwei gegensätzlichen Extremen. Dadurch erscheint etwas entweder gut oder schlecht, schön oder hässlich, wertvoll oder wertlos, klug oder dumm, jugendlich oder uralt, modisch oder altmodisch, Sieger oder Verlierer, Erfolg oder Versagen, Heiliger oder Satan.

 

Ausprägungen fallen ebenso weg wie Mittelmaß oder Durchschnitt nicht. "Lauwarm" bzw. "20 Grad Celsius" gibt es nicht, nur "warm und kalt". Der zweite oder dritte Platz entfällt; es gibt nur "Erster oder letzter Platz".

 

Durch Scharz-weiß-Denken wird nicht nur die Skalierung verzerrt bzw. stark reduziert, wodurch es zu ungenauen bzw. falschen Beurteilungen kommt: Es werden auch Ängste geschürt, z.B. dass es um Alles oder Nichts geht, wobei der Wahrnehmungsfehler selbst u.a. auf Ängsten basiert.

Die geschürte Angst kann wiederum zu einer "Selbsterfüllenden Prophezeiung führen: Je größer die Gegensätze, desto größer die Angst, desto wahrscheinlicher, dass sich eine von nur 2 Optionen erfüllt. Schließlich wird alles, was dazwischen liegt, nicht bewertet. Das Alles-oder-Nichts-Denken kann das Selbstwertgefühl stärken oder schwächen. Zumeist führt es aber zur Schwächung, da es sich um eine Form des negativen Denkens handelt.

 

 

Bezugspersonen-Effekt

Bezugspersonen sind Menschen oder Gruppen, zu denen ein Beobachter, Beurteiler oder Entscheider einen bestimmten Bezug bzw. ein "Social Involvement" hat. Der Bezugspersonen-Effekt besagt, dass der Beurteiler seine Bewertung auf die Einstellung, Erwartung, Wünsche und Bedürfnisse dieser Bezugspersonen oder dieser Bezugspersonengemeinschaft ausrichtet. In der Regel geschieht dies völlig unbewusst, allein schon deshalb, weil der Mensch ein "Herdentier" ist und stets bestimmten gesellschaftlichen Normen bzw. Gruppennormen unterliegt, in die er direkt oder indirekt in irgendeiner Art und Weise eingebunden oder sozialisiert ist.

 

Die Ausrichtung der Beurteilung in Richtung der Bezugspersonen kann aber auch bewusst geschehen z.B. um in einem guten Licht zu stehen, es anderen recht zu machen oder um sympathisch zu erscheinen oder aber umgekehrt, um sich nicht unbeliebt zu machen oder um Diskussionen und Unstimmigkeiten zu vermeiden. Der Bezugspersonen-Effekt zählt auch zu den Wahrnehmungsfehlern im Kontext zur sozialen Wahrnehmung, weshalb er in dieser Rubrik ebenfalls gelistet wird.  Anwesenheitsfehler und Bezugspersonen-Effekt stehen in Zusammenhang mit Konformitätsdruck (siehe Rubrik "Soziale Wahrnehmung).

 

 

Weitere Fehler im Kontext zur Beobachtung

Beobachtungsfehler stehen in einem Zusammenhang mit vielen weiteren Problemen z.B. dem Problem, beobachtete Informationen korrekt und präzise zu verbalisieren, wodurch Berichte oder Zeugenaussagen stark beeinträchtigt werden.

 

Manchmal denken wir aber - aus ökonomischen Gründen oder aus Gründen unserer Intelligenz oder aufgrund bestimmter Erwartungen einfach logisch vor (Logischer Fehler) oder voraus (Erwartungsfehler) und leiten auf der Grundlage von Erfahrungswerten bzw. vorausgegangenen Beobachtungen eine bestimmte Prognose an die Zukunft ab, die wir für sehr wahrscheinlich bzw. sicher halten (Kleber-Effekt).

 

Bereits bei der Beobachtung unterliegen wir dem Fehler bzw. Effekt der sozialen Wahrnehmung, Ettikettierungs- und Stigmatierungsfehlern sowie von Vorurteilen und Stereotype, selbst wir wir uns dieser Fehlerquellen bewusst sind und manchmal sogar gerade deshalb, weil wir derartige Fehler bewusst vermeiden wollen. Wie auch immer: Stets gehen wir bereits bei der Beobachtung mit bestimmten Meinungen und Erkenntnissen sowie mit bestimmten Vorstellungsbildern und Vorurteilen an die Beobachtung anderer Menschen heran, ebenso an Sachverhalte und Themen. Bereits bei der Beobachtung verhält man sich nicht objektiv.

 

Selbst wenn man "richtig" beobachten würde, wertet man das Beobachtete subjektiv bzw. automatisch voreingenommen aus. Man ist dann eben nachfolgend unbewusst nicht sorgfältig genug oder gerade eben noch sorgfältiger als sonst bzw. sorgfältiger als bei anderen. 

 

Hinzu kommen die vielen in unseren Köpfen festverankerten stereotypen Vorstellungen von den zu beobachtenden Menschen, Dingen und Begebenheiten. Dazu zählen auch soziale Stereotype. Stets haben wir - auch der Beobachtung - eine bereits vorgefasste Meinungen z.B. über Menschen, Menschen-Typen. Klassifizierungen, Menschenbild- und Persönlichkeits-Typ-Annahmen und können zwar grundsätzlich hilfreich sein, sie verfälschen jedoch bereits die Beobachtung. So beobachten wir manche Menschen prinzipiell anders (z.B. genauer, vorsichtiger, rücksichtsvoller, ängstlicher, gehemmter usw.) als andere. Dies zeigt sich unter anderem beim Hierarchie-Effekt.

 

Der Effekt besagt, dass Menschen (z.B. Mitarbeiter eines Unternehmens) höherer Hierarchie-Stufen (Positionen im Unternehmen) grundsätzlich anders beobachten und beurteilt als Vertreter unterer hierarchischer Stufen. Zum einen wird z.B. mit viel mehr Vorsicht und Respekt an beobachtete Personen höherer Hierarchien herangegangen, während auf der anderen Seite prinzipiell davon ausgegangen wird, dass Menschen höherer Hierarchien automatisch besser sind, weshalb sie auch nicht zu genau beobachtet werden müssen.

 

Zugleich kann es zu stereotypisierten Kopplungen kommen z.B. wenn Charaktereigenschaften, die in keinem real abhängigen Zusammenhang stehen, mit einer entsprechend logisch scheinenden unterstellten Annahme und Erwartung automatisch miteinander verknüpft werden und die Beobachtung daher verkürzt oder nur ausschnittweise erfolgt. In Wirklichkeit bedeutet es aber nicht zugleich, dass jemand, der sauber und gepflegt ist, z.B. gleichzeitig auch ordentlich und gewissenhaft ist. Nur weil es auf der einen Seite eine bestimmte Beobachtung gibt, darf die Beobachtung anderer Aspekte nicht wegfallen. 

 

Die Beobachtung wird auf durch den Halo-Effekt (Hofeffekt) überstrahlt, weshalb man auch vom sogenannten Überstrahlungseffekt spricht. Hier orientiert sich die Wahrnehmung von einer Person an wenigen hervorstechenden Eigenschaften. Wir betrachten ein Merkmal einer Person als besonders charakteristisch und zentral für die Person und bilden eine dazu passende Gesamtassoziation. Alle anderen Eigenschaften werden übersehen. Bestimmte Eindrücke wirken auf den Beobachter so stark, dass sie alle anderen Wahrnehmungen überstrahlen. Die weiteren Eindrücke orientieren sich nachfolgend daran. Beim Halo-Effekt erzeugen einzelne teilweise unwesentliche, beiläufige Eigenschaften einer Person einen Gesamteindruck, der die weitere Wahrnehmung von der beurteilten Person überstrahlt, so dass dieser in seiner Gesamtheit  vorwiegend nach dieser Eigenschaft beurteilt wird. Dabei wird zumeist von leicht zu beobachtenden Eigenschafts-Merkmalen auf schwer beobachtbare Eigenschafts-Merkmale geschlossen.

 

Gefühle wie Sympathie oder Antipathie sind zwar keine sachlichen Maßstäbe für die Beurteilung von Menschen; sie beeinflussen jedoch automatisch den gesamten Beurteilungsprozess und sogar allein die reine Beobachtung. Selbst wenn dem Beobachter seine eigenen Gefühle bekannt sind, ist er nicht in der Lage, neutral und objektiv zu beobachten.

 

Oft wird dann die Messlatte bzw. der Maßstab zu Gunsten einer Person geändert wird, wodurch bereits die Beobachtung verfälscht wird und sich allein durch das persönliche Gefühls-Involvement keine objektive Bewertung ergibt. Hinzu kommt, dass Gefühle der Sympathie und Antipathie direkt oder indirekt gezeigt und von beobachteten Personen gefühlt werden. Dadurch entsteht ein Rückkopplungseffekt, der dann erst dazu führt, dass sich Menschen so verhalten wie es bei der Beobachtung unbewusst angestrebt wird (Selbsterfüllende Prophezeiung). Sympathie-Antipathie-Fehler geschehen nicht nur bei der persönlichen Beobachtung: Das durch irgendwelche Annahmen oder sonstigen Schlüsselreize entstehende Gefühl der Sympathie oder Antipathie kann bereits im Vorfeld entstehen und dann einen Erwartungsfehler erzeugen, der sich dann allein schon deshalb erfüllt, weil man voreingenommen in die weitere z.B. persönliche Beobachtung hineingeht.

 

Bei der Beobachtung anderer Menschen nimmt man sich selbst als Bezugsrahmen. Nimmt man bei einem Menschen eine Ähnlichkeit (äußere Erscheinung, Kleidungs-Stil, Interessen, Herkunft, Einstellung, Gesinnung, Weltanschauung etc.) mit der eigenen Person wahr, führt dies zu einer Beurteilung entsprechend dem eigenen Selbstbild, das zumeist positiv ist (Ähnlichkeitsfehler, Selbsterkennungs-/Sympathie-Fehler, Sympathie-/Ähnlichkeitsfehler). Dieser Effekt überträgt sich auch den reinen Beobachtungsprozess.

 

Besonders schlimm ist es, wenn Beobachtung mit Hilfe sogenannter Menschenkenntnis erfolgen. Leider besteht jedoch die Tendenz des Menschen, von seinen eigenen Kenntnissen, seinen Urteilen und seiner Urteilskraft überzeugt zu sein. Basis eines jeden Urteils bzw. einer jeden Entscheidung ist demnach die Selbstüberschätzung. Diese Selbstüberschätzung wirkt sich bereits auf die Art und Weise bzw. die Güte der Beobachtung aus (Overerconfidence-effect / Overconfidence barrier-effect). Tatsächlich ist das Vertrauen in das eigene Urteilsvermögen bei Menschen generell größer als die objektive Richtigkeit dieser Urteile, vor allem dann, wenn das Selbstvertrauen und das generelle Vertrauen relativ hoch sind. 

6. Kommunikationsbasierte Wahrnehmungsfehler          & Interpretationsfehler 

 

Kommunikationsbasierte Wahrnehmungsfehler (Kommunikationsfehler)

Alles was wir wahrnehmen, basiert auf irgendeiner Art und Weise auf Kommunikation. Dabei entstehen viele Fehler und Missverständnisse. Oft nehmen wir kommunikative Informationen selbst nicht richtig wahr, hören nicht richtig zu oder hin oder hören mit dem falschen Ohr, Dinge heraus, die gar nicht gesagt wurden. So hören wir z.B. aus sachlichen Aussagen etwas Unsachliches heraus. Das, was wir hören, ist nicht unbedingt das, was tatsächlich gesagt oder gemeint wurde. Das Gesagte kommt beim Empfänger ganz anders an.

 

Die Fehlerquellen sind vielzählig und schier unerschöpflich: Schnell kann man sich in der Wortwahl vergreifen. Bereits der Aufbau eines einzigen Satzes entscheidet über die gesamte Aussage-Dynamik und ggf. über den Sinngehalt. Füllwörtern haben eine manipulierende Wirkung. Die Art und Weise des Sprechens kann die Wahrnehmung ebenso verzerren wie der Einsatz oder der fehlende Einsatz von Körpersprache, so dass das, was jemand sagt, völlig gegensätzlich wahrgenommen und beurteilt wird. Im Zeitalter moderner Kommunikationsmittel (z.B. Telefon, Mobilfunk-Telefonie, E-Mail Korrespondenz, SMS, Internet) haben kommunikationsbasierte Wahrnehmungsfehler oft auch technische Ursachen.

 

 

 

Informative Kommunikationsverzerrung

Sprache hat eine ganz zentrale Bedeutung im Hinblick auf die entsprechende Wahrnehmung und Interpretation von Sachverhalten inklusive von Vorgängen und Zuständen. Was wir sagen bzw. schreiben und der andere hört bzw. liest, sind nicht selten völlig unterschiedliche Dinge. Ebenso hören wir manchmal etwas ganz anderes (aus einer Nachricht heraus), als der andere meint. Das liegt nicht etwa daran, dass wir nicht richtig sprechen und hören können, sondern daran, dass jede Nachricht von unterschiedlichen Empfänger-Typen unterschiedlich interpretiert wird. 

 

Alltägliche Kommunikation birgt daher zugleich ein hohes Konfliktpotenzial. Überall dort, wo Menschen und Informationen aufeinander treffen, lauern tückische Fallen durch Kommunikations- und Wahrnehmungsfehler, die auf informativen Kommunikationsverzerrungen basieren, die man selbst gar nicht mitbekommt. Man erntet lediglich die Ergebnisse.

 

Selbst diese Ergebnisse nehmen wir oft gar nicht bewusst wahr. Zumeist wissen wir gar nicht, warum wir in einem konkreten Anliegen erfolglos bleiben, wir gar ein Problem bekommen, einem anderen Menschen gegenüber das Gefühl der Antipathie verspüren, ihm etwas unterstellen, das gar nicht auf ihn zutrifft (Attributionsfehler) oder gar in Streit geraten. Ursächlich sind zumeist informative Kommunikationsverzerrungen, deren Verantwortung sowohl beim Empfänger als auch beim Sender liegt.

 

Leider reicht es nicht aus, einfach drauf los zu kommunizieren. Kommunikation erfordert eine hohe Empathie. Man muss sich im Klaren darüber sein, mit wem man kommuniziert und wie das Gesagte oder Geschriebene beim Empfänger - und auch bei extrem sensiblen, gestressten oder psychisch agierten Menschen ankommt.

 

Oft hören wir: "Er hat mit falsche Informationen gegeben." oder "Sie hat gesagt, Peter sei faul." oder "Was er oder sie gesagt hat, war geradewegs anmaßend." oder "Man hat mich dazu genötigt, etwas bestimmtes zu tun." Keine der besagten Informationen trifft jedoch objektiv zu. Wie kommt das? Die wahren Ursachen für derartige Fehlinformationen im Rahmen der informativen Kommunikationsverzerrung liegen nicht in den Informationen selbst, sondern darin, wie diese Informationen konkret entschlüsselt werden. Die individuelle Disposition und persönliche Konstitution des Empfängers spielt dabei eine erhebliche Rolle - aber eben auch die Art und Weise des Sprachgebrauchs.  

 

Sprache hat eine ganz zentrale Bedeutung im Hinblick auf die entsprechende Wahrnehmung und Interpretation von Sachverhalten inklusive von Vorgängen und Zuständen. Was wir sagen bzw. schreiben und der andere hört bzw. liest, sind nicht selten völlig unterschiedliche Dinge. Ebenso hören wir manchmal etwas ganz anderes (aus einer Nachricht heraus), als der andere meint.

 

Nach dem kommunikationspsychologischen Modell von Friedemann Schulz von Thun hat eine Nachricht vier Seiten und die entsprechenden Botschaften vier Inhalte (Sachinhalt, Selbstoffenbarung, Beziehung, Appell). Je nachdem, wofür der jeweilige Empfänger einer Nachricht konkret empfänglich ist, hört er unterschiedliche Botschaften heraus. Es gibt kongruente und inkongruente Nachrichten, die entweder Verständnis oder Missverständnisse und Konflikte auslösen. Hinzu kommt die Qualifizierung der Botschaften durch die Art der jeweiligen Formulierungen, durch Körpersprache, Stimme und Tonfall.

 

Gute und eindeutige Sprache sowie kongruentes Sprechen ist ebenso wenig selbstverständlich wie das korrekte Verständnis des Empfängers, der Nachrichten stets ganz speziell und völlig unterschiedlich encodiert und interpretiert. Hinzu kommen unterschiedliche weitere Aspekte, die problemlose Kommunikation erschweren:

 

Die psychische Verfassung des Empfängers entscheidet deutlich mit darüber, was dieser jeweils heraushört. Aber auch der Sender hat Verantwortung: Er kann sich schnell und völlig unbewusst in der Wortwahl vergreifen oder einen Satz einfach nur anders (ggf. falsch oder ungünstig) betonen. Bereits ein Komma oder eine bestimmte Betonung kann eine Aussage derart verzerren, dass sie anders als vielleicht beabsichtigt - oder sogar komplett umgekehrt encodiert bzw. interpretiert wird:

 

Der Satz "Peter traute sich nicht zu schreiben" wird ohne entsprechendes Komma bzw. ohne entsprechende und deutliche Betonung genau so encodiert wie der Empfänger im Moment (entsprechend seiner persönlichen Disposition, seiner psychischen Konstitution und entsprechend seiner eigenen Erfahrung) eingestellt und entsprechend empfänglich ist.

 

Je nach Persönlichkeit, persönlicher Vorerfahrung, individueller Einstellung und psychischer Verfassung wird angesichts der Aussage "Peter traute sich nicht zu schreiben" dann ein "mutiger" oder ein "ängstlicher" Peter, insbesondere dann, wenn wir weitere Hintergrundinformationen zu Peter bekommen oder wir uns mögliche  Zusammenhänge lediglich mit Hilfe unserer eigenen Vorstellungskraft (= Phantasie) phantastisch zusammenreimen z.B.: "Der Schüler Peter hat seine Hausaufgaben vom Vortag nicht gemacht. Am nächsten Tag ruft der Lehrer ausgerechnet Peter an die Tafel, um seine Hausaufgabe dort vorzuführen."

 

Allein aus diesem Beispiel wird deutlich, wie schade (und auch befremdlich) es wirkt, dass derartig wichtige kommunikationspsychologische Zusammenhänge nicht an Schulen erklärt werden z.B. zum Thema "Zeichensetzung" bzw. "Kommaregelung". Den Schülern würde beim Lernen vieles viel logischer und plausibler erscheinen. Auch wären sie besser in der Lage, derartige Regeln zu verinnerlichen und im späteren Erwachsenen-Alltag gezielt einzusetzen - allein deshalb, damit aus derartigen Fehlinterpretationen resultierende Probleme viel besser vermieden werden können.

 

Ebenso entscheidet der Aufbau eines einzigen Satzes über die gesamte Aussage-Dynamik. Es ist ein großer Unterschied, ob man - aktiv formuliert - sagt "Der Zahnarzt zieht den Zahn" oder "Der Zahn wird vom Zahnarzt gezogen" - sowohl vom persönlichen Involvement her als auch im Hinblick auf Intention, Verantwortlichkeit und Gesamt-Wirkung der Aussage.

 

Ebenso ist es ein großer Unterschied, ob man sagt "Maria kommandiert Hans" oder "Hans gehorcht Maria" oder gar "Hans ist Maria hörig". Über Aktiv- und Passivformulierungen und allein die Verwendung bestimmter Verben werden für den gleichen Sachverhalt bzw. den gleichen Vorgang oder Zustand völlig unterschiedliche Kausalitäten impliziert.

 

Auch der Gebrauch von Füllwörtern kann Menschen dazu bewegen, etwas zu tun, was sie sonst nicht tun würden. Derartige "Missverständnisse" bzw. "Fehlinterpretationen" werden u.a. auch ganz bewusst zum Zwecke der gezielten Beeinflussung (Manipulation) eingesetzt z.B. über persuasive Kommunikationstechniken oder NLP. Auch die Rhetorik macht sich diese Erkenntnis zunutze. Dabei spielen unzählige Detail-Aspekte eine Rolle. Wird z.B. die Art und Weise des Sprechens nicht oder falsch oder ausdruckslos eingesetzt, kann es auch zu inkongruenten bzw. verfälschten Nachrichten kommen.

 

In einem Versuch von Maass, Salvi, Arcuri und Semin konnte z.B. gezeigt werden, dass "Erfolge der eigenen Gruppe" sowie "Misserfolge einer Fremdgruppe" in abstrakteren Begriffen sprachlich sogar derart gegensätzlich kodiert wurden, dass sie als "Misserfolge der eigenen Gruppe" und "Erfolge der Fremdgruppe" interpretiert wurden. Siehe dazu auch "Linguistic Intergroup Bias".

 

Beispiel: Implizite Verbkausalität: Es macht einen großen Unterschied, ob man Vorgänge mit einfachen, konkreten Handlungsverben beschreibt (z.B. "gehen", "laufen", "schreiben", "sagen") oder stattdessen mit interpretativen Handlungsverben ("fliehen", "stören", "rechtfertigen") oder mit Zustandsverben ("mögen", "lieben", "hassen") beschreibt, die im Vergleich zu einer konkreten Handlungssituation relativ abstrakt sind.

 

Aber selbst ein einfaches, konkretes Handlungsverb wie z.B. "wiederkehren" kann anders (z.B. getrennt) geschrieben eine völlig andere Bedeutung erhalten (z.B. "zurückkehren" im Sinne von "wiederkommen" oder aber "erneut kehren" im Sinne von "erneut putzen". Die deutsche Filmkomödie "Herrliche Zeiten im Spessart" des Regisseurs Kurt Hoffmann aus dem Jahr 1967 (mit Liselotte Pulver und Harald Leipnitz in den Hauptrollen) zeigt dies - neben vielen weiteren Phänomenen in Bezug auf Wahrnehmungsfehler - insbesondere in der Abschluss-Szene sehr anschaulich und geradewegs komisch.

 

 

Wahrnehmungsfehler aufgrund eines falschen kommunikativen Selbstverständnisses

Zumeist halten wir das, was wir sagen und wie wir etwas mitteilen oder versenden ebenso selbstverständlich wie unsere kommunikativen Gewohnheiten in Bezug auf Technik z.B. E-Mail-Versand, SMS, Fax, Dateiformate, Datenkapazität / Dateivolumen, Mobilfunktelefonie etc.). Dabei wird oft vergessen, dass unser Kommunikationspartner vielleicht völlig andere Kommunikationsgewohnheiten hat, als wir selbst. Aufgrund unseres eigenen Selbstverständnisses bei der Kommunikation können Beurteilungs- und Wahrnehmungsfehler entstehen, die eine erfolgreiche und angenehme Kommunikation behindern, stören oder gar von vorne herein zunichte machen. 

 

Wer folglich mit einem gewissen kommunikativen Selbstverständnis kommuniziert, vergisst, sich auf seinen Kommunikationspartner einzustellen. Kommunikation ist - wie auch sämtliche Formen und Eigenarten der Kommunikation kein Selbstverständnis. Kommunikation steht in einem unmittelbaren Zusammenhang mit Sozialkompetenz. Erfolgreiche Kommunikation, die darüber hinaus für alle Beteiligten angenehm ist, bedarf einer hohen Empathie. Ohne diese Empathie sind Kommunikationsstörungen geradewegs vorprogrammiert.  

 

 

Informative Kommunikationsverzerrung aus technischen Gründen

Im Zeitalter moderner Kommunikationsmittel (z.B. Telefon, Mobilfunk-Telefonie, E-Mail Korrespondenz, SMS, Internet) haben kommunikationsbasierte Wahrnehmungsfehler oft auch technische Ursachen.

 

 

Informative Kommunikationsverzerrung aufgrund der Kommunikations-Dosierung

Reden wir vielleicht zu wenig oder zu viel? Brauchen wir vielleicht zu viele Wörter / Worte oder fehlen die eigentlichen Schlüsselwörter? Sind unsere Sätze zu lang oder zu kurz? Betonen wir zu viel oder zu wenig? Gestikulieren und lächeln wir zu wenig oder zu viel? Benutzen wir unsere Körpersprache in dazu passenden - oder gar in unpassenden Situationen? Sind wir vielleicht zu direkt – oder lenken wir durch viele Informationen vom eigentlichen Sinn, Zweck und Ziel der Aussage ab? Benutzen wir ggf. zu viele Floskeln? So kann z.B. der Gebrauch von Floskeln langweilen oder gar die gesamte Aussagekraft des Gesagten zunichte machen, während zu viel und monoton gleichbleibende Gestik dem Gesagten die Ernsthaftigkeit und Glaubwürdigkeit nimmt.

 

Informelle Kommunikationsverzerrung aufgrund Haltung
(z.B.) Status-Denken und Status-Haltung

 Egal wo wir sind, egal was wir tun oder unterlassen: Stets haben wir und andere irgendeinen Status, der sich dem anderen gleich-, über- oder unterordnet. Status bestimmt, was wir heraushören und wie wir kommunizieren.

 

Es gibt Menschen, die jedes Gespräch an sich reißen und sich über allem erhaben fühlen und jene, die ständig unterbrochen werden. Es gibt Menschen, die sich immer durchsetzen und jene, die zumeist die Verlierer-Rolle einnehmen. Ursächlich sind Auftreten, Verhalten und entsprechende Kommunikation. Dahinter stecken jedoch Denkmuster, Gefühle und kommunikative Haltungen, die auf Status-Denken basieren.

 

Wer denkt, dass er mit Status und ebenso mit Status-Kämpfen selbst nichts zu tun hat, der hat weit gefehlt bzw. der merkt es lediglich nicht. Status-Kommunikation bezieht sich auf alle Lebensbereiche. Unentwegt teilen wir anderen - bewusst oder unbewusst - unseren Status mit - und andere tun das auch. Wir tun das durch unser gesamtes Auftreten, angefangen von unserer Kleidung, über das, was wir sagen und wie wir etwas sagen bis hin zu unserer Körpersprache. Hinzu kommt die gesamte Peripherie, mit der wir uns umgeben und Status-Symbolen, mit denen wir uns schmücken. Immer und überall setzen wir Signale unserer Persönlichkeit sowie Status-Signale. 

 

Status-Kommunikation bezieht sich auf das Denken und kommunikative Verhalten in unterschiedlichsten Kommunikationssituationen in der sozialen Interaktion. Status-Kommunikation bezieht sich den jeweiligen Status, den wir als soziales Wesen bei unserer Kommunikation inne haben und bewusst oder unbewusst zum Ausdruck bringen.

 

Status wird uns zugewiesen, zugeschrieben oder unterstellt. Wir nehmen ihn an (innere Geisteshaltung, Denken) und verhalten uns entsprechend, zumeist völlig unbewusst. Stets hängt der Erfolg unserer Kommunikation von unserem Status ab bzw. von unserem Status-Gefühl und unserem Status-Gebahren. Status-Kommunikation basiert darauf, dass nicht nur das Tier, sondern auch der Mensch ein soziales Wesen ist. Wie erfolgreich wir handeln, bestimmt unser Status, den wir bereits mit unserer Denkhaltung einnehmen.

 

 

Informelle Kommunikationsverzerrung aufgrund unzureichenden Zuhörens

Die wichtigste Grundvoraussetzung in der Kommunikation ist - neben Kenntnissen der entsprechenden Sprache - das Zuhören und das Hinhören. Wenn wir mit vorgefassten schlauen Meinungen, Vorurteilen sowie stereotypen Wahrnehmungs-, Denk- und Verhaltensmustern in ein Gespräch gehen, blockieren wir uns und unseren Gesprächspartner. Obgleich wir es selbst nicht mitbekommen, hören wir nicht mehr zu, was wirklich gesagt wird. Oft meinen wir, unser Gegenüber oder seine Argumente bereits zu kennen. Manchmal haben wir Angst, selbst nicht genug zu Wort zu kommen.

 

 

Informelle Kommunikationsverzerrung durch paraverbale Defizite

Sprüche wie "Der Ton macht die Musik" oder "Wie man in den Wald hinein ruft, so schallt`s zurück" bringen es auf den Punkt: Der Eindruck von einer Person und ihre Wirkung hängt nur zu einem geringen Teil davon ab, was jemand sagt.

Viel wichtiger und entscheidend ist der paraverbaler Ausdruck bzw. die Art und Weise, wie jemand etwas sagt.

 

Ergebnisse der kommunikationspsychologischen Forschung zeigen, dass die Wirkung einer Person (z.B. kompetent / inkompetent, vertrauenswürdig / unseriös,  glaubwürdig / unglaubwürdig, engagiert / träge, sicher / unsicher, autoritär / locker, angenehm / unangenehm, sympathisch / unsympathisch, modern / konservativ usw.) nur zu etwa 7 % davon bestimmt wird, was jemand (verbal) sagt. Viel wichtiger ist die Art und Weise des Sprechens. Dazu gehören Lautstärke, Sprechtempo und Pausen sowie Stimmführung und Artikulation. 

 

Informelle Kommunikationsverzerrung durch die Stimme

und die dadurch erzeugten Stimmungen beim Zuhörer

Zur Art und Weise des Sprechens gehört auch unsere Stimme an sich. Sie gehört untrennbar zu unserem Erscheinungsbild und Auftreten. Die Stimme steht in einem unmittelbaren Zusammenhang mit unserer Persönlichkeit. Unsere Stimme setzt gefühlsmäßig entscheidende Signale. Sie bestimmt, was ein anderer fühlt. Unsere Stimme repräsentiert unsere Persönlichkeit und setzt gefühlsmäßig entscheidende Signale, ob im persönlichen oder beim telefonischen Gebrauch. Durch die Stimme werden unterschiedliche Stimmungen erzeugt. Auf Basis dieser Stimmungen wird das Gesagte dann interpretiert. Unsere Stimme bestimmt die Stimmung anderer und - darüber hinaus - unsere eigene Stimmung. Unsere Stimme ist ein Schlüsselreiz in der Kommunikation und - darüber hinaus - ein wichtiges Kommunikationsinstrument: Schon bevor sich ein Zuhörer mit verbalen Inhalten befasst, haben Sie ihn bereits mit Ihrer Stimme massiv beeinflusst.

 

 

Informelle Kommunikationsverzerrung durch Artikulation (Phonetik)

Ein zu starker Akzent, ein Dialekt  oder einfach nur eine undeutliche Aussprache kann vom Inhalt der Information ablenken. Wenn einem die Gesprächspartner etwas angestrengt zuhören oder sogar weniger verstehen, könnte das auch an der eigenen Artikulation liegen. Die Art und Weise unserer Artikulation sagt unseren Zuhörern auch ganz plakativ, woher wir kommen und wie gebildet wir anscheinend sind. Viele ungeübte Sprecher bemühen sich daher krampfhaft, besonders deutlich zu sprechen. Dieses überdeutliche Sprechen bewirkt jedoch das Gegenteil dessen, was erreichen werden soll. Man wirkt dann unsympathisch, gestelzt, verkrampft und etwas dümmlich. Auf Basis dieser Auffassung werden die eingehenden Informationen nachfolgend gedeutet.

 

Informelle Kommunikationsverzerrung durch Körpersprache

Als Körpersprache oder nonverbale Kommunikation (Verständigung ohne Worte) wird jener Teil der zwischenmenschlichen Kommunikation bezeichnet, der nichtsprechend erfolgt. Hauptträger entsprechender Botschaften sind Mimik (die Sprache des Gesichtes zzgl. Augenkontakt) und Gestik (die Sprache der Extremitäten zzgl. Körperhaltung und Gang).

 

Zur Körpersprache zählen ebenso nichtsprachliche Lautierungen wie beispielsweise das Lachen, aber auch psycho-vegetative Äußerungen wie Erröten, Ausscheidung von Körperflüssigkeiten sowie die Gestaltung des äußeren Erscheinungsbildes durch Kleidung, Accessoires, Frisur usw.

 

Unsere Körpersprache löst bei unseren Kommunikationspartnern Gedanken und Gefühle aus und setzt eindeutige Signale. Ergebnisse der kommunikationspsychologischen Forschung zeigen, dass die Wirkung einer Person zu 55 % von unserer Körpersprache abhängt. Die Körpersprache sendet nicht nur allein für sich deutliche Botschaften, Körpersprache verläuft auch parallel zu unserer Sprache. Je nachdem wie unsere Körpersprache unsere verbalen Aussagen begleiten oder eben nicht, wirkt das Gesagte glaubwürdig oder nicht, wird richtig oder falsch gedeutet. In der Regel spricht unser Körper zumeist unbewusst. Er verrät unsere wirklichen Gedanken oder sendet gar inkongruente Nachrichten.

 

Informative Kommunikationsverzerrung durch die Kommunikationsumgebung

Wir kommunizieren durch unser gesamtes Kommunikationsumfeld und durch die Dinge, mit denen wir uns - bewusst oder unbewusst - umgeben. Entsprechend dieser Dinge und unserer Umgebung werden kommunikative Informationen gewertet und interpretiert.

 

 

Informative Kommunikationsverzerrung durch Involvement

"Involvement"  bezeichnet das persönliche Empfinden einer Person, dass eine Sache, ein Geschehen oder eine Geschichte etwas mit ihm selbst zu tun hat. Informationen werden anders entschlüsselt, wenn der Gesprächspartner entsprechend "involviert" ist bzw. die entsprechenden Informationen oder die Art und Weise der Kommunikation ein persönliches Involvement erzeugen.

 

Zirkuläre Kausalität

 

Der Begriff wurde von Paul Watzlawick geprägt. Darunter versteht Watzlawick die eigenartige Verkehrung von Ursache und Wirkung auf Grund falscher Schuldzuweisungen. Dazu ein Beispiel: Eine Ehefrau beklagt sich, dass ihr Mann sich von ihr zurückziehe, was jener zugibt, doch nur, weil das Verlassen des Zimmers für ihn die einzige Möglichkeit ist, sich ihrer ständigen Nörgelei zu entziehen. Für sie ist diese Begründung eine vollkommene Verdrehung der Tatsachen: Sein Verhalten sei der Grund für ihre Kritik. Wer hat nun Recht?

7a. Beeinflussung durch sozialen Einfluss

Fehler aufgrund des sozialen Einflusses (passiv) &

Fehler aufgrund externer Einflussnahme (aktiv)

Unser Denken, Fühlen und Verhalten (inklusive Meinungs- und Urteilsfindung) wird durch externe Faktoren (passiv wie aktiv) massiv beeinflusst. Eine ganz wesentliche Beeinflussung stellt der sogenannte "Soziale Einfluss" dar, der unter dem Begriff "Social Cognition" (Soziale Kognition) untersucht wird. Soziale Kognition beschäftigt sich damit, wie Menschen Informationen über andere Menschen und soziale Situationen verarbeiten, speichern und anwenden.

 

Durch die Rolle von Menschen in einer Gemeinschaft und die kognitiven Prozesse in sozialen Interaktionen wird auch die Wahrnehmung und Beurteilung von Menschen beeinflusst - allein bereits durch die tatsächliche oder nur vorgestellte bzw. vorausgesetzte Anwesenheit anderer. Die Beeinflussung durch den sozialen Einfluss ist derart stark, dass sie unser gesamtes Denken und Handeln verändert und unsere Urteilsbildung und Entscheidungsfindung maßgeblich beeinflusst.

 

Oft erfolgt diese Beeinflussung sehr subtil (Subtile Einflussnahme) z.B. durch bestimmte Konventionen und Moralvorstellungen, durch soziale Erwartungen, den kulturellen Kontext etc.. Sie erfolgt aber auch gezielt und aktiv z.B. über bewusste direkte Überzeugungsversuche bzw. gezielte Beeinflussungsstrategien bzw. Manipulationsmaßnahmen (z.B. Maßnahmen zur politischen Meinungsbildung und entsprechende Medienberichterstattung der öffentlich-rechtlichen Sender oder privatrechtlich im Rahmen von Werbung und Marketing.

 

Sozialer Einfluss hat zwei Formen. Es wird zwischen informativem (informationalem) und normativem Einfluss unterschieden Es folgen separate Ausführungen dazu. Zuvor sollen noch die wichtigsten Fehler und Effekte im Zusammenspiel mit anderen Menschen skizziert werden: 

 

 

Sozialer Einfluss: Anwesenheitsfehler

Die reine Anwesenheit anderer Personen beeinflusst die Beobachtung und Beurteilung einer beobachteten Person oder eines Gegenstandes. Besonders stark erfolgt die Beeinflussung dann, wenn es sich um Personen handelt, zu denen ein Bezug besteht. Siehe "Bezugspersonen-Effekt": 

 

 

Sozialer Einfluss / Konkret: Bezugspersonen-Effekt

Bezugspersonen sind Menschen oder Gruppen, zu denen ein Beobachter, Beurteiler oder Entscheider einen bestimmten Bezug bzw. ein "Social Involvement" hat. Der Bezugspersonen-Effekt besagt, dass der Beurteiler seine Bewertung auf die Einstellung, Erwartung, Wünsche und Bedürfnisse dieser Bezugspersonen oder dieser Bezugspersonengemeinschaft ausrichtet. In der Regel geschieht dies völlig unbewusst, allein schon deshalb, weil der Mensch ein "Herdentier" ist und stets bestimmten gesellschaftlichen Normen bzw. Gruppennormen unterliegt, in die er direkt oder indirekt in irgendeiner Art und Weise eingebunden oder sozialisiert ist.

 

Die Ausrichtung der Beurteilung in Richtung der Bezugspersonen kann aber auch bewusst geschehen z.B. um in einem guten Licht zu stehen, es anderen recht zu machen oder um sympathisch zu erscheinen oder aber umgekehrt, um sich nicht unbeliebt zu machen oder um Diskussionen und Unstimmigkeiten zu vermeiden.

 

 

Sozialer Einfluss: Hawthorne-Effekt

Menschen (z. B. Teilnehmer einer Studie) ändern ihr natürliches Verhalten, wenn bzw. weil sie wissen, dass sie (z.B. an einer Studie teilnehmen, Teilnehmer an einer Untersuchung sind) unter Beobachtung stehen. So können z.B. bei einer Studie die Ergebnisse einer Studie durch die Studie selbst verfälscht oder erst durch sie sogar hervorgerufen werden. Der besagte Effekt stellt somit eine Bedrohung der Validität von Untersuchungsergebnissen dar.

 

Für die Betriebswirtschaftslehre stellt der Effekt einen Mitauslöser für die Erkenntnis dar, dass die Arbeitsleistung der Mitarbeiter nicht nur von den objektiven Arbeitsbedingungen abhängt, sondern auch von sozialen Faktoren. Die Entdeckung des Effekts geht auf die sogenannten Hawthorne-Experimente von Roethlisberger und Dickson (1924 und 1933) zurück. Hier galt es ursprünglich, festzustellen, wie man die Arbeitsleistung von Mitarbeitern steigern kann.

 

Im sogenannten Beleuchtungsexperiment (Experiment 1) untersuchte man u. a., ob die Auswirkung veränderter Lichtverhältnisse auf die Arbeitsleistung. Die Arbeitsleistung der Experimentalgruppe stieg bei verbesserten Lichtverhältnissen, jedoch ebenfalls die Leistung in der Kontrollgruppe, die bei unverändertem Licht arbeitete.

 

Als wieder zur ursprünglichen Beleuchtungsstärke zurückgekehrt wurde, blieb die Leistungssteigerung erhalten. Dadurch wurden die Forscher darauf aufmerksam, dass allein die Anwesenheit der Forscher und das Bewusstsein der Mitarbeiter, Teil eines Versuchs zu sein, beobachtet zu werden und Beachtung und damit auch Anerkennung zu finden, die Leistungssteigerung hervorrief. 

 

 

Sozialer Einfluss: Informationaler Einfluss

Informationaler Einfluss bedeutet, dass wir in bestimmten Situationen, die unterschiedlich gedeutet werden können, andere Menschen als Informationsquelle benutzen. Wenn wir selbst nicht genau wissen, was zu tun ist, orientieren wir uns am Verhalten anderer. Ein klassisches Experiment zum informativen sozialen Einfluss ist das von Muzafer Serif. Hier konnte u.a. festgestellt werden, dass sich z.B. Schätzungen bzw. Einzelurteile der Einzelnen mit der Zeit der Gruppe angleichen. Das so entstehende Gruppenurteil wird nicht nur öffentlich, sondern auch privat übernommen und akzeptiert.

 

Die so gefundene Gruppen-Übereinkunft führt sogar zu einer Überzeugung des Einzelnen (private Akzeptanz). Wie kommt so etwas? Wer unsicher ist, orientiert sich einfach daran, was die anderen tun. Wenn die anderen aber auch nicht wissen, was zu tun ist, führt dies dazu, dass dann niemand etwas tut. In Verbindung mit sogenannter "Verantwortungs-Diffusion" nach dem Motto „Warum soll ich helfen, wenn es auch andere tun können?“ ist diese "pluralistische Ignoranz" zugleich der häufigste Grund für unterlassene Hilfeleistung und zugleich ein Grund für Massenpanik. 

 

Je wichtiger es ist, richtig zu handeln, desto eher und mehr orientiert man sich wahrnehmungs- und verhaltenstechnisch am Verhalten anderer. Tatsächlich kann aber auch eine Minderheit, sogar eine einzelne Person, informativen bzw. informationalen Einfluss auf die Mehrheit haben.

 

 

Sozialer Einfluss: Fehler aufgrund Mehrdeutigkeit

Der informative Einfluss (siehe oben) tritt z.B. auf, wenn Situationen mehrdeutig sind, wenn nicht genügend Zeit zur Verfügung steht (z.B. Notfall), wenn "Experten" anwesend sind und wenn es wichtig ist, richtig zu handeln. Je wichtiger es ist, richtig zu handeln, desto eher und mehr orientiert man sich wahrnehmungs- und verhaltenstechnisch am Verhalten anderer. Dies zeigte u.a. das Augenzeugen-Experiment von Baron (und anderen, 1996).

 

In diesem Experiment bekamen Versuchspersonen sehr kurz das Bild eines "Verdächtigen" gezeigt, den sie dann aus vier Bildern wieder erkennen sollten. Im siebten Durchgang gaben vor der Urteilsbildung der Versuchspersonen drei Verbündete des Versuchsleiters absichtlich eine falsche Antwort. Die Angaben zur Wichtigkeit der Aufgabe wurden variiert und z.B. zwischen einer einfachen Voruntersuchung und einer wichtigen Untersuchung für die Polizei zzgl. 20 Dollar für den Besten unterschieden. Das Ergebnis: Unter wichtigen Bedingungen stimmten 51 % der Versuchspersonen dem falschen Urteil zu, während unter unwichtigen Bedingungen nur 35 % der Versuchspersonen zustimmten.

 

 

Sozialer Einfluss: Normativer sozialer Einfluss

Während sich informativer bzw. informationaler Einfluss insbesondere auf mehrdeutige Situationen bezieht, lassen wir uns aber selbst in eindeutigen Situationen vom Verhalten anderer beeinflussen. Sowohl mögliche Belohnungen, als auch die Angst vor Sanktionen, Strafen, Nichtakzeptanz oder Ausgrenzung sind ursächlich ausschlaggebend. Allein um von einer Gruppe gemocht oder akzeptiert zu werden, übernehmen wir deren Meinung und Normen, selbst wenn diese unserer eigenen Einschätzung und Meinung widersprechen.

 

Das Motiv für die Beeinflussung ist hier das Bedürfnis nach sozialer Integration (Siehe dazu auch Ausführungen zur speziellen Wahrnehmung kollektivistisch orientierter konformistischer Persönlichkeiten. Im Gegensatz zum informativen bzw. informationalem Einfluss führt normativer sozialer Einfluss zwar ebenfalls zum öffentlichen Einverständnis, nicht aber automatisch zu persönlicher Akzeptanz - so wie dies bei Konformisten und Normopathen z.B. der Fall ist.

 

Ein klassisches Experiment zum normativen sozialen Einfluss ist das Konformitäts-Experiment von Asch (1951), bei dem die Versuchspersonen unter dem Konformitätsdruck der Gruppe falsche Urteile abgaben. Das Konformitäts-Experiment von Salomon Asch, einem der bedeutendsten Pioniere der Sozialpsychologie, ist auf viele Bereiche des Alltags übertragbar. Es zeigt, wie stark Menschen als soziale Wesen Konformitätsdruck unterliegen bzw. auf andere Menschen ausüben können. Das Experiment zeigte, dass Gruppen, die ihre Position konform vertreten, auch wenn diese offensichtlich falsch ist, Einfluss auf andere Gruppenmitglieder nehmen können. (Detail-Infos)

 

 

Sozialer Einfluss: Social Impact Theory

Nach der Social Impact Theory von Latané (1981) hängt die Ausprägung des normativen sozialen Einflusses davon ab, a) wie groß die Gruppe ist bzw. wie viele Mitglieder die Gruppe hat, b) wie wichtig dem Betroffenen die Mitgliedschaft in der Gruppe ist und c) wie ausgeprägt die räumliche und zeitliche Nähe der anderen bzw. die Unmittelbarkeit der Gruppe und wie entsprechend verfügbar die Gruppennormen im Gedächtnis sind. Dem Experiment von Asch zu Folge steigt der Einfluss bei einer Gruppengröße von insgesamt 4-5 Mitgliedern sehr stark an und ist hier am Größten. Bei einer Gruppe bis 7 Mitglieder steigt der Einfluss dann noch einmal geringfügig und bleibt darüber konstant.

 

 

Weitere Einfluss in Bezug auf normativen sozialen Einfluss sind Kultur, Geschlecht, Einstimmigkeit der Gruppe und Wichtigkeit der Aufgabe. Anders als beim informativen bzw. informationalem sozialen Einfluss sinkt der normative Einfluss, je nach Wichtigkeit Entscheidung bzw. Handlung. Je wichtiger es ist, richtig zu handeln, desto geringer ist der normative soziale Einfluss. Zum kulturellen Einfluss ist zu sagen, dass in kollektivistischen Kulturen zu einer höheren Konformität führen. Zur Einstimmigkeit: Sofern eine Gruppe sich einstimmig verhält oder Einstimmigkeit anstrebt, passt dich der Einzelne dieser Einstimmigkeit an. Zum Geschlecht: Aufgrund der entsprechenden Annahme wird darüber diskutiert, ob z.B. Frauen in öffentlichen Situationen beeinflussbarer sind als Männer.  

 

 

Ideosynkratische Kredite

Der Begriff besagt: Je öfter sich jemand den Normen der Gruppe unterwirft, desto eher darf er auch einmal von ihnen abweichen.

 

 

Konformitätsdruck

Menschen sind in der Regel stets bestrebt, sich möglichst Gruppenkonform zu verhalten und den an sie gestellten Erwartungen zu entsprechen. Selbst dann, wenn diese Erwartungen nur vermutet bzw. unterstellt werden, sind Menschen bemüht, ihre Urteilsfindung möglichst konform zu den Urteilen anderer zu treffen und sich der Gruppe anzuschließen.

 

Es besteht eine Angst, sich asozial zu verhalten und dadurch selbst ins Abseits zu geraten. Je weniger Menschen in einer Gruppe sind, desto höher die Hemmung, gegenteiliger Auffassung zu sein, desto geringer der individuelle Widerspruch, desto wahrscheinlicher die Urteilsfindung zu Gunsten der Mehrheit der Anwesenden. Daher gilt auch vor Gericht: Je mehr Richter bzw. Geschworene, desto wahrscheinlicher ist es, dass auch Minderheitenmeinungen vertreten werden.

 

Ganz besonders stark betrifft das Menschen bei Radio- und Fernseh-Interviews bzw. Radio- und Fernsehauftritten. Allein die Erwartung von vielen anderen Menschen gehört und/oder gesehen zu werden und die damit verbundene Angst, verändert ihr gesamtes Verhalten in Richtung Anpassungsverhalten und Konformität, selbst dann, wenn die "Angst" öffentlich natürlich nicht zugegeben wird. Tatsächlich besteht jedoch die Angst, sich asozial zu verhalten und dadurch selbst ins Abseits zu geraten.

 

Je weniger Menschen in einer Gruppe sind, desto höher die Hemmung, gegenteiliger Auffassung zu sein, desto geringer der individuelle Widerspruch, desto wahrscheinlicher die Urteilsfindung zu Gunsten der Mehrheit der Anwesenden. Daher gilt: Was Menschen in Radio- und/oder Fernseh-Interviews bekunden, entspricht nicht zwingend ihrer eigentlichen bzw. wahren Gesinnung und selbst hinsichtlich geäußerter Fakten nicht immer der Realität. In vielen Fällen kommt es zu Verschönerungen und/oder Verschleierungen von Fakten in Bezug auf Sachinformationen und Gefühlsäußerungen.  Ein weiterer Zusammenhang besteht in Bezug auf die Verfügbarkeitsheuristik (siehe Rubrik "kognitive Fehler").

 

 

Spezielle (unterdrückte / verfälschte / uminterpretierte Wahrnehmung
konformistisch orientierter Persönlichkeiten

Wahrnehmungsfehler aufgrund Konformität
Konforme Wahrnehmung / Konformistische Wahrnehmung

Aus dem Bereich "Social Cognition" ist der Fehler der sozialen Wahrnehmung aufgrund Konformität hinlänglich bekannt: Im Police-Story-Experiment von Buehler & Griffin (1994) erhielten Versuchspersonen einen Zeitungsartikel, in dem es um eine Verfolgungsjagd ging, bei der ein schwarzer Jugendlicher von der Polizei erschossen wird. Nach dem die Versuchspersonen den recht uneindeutig geschilderten Artikel gelesen hatten, wurden sie zu bestimmten Aspekten der Story befragt.

 

Danach wurde ihnen gesagt, dass die Mehrheit die Polizisten für schuldiger hält als den Jugendlichen, woraufhin die Versuchspersonen erneut befragt wurden. Das Ergebnis: Die Versuchspersonen, die sich der Mehrheit anschlossen, veränderten dementsprechend ihre Interpretation der Situation. 

 

Unabhängig von und zusätzlich zu diesem Social Cognition-Effekt (Sozialer Einfluss / Sozialpsychologie) gibt es zusätzlich auch in der Persönlichkeitspsychologie die Erkenntnis, dass aufgrund ihrer speziellen Persönlichkeitskonstitution bestimmte (kollektivistisch orientierte) Persönlichkeiten eine andere Wahrnehmung zeigen als z.B. individualistisch oder liberal orientierte Persönlichkeiten. Die damit einhergehenden Wahrnehmungs- und Beurteilungsfehler stellen eine Verbindung aus Beobachtungs-, Wahrnehmungs- und Beurteilungsfehler im Kontext der sozialen Wahrnehmung und Beobachtungs-, Wahrnehmungs- und Beurteilungsfehlern dar, die auf einer speziellen Persönlichkeit basieren.

 

Hintergrund: Im Laufe seiner Sozialisation entwickelt jeder Mensch automatisch spezifische IPT (siehe "Social Cognition-Effekt"), an denen er sich orientiert und daran ausrichtet, obgleich IPT auf stereotype Urteilen basieren. Diese dienen als Orientierungshilfe für das Verhalten gegenüber anderen (insbesondere fremden) Menschen und haben im Sozialverhalten eine entlastende Funktion. 

 

Kollektivistisch orientierte Persönlichkeiten orientieren sich stark an einem gesellschaftlichen System von Werten und Normen, wobei sie das Wohlergehen des Kollektivs (Gruppen, Staat, Gesellschaft) über ihre eigene Person setzen und ihre eigene Persönlichkeit stark zurückschrauben und der im Kollektiv organisierten jeweiligen sozialen Gruppe und deren Normen und Werten unterordnen (Anpassung, Unterordnung, Unterwerfung).

 

Aufgrund ihrer Orientierung am Kollektiv haben kollektivistisch orientierte Persönlichkeiten eine einseitige und im Sinne des Kollektivs ausgerichtete bzw. fokussierte und unterdrückte Wahrnehmung im Sinne eines Systems bzw. des Kollektivs, denen sie sich anpassen und fügen - damit auch ihre Wahrnehmung. Dies ist insofern gefährlich, da nicht alle Gruppen und Systeme sowie deren Normen "gut" bzw. positiv und rechtschaffend sind (siehe z.B. totalitäre Systeme, 3. Reich etc.).  

 

 Kollektivistische Normensysteme verlangen Solidarität - auch in Sachen Wahrnehmung. Wer Personen, Dinge oder Zustände anders wahrnimmt als das Kollektiv, bekommt schnell Probleme und eckt an. Konformisten sind bemüht, dies tunlichst zu vermeiden.

 

Konformismus, auch als Konformität bekannt, beschreibt die Anpassung eines Individuums an eine Gruppe mit vorgegebenen Normen, wobei die besagte Anpassung dem Wunsch nach Zugehörigkeit entspringt, aber auch der Angst vor Verantwortung. Konformismus bedeutet die Übereinstimmung einer Person mit den gesellschaftlichen, inhaltlichen oder ethischen Vorgaben. Dies bezieht sich auch auf die Wahrnehmung, die Decodierung wahrgenommener Informationen und die Ausblendung von Wahrnehmungen, die zu Unstimmigkeiten im Sinne des Gruppenzwangs und zu kognitiven Dissonanzen führen könnten. 

 

Bekannte Experiment in Sachen Konformismus sind das Stanford-Prison-Experiment und das Milgram-Experiment. Hinzu kommt die Generelle Konformitätstheorie von Rüdiger Peuckert, der zwischen Anpassungs- und Einstellungskonformität unterscheidet. 

 

Konformisten verfolgen die Anpassung und Angleichung an eine Gruppe / Gesellschaft und deren Normen. Dies kann aus eigener Überzeugung (persönliche Akzeptanz) oder durch Normenvorgabe von außen (öffentliche Folgsamkeit) entstehen, der sie sich (willenlos) beugen. Die Meinung einer Gruppe / Gesellschaft wird von ihnen ohne Hinterfragung übernommen. Eine andere Wahrnehmung als die, die auch die anderen "offiziell" haben, wird von Konformisten unterdrückt, geleugnet oder ausgeblendet.   

 

Die Haltung von Konformisten beruht auf das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, Akzeptanz und Integration. Ausgelöst wird dieser Wunsch u.a. durch eine Unterschätzung des Selbst z.B. auf Basis einer Selbstwertproblematik, aber auch durch Angst vor Verantwortung. Das Verlangen nach Angleichung steht zumeist in einem Zusammenhang mit Assimilation, Migration oder Konformitätsdruck durch die Gesellschaft beziehungsweise eine Gruppe.

 

Ein weiterer Auslöser für eine eingeschränkte, verzerrte oder ausgeblendete Wahrnehmung von Konformisten ist der Konformitätsdruck (Gruppenzwang) im Rahmen des Sozialen Einflusses. Hat eine schwache Persönlichkeit Angst vor einer möglichen Ausgrenzung, wirkt sie dieser tatsächlichen oder lediglich vorgestellten Ausgrenzung entgegen, in dem sie sich entsprechend anpasst, sich konformistisch zeigt und sich an die entsprechenden Gruppennormen anpasst, egal wie abstrus, bösartig oder gefährlich diese Gruppennormen sind.

 

Kritischer Konformismus reicht bis zur Selbstaufgabe zum Zweck der Zugehörigkeit. Konformismus beeinflusst den Lebensstil, die Verhaltensmuster, die Wahrnehmung und die Entscheidungsfindung von Konformisten. Auch deren Wahrnehmungen und Beurteilungen passen sich den gesellschaftlichen Normen, Richtlinien und Standards, die sich auf bestimmte Werte beziehen und Handlungen unter einer Bezugnahme auf diese empfehlen, an.  Deren Wahrnehmungs-Richtschnur ist das, was das jeweilige Kollektiv bzw. eine Autorität vorgibt, sei es auch noch so falsch und unmoralisch.

 

Die krankhafte (zwanghafte) Form des Normismus bezeichnet man als Normopathie. Für Normisten wie Normopathen gelten die Maßstäbe, Prinzipien, Maxime, Ideale, Werte, Regeln, Richtlinien und Vorschriften (Normen und soziale Normen) von Autoritäten und Kollektiven die sie (oft unhinterfragt) übernehmen und - insbesondere bei extremen pathologischen Formen wie der narzisstischen Normopathie. Die Wahrnehmung solcher Persönlichkeiten wird ebenso gestört wie deren Persönlichkeit. Um sich mit der möglichen Falschheit und eventuellen Unmoralität dessen, dem sie sich fügen bzw. unterwerfen sich ebenso wenig auseinandersetzen zu müssen wie mit ihrer eigenen kranken Persönlichkeit und Persönlichkeitsgeschichte, blenden sie die Realität einfach aus oder interpretieren sie um.

 

Die Wahrnehmung auf Basis der normalen bzw. gesunden ICH-Identität weicht der Wahrnehmung im Sinne der Gruppen-Normen. Die Devise: Was nicht sein darf, darf auch nicht wahrgenommen werden. Das wäre nicht loyal. Aufgrund seines Strebens nach Gemeinschaft und Anerkennung und der Ausblendung des Egos wird der Gesellige schnell zum Mitläufer mit geringer ICH-Identität, der die jeweiligen Gruppenziele wenig hinterfragt, auch da sich dessen Wahrnehmung an die Normen und Ideale des Kollektivs im Sinne einer Pseudo-"Vernunft" angleicht.

 

Im Allgemeinen steht Vernunft für ein - durch Denken bestimmtes  geistiges menschliches Vermögen zur Erkenntnis. Hier ist es aber so, dass sich die Wahrnehmung dem angleicht, was im Sinne des Kollektivs als "vernünftig" bzw. "richtig". Was als "unvernünftig" bzw. "falsch" gilt, wird wahrnehmungstechnisch ausgeblendet. Konformisten und Normopathen passen sich an. Sie halten das für "vernünftig", was gesellschaftlich als "vernünftig" gilt oder als solches gelehrt wird. 

 

Insofern ist die Vernunft des vermeintlich "Vernünftigen" immer nur ein Ausschnitt dessen, was ggf. in Wahrheit oder einem anderen (ggf. viel "vernünftigeren" Blickwinkel heraus) eigentlich "vernünftig" wäre. Wahrnehmungs-Fokus und  Wahrnehmungsausschnitt verengen sich im Sinne der Realitätsabwehr bzw. Realitätsleugnung (verleugnung).

 

 Es geht hier folglich nicht um die eigene Vernunft, sondern letztendlich um das Kopieren bzw. Nachahmen dessen, was andere als "vernünftig" erachten bzw. was als "vernünftig" und "richtig" vorgegeben und medial vorgelebt wird. Kombiniert sich die "Persönlichkeit des Vernünftigen" zum Beispiel mit der Persönlichkeit des "Beflissenen", so können "Vernunft" und "Beflissenheit" - wie bei der narzisstischen Normopathie - regelrecht entarten oder sich ins komplette Gegenteil von Vernunft verkehren: Die Realität wird dann vollkommen ausgeblendet und damit auch jegliche Falschheit und oder Gefährlichkeit ausgeblendet, nicht mehr wahrgenommen oder geleugnet. 

 

So empfanden etwa im 3. Reich die meisten Menschen selbst das - von Joseph Goebbels (Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda) unter dem Einfluss von Niederlagen wie in Stalingrad sowie der Zerstörung und Auslöschung deutscher Städte durch den massiven alliierten Bombenkrieg propagierte - Motto des "Totalen Krieges" mit Forderung der Inkaufnahme noch mehr ziviler Opfer als "vernünftig" und "erstrebenswert", während "Angsthasen" und Kritiker der vollständigen Selbstzerstörung als "Volksschädling" und / oder "Wehrkraft-Zersetzer" geächtet, verfolgt und von "vernünftigen" und "beflissenen" Nachbarn denunziert und ermordet wurden.

 

Obgleich Goebbels in seiner Rede im Berliner Sportpalast ankündigte, was kommt (Ein Krieg (Zitat): "...noch totaler und radikaler als ihr es euch jemals vorstellen könnt") folgten die meisten sogenannten "Vernünftigen" diesem Ziel, obgleich dies mit "Vernunft" eigentlich nicht viel gemein hat. Doch erst die sogenannten "Beflissenen" sorgen letztendlich dafür, dass "die Vernünftigen" dann auch tatsächlich mitlaufen und selbst bei schwersten Verbrechen der "Beflissenen" wegschauen - und es für "vernünftig" halten, der vorgegebenen Linie zu folgen. Sie sind es, die das Kollektiv zusammenhalten - wenn auch nur zum Schein. Vorne weg agieren zumeist narzisstische Normopathen, die dann später - wenn man es besser weiß - als "Wahnsinnige" bezeichnet werden, denen man vorher aber blindlings in den Tod bzw. Untergang gefolgt ist. 

 

Bei den sogenannten "Beflissenen" liegt übermäßig ausgeprägte Konformität vor (siehe "Kritischer Konformismus"). "Beflissen" steht für "bemüht", "fleißig", "eifrig" "emsig" und "strebsam" und ebenso für "gefällig", "dienstfertig" und "pflichtbewusst" sowie auch für "versessen" und "übereifrig". Krankhafte (zwanghafte) Beflissenheit in Bezug auf Konformität bezeichnet man als narzisstische Normopathie. Der "Beflissene" befolgt emsig die Anweisungen dessen, dem er gefällig ist bzw. dem er vertraut - und dem er sich unterordnet (oder ausliefert). 

 

Der beflissene Konformist hinterfragt seine Wahrnehmung nicht; er konsumiert emsig und vertrauensvoll das, was ihm vom Kollektiv bzw. von Autoritäten (bzw. seinem "Herrn und Meister"), die er nicht hinterfragt, vorgesetzt bzw. vorgegeben wird. Alles andere wird ausgeblendet. Entsprechend selektiv ist seine Wahrnehmung, entsprechend eng sein Horizont und Wahrnehmungsfeld, das sich nach dem ausrichtet, was Autoritäten (z.B. Medien) als (einzig) "korrekt" darstellen.

 

Daraus bildet sich eine neue Schein-Wahrheit. Der Einzelne überträgt die Verantwortung - auch an die Wahrnehmung - dem Kollektiv. Spezielle Subtypen von Konformisten kontrollieren ihre Wahrnehmung sogar zwanghaft: Bestimmende-kontrollierender Konformisten bei denen es sich oft um narzisstische Normopathen handelt. Persönlichkeiten mit bedürftig-abhängigen oder selbstlosen Tendenzen sowie sogenannte Mitläufer und Opportunisten begrüßen deren Bestimmtheit und Kontrolle. Sie machen ihre eigene Wahrnehmung abhängig von jenen, die den Radius der Wahrnehmung und die Interpretation wahrgenommener Informationen über den normativen oder informationellen Einfluss vorgeben. 

 

Um die Kontrolle über andere nicht zu verlieren, können bestimmende-kontrollierende Persönlichkeiten auch zu Lügen bis hin zur Pseudologia phantastica greifen. Dabei können Lügengebilde entstehen, welche die Betroffenen selbst gar nicht mehr realisieren, da der Zweck die Mittel heiligt, um die Kontrolle über Andere zu behalten. Die Pathologie des Geschehens wird als solche nicht als solche wahrgenommen. Daraus kann sich eine regelrechte pseudologische Störung entwickeln.

 

Es kommt nicht nur zur Ausblendung unangenehmer bzw. nicht konformer (verbotener) Wahrnehmungen, sondern sogar zur Verdrehung von Wahrnehmungen und Tatsachen (siehe Umkehr). Bei Normopathen erfolgt dies geradewegs zwanghaft.

Normopathie ist eine Persönlichkeitsstörung, die zu den anankastische (zwanghaften) Persönlichkeitsstörungen zählt und  gemäß ICD-10 unter F60.5 klassifiziert wird. Normopathie bezeichnet eine zwanghafte Form von Anpassung an vermeintlich vorherrschende und normgerechte Verhaltensweisen und Regelwerke innerhalb von sozialen Beziehungen und Lebensräumen. Ein treibendes Moment hierbei ist das übersteigerte Streben nach Konformität bei gleichzeitiger Unterordnung bzw. Aufgabe der eigenen Individualität.

 

Normopathie führt zu unterschiedlichen Symptomatiken, die sich zu einem pathologischen Geschehen ausweiten können, bei dem gesellschaftliche Fehlentwicklungen nicht mehr hinterfragt oder gar erkannt werden  können. Die unbedingte Überanpassung an sozio-kulturelle Normen wird damit zur Krankheit. Da im Prinzip der Wunsch nach Normalität nicht als krankhaft, sondern eher als eine gesunde Einstellung gilt, wird die Pathologie des Geschehens mit ihrer häufig somatoformen Symptomatik oft nicht als solche wahrgenommen.

 

Aus Angst vor Ablehnung oder Strafe wenden sich Normopathen von sich selbst und ihrer eigenen Wahrnehmung ab und verschmelzen inklusive deren Wahrnehmung mit den Normen und Vorgaben, die von anderen (Staat, Gesellschaft etc.) vorgegeben werden und denen sie bis zur Selbstaufgabe blindlings folgen. Bei der narzisstischen Normopathie ist der Drang zur Anpassung ganz besonders groß. Bei ihrer Anpassung streben sie eine Vorbildfunktion in Sachen Anpassung / Unterwerfung an. Sie neigen dazu, überkorrekt und überkonform zu sein.

 

Auch hier besteht das Problem in der Abwehr und Uminterpretationen nicht konformer Wahrnehmungen und in der Entfremdung vom echten Leben. (Detail-Infos)  

 

 

Sozialer Einfluss: Einfluss von Autoritäten

Autoritäten haben zusätzlichen starken Einfluss auf unsere Urteile und unser Verhalten. Das zeigte u.a. das berühmt berüchtigte Milgram Experiment (1963). In diesem Experiment erhielten Versuchspersonen die Möglichkeit, andere angebliche Versuchspersonen, die jedoch in Wahrheit Verbündete des Versuchsleiters waren, für falsche Aufgabenlösungen mit Elektroschocks zu bestrafen, wobei der Versuchsleiter als Autoritätsperson befahl, das Elektroschock-Level stetig weiter (von 15 - 450 Volt) zu erhöhen.

 

Trotz offensichtlicher verbaler Leidens-Äußerungen der Opfer (z.B. Schmerzens-Schreie) bestand der Versuchsleiter weiter darauf, mit der Bestrafung und der Erhöhung der Voltzahl fortzufahren. Das Ergebnis: Obwohl die gespielten Opfer - offensichtlich unter Schmerzen leidend - baten, das Experiment abzubrechen und den Versuchspersonen sowohl die Qual an sich, als auch die Gefahr von Verletzungen (bis zur Todesfolge) durchaus bewusst war, fuhren 80 % der Versuchspersonen mit der Elektro-Schockgebung stetig weiter fort. 62,5 % der Versuchspersonen schreckten nicht einmal davon ab, den höchstmöglichen Schock (450 Volt) zu verabreichen.

 

Variationen des Experimentes zeigten, dass sich dieses Verhalten ändert, wenn zwei andere Versuchspersonen sich weigern, mit der Schockgebung fortzufahren. In diesem Fall verabreichen nur noch 10 % der Versuchspersonen den maximalen Schock. Wenn der Versuchsleiter den Raum verlässt und stattdessen eine andere Versuchsperson darauf drängt, mit der Schockgebung fortzufahren, geben nur noch 20 % der Versuchsteilnehmer den maximalen Schock.

 

Hier fällt die Experten-Wirkung ins Gewicht. Dabei geht es nicht etwa um echte Experten; vielmehr geht es darum, wer als vermeintlicher "Experte" wirkt. Wer wie ein "Experte" wirkt, beeinflusst das Verhalten der anderen, an denen sich der Einzelne orientiert. Interessant ist auch: Wenn die Versuchspersonen das Schock-Level frei wählen dürfen, geben nur 2,5 % den maximalen Schock. Dies zeigt, dass ein natürlicher Aggressionstrieb nicht ursächlich war.

 

Die Beeinflussung durch Autoritäten ist am stärksten, wenn alle anderen auch gehorchen, die Autoritätsperson einen Experten-Status hat und wenig bis keine Zeit zum Nachdenken besteht. Weil man in kleinen Schritten immer mehr gehorcht, zeigt auch die Beeinflussung durch Autoritäten in kleinen Schritten eine große Wirkung, weil es nach der Theorie der Kognitiven Dissonanz nach jeder einzelnen Entscheidung zur Selbstrechtfertigung kommt. Aufgrund dieser Einzelentscheidung entsteht ein Kreislauf, der nicht mehr selbst kontrollierbar ist. Zu den sogenannten "Autoritäten" zählen auch die Medien, insbesondere jene Medien, die von ihrem Image her gesellschaftlich anerkannt sind.

 

 

Sozialer Einfluss (Konkret: Medien-Wirkung)

Beeinflussende soziale Normen werden nicht zuletzt und mit besonders starker Wirkung durch die Medien vermittelt. Insofern üben Medien einen ganz erheblichen Einfluss, sowohl im Hinblick auf normativen, als auch informationalen sozialen Einfluss. Medien bestimmen, was legal gesagt und nicht öffentlich geäußert werden darf. Medien beeinflussen ebenso unsere Idealvorstellungen im Hinblick auf Social Standing, Berufliches Image und Berufsentscheidung, Geldverdienen, Rechtsempfinden und Schönheits-Ideale im Hinblick auf die Geschlechter. Einer der Wahrnehmungsfehler im Zusammenhang mit Medien ist der "Fehler aufgrund von Abrufbarkeit vermeintlichen Wissens" aus Medien, der unter der Rubrik "Erwartungsfehler" beschrieben wird. Ein anderer Fehler im Kontext zum sozialen Einfluss und zum Einfluss von Autoriotäten ist der "Wahrnehmungsfehler aufgrund Medienpräsenz":

 

 

Wahrnehmungsfehler aufgrund Medienpräsenz

Der Wahrnehmungsfehler aufgrund Medienpräsenz basiert auf dem Einfluss von Autoritäten, die auch von den Medien verkörpert werden bzw. von den Rezipienten zumeist als solche angesehen werden. Der starke Einfluss von Autoritäten auf unsere Urteile und unser Verhalten wurde zuvor bereits beschrieben und auch beim Milgram Experiment (1963) aufgezeigt. 

 

Während sich der - in der Rubrik "Erwartungsfehler" präsentierte - "Wahrnehmungsfehler aufgrund Abrufbarkeit von vermeintlichem Wissen aus Medien" auf das Vorkommen von Informationen in den Medien sowie die Zugänglichkeit und Abrufbarkeit von Medieninformationen bezieht, bezieht sich der "Wahrnehmungsfehler aufgrund Medienpräsenz" vielmehr auf die Anwesenheit der Medien selbst. Folglich handelt es sich hierbei auch um einen "Anwesenheitsfehler".

 

Dieser Fehler besagt, dass die reine Anwesenheit anderer Personen die Beobachtung und Beurteilung einer beobachteten Person oder eines Gegenstandes stark beeinflusst. Allein die Vorstellung, dass vermeintlich andere Menschen - der reinen Vorstellung entsprechend - etwas mitbekommen könnten, reicht aus, um zu einem anderen Urteil zu gelangen und sich völlig anders zu verhalten. Besonders stark wirkt diese Beeinflussung, wenn es sich bei der anwesenden oder vermeintlich anwesenden Personen um Bezugspersonen oder um Autoritäten handelt.

 

Beim Wahrnehmungsfehler aufgrund Medienpräsenz geht es nicht um die Anwesenheit irgendwelcher Personen, sondern um die Anwesenheit vermeintlicher "Autoritäten" in Form von Medienvertretern (Journalisten, Medienberichterstatter, Talk Show-Moderator etc.)  bzw. der Presse.

 

Da Medien zu solchen Autoritäten zählen bzw. dafür gehalten werden, wirkt sich allein die Präsenz der Medien derart stark auf die Urteilsfindung, Kommunikation und auf Entscheidungen aus, dass sich Interview-Partner oder geladene Talk Show Gäste - aber auch die Medienvertreter selbst vor laufender Kamera oder im "ON" des Rundfunks völlig anders verhalten und äußern, als sie es für gewöhnlich tun würden. In Bezug auf sozialen Einfluss wird zwischen informativem und normativem sozialen Einfluss unterschieden.

 

 

Sozialer Einfluss (Konkret: Pluralistische Ignoranz)

Pluralistische Ignoranz basiert auf dem Effekt des sozialen Einflusses (Social Cognition Effekt). Der Effekt der pluralistischen umschreibt einen Wahrnehmungsfehler, auf Basis dessen Menschen sich in bestimmten (wichtigen) Situationen, in denen von ihnen Hilfe benötigt wird,  sich trotz deren unmittelbarer Anwesenheit nicht als "zuständig" halten, wegschauen und auf die Hilfe durch andere Menschen warten bzw. davon ausgehen, dass andere zu Hilfe kommen. Sie selbst sehen sich jedoch außen vor, obgleich sie genauso helfen könnten.

 

Genau genommen beschreibt der Effekt der Pluralistischen Ignoranz keinen reinen Wahrnehmungsfehler an sich, sondern vielmehr eine Situation, in der ein bestimmter Wahrnehmungsfehler (hier: Der Effekt des sozialen Einflusses) erfolgt.

 

Pluralistische Ignoranz tritt auf, wenn sich ein Mensch sich in einer mehrdeutigen, schwer einschätzbaren Situation befindet und nicht weiß, was zu tun ist. Man schaut sich dann um und beobachtet, was die anderen tun. Dabei üben die beobachteten Personen – ohne, dass diese zwingend aktiv etwas tun müssen - durch ihre reine Anwesenheit informativen sozialen Einfluss auf den Beobachter aus.

 

Der Effekt tritt z.B. in Notsituationen auf, in denen es eigentlich darum geht, eine Situation richtig einzuschätzen und zu handeln (helfen, fliehen, sich wehren etc.). Aufgrund des Effektes nimmt jeder einzelne Beobachter dann an, es bestünde kein Problem, da augenscheinlich kein anderer Beobachter betroffen wirkt oder sich irgendein ernstzunehmendes Anzeichen von Angst oder Panik zeigt.

 

Bei diesem Effekt gehen Menschen fälschlicherweise davon aus, dass die Mehrheit der anderen Menschen eine Situation (z.B. Norm, einen Umstand, ein Verhalten, ein Gesetz etc.) akzeptiert. Einfach ausgedrückt, könnte man den Effekt wir folgt zusammenfassen: „Jeder glaubt, dass alle anderen daran glauben, während in Wirklichkeit keiner daran glaubt" Fakt ist: Bei einer größeren Zahl von Umstehenden wird die Bereitschaft größer, eine gefährliche Situation eben nicht als Notfall einzuschätzen bzw. eine entsprechende  Handlungsnotwendigkeit zu erkennen. Kurzum: Niemand tut etwas. 

 

Was steckt dahinter? Wie lässt sich der Effekt erklären? Notsituationen sind oft sehr uneindeutig bzw. schwer zu deuten.

Soll man nun fliehen? Soll man kämpfen? Oder bildet man sich ein Problem bzw. eine Notsituation nur ein? Die Angst (bzw. das Schamgefühl), über zu reagieren und sich ggf. vor anderen „lächerlich“ zu machen (z.B. indem man zu viel Angst zeigt), spielt hier eine wichtige Rolle.

 

Niemand möchte der erste sein, der sich dem Risiko aussetzt, sich vor den anderen schwach zu zeigen oder sich gar lächerlich zu machen. Daher warten Menschen manchmal bis auf die letzte Sekunde, zu fliehen, zu helfen oder sich zu wehren. Andere ergeben sich - allein durch ihr Unterlassen - dem Schicksal (ausbleibende Rettung, Tod, Etablieren totalitaristischer Gesetze, Etablieren totalitärer Systeme etc.)

 

Wie funktioniert der Mensch in uneindeutigen Situationen? Bevor man selbst vor den Augen der anderen ein vermeintlich falsches Verhalten zeigt, sammelt der Mensch in uneindeutigen Situationen zuerst einmal Indizien in Form sogenannter Hinweisreize, um eine Situation für sich richtig einzuordnen. Dabei versucht der Einzelne, Informationen über seine Umwelt zu gewinnen. Das Verhalten bzw. die Reaktionen seiner Mitmenschen nutzt der Einzelne dabei als Deutungshilfe.

 

Wenn sich eine Gruppe von Menschen in einer mehrdeutigen, schwer einschätzbaren Situation befindet und keiner weiß, was zu tun ist, versuchen die Anwesenden aus der Beobachtung der jeweils anderen Personen irgendwie Hinweise auf mögliches sinnvolles Verhalten zu bekommen. Der Versuch, Hinweise von anderen Menschen zu bekommen, erfolgt auch ohne aktive Kommunikation. Menschen beobachten andere Menschen, um von ihnen Rückschlüsse auf eine Lage zu bekommen, insbesondere dann, wenn man selbst die Lage nicht richtig einzuschätzen weiß.

 

Dieser "Instinkt" stammt noch aus dem kollektivistischen Sippendenken der Steinzeit in Bezug auf Angst und Fluchtverhalten. Wenn Sippenmitglieder beunruhigt wirkten (z.B. weil jemand aus der Gruppe ein Knacken hinter den Büschen hörte) und dies Rückschlüsse auf einen möglichen Angriff eines Raubtiers (z.B. eines Säbelzahntigers) zuließ, mussten auch die anderen der Gruppe adäquat reagieren (z.B. mit Angriff- oder Fluchtverhalten), um sich selbst zu schützen und auch, um in der Gruppe gemeinschaftlich zu funktionieren.

 

Folglich ist der Effekt eigentlich positiv gemeint. Leider kann er, insbesondere in der heutigen Zeit, die viel vielschichtiger ist, zu Fehlreaktionen (z.B. Unterlassen) führen (z.B. weil sich Menschen immer sicherer fühlen und quasi abgestumpft sind und die Wahrnehmung von Gefahren quasi über den Lern- und Sozialisationsprozess verlernt haben oder weil sie im gesellschaftlichen Image-Kontext eher cool und gelassen wahrgenommen werden wollen).

 

 

Gruppen üben auf ihre Mitglieder informativen sozialen Einfluss aus. Wenn die anderen aber aus den unterschiedlichsten Gründen nicht reagieren oder sie ebenfalls ratlos sind, reagiert keiner (z.B. auf eine Gefahr). Zusammen mit der Verantwortungsdiffusion führt dies in besonderen Situationen (z.B. Notfallsituation) dazu, dass niemand etwas unternimmt, niemand einschreitet und niemand hilft - allein dadurch, dass sich der Einzelne dem passiven Verhalten der Menge anpasst. Dies kann fatale Folgen haben.

 

Nur wenn sich jemand traut, sich eigensinnig von der Gruppe zu lösen oder diese aktiv zur Reaktion zu bewegen, kann Hilfe erfolgen. Die Chancen, dass sich einzelne Personen aus dem System der pluralistischen Ignoranz herauslösen, sind jedoch sehr gering, allein dadurch, weil der Social Cognition Effect so stark wirkt.

 

Um in einer Notfallsituation zu überleben, muss es in Gruppen bzw. Gesellschaften daher Menschen geben, die sich aus der Gruppe herauslösen (z.B. als erste handeln) oder in der Gruppe generell zum Modell werden. Sofern sich derartige Persönlichkeiten wirklich finden, können allmählich auch die anderen reagieren und als "Bystander" folgen. Sofern aber niemand sich als erster regt, kann großes Unheil über eine Gruppe kommen, allein deshalb, weil niemand etwas gegen das Unheil unternimmt, davor flieht oder dagegen ankämpft.

 

Geprägt wurde der Begriff von Daniel Katz und Floyd H. Allport 1931. Verwendet wurde der Begriff der Pluralistischen Ignoranz u.a. im sogenannten „Decision model of bystander intervention“ von Latané & Darley. Anhand dieses Modells wird die Hilfeleistung bzw. das Unterlassen der Hilfeleistung in Notsituationen (durch die Menge der Zeugen) erklärt (Bystander-Effekt):

 

 

Zuschauer Effekt / Bystander-effect / non-helping-bystander effect / Genovese Syndrom

Der "Zuschauer Effekt" bzw. "bystander effect", der auch als "non-helping-bystander effect" oder "Genovese-Syndrom" bezeichnet wird, beschreibt das Phänomen, dass einzelne Augenzeugen eines Unfalls oder eines kriminellen Übergriffes insbesondere dann mit sehr geringer Wahrscheinlichkeit eingreifen bzw. Hilfe leisten, wenn weitere Zuschauer (engl. bystander „Dabeistehende“) anwesend sind. 

 

Der Effekt liegt im archaischen Sippendenken des Menschen als soziales Wesen begründet. Der Einzelne überträgt die Verantwortung an das Kollektiv. Niemand möchte den ersten Schritt tun. Der Einzelne möchte sich nicht blamieren bzw. sich vor den anderen lächerlich machen. Alternativ ist der Einzelne auch zu bequem, den ersten Schritt zu tun oder er traut sich von seinem Kompetenz-Empfinden nicht zu, zu handeln.

 

Die individuellen Gründe liegen in der individuellen Persönlichkeit. Der Effekt selbst wirkt aber unabhängig (!) davon. Er basiert auf dem Effekt des sozialen Einflusses. Dieser Effekt führt dazu, dass das eigenständige Denken und Handeln ausgeblendet wird und sich dem tatsächlichen oder nur vorstellten Denken und Verhalten der Gruppe unterstellt.

 

Der Begriff „Genovese-Syndrom“ basiert auf dem Namen von Kitty Genovese, einer US-Amerikanerin aus New York City, die 1964 auf dem Weg zu ihrem Wohnhaus einem Mordanschlag zum Opfer fiel. Der Anschlag auf  Kitty Genovese zog sich über etwa eine halbe Stunde hin und geschah an verschiedenen Orten. Mindestens 38 Personen aus der Nachbarschaft beobachteten den Überfall, ohne dass der jungen Frau irgendjemand zu Hilfe kam. Wer meint, so etwas sei ein Einzelfall, der täuscht sich.

 

O.g. Effekte belegen, dass es sich vorab sogar um eine Regel handelt. Diese Tatsache wird lediglich selten bemerkt oder von Menschen aufgrund des sogenannten "gesunden Menschenverstandes" nicht für möglich gehalten. Hinzu kommt die darauf basierende Ausblendung derartiger Wahrnehmungs-Reize durch den Effekt der Selektiven Wahrnehmung. Wer ein derartiges Handeln nicht für möglich hält, der nimmt es auch nicht oder nur wenig bzw. selten wahr. Folglich führt dies in der individuellen Wahrnehmung zu der Annahme von Seltenheit bzw. von Ausnahmeerscheinungen.

 

Der Mord an Kitty Genovese veranlasste die Psychologen John M. Darley von der New York University und Bibb Latané von der Columbia University das Nichteingreifen der Zeugen wissenschaftlich zu untersuchen. Als Hauptursachen des Verhaltens identifizierten die Forscher die Aufteilung der Verantwortung sowie Pluralistische Ignoranz. Die Forschungsarbeiten von Darley und Latané motivierten zu vielen weiteren sozialpsychologischen Studien über prosoziales Verhalten. Forschungen, welche die Ursachen für das Phänomen der unterlassenen Hilfeleistung untersuchen, betonen die starke Bedeutung von Gruppenprozessen und Gruppendynamik.

 

Unterschiedliche Theorien zur Ursache

 

Theorie 1:

Die Notwendigkeit oder Dringlichkeit einer Hilfeleistung kann von den Umstehenden nicht eindeutig eingeschätzt werden. Die Personen unterlassen Hilfeleistung, weil sie befürchten, dass sie sich blamieren, wenn sie in einer Situation eingreifen, die für die betroffene(n) Person(en) nicht bedrohlich ist.

 

Theorie 2:

Bei einer größeren Zahl von Umstehenden wird die Bereitschaft größer, die Situation nicht als Notfall einzuschätzen (pluralistische Ignoranz). Die anderen Umstehenden sehen offenbar auch keinen Notfall, denn niemand sonst hat bisher eingegriffen.

 

Theorie 3:

Bei einer größeren Zahl von Umstehenden kommt es zu einer Verantwortungsdiffusion: Verantwortungsteilung auf die Zahl der Zuschauer bezogen mit gleichzeitiger Abnahme der Eigenverantwortung. Es wird darauf gewartet, dass eine andere Person eingreift bzw. den ersten Schritt einer Intervention wagt.

 

Theorie 4:

Nach der Reaktanz-Theorie fühlt sich eine um Hilfe gebetene Person von dieser Bitte in ihrer Entscheidungsfreiheit eingeengt. Als Gegenreaktion wird sie dazu tendieren, Hilfe zu verweigern.

7b Beeinflussung durch soziale Wahrnehmung

Hypothesentheorie der sozialen Wahrnehmung

Persönliche und soziale Faktoren lösen bestimmte Erwartungen aus, die zur Aufstellung bestimmter Hypothesen führt z.B. "andere bzw. bestimmte Menschen sind mir feindlich gesinnt". Derartige Erwartungshypothesen beeinflussen die eigene Wahrnehmung enorm. Sie stellen eine regelrechte Leitorientierung für die Wahrnehmung dar und entscheiden darüber, was überhaupt (selektiv) wahrgenommen wird und wie das Wahrgenommene (vor-)interpretiert wird.

 

In vielen Fällen nehmen Menschen aus der Masse der realen Umweltreize nur diejenigen wahr, die ihren Hypothesen entsprechen. Reize, die den eigenen Erwartungen und Hypothesen widersprechen, werden nicht wahrgenommen, abgelehnt, abgewertet, umgedeutet, verzerrt oder verfälscht.

 

Je stärker eine Hypothese ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie aktiviert wird, desto weniger Informationen werden benötigt, um sie für sich zu bestätigen. Entsprechend hoch muss die Anzahl widersprechender Informationen sein, damit sie widerlegt werden kann. Manchmal gelingt es nie, einen Menschen von seinen Fehlwahrnehmungen und daraus abgeleiteten Fehlannahmen abzubringen:

 

 

Fehler aufgrund sozialer Wahrnehmung (allgemein)

Wir bilden uns einen Eindruck von anderen Menschen und ziehen daraus Rückschlüsse auf uns selbst. Bei der Einschätzung anderer Menschen schließen wir allein schon aus nonverbalem Verhalten oder bereits aus Unterlassen und Abwesenheit auf die Einstellung anderer uns selbst gegenüber und leiten daraus Rückschlüsse ab, die nicht selten falsch sind. Sie werden entweder falsch interpretiert oder sind reine Annahmen, Unterstellungen oder Einbildung. Daraus leiten wir unser Selbst- und Fremdbild, unser Weltbild und damit sämtliche Urteile und Entscheidungen ab.

 

Menschen stehen im Leben nie allein. Wir stehen und handeln stets in einem sozialen Kontext -ebenso nehmen wir alles in einem sozialen Kontext wahr. Wir beobachten andere und das, was sie tun, schauen uns Dinge ab und lernen - allein für uns durch andere oder unmittelbar in Gruppen und Gesellschaften, in denen wir interagieren und von denen wir in irgendeiner Art und Weise abhängig sind oder uns abhängig machen.

 

 

Fehler aufgrund sozialer Wahrnehmung: Fehlerhafte Grundannahmen /

Fehlerhafte Grundkonstrukte (Selbstbild - Fremdbild - Metabild - Weltbild)

Im Rahmen der sozialen Wahrnehmung sind wir stets bestrebt, ein eigenes Bild von uns zu konstruieren, zu modellieren oder zu festigen (Selbstbild). Ebenso sind wir bestrebt, andere Menschen einzuschätzen und ihre Person sowie ihr Verhalten mir uns selbst und unserem eigenen Verhalten zu vergleichen. Dadurch manifestiert sich ein bestimmtes Bild von uns (Selbstbild) und von anderen (Fremdbild), wodurch zugleich auch unser Bild von dieser Welt (Weltbild) entsteht.

 

Die Vermutungen, Annahmen und Unterstellungen wie andere wohl über uns selbst denken, bezeichnet man als Metabild. Selbstbild, Fremdbild, Metabild und Weltbild sind jedoch stets subjektiv bzw. fehlerhaft. Aus dieser Subjektivität und den damit verbundenen Denk-Fehlern und Annahmen heraus ziehen wir nachfolgend erneut fehlerhafte Rückschlüsse:

 

 

Fehlerhafte Rückschlüsse aufgrund der sozialen Wahrnehmung

Wie bereits erwähnt, bilden wir uns einen Eindruck von anderen Menschen und ziehen daraus Rückschlüsse auf uns selbst. Bei der Einschätzung anderer Menschen schließen wir allein schon aus nonverbalem Verhalten oder bereits aus Unterlassen und Abwesenheit auf die Einstellung anderer uns selbst gegenüber und leiten daraus Rückschlüsse ab, die nicht selten falsch sind: Entweder weil wir sie falsch übersetzen bzw. falsch interpretieren oder weil wir sie prinzipiell annehmen (Annahme) und unterstellen (Unterstellung) und sie uns somit einbilden (Einbildung).

 

Aus diesen Annahmen, Unterstellungen und Einbildungen leiten wir alles, was wir auf uns und andere beziehen, ab und formen damit unser Selbst- und Fremdbild. Auch überlegen wir stets, um was für ein Typ Mensch es sich bei anderen handelt. Dazu bilden und verfolgen wie naive implizite subjektive Persönlichkeitstheorien, passen daran unser Rollenverständnis an und versuchen Menschen in unserem Gehirn bestimmten Schubladen, Typisierungen, Klassifizierungen und Rollen (z.B. Stereotype Menschenbildannahmen, Persönlichkeits-Typen) zuzuordnen, obwohl dies alles sehr subjektiv und stark verallgemeinert ist. 

 

Dazu nutzen wir auch unsere Intuition, unsere Vorstellungskraft (Phantasie) und unsere vermeintlichen Fähigkeiten, andere Menschen zu erkennen, zu erklären und zu durchschauen. Diese vermeintliche Fähigkeit nennen wir Menschenkenntnis. Zugleich versuchen wir, Zusammenhänge zu attribuieren (sogenannte Attributions-Prozesse, aus denen ebenfalls Fehler resultieren, sogenannte Attributionsfehler).

 

Wir versuchen Zusammenhänge (entsprechend unserer eigenen "Logik") entweder abzuleiten oder selbst zu konstruieren, um zu erklären, warum sich Menschen in einer bestimmten Art verhalten und warum man sich selbst in einer bestimmten Art und Weise verhält. Aus diesen vielen Gedanken, Annahmen und Unterstellungen leiten wir unser Selbst- und Fremdbild, unser Weltbild und damit sämtliche Urteile und Entscheidungen ab.

 

Bei den Gedanken, die man sich über sich selbst macht, können zusätzlich insbesondere kognitive Dissonanzen das Bild enorm trüben. Hinzu kommt das Wirkungsprinzip der kognitiven Dissonanz-Reduktion, mit dem wir zur Vermeidung oder Linderung kognitiver Dissonanzen unsere Urteile und entsprechende Zusammenhänge vorsätzlich verfälschen, um uns besser zu fühlen und um unseren Selbstwert nicht zu gefährden.

 

Damit unser Weltbild nicht ins Wanken gerät, konstruieren wir uns eigene Erklärungen, die unser Tun und Handeln vor uns selbst rechtfertigen (Siehe "Effekt der kognitiven Dissonanz-Reduktion" und "Selbstwert-Effekt" bzw. "Selbstwertdienliche Verzerrung"). Nachfolgend finden Sie einige beispielhafte Beobachtungs-, Wahrnehmungs- und Beurteilungsfehler, die mit der sozialen Wahrnehmung im Zusammenhang stehen oder daraus abgeleitet werden können:

 

  

Attributionsfehler (auch "Fundamentaler Attributionsfehler",
"Korrespondenzverzerrung", "ultimativer Attributionsfehler")

Der Attributionsfehler beschreibt die Tendenz von Beobachtern, die beobachteten Personen selbst als Ursache für die Handlungen der beobachteten Personen zu sehen. Es besteht eine Neigung, den Einfluss von Persönlichkeitseigenschaften, Einstellungen und Meinungen auf das Verhalten zu überschätzen und äußere Faktoren bzw. Einflüsse zu unterschätzen. Dispositionale Faktoren werden überbewertet, gleichzeitig werden situationale und externe Faktoren unterbewertet.

 

Attributionsfehler basieren auf Attributionsprozessen. Hier geht es darum, wie wir die Ursachen von Ereignissen erklären bzw. auf entsprechende Ursächlichkeiten schließen, wie wir unser Verhalten und das anderer Menschen erklären.

 

Grundsätzlich können die Ursachen von Verhalten in der Persönlichkeit liegen oder auf äußere Umstände zurückgeführt werden. Diesbezüglich unterscheidet man u.a. zwischen sogenannter "internaler" und "externaler" Attribution sowie zwischen "dispositionalen" und "situationalen" Faktoren. Die Art und Weise wie wir attribuieren, hat einen starken Einfluss auf unsere Einstellung zu der jeweiligen Person. Ebenfalls hat die Einstellung zu einer Person einen starken Einfluss auf die Art, zu attribuieren bzw. auf die Schlüsse und Zusammenhänge, die wir entsprechend ableiten.

 

Wir begegnen Ereignissen stets mit bestimmten Vorannahmen, interpretieren die jeweilige Situation und leiten daraus Verhaltenserwartungen ab. Bereits diese Erwartungen können stark fehlerbehaftet oder gänzlich falsch sein. Oft schreiben wir anderen Personen bestimmte Erwartungen bzw. eine ganz bestimmte Erwartungshaltung (z.B. uns selbst gegenüber) zu, die tatsächlich aber gar nicht vorhanden - oder ganz anders ist.

 

Ein Attributionsfehler (auch "Fundamentaler Attributionsfehler" oder "Korrespondenzverzerrung" bzw. "ultimativer Attributionsfehler") beschreibt - einfach ausgedrückt - die Tendenz von Beobachtern, die beobachteten Personen selbst als Ursache für die Handlungen der beobachteten Personen zu sehen.

 

Während das Verhalten anderer auf deren Persönlichkeit zurückgeführt wird, werden soziale und situationsbedingte Einflüsse übersehen bzw. bei der Beurteilung von Ursächlichkeiten vernachlässigt. Tatsächlich besteht eine Neigung, den Einfluss von Persönlichkeitseigenschaften und Einstellungen auf das Verhalten einer Person zu überschätzen und äußere Faktoren bzw. Einflüsse zu unterschätzen. Fachlich ausgedrückt, werden dispositionale Faktoren überbewertet und gleichzeitig situationale und externe Faktoren unterbewertet.

 

So wird z.B. aggressives Verhalten zumeist auf eine grundsätzliche Aggressivität des Akteurs zurückgeführt und freundliches Verhalten auf einen freundlichen Menschen. Der Attributionsfehler geht aber noch weiter: So wird z.B. bereits von einer lauten Stimme auf einen grundsätzlich aggressiven Menschen geschlossen oder von einem verschütteten Glas auf einen "Schussel". Wenn jemand eine Prüfung nicht besteht, halten wir ihn ganz einfach für "dumm" oder "faul".

 

Dass die betreffende Person zuvor einen schweren Unfall erlebt hat, bei dem die nächsten Familienangehörigen ums Leben gekommen sind und nun nach einer schlaflosen Nacht im Krankenhaus an nichts anderes mehr denken kann als das erfahrene Trauma und tiefe Trauer, sieht man nicht und hinterfragt es nicht. Das Nächstliegende ist für unser Gehirn einfacher, bequemer und ökonomischer. Insbesondere extremes Verhalten (z.B. ein Mord) wird bevorzugt auf einfache Erklärungen zurückgeführt. Die Erklärungsversuche beschränken sich zumeist auf Persönlichkeitsmerkmale und auf demnach logische Motive, was die Aufklärung eines Mordes erschweren kann.

 

Der Attributionsfehler ist ökonomisch und bequem. Er erleichtert unserem Gehirn, sich in der Welt schnell und einfach zurechtzufinden, schnelle Erklärungen zu finden, schnelle Urteile zu fällen und wichtige Ressourcen zu sparen. Er hilft, die eigene Logik nicht in Frage stellen zu müssen und bestätigt Vorurteile. Beim Attributionsfehler steht die Zuschreibung von Ursachen für bestimmtes Verhalten in einer Verbindung zu subjektiv vermuteten bzw. schnell unterstellten Eigenschaften ohne aufwändige Prüfung komplexer Sachverhalte und des Realitätsgehalts.

 

Für unser Gehirn spielt es keine Rolle, warum z.B. jemand zu einem Termin zu spät kommt. Es sieht lediglich den anderen Menschen als aktuellen und zukünftigen Kooperationsartner und fokussiert die Beurteilung allein auf ihn. Wenn jemand nicht oder zu spät zu einem Termin erscheint, gehen wir nicht etwa davon aus, dass ein Bahnstreik oder Todesfall oder einer der unzähligen anderen möglichen Umwelteinflüsse ursächlich sein könnte, sondern von unterstellten Eigenschaften wie geringe Motivation, Unzuverlässigkeit oder Desinteresse der verspäteten oder nicht zum Termin erschienenen Person. Wir wollen wissen mit wem wir es zu tun haben und nicht wieso, weshalb und warum. Letzteres hilft uns nicht. Ebenso wie wir Stereotype brauchen, brauchen wir Kategorien wie "verlässlich" oder "unzuverlässig".

 

Erklärt man sich das Verhalten eines Menschen damit, dass er einer bestimmten sozialen Gruppe angehört, spricht man von einem "ultimativem Attributionsfehler", der wiederum auf zusätzlichen Menschenbildannahmen (Stereotype) basiert.

 

Der Attributionsfehler bestätigt eigene Vorurteile und verzerrt die Wahrnehmung zum eigenen logischen Verständnis. Die eigene Logik muss kurz, schnell und unkompliziert erfolgen. Daher verschwendet unser Gehirn keine Ressourcen für ferne Dinge. Wenn wir die Ursache für das Verhalten eines Menschen erklären wollen, richten wir die meiste Aufmerksamkeit allein aus ökonomischen Gründen genau auf diesen Menschen, nicht aber auf alles andere, was ursächlich sein könnte oder mit dem beobachteten Verhalten in eigentlicher Verbindung steht.

 

Dadurch neigt man dazu, die in der Person liegenden möglichen Ursachen zu überschätzen und verdrängt die vielen anderen und eigentlichen Ursachen. Dies liegt auch daran, dass die nicht in der Person liegenden externen Ursachen (Außeneinflüsse) zum Zeitpunkt des beobachteten Verhaltens oft gar nicht mehr vorhanden oder nicht sichtbar sind. Wir können sie nicht beurteilen und klammern uns folglich nur an das, was unmittelbar naheliegend ist - und genau das ist eben die Person und ihr Charakter.

 

Hinzu kommt, dass auffällige Dinge generell einen größeren Einfluss auf die Ursachenzuschreibungen haben (Perzeptuelle Salienz). Je nachdem, wie gut wir jemanden sehen, beurteilen wir ihn. Aus der Dominanz der eigenen Sicht schlussfolgern wir unbewusst die Dominanz der beobachteten Person und beurteilen sie entsprechend unserer eigenen Sicht und Aufmerksamkeit. So auch beim Attributionsfehler: Das Verhalten des Handelnden fällt ins Auge, nicht aber das gesamte Drumherum. Beobachtbares Verhalten ist auffallender (salienter) als der situative Zusammenhang (situationale Kontext).

 

Hinzu kommt noch die Tatsache, dass wir das das eigentliche tatsächliche Verhalten nicht richtig beobachten und wahrnehmen können. Es sind lediglich einige oberflächliche Eindrücke, die wir wahrnehmen und sprachlich mit kurzen (verkürzte) Begriffen umschreiben. Insofern handelt es sich bei dem Attributionsfehler auch um eine Art Beobachtungsfehler, der aufgrund der Relevanz in der Sozialpsychologie aber dieser Rubrik zugeordnet wurde.  

 

Wie die meisten Wahrnehmungsfehler, so erfolgt auch der Attributionsfehler in der Regel schnell, unbewusst und völlig automatisch. Dies liegt daran, dass unser Gehirn mit seinen Ressourcen ökonomisch haushalten muss. Nur wer viel Zeit zum Nachdenken hat, konzentriert und - darüber hinaus - hoch motiviert ist, könnte einen etwaigen Attributionsfehler ggf. bewusst hinterfragen. Da wir aber überwiegend von Gefühlen gesteuert sind und in Bezug auf Attributionsgeschehen Gefühle sehr stark involviert sind, stehen die Chancen sehr schlecht, dass wir die Dinge klar sehen.

 

Selbst wenn wir erfahren, dass für bestimmtes Verhalten, das uns nicht gefällt, in Wahrheit externe Umwelteinflüsse ursächlich waren, negieren wir diese und die Eigenschaftszuordnung bleibt haften. Selbst dann, wenn wir logisch nachvollziehbare oder beweisbare Ursächlichkeiten erfahren, bleibt unser Urteil verzerrt (Ankerheuristik). Auch dann sind wir nicht in der Lage, objektiv zu urteilen, sondern verschieben lediglich die erste Fehleinschätzung minimal in Richtung der eigentlichen externen Einflüsse. Da der erste Gedanke bzw. die erste Einschätzung haften bleibt, werden auch alle weiteren Einschätzungen genau davon beeinflusst.

 

Je individualistischer und selbstbestimmter der Mensch ist, desto stärker ist die Gefahr des Attributionsfehlers. Dies trifft auch auf Menschen zu, die sich für besonders intelligent halten oder jene, die von ihrer guten Menschenkenntnis überzeugt sind. Menschen mit geringerer Individualität und Selbstbestimmung oder Menschen aus sehr kollektivistischen Kulturkreisen, neigen grundsätzlich etwas weniger zur internen Attribution bzw. zur Voreingenommenheit bzw. zum Attributionsfehler.

 

Den Attributionsfehler macht man nicht in Bezug auf die eigene Person, sondern in Bezug auf das Verhalten anderer. Das liegt daran, weil man selbst aufgrund der eigenen Kenntnis und Erfahrung in Bezug auf externe Ursächlichkeiten, die Ursachen für bestimmtes Verhalten ein wenig besser einschätzen kann. Zwar trifft auch dies nicht zu und es gibt in Wahrheit vielleicht ganz andere Ursachen, man selbst meint es aber zumindest oder ist sogar davon überzeugt. Daher ist man sich selbst gegenüber weniger voreingenommen (Akteur-Beobachter-Unterschied).

 

Es gibt jedoch einen weiteren Grund: Menschen haben eine starke Motivation, ihr Selbstwertgefühl gegen Bedrohungen von außen zu verteidigen. Sie neigen daher dazu, ihre Erfolge eher sich selbst (intern) zuzuschreiben und Misserfolge eher der Außenwelt (extern) zuzuschreiben, insbesondere dann, wenn wenig Aussicht auf Erfolg oder auf Leistungsverbesserung besteht (Selbstwertdienliche Attribution).

 

Da Menschen auf andere Menschen möglichst positiv wirken - und ihr Selbstwertgefühl nicht beeinträchtigen wollen (einen guten Eindruck auf andere machen), stellen sie ihre Erfolge oder Misserfolge nach außen entsprechend der selbstwertdienlichen Attributionen dar. Bei Misserfolgen wird meistens anderen die Schuld in die Schuhe geschoben bzw. die Ursächlichkeit der Umwelt zugeschrieben, während man Erfolge angeblich stets selbst von innen heraus erreicht hat.

 

Ähnlich wie bei der Kontrollillusion ist der fundamentale Attributionsfehler vermutlich zugleich mit ursächlich für die Entstehung bzw. Erklärung sogenannter "Verschwörungstheorien", bei denen hinter einem bestimmten Ereignis manipulatives, geheimes, listiges oder böswilliges Handeln von außen (z.B. durch Verschwörer, Staatsorgane etc.) vermutet wird. Hier wirkt der Attributionsfehler jedoch aufgrund der bestimmten Einstellung und Disposition der Verschwörungstheoretiker genau umgekehrt, was auch mit der kognitiven und psychischen Konstitution in Zusammenhang stehen kann.

 

Die einfache Lösung wird angezweifelt und stattdessen etwas Komplexes dahinter vermutet. Was sich Menschen nicht erklären können, weil sie anders denken, kann und darf ihrer Auffassung nach, nicht so einfach sein wie es dargestellt wird. Daher wird nach einer komplexen intelligenten Lösung gesucht, selbst dort, wo es gar keine komplexe oder intellektuell anspruchsvolle Ursächlichkeit gibt. Dies kann zu einem regelrechten Wahn führen oder mit einem solchen in Verbindung stehen.

 

 

Licensing-Effect

Der licensing effect (auch „Lizenzierungs-Effekt“, „Selbst-Lizenzierung, „Guthabeneffekt“ oder „Erlaubniseffekt” genannt) ist ein menscheneigener Schuld-Reduzierungsmechanismus, der über einen Selbstwahrnehmungsfehler in Form eines Denkfehlers eine Selbstüberlistung unseres Gewissens darstellt. Was passiert?

 

Menschen tuen etwas Positives oder Gutes, um negatives Verhalten vor sich selber zu rechtfertigen. Letztendlich führt das Verhalten zu einer permanenten Steigerung des negativen Verhaltens. So zeigen sich Menschen z.B. zuerst altruistisch, helfen Menschen, setzen sich für eine gute Sache ein oder spenden etwas für einen guten Zweck, um danach das genau das Gegenteil zu tun, weil das erste Verhalten das folgende Verhalten scheinbar rechtfertigt.

 

So das Denkmuster in unserem Gehirn. Der Licensing-Effect beschreibt damit eine Art "Innere Lizenz zum Böse sein", bezieht sich aber ebenso auf Konsum: Das vermeintlich positive Voraus-Handeln dient letztendlich dem Genuss der eigenen persönlichen Luxus-Befriedigung. Der frühere Ablasshandel der römisch-katholischen Kirche war insofern nichts anderes als die offizielle Version dessen, was auch ansonsten in unserem Kopf geschieht.

 

Der Effekt besagt auch: Gute Taten lassen schlechte in der Zukunft folgen. So der Automatismus, der wie folgt funktioniert: Eine gute Tat verbucht unser Gewissen auf einer Art gehirneigenem „Moralkonto“ , dessen „Guthaben“ wir nachfolgend abbauen, indem wir uns nachfolgend einfach schlechter und ich-bezogener benehmen, weil unser Gehirn davon ausgeht, dass wir uns das leisten können.

 

Bewusst Gutes zu tun, ist folglich auch eine Art der egozentrischen Gewissensberuhigung, die nicht gerade zu einem wirklich guten Charakter führt. Ein solches Verhalten kann auch durch unsere Mitmenschen bzw. durch sozialen Einfluss (Social cognition effect) ausgelöst werden.  Je stärker wir uns mit anderen identifizieren, desto stärker lassen wir uns von deren Verhalten beeinflussen. Für den licensing effect bedeutet dies: Selbst die guten Taten anderer (z.B. von Freunden, Bekannten und Kollegen) verbucht wir auf unserem Gewissens- bzw. Moralkonto. Dieses Gewissens- bzw. Moralkonto bezieht sich auf Selbstbetrug im Konsumverhalten – aber ebenso auf das Belügen und Betrügen anderer.

 

 

Fehler aufgrund sozialer Wahrnehmung / Konkret: Stereotype

Bei der Beobachtung, Einschätzung und Beurteilung anderer Menschen haben Menschen bereits vorgefasste Meinungen über die Menschen als Menschen-Typ. Es besteht geradewegs ein Hang zur Einstufung von Menschen in bestimmte Typen, Menschenbilder, Gruppen, Rollen, Hierarchien, Klassifizierungen, Zertifizierungen und Normen.

 

Besonders deutlich wird dies bei der Beobachtung, Einschätzung und Beurteilung von Menschen aus ganz bestimmten sozialen Gruppen (Soziale Stereotype). Menschen haben bereits vorgefasste Meinungen über diese sozialen Gruppen. Klassifizierungen, Menschenbild- und Persönlichkeits-Typ-Annahmen und Klassifizierungen können zwar hilfreich sein, werden jedoch der Realität und dem Kenntnisstand der Psychologie nicht wirklich gerecht. Sie führen häufig zu gravierenden Fehlwahrnehmungen, Fehlbeurteilungen und Fehlentscheidungen.

 

Stereotype sind ein Sonderfall des "logischen Fehlers". Stereotype sind vereinfachende Vorstellungen über Menschen (Menschenbildannahmen), welche die Wahrnehmung einer Person ebenso bestimmen wie die unzähligen sonstigen Beobachtungs-, Beurteilungs- und Wahrnehmungsfehler, denen das menschliche Gehirn unterliegt. 

 

Stereotype basieren auf Vorstellungen und Denk-Mustern, die fest im Gehirn verankert sind und in unseren täglichen Wahrnehmungs-, Denk- und Entscheidungsprozessen nicht mehr hinterfragt werden. Insbesondere bei der Einschätzung und Beurteilung von Menschen aus bestimmten sozialen Gruppen haben Menschen bereits vorgefasste Meinungen über diese sozialen Gruppen (die Frauen, die Ausländer, die Rechtsradikalen, die Ärzte, die Psychologen, die Chefs, die Manager, die Arbeiter, die Behinderten etc.). Im Kopf entstehen regelrechte Bilder, die die komplette weitere Wahrnehmung und das Denken beeinflussen, eine bestimmte Schublade öffnen und füllen und eine bestimmte weitere Denkrichtung vorgeben

 

Die Einschätzung auf Basis von Stereotype erfolgt automatisch und unbewusst. Sie wird jedoch auch ganz bewusst vorgenommen, da Menschen einen Hang zur jeweiligen Einstufungen und Klassifizierung haben und - darüber hinaus - zur schnellen und einfachen (primitiven) Zuordnung. Dies erfolgt auf Basis eines primitiven Urinstinktes, der grundsätzlich erst einmal einen Sinn und Nutzen hat.

 

Dass unser Gehirn Menschen automatisch verschiedenen Kategorien zuordnet, ist eigentlich eine praktische Eigenschaft, welche das Gefühl der Zugehörigkeit und der Einschätzung des eigenen Standes ermöglicht und darüber hinaus automatisch regelt, was man in seiner Rolle oder Position besser tun oder unterlassen sollte. Insofern erleichtern Sterotype das Verhalten und das Reaktionsverhalten und gestalten Wahrnehmungs-, Denk, Entscheidungs- und Reaktionsprozesse um ein Wesentliches ökonomischer. "Ökonomisch" heißt jedoch nicht "immer richtig".

 

In der Steinzeit diente diese Fähigkeit dazu, sehr schnell Freund und Feind zu unterscheiden und bei der Begegnung mit anderen Menschen ebenso schnell mit Flucht, Verteidigung oder Angriff zu reagieren. In unserer heutigen modernen Zeit ist das Leben bzw. Zusammenleben jedoch viel komplexer und vielschichtiger. Daher sind Zuordnungen nach alten Steinzeit-Mustern auch nicht mehr stimmig und daher nicht immer von Vorteil.

 

Dennoch denken und handeln wir immer noch so wie früher. Wir  tun dies nicht nur unbewusst, sondern sogar sehr bewusst. Zudem besteht - wie in der Steinzeit - auch heute immer noch ein Hang zur Einstufung in bestimmte Typen, Menschenbilder, Gruppen, Rollen, Hierarchien, Klassifizierungen, Zertifizierungen und Normen, die nach wie vor darüber entscheiden, wer wir sind, wie wir anzusehen sind und wie wir uns anderen gegenüber verhalten sollen, können, dürfen - oder eben nicht.

 

An diese stereotype Vorstellung passen wir uns weitestgehend an, bewusst und unbewusst. Schließlich will z.B. ein Arzt auch gern als solcher wahrgenommen werden, weshalb er in Deutschland einen weißen Kittel trägt, ohne den er im Krankenhaus und selbst in seiner eigenen Praxis nicht "für voll" genommen würde. Bei Stereotypen handelt es sich jedoch nicht um ein Stigmata, weil der Kontext entscheidet. Der besagte Arzt würde im selben Kittel auf einer Autobahn-Toilette ein völlig anderes Bild erzeugen und dadurch auch ggf. anders bewertet und behandelt werden.

 

Insofern stehen Stereotype in einem engen Zusammenhang mit anderen weiteren Beobachtungs-, Beurteilungs- und Wahrnehmungsfehlern z.B. die Einschätzung nach der Kleidung. Es geht aber bei Stereotype nicht darum, wie oder als was man wirkt, sondern dass man z.B. als Arzt oder Toilettenmann oder als Mann oder Frau in ein bestimmtes Gruppen-Raster bzw. in eine Schublade gesteckt wird und dieser "Kategorisierung" dann bestimmte feste Eigenschaften zugeordnet werden, denen dann automatisch zugleich weitere Eigenschaften unterstellt werden (siehe: Stereoptypisierte Kopplung).

 

Dieser Hang zur Kategorisierung und Einstufung ist ein regelrechter Trieb, der eigentlich erst einmal seinen Nutzen hat: Stereotype transportieren Einstellungen, bilden Werte und Normen und dienen zur Herstellung gesellschaftlicher Strukturen und Anerkennungs-Strukturen. Stereotype sind damit ein Instrument zur Herstellung von Ordnung. Dies bedeutet jedoch nicht, dass diese Ordnung immer richtig ist. Vieles wird übersehen und es kommt natürlich auch zu Fehleinschätzungen, allein aufgrund der Verallgemeinerung in der Kategorisierung und Bewertung von Menschen und Verhältnissen.

 

Ein Stereotyp ist von einem "Klischee", einem "Stigma" und einem "Vorurteil" abzugrenzen. Während Klischees, Vorurteile und Stigmata stets mit negativen Bewertungen und negativen Gefühlen einhergeht, stellen Stereotype lediglich eine Unterscheidung zum Ausdruck.

 

Durch ihre Einordnung in bestimmte „Schubladen“ (Schubladendenken) geben sie dem menschlichen Gehirn erst einmal einen Sinn, der u.a. in der schnellen Informationsverarbeitung und Handlungsfähigkeit liegt. Im Gegensatz zu Klischees, Stigmata und Vorurteilen sind Stereotype sehr stark von Rahmenbedingungen bzw. vom Kontext abhängig (Obiges Beispiel: Arzt im weißen Kittel in einem Krankenhaus + Arzt auf dem WC einer Raststätte) Ihre Aussagen sind allgemein und nicht speziell. Daher aber (selbst im jeweiligen Kontext) auch nie individuell und auf den Einzelfall bezogen. 

 

Stereotype sind kulturell und sozialisationsabhängig unterschiedlich geartet bzw. ausgeprägt. In Deutschland ist der Hang, möglichst alles zu klassifizieren und zu zertifizieren z.B. sehr viel stärker ausgeprägt als in anderen Ländern, wo man sogar darüber schmunzelt - und es gibt Stimmen, die schmunzelnd verlauten lassen, dass es eigentlich sogar eine Prüfung als zertifizierter Diplom-Komiker geben müsse.

 

Fakt ist: "Ein Jäger" in Deutschland ist etwas völlig anders als "ein Jäger in England" oder "ein Jäger" in Kanada. Je nach Meinungsbildung, Wissen und Bildung formen wir uns in unserer Phantasie bzw. mit Hilfe unserer Vorstellungskraft bei den drei Jägern ein völlig unterschiedliches Bild, das sich (farblich, professionell und prüfungstechnisch, elitär oder natürlich - und auch von der Einschätzung von Persönlichkeit, Charakter, Aussehen, Kleidung und Sympathie völlig abhebt, obgleich es sich bei allen Dreien um "Jäger" handelt.

 

Während in Deutschland auf der einen Seite - auch staatlich - sehr stark klassifiziert und zertifiziert wird, besteht gleichzeitig ein starkes staatliches Engagement, bestimmte Stereotype zu negieren oder umzuinterpretieren. Ursächlich sind Gerechtigkeitsempfinden und Mitgefühl und daraus resultierendes soziales und politisches Engagement, zugleich aber auch die Verfälschung von Statistiken, nicht etwa aus betrügerischer Gesinnung heraus, sondern aufgrund der aus Stereotype resultierenden Beobachtungs-, Beurteilungs- und Wahrnehmungsfehler.

 

Je nachdem, auf welcher Seite man steht, ergibt sich merkwürdigerweise ein völlig anderes Bild und sogar komplett andere Messwerte bzw. Zahlen. Keine Zauberei und keine bewusst betrügerische Tatsachenverdrehung, sondern Wahrnehmungsfehler, im konkreten Fall Stereotype und die darauf basierenden weiteren Fehler und Effekte.

 

Die Wertung selbst spielt keine Rolle. Weder ein pauschales Schlechtreden, noch ein Schönreden, noch ein Neutralisieren bestimmter Personengruppen-Stereotype steht in einem Verhältnis zur Realität und auch nicht zu dem, was vom Grundgedanken her eigentlich angestrebt wird, allein deshalb, weil es pauschal und auf Basis von Schubladen erfolgt, die man nachträglich nicht mehr umräumen kann, allein deshalb schon nicht, weil die anderen Schubladen verschlossen sind. 

 

Bereits das Streben nach Gleichberechtigung und/oder Bevorzugung ganz bestimmter sozialer, kultureller und/oder politischer Schichten und Gruppierungen basiert auf genau eben diesen Sterotypen bzw. auf pauschalen Mernschenbild- und Verhältnisannahmen (ohne individuelle Einzelfall-Prüfung) und fördert sie zugleich. Dies führt zu Privilegien, unterstellten Privilegien, Umschichtung von Privilegien, falschen Privilegien.

 

Was aus professioneller Sicht schizophren wirkt, ist sachlich-nüchtern betrachtet Wahrnehmung auf Basis von Stereotype. Die Folge: Das, was unserem Gehirn eigentlich Sicherheit geben soll, führt zu Unsicherheiten und sehr häufig zur Orientierung an anderen z.B. an den Stimmen und Meinungen der Presse.

 

Die Problematik der Stereotypisierung finden wir nicht nur in der Politik, sondern überall im täglichen Leben. Dies führt unter anderem dazu, dass bestimmte Menschen bevorzugt behandelt werden und andere eher benachteiligt. Andere wiederum behandeln (aufgrund ihrer eigenen Persönlichkeit und ihrer Ansichten) gerade Menschen bevorzugt, bei denen sie vom stereotypen Menschenbild her einfach stereotyp davon ausgehen, dass sie benachteiligt sind oder benachteiligt werden.

 

Im Umkehrschluss behandeln sie andere Menschen wiederum zu ihrem Nachteil, weil sie davon ausgehen, dass genau jene Menschen üblicherweise bevorzugt werden oder prinzipiell einen Vorteil haben. Folglich brauchen ihrer Sichtweise nach diese Menschen weder Hilfe noch Unterstützung und erst recht keine Bevorzugung. Vielmehr manifestiert sich das Bild, dass man diesen Menschen ihre vermeintlichen Vorzüge sogar weg nehmen oder sie gar bekämpfen müsse. Dies führt zu Mund-zu-Mund-Propaganda, übler Nachrede, Beschwerden, Klagen, Protesten, während es auf der anderen Seite zu sozialen Initiativen, Gesetzesänderungen, Vergünstigungen oder Bevorzugungen kommt.      

 

Stereotype Wahrnehmung erfolgt unbewusst und bildet die Impliziten Persönlichkeitstheorien jedes Einzelnen. Auch die bewusste Nutzung stereotyper Vorstellungen und Muster ist allgegenwärtig: Subjektive Persönlichkeitstheorien und Persönlichkeitstests verwenden ebenso Stereotype wie Horoskope. Fast alle eignungsdiagnostische Verfahren erfolgen ebenso nach stereotypen Vorstellungen und Handlungsmustern wie die meisten Personalauswahlprozesse. Selbst in den meisten Vertriebsschulungen werden Kunden immer noch in eng umrissene Kunden-Typen klassifiziert. 

 

Derartige Klassifizierungen können zwar hilfreich sein, werden jedoch der Realität und dem Kenntnisstand der Psychologie nicht gerecht. Insbesondere in der Beurteilung von Bewerbern, in Personalentscheidungsprozessen und im Verkauf sind die Fehler, die durch Stereotype erzeugt werden eklatant hoch und um ein Vielfaches höher als der Nutzen, den stereotypisiertes Wahrnehmen, Denken und Handeln in der Steinzeit hatte.

 

Stereotype beeinflussen Wahrnehmung und Handeln nicht nur bewusst, sondern auch unbewusst. Sie nehmen - egal in welche Richtung ein Stereotyp geht - einen versteckten starken Einfluss auf professionelles Handeln und professionelle Entscheidungen. Dies betrifft sämtliche Lebensbereiche (Familien- und Sozialleben, Schule und Notengebung, Ausbildungs- und Berufswahl, Personalentscheidungen, Rechtsprechung, ärztliche Terminvergabe, Umgang mit Patienten, Behandlung und Pflege, Sonderrechte, Bevorzugung privilegierter Menschen, ebenso Bevorzugung nicht privilegierter Menschen, selbst eine Bestattung.

 

Egal in welche Richtung man Stereotype zu drehen, zu messen, auszulegen, zu negieren oder zu bevorzugen versucht: Sowohl Handlungen als auch Gegenoffensiven, sowohl Statistiken als auch Forschungsergebnisse, sowohl Rechtsbegehren als auch politische Debatten lösen allein durch die Nennung und das Aufzeigen von Stereotype oder das Zurückgreifen auf Stereotype einen starken Verzerrungseffekt aus, nur mit dem Unterschied, dass nun der Effekt mit System erfolgt (systematischer Verzerrungseffekt).

 

Insbesondere dann, wenn negative und positive Wertungen kommuniziert werden (z.B. geschlechtsspezifische Benachteiligung, religiöse oder kulturelle Ablehnung etc. ) wird nicht nur die Qualität der Wahrnehmung und Entscheidung beeinträchtigt, sondern zugleich das Wissen und die Wissenschaft, die ebenfalls dieser Beeinflussung daraus resultierenden Beobachtungs-, Beurteilungs- und Wahrnehmungsfehlern unterliegt. Stereotype führen stets zu Privilegien, egal wie man die Sichtweise dreht.

 

 

Fehler aufgrund sozialer Wahrnehmung / Konkret: Soziale Stereotype

Eine besondere Form der Stereotype sind soziale Stereotype, die dem Zusammengehörigkeitsgefühl dienen. Soziale Stereotypen gehen von einem "Wir" aus, woraus ohne jegliche Richtigkeit und Logik ein "Wir-Gefühl" in Bezug auf Nationen und Volksgruppen erzeugt - und soziales Verhalten ohne Rechtfertigung als zusammengehörig empfunden wird.

 

Dieses "Wir-Gefühl", das die Wahrnehmung trübt und stark verzerrt, kann im Ausland selbst einen Ostfriesen aus dem hohen Norden beim Anblick eines Maßkruges oder einer Lederhose befallen, selbst wenn diese Accessoirs aus Bayern sind. Selbst in ihrer Heimat verfolgte Asylbewerber bekommen dieses "Wir-Gefühl" in Bezug auf ähnliche Dinge aus ihrer Heimat.

 

Der Blick für die eigentliche Realität wird so stark getrübt, dass selbst frühere Antipathien und Feindschaften plötzlich blindlings übersehen oder gar vergessen werden. Ärger, Unmut und Armut werden plötzlich negiert. Es überkommt einen der Stolz auf die Heimat und seine Kultur, egal wie weit hergeholt oder realitätsnah dies ist.

 

Was man hasste, wird jetzt zur "Heimat", auf die man stolz ist. Das "Wir-Gefühl" breitet sich sogar auf jene aus, die im eigenen Land oder in der eigenen Kultur als entfremdet, als Ausländer oder gar als Außenseiter und Aussätzige galten. Soziale Stereotype schweißen wieder zusammen.

 

Eine ähnliche Wirkung haben andere soziale, kulturelle und religiöse Verhaltensweisen, was sogar dazu führen kann, dass man sich allein aufgrund einer bestimmten Religion, dem Klang einer Nationalhymne oder eines Liedes, Musik-Stückes oder Tanzes plötzlich ganz anders fühlt, Informationen anders wahrnimmt, plötzlich anders denkt und sich sogar an etwas anderes zu erinnern weiß, was jedoch in keinster Weise der tatsächlichen Erfahrung entspricht. Auf diesem Wahrnehmungsfehler basieren dann alle weiteren Beobachtungen, Wahrnehmungen, Ansichten, Äußerungen und Handlungen.

 

 

Stereotype Wahrnehmung / Beurteilung im Zusammenhang mit Ängsten (allgemein)

Stereotype Wahrnehmung steht ebenfalls in einem indirekten Zusammenhang mit Ängsten. Dazu gehört der Respekt und die Angst vor bestimmten Menschen, Menschengruppen, Hierarchien etc., aber auch die Angst vor der Fehlbeurteilung eines Menschen an sich. Ängste führen wiederum zu ungenauen Beobachtungen, unentschlossenem Handeln, Vermeidungsverhalten, zur Hemmung oder zu milder Bewertung.

 

Die Wahrnehmungsfehler, die mit Stereotypen, Ängsten und daraus resultierenden Erwartungen in Verbindung stehen und zu denen viele weitere noch hinzukommen, führen auch dazu, dass statistisches Zahlenmaterial, das der Meinungsbildung und Entscheidungsfindung zugrunde liegt, von vorne herein verfälscht wird, je nachdem welches Stereotyp wirkt und welche Sichtweise besteht. 

 

 

Stereotype Wahrnehmung / Beurteilung im Zusammenhang mit Ängsten
(Konkret: Milde-Effekt / 
Leniency-Effekt

Stereotype können auf Basis von Ängsten zum Milde Effekt (Leniency-Effekt) führen, wobei der jeweilige Beurteiler bzw. Entscheider bei seiner Beurteilung stets bestrebt ist, negative Eigenschaften des Beurteilten zu verharmlosen, herunterzuspielen oder gar zu leugnen. Ein etwaiges "Ego-Involvement" führt dazu, dass der Beurteiler eine zu beurteilende Person sogar viel positiver bewertet, als sie in Wirklichkeit ist. Hier besteht ein Zusammenhang mit dem sogenannten Sympathie-/Ähnlichkeitsfehler.

 

Stereotype Wahrnehmung / Beurteilung im Zusammenhang mit Ängsten
(Konkret: 
Großzügigkeitsfehler/ Generosity error)

Ein weiterer ähnlicher Beurteilungs- bzw. Urteilsfehler, der auf Ängsten und Stereotypen basieren kann, ist der Großzügigkeitsfehler (Generosity error). Die Sorge, durch negative Aussagen einer beobachteten, einzuschätzenden zu beurteilenden Person, die man z.B. für ein Stereotyp hält, ggf. zu schaden, führt beim Beobachter zur generellen Neigung, eine gute Beurteilungen abzugeben, auch aufgrund der Befürchtung, sich ggf. bei den beurteilten Personen oder anderen unbeliebt zu machen. 

 

Stereotype Wahrnehmung / Beurteilung im Zusammenhang mit Ängsten

(Konkret: Tendenz zur Mitte / Fehler der zentralen Tendenz)

Ein weiterer ähnlicher Beurteilungs- bzw. Urteilsfehler, der auf Ängsten und Stereotypen basiert, ist die Tendenz zur Mitte bzw. der Fehler der zentralen Tendenz: Hier fällt ein Beurteiler bzw. Entscheider sein Urteil bzw. seine Entscheidung immer möglichst so unkonkret, dass er alles gleich bewertet bzw. nach Möglichkeit genau die Mitte wählt, z.B. um niemanden vor den Kopf zu stoßen. Extreme Beurteilungen und Bewertungen werden in Bezug auf die Tendenz zur Mitte generell vermieden (Vermeidungsverhalten). Stattdessen werden mittlere Ausprägungen bei der Bewertung bevorzugt.

 

 

Exkurs: Tendenz zur Strenge

Ein fast gegenteiliger Beurteilungs- bzw. Urteilsfehler, der auf Stereotype basieren kann, ist die Tendenz zur Strenge z.B. dann, wenn man z.B. wegen Stereotype einen hohen Maßstab bzw. ein zu hohes Anspruchsniveau gegenüber einzuschätzenden  bzw. zu beurteilenden Personen (Stereotype) anwendet, wobei hohe Erwartungen und die daraus resultierenden hohen Ansprüche zu überproportional niedrigen Einstufungen und ggf. grundsätzlich schlechteren Bewertungen führen.

  

 

Fehler aufgrund sozialer Wahrnehmung / Konkret: Hierarchie-Effekt

Der Hierarchie-Effekt basiert sowohl auf der sozialen Wahrnehmung als auch auf Stereotype selbst. Er spielt im Personalwesen - aber auch in vielen anderen Lebensbereichen (von der Kreditvergabe bis zur Partnerwahl) eine entscheidende Rolle. Der Effekt besagt, dass Menschen (z.B. Mitarbeiter eines Unternehmens) höherer Hierarchie-Stufen (Positionen im Unternehmen) grundsätzlich anders beobachtet, beurteilt und bewertet werden als Vertreter unterer hierarchischer Stufen.

 

Es wird also davon ausgegangen, dass Menschen höherer Hierarchien automatisch besser sind. Bei dieser Menschenbildannahme, die zugleich eine bestimmte Erwartung produziert, wird davon ausgegangen, dass in gehobenen Positionen ausschließlich gute bzw. sehr gute (z.B. intelligentere, zuverlässigere, engagierterer, ehrlichere usw.) Menschen bzw. Mitarbeiter zu finden sind, weil man meint, sie hätten es sonst gar nicht bis in diese Positionen gebracht.

 

Im Umkehrschluss wird stigmatisierend davon ausgegangen, dass Angehörige unterer Hierarchien automatisch schlechter sind. Beobachtungs-, Beurteilungs- und Entscheidungsraster werden entsprechend angepasst.

 

 

Fehler aufgrund sozialer Wahrnehmung / Konkret: Status-Rollen Effekt (nach Köhler)

Der Status-Rollen-Effekt (nach Köhler) basiert auf a) Vorausurteilen, b) Vorurteilen, c) Stereotype und Statusdenken und d) Erwartungen. Der Effekt vereinigt gleich mehrere Phänomene: a) Die Wahrnehmung von Status und Rolle, b) das unterschiedliche Verhalten gegenüber Menschen mit vermeintlich unterschiedlichem Status und die Tatsache, dass Menschen sich einem anderen Status gegenüber anpassen, c) sich anderen Menschen mit vermeintlich höherem Status gegenüber verstellen und d) sich gegenüber Menschen mit einem vermeintlich niedrigem Status eher (negativ) outen.

 

Menschen verhalten sich anderen Menschen gegenüber immer abhängig vom sozialen Status und der jeweiligen Rolle ihres Gegenübers. Dabei geht es nicht nur um die Rolle / den Status, die/den der andere tatsächlich hat oder lediglich darstellt (z.B. vorgibt). Der Effekt bezieht sich nicht nur auf die Rolle bzw. den Status selbst, sondern allein auf die Vorstellung bzw. Unterstellung von Status und Rolle einer anderen Person.

 

Auch betrifft der Effekt nicht nur das Verhalten: Die gesamte Wahrnehmung ändert sich abhängig vom unterstellten Status bzw. der unterstellten Rolle einer anderen Person. Andreas Köhler konnte in unzähligen Experimenten nachweisen, dass Menschen (z.B. Telefonverkäufer, Vertriebsmitarbeiter und Bewerber) bei ihrer telefonischen Erstkontaktaufnahme zu Unternehmen mit dem Ziel, den zuständigen (oder vermeintlich zuständigen) Entscheider zum Zwecke der Werbung oder Eigenwerbung zu kontaktieren, sich einer Person, die zuerst ans Telefon geht und allein dadurch für einen Status niederen Mitarbeiter gehalten wird, auffallend anders verhalten als beim nachfolgenden Gespräch mit dem vermeintlichen Entscheider, an den unmittelbar danach oder später weiter verbunden wurde.

 

Während sich die Anrufer dem ersten Gesprächspartner gegenüber überlegen fühlten und auch genauso verhielten, änderte sich Wahrnehmung und Verhalten nach Verbindung mit einer weiteren Person in extremem Ausmaße. Die Experimente zeigten auch, dass das Verhalten personenunabhängig war und zudem mit der tatsächlichen Rolle der Gesprächspartner in keinerlei Verbindung stand.

 

Das Experiment zeigte bei persönlichen Kontaktaufnahmen das gleiche Ergebnis - dazu völlig unabhängig von der tatsächlichen Rolle der jeweiligen Personen: Auch nach einem Rollentausch war die konkrete Wahrnehmung und das Verhalten identisch. Der jeweils erste Gesprächspartner wurde anders gesehen und behandelt als der jeweils nachfolgende, dem eine wichtigere Rolle und ein höherer Status zugeordnet wurde.

 

Je mehr Gesprächspartner aufeinander folgten, desto höher die Zuordnung von Wichtigkeit in Bezug auf Status und Rolle, desto höher die Wertschätzung, desto positiver das Verhalten, desto mehr wurde der wahre Charakter (gemessen über Verhalten) jeweils unterdrückt und eine regelrechte Maske aufgesetzt. Auch im Hinblick auf Verhalten: Je öfter die Versuchspersonen weiterverbunden oder zu einem neuen Gesprächspartner geführt wurden, desto freundlicher, höflicher, zurückhaltender und künstlicher war das Verhalten. Das Verhalten gegenüber den ersten Gesprächspartner war hingegen wesentlich selbstbewusster, ungehobelter und unfreundlicher.

 

Zusätzlich konnte folgendes festgestellt werden Auf den künstlichen Aufbau von Reibung, Missverständnissen und Hürden reagierten die Versuchspersonen oftmals sehr ungehalten, teilweise erfolgte ein regelrechtes Negativ-Outing, das mit dem eigentlichen Anliegen (Werbung/Eigenwerbung) in keiner logischen Verbindung stand. Bei Erzeugen der gleichen Reibung durch die nachfolgenden Gesprächspartner reagierten die Versuchspersonen weniger bis gar nicht.

 

Die meisten unterdrückten das Verhalten, das sie zuvor an den Tag legten. Zugleich wurde das gespielte Verhalten der Tester - je nach unterstellter Rolle bzw. nach Status - unterschiedlich wahrgenommen. Die subjektive Empfindung der Verrsuchspersonen war eine andere. Daraus folgt der Schluss, dass negatives Verhalten nicht nur bewusst unterdrückt wird. Unbewusste Prozesse spielen hier ebenfalls eine Rolle.

 

Der Status-Rollen-Effekt zeigt auch, dass sich Menschen von Menschen mehr bieten bzw. gefallen lassen wenn sie bei diesen einen höheren Status unterstellen oder der andere eine vermeintlich wichtige Rolle einnimmt (ggf. spielt). Die höchsten Werte wurden in der Wahrnehmung von vermeintlichen Stars bzw. Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens (z.B. Schauspieler gemessen), aber auch in der Wahrnehmung von TV-Journalisten, selbst wenn diese nur "Praktikanten" waren.

 

Die Ergebnisse der Untersuchung sind später in das ib reality view & proof concept (Personalauswahlkonzept) eingeflossen, wo sie einen kleinen - aber sicher nicht unbedeutenden kleinen Teil - zur angewandten psychologischen Eignungsdiagnostik beitragen, auch um den wahren Charakter im Alltag (inklusive Einstellungen und Verhalten gegenüber Mitarbeitern) von künstlich-aufgesetztem Verhalten zu unterscheiden.

 

Der Effekt zeigt auch: Je höher die Rolle (Position) ist bzw. je höher ein Status-Gefühl aufgebaut wird, desto mehr verstellen sich Menschen. Ihren wahren Charakter zeigen sie hingegen eher dort, wo sie einen niedrigen Status vermuten. Zugleich zeigte sich: Je mehr ein Werber oder Bewerber "hofiert" wird, desto mehr wird ein Entscheider belogen.

 

Der Effekt zeigt - neben unzähligen weiteren ähnlichen Effekten und Wahrnehmungsfehlern - dass die modernen Personal-Strategien (z.B. Mitarbeiter-Anwerbung) und die übliche Personalauswahl-Methodik stark in Frage zu stellen ist. Hier gilt die Faustformel: Je größer das Unternehmen, je umfassender das hierarchische Konstrukt, je höher die Position oder der Titel des Entscheiders, je werbender die Personalwerbung und je schicker das Ambiente, desto mehr verstellt sich der Bewerber, desto geringer die Aussagekraft von Vorstellungsgesprächen.

 

Der Status-Rollen Effekt (nach Köhler) steht im Zusammenhang mit weiteren Wahrnehmungsfehlern und Effekten. Dazu zählen der Hierarchie-Effekt und der Überlegenheitsfehler:

 

Überlegenheits-Fehler / Überlegenheits-Illusion / Lake Wobegon-Effekt

Das Gefühl der Überlegenheit verzerrt unsere Wahrnehmung: Wenn wir uns einer anderen Person gegenüber überlegen fühlen bzw. von einer anderen Person annehmen, dass sie uns unterlegen sei, allein weil wir diese so wahrnehmen, treffen wir sehr unbesonnene Entscheidungen, die nicht selten zu unseren Ungunsten sind. Viele Schlachten und Kriege wurden nur deshalb verloren, weil sich ein Feldherr (oder eine Armee oder eine Nation) einem anderen Feldherrn (bzw. einer anderen Armee oder Nation) überlegen fühlte. 

 

Die Annahme einer Überlegenheit kann auf dem Selbst- und Fremdbild einer Person basieren oder gar auf einer Selbstbild-Fremdbild-Inkongruenz; sie kann aber auch auf einem Beobachtungs-, Beurteilungs- und Wahrnehmungsfehler an sich beruhen. Konkret zählt der Überlegenheitsfehler - auch Überlegenheitsillusion oder Lake Wobegon-Effect genannt - zu den sogenannten Selbstwertdienlichen Verzerrungen. Der Überlegenheitsfehler steht in direkter Verbindung mit der Überlegenheitsillusion, die auch als "Lake Wobegon-Effekt" bekannt ist.

 

Der Lake-Wobegon-Effekt bezeichnet die Tatsache, dass nicht wenige Menschen bestimmte eigene Fähigkeiten für überdurchschnittlich halten. Hinzu kommt die Tatsache, dass die eigenen Fähigkeiten umso stärker überschätzt werden, je schlechter diese in Wirklichkeit sind (auch als Dunning-Kruger-Effekt bezeichnet). Dunning-Kruger-Effekt bezeichnet die Tatsache, dass  dass Menschen ihre eigenen Fähigkeiten umso stärker überschätzen, je schlechter diese in Wirklichkeit sind.

 

Zurück zum Überlegenheits-Fehler: Wenn wir aufgrund irgendwelcher Beobachtungen und Informationen annehmen,

dass jemand schwächer sei, fühlen wir uns selbst überlegen und verhalten uns - unabhängig davon, ob es sich um "Freund" oder "Feind" handelt - generell anders.

 

Freunden oder armen Menschen gegenüber verhalten wir uns wohlwollender und großzügiger (z.B. Großzügigkeitsfehler), legen eine andere Messlatte an und werten mit einer anderen Skala (z.B. Skalierungsfehler). Gegnern bzw. Feinden gegenüber verhalten wir uns unvorsichtiger, wenn wir diese als schwach oder geschwächt wahrnehmen - selbst wenn sich diese vielleicht nur zum Schein schwach und unterlegen stellen, um uns z.B. zum Angriff zu bewegen und in eine Falle zu locken (Strategie/Taktik). 

 

Problematik: Aufgrund eines derartigen Beurteilungsfehlers handeln Menschen zumeist sehr leichtsinnig und unbesonnen. Sie werden in ihrer Urteilsfähigkeit stark getrübt, was nicht selten zu einer falschen und ungünstigen Entscheidung führt.

 

Der Effekt trifft ganz besonders auf Entscheider zu (z.B. Personal-Entscheider), die sich bereits in ihrer Rolle und Funktion selbst schon "mächtig" fühlen. Sofern jetzt noch das hinzukommt, dass der betreffende Entscheider von seiner eigenen Menschenkenntnis überzeugt ist oder generell viel davon hält, wird das eigene Urteilsvermögen extrem getrübt.

 

Wer sich anderen (z.B. Bewerbern) gegenüber überlegen fühlt und sich bei seiner Einschätzung zusätzlich noch auf Intelligenz und Menschenkenntnis verlässt, ist eigentlich schon verlassen, nur eben mit dem Unterschied, dass man die Fehlentscheidung selbst gar nicht wahrnehmen kann. Die Überzeugung von der betreffenden Entscheidung wirkt ähnlich mächtig und wie eine Psychose, bei der der Betroffene die eigene Krankheit selbst nicht erkennt, nur sein Umfeld. 

 

Je überlegener sich eine Person oder Personengruppe fühlt, desto stärker wirkt der Effekt - desto mehr wird die Wahrnehmung getrübt. Das beginnt bereits beim Prozess der Beobachtung, reicht über die Beurteilung und endet bei der Entscheidung. Fehler, die jetzt aufgrund einer Fehlentscheidung geschehen, kann der Entscheider selbst nicht sehen. Er will sie nicht wahrhaben, selbst dann, wenn der Schaden hoch und die Beweislage (so es denn überhaupt Hinweise, Indizien oder gar Beweise gibt) erdrückend ist.

 

In letzter Instanz wirkt der Effekt bzw. das Wirkungsprinzip der kognitiven Dissonanz-Reduktion und selbstwertdienliche Verzerrungen. Daher gibt es viele Personalentscheider, die unzählige Fehlentscheidungen niemals selbst wahrnehmen, selbst dann nicht, wenn das Unternehmen Insolvenz anmeldet. Schließlich werden genügend andere Gründe vorgeschoben. Selbst die Tatsache, dass letztendlich Menschen und deren Handeln (inklusive Entscheidungen) für Erfolge bzw. Misserfolge verantwortlich sind, wird dann verdrängt und stets andere Aspekte (z.B. die Markt-/ Wirtschaftslage vorgeschoben).

 

Der Überlegenheitsfehler basiert u.a. auf bestimmten Erwartungen (Erwartungsfehler) sowie auf Menschenkenntnis, naiven Menschenbildannahmen, impliziten Persönlichkeitstheorien, Sterotype und Stereotypisierter Kopplung und steht in Verbindung mit weiteren Beobachtungs-, Beurteilungs- und Wahrnehmungsfehlern, ebenso der Unterlegenheitsfehler:

 

 

Die Überlegenheitsillusion gehört zu den praktischen selbstwertdienlichen Verzerrungen, mit denen wir uns selbst schön reden und aufwerten. Sie hilft uns, ein positives Selbstbild zu entwickeln und zu behalten, was dazu führt, dass wir uns gut bzw. besser fühlen. Aufgrund der Illusion können wir aber auch genauso gut "vor die Pumpe laufen". Wie auch immer: Wir merken es erst, wenn es zu spät ist - und selbst dann wirkt die Verzerrung, die unserem Selbstwert dient weiter.

 

 

Der Effekt zählt zu den selbstwertdienlichen Verzerrungen (self-serving bias), die in der Sozialpsychologie die Tendenz beschreiben, eigene Erfolge im Zweifelsfall eher den eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten und eigene Misserfolge eher äußeren Ursachen zuzuschreiben. Beispiel: So ist die Mehrzahl der Autofahrer davon überzeugt, besser zu fahren als der Durchschnitt. Auch bei Intelligenztests schätzen sich Teilnehmer häufig falsch ein.

 

Der Effekt der Überlegenheitsillusion beschreibt ein Vorurteil, das uns dazu verleitet, unsere Stärken im Vergleich zu anderen überzubewerten bzw. maßlos zu überschätzen. Bei dem Effekt handelt es sich - wie der Name sagt - um eine reine Illusion, die uns aber natürlich glaubwürdig erscheint, so glaubwürdig, dass wir nicht daran zweifeln.

 

Wie wirkt die Illusion: In unserer eigenen Wahrnehmung schätzen wir uns im Vergleich zu anderen immer überdurchschnittlich intelligent, befähigt, attraktiv oder beliebt ein. Der Effekt führt nicht nur dazu, dass wir uns selbst völlig überbewerten, sondern alle anderen unterbewerten und zugleich abwerten.

 

Wer meint, genau das nicht zu tun, gehört vermutlich zu denen, die in Wirklichkeit wirklich gut sind. Der Effekt erfolgt nämlich nach dem einfachen Prinzip: Je schlechter wir in Wirklichkeit sind, desto besser schätzen wir uns ein.

Umgekehrt gilt dies ebenfalls: Je besser wir sind, desto kritischer sehen wir unsere eigenen Fähigkeiten und werten diese sogar herab. Je niedriger der IQ eines Menschen bzw. je schwächer eine bestimmte Fähigkeit ausgeprägt ist, desto mehr neigt derjenige dazu, seine Intelligenz bzw. die betreffende Fähigkeit zu überschätzen. Insbesondere die Dümmsten halten sich für die Klügsten. Daher kommt vermutlich auch der Spruch: "Der dümmste Bauer hat immer die dicksten Kartoffeln".

 

Das ist auch der Grund, warum wir viele Menschen beobachten können, die sich in unseren Augen in irgendeiner Art und Weise geradezu lächerlich machen oder gar schamlos wirken. Diese Menschen finden sich aber selbst grandios. Zugleich ist das ein Grund, warum besonders intelligente Menschen in der Gesellschaft untergehen oder sogar Probleme bekommen. Derartige Probleme beginnen bereits in der Schule und betrifft zumeist die Hochbegabten ganz besonders.

 

Probleme haben aber auch deshalb jene, die wirklich überaus attraktiv sind oder irgendetwas besonders gut können. Diese Menschen sehen das oft anders und halten sich im Vergleich zu anderen eher zurück. Wahrgenommen werden mehr jene Menschen, die gegenteilig veranlagt sind: Sie sind wesentlich selbstbewusster und großspuriger, treten eher in Aktion bzw. in die Offensive. Schließlich gilt die Regel: "Wer am wenigsten ist und kann, hat die größte Klappe." Tatsächlich halten sich gerade unattraktive Menschen für besonders attraktiv, während sich umgekehrt besonders attraktive Menschen oftmals für weniger attraktiv oder sogar häßlich halten. Das Gleiche gilt für Beliebtheit, Befähigungen usw.

 

Das ist u.a. auch der Grund, warum in Unternehmen gerade die am wenigsten geeigneten Kandidaten auf Einstellung oder Beförderung drängen. Je höher und hochwertiger eine Stellenausschreibung bzw. Stellenbeschreibung formuliert ist,

desto höher die Tatsache (und zugleich Gefahr), dass sich die Schlechten bewerben oder unfähige Mitarbeiter einen Anspruch darauf erheben. Das gleiche Prinzip gilt in der Wirtschaft und in der Politik und in der Kunst. Herausragende Künstler wurden oft erst nach ihrem Ableben als solche erkannt und berühmt, während viele zu ihren Lebtagen ein eher kümmerliches Dasein fristeten.

 

Auch vor Gericht wird viel Aufwand und Geld verloren, weil - entgegen den Empfehlungen ehrlicher Juristen - die Erfolgsaussichten vieler Klagen bzw. Anträge von vorne herein überschätzt werden. Viele Kläger sind dermaßen stark davon überzeugt, im Recht zu sein, dass sie selbst bei größter Aussichtlosigkeit auf Erfolg, niemand davon abhalten kann, den Rechtsweg zu beschreiten und bis zum bitteren Ende fortzusetzen - um dann sogar noch in Berufung zu gehen. Zugleich ist der Effekt ein "gefundenes Fressen" für Anwälte, die weniger moralisch-ehrlich als mehr geschäftsorientiert denken. Sie brauchen nicht viel dafür zu tun, um ihre Mandanten zum Rechtsstreit zu bewegen. Umgekehrt ist der Aufwand höher und ggf. sucht sich ein Mandant, welcher der Überlegenheitsillusion verfallen ist, gleich einen neuen Anwalt, der möglichst zurät.

 

Die Überlegenheitsillusion bezieht sich auf sämtliche alltägliche Lebensbereiche, nicht aber auf besondere Situationen und Aufgaben, die als besonders schwierig gelten. Hier kehrt sich der Effekt um und wir neigen dann plötzlich dazu, unsere eigenen Fähigkeiten völlig zu unterschätzen. So war es zumindest früher. Die Medien wie auch Computerspiele konfrontieren uns jedoch mittlerweile mit so vielen Situationen und Aufgaben, dass die Umkehr des Effektes sozialisationsbedingt immer mehr abnimmt.

 

Wer am Computer einen Düsenjet fliegen kann, traut sich das dann auch oft im wahren Leben zu. Dies kann insbesondere bei Jugendlichen beobachtet werden, die einen Großteil ihrer Freizeit mit derartigen Medien verbringen. Sie halten sich dann irgendwann auch in der Realität für "Supermann" oder den gerechten überlegenen Rächer, der dann - sofern er eine Waffe in Besitz bekommt - dann auch nicht zwingend davor scheut, einen Amoklauf in seiner Schule zu veranstalten und dabei viele Menschen zu töten - und das mit völligem Selbstverständnis und ohne Hemmung oder Angst.

 

Selbstüberschätzung kann (z.B. über das Phänomen der Selbsterfüllenden Prophezeiung) zu mutigen Taten und außergewöhnlichen Leistungen anspornen. Sie kann aber auch großen Schaden anrichten z.B. wenn wir uns selbst für außergewöhnlich begabte Gesangstalente halten und dann mutig bei Dieter Bohlens DSDS Jury vorsprechen und uns im Fernsehen öffentlich blamieren.

 

Viel schlimmer steht es aber um das Autofahren: Ein Großteil an Verkehrsunfällen passiert deshalb, weil sich die Fahrer für sicher und überlegen und sogar für besonders gute Autofahrer halten oder sie ihr Auto besonders sicher, gut und überlegen einschätzen. Dieser Wahrnehmungsfehler verleitet Autofahrer zu hohem Tempo und zu riskanten Überhol- und Auffahr-Manövern. Ebenso verleitet er Fußgänger und Radfahrer zu riskantem Verhalten (z.B. Ignorieren roter Ampeln). Rote Ampeln empfinden sie als unnötige Bevormundung durch den Staat, schließlich haben sie selbst zwei Augen im Kopf, um Gefahren durch heranfahrende Autos rechtzeitig zu erkennen. Das meinen sie zumindest. Dabei gilt das Prinzip: Je schlechter die eigene Wahrnehmung, desto höher die Selbstüberschätzung.

 

Die Wirkung der Selbstüberschätzungs-Illusion bekommen auch Polizeibeamte zu spüren, nicht nur bei schweren Straftaten und dem immer respektloseren Verhalten von Bürgern ihnen gegenüber, sondern bereits bei einer normalen Verkehrskontrolle. Selbst wenn Verkehrssündern per Video-Aufzeichnung erläutert wird, dass sie um ein Wesentliches schneller waren, als erlaubt, empfinden das viele Verkehrssünder als regelrechte Schikane. Sie reagieren genervt, überheblich und geradewegs großspurig und entgegnen, dass der Vorwurf überzogen und das Verhalten der Polizei geradewegs lächerlich sei, zumal sie selbst alles im Griff hätten. Viele, die so etwas nicht äußern, denken sich so etwas zumindest. Ein Bußgeld kann und wird sie nicht daran hindern, sich weiter zu überschätzen und das nächste mal das gleiche Verhalten an den Tag zu legen. Schließlich merken sie nicht, dass sie einer Illusion zum Opfer gefallen sind und ihr Denken ist nach wie vor das gleiche.

 

Die Überlegenheitsillusion ist auch die Basis für Morde trotz hoher Strafandrohung durch die Gesetzgebung: Mörder gehen zum Zeitpunkt ihrer Tat davon aus, dass sie nicht gefasst werden. Insofern stellt die Überlegenheitsillusion den Effekt der Abschreckung durch Strafe in Frage.

 

Wie bei anderen Wahrnehmungs- und Beurteilungsfehlern auch fällt es uns selbst leider sehr schwer, zu erkennen, dass wir einer Illusion zum Opfer gefallen sind. Ähnlich einem Wahn sind wir so felsenfest von der Richtigkeit unserer Einschätzung bzw. Annahme überzeugt, dass wir uns von niemandem davon abbringen lassen und selbst wissenschaftlich bewiesene Erkenntnisse negieren.

 

Wenn wir glauben, ein guter Sänger zu sein, kann selbst eine hundertköpfige Jury bestehend aus Gesangs-Profis uns nicht davon abbringen, daran zu glauben, dass wir gut sind. Stattdessen denken wir: Alle anderen sind "doof", zumindest haben sie "keine Ahnung" oder "heute einen schlechten Tag". Deshalb machen wir weiter. Wir suchen uns "einfach" eine andere Jury, gehen zu einer anderen Casting-Show oder stellen uns beim nächsten mal gleich wieder vor. Dann ist die Jury nicht mehr so "blind" wie jetzt.

 

Auf dem Prinzip der Überlegenheitsillusion basiert der Overconfidence-effect, auch Overconfidence barrier-effect genannt. 

Der Effekt ist auf viele Lebens- und Arbeitsbereiche übertragbar z.B. das Management und Risikomanagement in Unternehmen. Hier werden positive Abweichungen vom Plan stets den eigenen Fähigkeiten zugeschrieben, negative Planabweichungen hingegen äußeren Einflüssen zugeschrieben. Dann ist der Markt schuld, die Wirtschaftslage, die Wettbewerber oder die Politik. Manchmal sind es sogar einfach nur die Kunden, die schuld sind.

 

Stets sind es alle anderen, die schuld sind, man selbst aber nicht. Führungskräfte sind zumeist der selbstsicheren Überzeugung, alles voll im Griff zu haben, selbst dann, wenn nachweislich das Gegenteil wahr ist. Bei Bewerbern ist das ähnlich: Wenn eine Bewerbung keinen Anklang findet, dann ist der Arbeitsmarkt schuld oder das Unternehmen, bei dem man sich beworben hat, doof. Man selbst geht davon aus, keinen Fehler zu machen.

 

Es sind sogar Fälle bekannt, in denen Bewerber explizit darauf hingewiesen wurden, dass ihre Bewerbung nicht nur nicht aussagefähig, sondern sogar negativ sind. Das Ergebnis: Ein Jahr später "trudelt" die gleiche Bewerbung wie früher auf den Tisch des Personalentscheiders - nach einem Jahr Arbeitslosigkeit. In vielen Fällen ist er Verlust eines ganzen Jahreseinkommens immer noch nicht ausreichend, den Fehler bei sich zu suchen und etwas zu optimieren.

 

Hintergrund zum Begriff "Lake Wobegon-Effekt": Lake Wobegon ist ein fiktives Dorf im ebenso fiktiven Mist County in Minnesota, in dem alle Frauen stark, alle Männer gutaussehend, und alle Kinder überdurchschnittlich sind. Bekannt wurde das Dorf durch den US-amerikanischen Schriftsteller Garrison Keillor, der den Alltag im provinziellen Mittelwesten auf liebevolle Art und Weise "aufs Korn" nimmt.

 

Neben dem Überlegenheitsfehler gibt es auch den Unterlegenheitsfehler.

 

Unterlegenheits-Fehler

Wie beim Überlegenheits-Fehler auch, treffen Menschen auf Basis ihres Selbst- und Fremdbildes oder über ihre Wahrnehmung anhand bereits weniger Kriterien eine Einschätzung, die zu einer entsprechenden Annahme führt.

 

Fühlt man sich dieser Annahme zufolge unterlegen, schaut man genauer hin und beobachtet stärker, insbesondere dann, wenn wir unserem Gegenüber kritisch gegenüberstehen (z.B. Feind). Zugleich sind wir bemüht, uns unsere (angenommene) Unterlegenheit nicht anmerken zu lassen, was man uns aber gerade dadurch anmerkt (z.B. sich aufplustern / siehe Tierreich). Gehört unser Gegenüber zu unserem "Rudel" (z.B. Freund), zeigen wir ihm sogar gern unsere Unterlegenheit und lassen ihn das spüren, alleine schon deshalb, um bewusst / unbewusst einen Vorteil aus diesem Verhalten zu ziehen.

 

Sind wir uns nicht sicher und fühlen wir uns ggf. unterlegen, sehen wir genauer hin, sind wesentlich kritischer, manchmal sogar zu kritisch. Die Sinne sind wacher und wir reagieren schneller auf kleinste Auffälligkeiten und Abweichungen, schalten auf Abwehr und Verteidigung.

 

Allerdings wird dann auch unser Verhalten gehemmt, allein dadurch, dass wir bemüht sind, eben keine vorschnelle Entscheidung zu treffen. Wir entscheiden und verhalten uns dann eher defensiv, manchmal zu defensiv. Wir ergreifen weder die Initiative noch  die Offensive. Stattdessen verharren wir regungslos, obwohl unser Gegenüber vielleicht eigentlich eine Initiative bzw. Offensive erwartet hat, weil er in Wirklichkeit selbst schwach und unterlegen ist. So kann der Unterlegenheits-Fehler gar dazu führen, dass unser Verhalten - völlig irrational - zu einem regelrechten Fluchtverhalten wird.

 

Unser abwartendes gehemmtes Defensiv-Verhalten lässt uns wichtige Chancen verpassen, nur weil wir vielleicht fälschlicherweise annehmen, wir seien unterlegen bzw. weil wir einer anderen Person z. B. einem Gegner oder einem potentiellen Partner des anderen Geschlechts völlige Überlegenheit uns gegenüber unterstellen.

 

Sehr häufig lassen wir uns hinsichtlich dieser Einschätzung bereits von wenigen Eindrücken täuschen, sind gehemmt, verpassen Chancen oder ergreifen die Flucht, vielleicht auch nur, weil ein listiger Gegner uns durch bestimmtes (z.B. selbstsicheres) Verhalten, das wir selbst als Überlegenheit einstufen, täuscht, obwohl dieser uns in Wahrheit nichts entgegenzusetzen hat.

 

Der Fehler führt auch dazu, dass man manche Menschen, die einem besonders gut gefallen, nicht anspricht, weil man aufgrund eines irrationalen Unterlegenheitsgefühls Ablehnung bzw. "eine Abfuhr" bzw. "einen Korb" erwartet. Sehr schade.

 

Wie der Selbstwert-Effekt / Social-Cognition-Effekt und der Overconfidence-effect / Overconfidence-barrier-effect zu den Selbstwertdienlichen Verzerrungen im Rahmen der Selbstwirksamkeitserwartung und basiert somit auf auf einem Wahrnehmungs- und Beurteilungsfehler.

 

 

Soziale Wahrnehmung / Konkret: Stereotypisierte Kopplung

Hier werden Charaktereigenschaften, die in keinem real abhängigen Zusammenhang stehen, mit einer entsprechend logisch scheinenden unterstellten Annahme und Erwartung automatisch miteinander verknüpft. Wer z.B. sauber und gepflegt ist, ist auch höflich. Wer höflich ist, ist auch gebildet. Wer eine Brille trägt, ist intelligent, Wer einen Bart trägt, ist konservativ. Wer konservativ aussieht, arbeitet langsamer etc. Da die Stereotypisierte Kopplung auf einer unterstellten Erwartung basiert, zählt sie auch zu den Erwartungsfehlern. Darüber hinaus zählt sie zu den impliziten Persönlichkeitstheorien.

 

 

Fehler aufgrund sozialer Wahrnehmung / Konkret: Social Role Effect

Da in den unterschiedlichen Gesellschaften die unterschiedlichen Geschlechter verschiedene soziale Rollen einnehmen, werden bestimmte geschlechtsspezifische Erwartungen (Rollenerwartungen) gestellt. Diese Erwartungen beeinflussen das Verhalten in Richtung der entsprechenden Erwartung. Aus dem Social Role Effect leitet sich auch die Gender-Theorie ab.

 

 

Soziale Wahrnehmung / Konkret: Ähnlichkeitsfehler
(Selbsterkennungs-/Sympathie-Fehler) / Sympathie-/Ähnlichkeitsfehler)

Bei der Wahrnehmung anderer Menschen nimmt man sich selbst als Bezugsrahmen. Nimmt man bei einem Menschen eine Ähnlichkeit (äußere Erscheinung, Kleidungs-Stil, Interessen, Herkunft, Einstellung, Gesinnung, Weltanschauung etc.) mit der eigenen Person wahr, führt dies zu einer Beurteilung entsprechend dem eigenen Selbstbild, das zumeist positiv ist.

 

 

Soziale Wahrnehmung / Konkret: Projektionsfehler

Völlig unbewusst neigen Menschen bei der Einschätzung anderer dazu, ihre eigenen Einstellungen, Ansichten, Erfahrungen, Interessen, Fähigkeiten, Bedürfnisse, Wünsche und Motive in andere hineinzuprojizieren und das, was sie selbst denken und fühlen in ihrer Vorstellung auf andere zu übertragen bzw. anderen zuzuordnen. Dabei wird übersehen oder vergessen, dass andere Menschen völlig andere Einstellungen, Ansichten, Erfahrungen, Interessen, Fähigkeiten, Bedürfnisse, Wünsche und Motive und Motive haben. Von sich selbst auf andere zu schließen, erzeugt enorme Fehler in der Einschätzung und Beurteilung anderer Menschen. Daher ist der Projektionsfehler zugleich ein Beobachtungsfehler und ein kognitiver Fehler.

 

 

Soziale Wahrnehmung / Konkret: Attributionsfehler / Fundamentaler Attributionsfehler / Korrespondenzverzerrung / Ultimativer Attributionsfehler

Der Attributionsfehler tritt bei der Beobachtung und Einschätzung von Menschen im sozialen Kontext auf. Der Attributionsfehler, auch Fundamentaler Attributionsfehler / Korrespondenzverzerrung / Ultimativer Attributionsfehler genannt, beschreibt die Tendenz von Beobachtern, die beobachteten Personen selbst als Ursache für die Handlungen der beobachteten Personen zu sehen. Es besteht eine Neigung, den Einfluss von Persönlichkeitseigenschaften, Einstellungen und Meinungen auf das Verhalten zu überschätzen und äußere Faktoren bzw. Einflüsse zu unterschätzen. Dispositionale Faktoren werden überbewertet, gleichzeitig werden situationale und externe Faktoren unterbewertet.

 

Attributionsfehler basieren auf Attributionsprozessen. Hier geht es darum, wie wir die Ursachen von Ereignissen erklären bzw. auf entsprechende Ursächlichkeiten schließen, wie wir unser Verhalten und das anderer Menschen erklären.

 

Grundsätzlich können die Ursachen von Verhalten in der Persönlichkeit liegen oder auf äußere Umstände zurückgeführt werden. Diesbezüglich unterscheidet man u.a. zwischen sogenannter "internaler" und "externaler" Attribution sowie zwischen "dispositionalen" und "situationalen" Faktoren.

 

Die Art und Weise wie wir attribuieren, hat einen starken Einfluss auf unsere Einstellung zu der jeweiligen Person. Ebenfalls hat die Einstellung zu einer Person einen starken Einfluss auf die Art, zu attribuieren bzw. auf die Schlüsse und Zusammenhänge, die wir entsprechend ableiten. Wir begegnen Ereignissen stets mit bestimmten Vorannahmen, interpretieren die jeweilige Situation und leiten daraus Verhaltenserwartungen ab.

 

Bereits diese Erwartungen können stark fehlerbehaftet oder gänzlich falsch sein. Oft schreiben wir anderen Personen bestimmte Erwartungen bzw. eine ganz bestimmte Erwartungshaltung (z.B. uns selbst gegenüber) zu, die tatsächlich aber gar nicht vorhanden - oder ganz anders ist.

 

Ein Attributionsfehler (auch "Fundamentaler Attributionsfehler" oder "Korrespondenzverzerrung" bzw. "ultimativer Attributionsfehler") beschreibt - einfach ausgedrückt - die Tendenz von Beobachtern, die beobachteten Personen selbst als Ursache für die Handlungen der beobachteten Personen zu sehen.

 

Während das Verhalten anderer auf deren Persönlichkeit zurückgeführt wird, werden soziale und situationsbedingte Einflüsse übersehen bzw. bei der Beurteilung von Ursächlichkeiten vernachlässigt. Tatsächlich besteht eine Neigung, den Einfluss von Persönlichkeitseigenschaften und Einstellungen auf das Verhalten einer Person zu überschätzen und äußere Faktoren bzw. Einflüsse zu unterschätzen. Fachlich ausgedrückt, werden dispositionale Faktoren überbewertet und gleichzeitig situationale und externe Faktoren unterbewertet. 

 

So wird z.B. aggressives Verhalten zumeist auf eine grundsätzliche Aggressivität des Akteurs zurückgeführt und freundliches Verhalten auf einen freundlichen Menschen. Der Attributionsfehler geht aber noch weiter: So wird z.B. bereits von einer lauten Stimme auf einen grundsätzlich aggressiven Menschen geschlossen oder von einem verschütteten Glas auf einen "Schussel". Wenn jemand eine Prüfung nicht besteht, halten wir ihn ganz einfach für "dumm" oder "faul".

 

Dass die betreffende Person zuvor einen schweren Unfall erlebt hat, bei dem die nächsten Familienangehörigen ums Leben gekommen sind und nun nach einer schlaflosen Nacht im Krankenhaus an nichts anderes mehr denken kann als das erfahrene Trauma und tiefe Trauer, sieht man nicht und hinterfragt es nicht. Das Nächstliegende ist für unser Gehirn einfacher, bequemer und ökonomischer. Insbesondere extremes Verhalten (z.B. ein Mord) wird bevorzugt auf einfache Erklärungen zurückgeführt. Die Erklärungsversuche beschränken sich zumeist auf Persönlichkeitsmerkmale und auf demnach logische Motive, was die Aufklärung eines Mordes erschweren kann.

 

Der Attributionsfehler ist ökonomisch und bequem. Er erleichtert unserem Gehirn, sich in der Welt schnell und einfach zurechtzufinden, schnelle Erklärungen zu finden, schnelle Urteile zu fällen und wichtige Ressourcen zu sparen. Er hilft, die eigene Logik nicht in Frage stellen zu müssen und bestätigt Vorurteile. Beim Attributionsfehler steht die Zuschreibung von Ursachen für bestimmtes Verhalten in einer Verbindung zu subjektiv vermuteten bzw. schnell unterstellten Eigenschaften ohne aufwändige Prüfung komplexer Sachverhalte und des Realitätsgehalts.

 

Für unser Gehirn spielt es keine Rolle, warum z.B. jemand zu einem Termin zu spät kommt. Es sieht lediglich den anderen Menschen als aktuellen und zukünftigen Kooperationsartner und fokussiert die Beurteilung allein auf ihn. Wenn jemand nicht oder zu spät zu einem Termin erscheint, gehen wir nicht etwa davon aus, dass ein Bahnstreik oder Todesfall oder einer der unzähligen anderen möglichen Umwelteinflüsse ursächlich sein könnte, sondern von unterstellten Eigenschaften wie geringe Motivation, Unzuverlässigkeit oder Desinteresse der verspäteten oder nicht zum Termin erschienenen Person.

 

Wir wollen wissen mit wem wir es zu tun haben und nicht wieso, weshalb und warum. Letzteres hilft uns nicht. Ebenso wie wir Stereotype brauchen, brauchen wir Kategorien wie "verlässlich" oder "unzuverlässig".

 

Erklärt man sich das Verhalten eines Menschen damit, dass er einer bestimmten sozialen Gruppe angehört, spricht man von einem "ultimativem Attributionsfehler", der wiederum auf zusätzlichen Menschenbildannahmen (Stereotype) basiert.

 

Der Attributionsfehler bestätigt eigene Vorurteile und verzerrt die Wahrnehmung zum eigenen logischen Verständnis. Die eigene Logik muss kurz, schnell und unkompliziert erfolgen. Daher verschwendet unser Gehirn keine Ressourcen für ferne Dinge. Wenn wir die Ursache für das Verhalten eines Menschen erklären wollen, richten wir die meiste Aufmerksamkeit allein aus ökonomischen Gründen genau auf diesen Menschen, nicht aber auf alles andere, was ursächlich sein könnte oder mit dem beobachteten Verhalten in eigentlicher Verbindung steht.

 

Dadurch neigt man dazu, die in der Person liegenden möglichen Ursachen zu überschätzen und verdrängt die vielen anderen und eigentlichen Ursachen. Dies liegt auch daran, dass die nicht in der Person liegenden externen Ursachen (Außeneinflüsse) zum Zeitpunkt des beobachteten Verhaltens oft gar nicht mehr vorhanden oder nicht sichtbar sind. Wir können sie nicht beurteilen und klammern uns folglich nur an das, was unmittelbar naheliegend ist - und genau das ist eben die Person und ihr Charakter.

 

Hinzu kommt, dass auffällige Dinge generell einen größeren Einfluss auf die Ursachenzuschreibungen haben (Perzeptuelle Salienz). Je nachdem, wie gut wir jemanden sehen, beurteilen wir ihn. Aus der Dominanz der eigenen Sicht schlussfolgern wir unbewusst die Dominanz der beobachteten Person und beurteilen sie entsprechend unserer eigenen Sicht und Aufmerksamkeit. So auch beim Attributionsfehler: Das Verhalten des Handelnden fällt ins Auge, nicht aber das gesamte Drumherum. Beobachtbares Verhalten ist auffallender (salienter) als der situative Zusammenhang (situationale Kontext).

 

Hinzu kommt noch die Tatsache, dass wir das das eigentliche tatsächliche Verhalten nicht richtig beobachten und wahrnehmen können. Es sind lediglich einige oberflächliche Eindrücke, die wir wahrnehmen und sprachlich mit kurzen (verkürzte) Begriffen umschreiben. 

 

Wie die meisten Wahrnehmungsfehler, so erfolgt auch der Attributionsfehler in der Regel schnell, unbewusst und völlig automatisch. Dies liegt daran, dass unser Gehirn mit seinen Ressourcen ökonomisch haushalten muss. Nur wer viel Zeit zum Nachdenken hat, konzentriert und - darüber hinaus - hoch motiviert ist, könnte einen etwaigen Attributionsfehler ggf. bewusst hinterfragen. Da wir aber überwiegend von Gefühlen gesteuert sind und in Bezug auf Attributionsgeschehen Gefühle sehr stark involviert sind, stehen die Chancen sehr schlecht, dass wir die Dinge klar sehen.

 

Selbst wenn wir erfahren, dass für bestimmtes Verhalten, das uns nicht gefällt, in Wahrheit externe Umwelteinflüsse ursächlich waren, negieren wir diese und die Eigenschaftszuordnung bleibt haften. Selbst dann, wenn wir logisch nachvollziehbare oder beweisbare Ursächlichkeiten erfahren, bleibt unser Urteil verzerrt (Ankerheuristik). Auch dann sind wir nicht in der Lage, objektiv zu urteilen, sondern verschieben lediglich die erste Fehleinschätzung minimal in Richtung der eigentlichen externen Einflüsse. Da der erste Gedanke bzw. die erste Einschätzung haften bleibt, werden auch alle weiteren Einschätzungen genau davon beeinflusst.

 

Je individualistischer und selbstbestimmter der Mensch ist, desto stärker ist die Gefahr des Attributionsfehlers. Dies trifft auch auf Menschen zu, die sich für besonders intelligent halten oder jene, die von ihrer guten Menschenkenntnis überzeugt sind. Menschen mit geringerer Individualität und Selbstbestimmung oder Menschen aus sehr kollektivistischen Kulturkreisen, neigen grundsätzlich etwas weniger zur internen Attribution bzw. zur Voreingenommenheit bzw. zum Attributionsfehler.

 

Den Attributionsfehler macht man nicht in Bezug auf die eigene Person, sondern in Bezug auf das Verhalten anderer. Das liegt daran, weil man selbst aufgrund der eigenen Kenntnis und Erfahrung in Bezug auf externe Ursächlichkeiten, die Ursachen für bestimmtes Verhalten ein wenig besser einschätzen kann. Zwar trifft auch dies nicht zu und es gibt in Wahrheit vielleicht ganz andere Ursachen, man selbst meint es aber zumindest oder ist sogar davon überzeugt. Daher ist man sich selbst gegenüber weniger voreingenommen (Akteur-Beobachter-Unterschied).

 

Es gibt jedoch einen weiteren Grund: Menschen haben eine starke Motivation, ihr Selbstwertgefühl gegen Bedrohungen von außen zu verteidigen. Sie neigen daher dazu, ihre Erfolge eher sich selbst (intern) zuzuschreiben und Misserfolge eher der Außenwelt (extern) zuzuschreiben, insbesondere dann, wenn wenig Aussicht auf Erfolg oder auf Leistungsverbesserung besteht (Selbstwertdienliche Attribution).

 

Da Menschen auf andere Menschen möglichst positiv wirken - und ihr Selbstwertgefühl nicht beeinträchtigen wollen (einen guten Eindruck auf andere machen), stellen sie ihre Erfolge oder Misserfolge nach außen entsprechend der selbstwertdienlichen Attributionen dar. Bei Misserfolgen wird meistens anderen die Schuld in die Schuhe geschoben bzw. die Ursächlichkeit der Umwelt zugeschrieben, während man Erfolge angeblich stets selbst von innen heraus erreicht hat.

 

Ähnlich wie bei der Kontrollillusion ist der fundamentale Attributionsfehler vermutlich zugleich mit ursächlich für die Entstehung bzw. Erklärung sogenannter "Verschwörungstheorien", bei denen hinter einem bestimmten Ereignis manipulatives, geheimes, listiges oder böswilliges Handeln von außen (z.B. durch Verschwörer, Staatsorgane etc.) vermutet wird. Hier wirkt der Attributionsfehler jedoch aufgrund der bestimmten Einstellung und Disposition der Verschwörungstheoretiker genau umgekehrt, was auch mit der kognitiven und psychischen Konstitution in Zusammenhang stehen kann.

 

Die einfache Lösung wird angezweifelt und stattdessen etwas Komplexes dahinter vermutet. Was sich Menschen nicht erklären können, weil sie anders denken, kann und darf ihrer Auffassung nach, nicht so einfach sein wie es dargestellt wird. Daher wird nach einer komplexen intelligenten Lösung gesucht, selbst dort, wo es gar keine komplexe oder intellektuell anspruchsvolle Ursächlichkeit gibt. Dies kann zu einem regelrechten Wahn führen oder mit einem solchen in Verbindung stehen. 

8. Wahrnehmungsfehler aufgrund der psych. Verfassung

Wahrnehmungsfehler aufgrund der psychischen Konstitution

In Bezug auf Wahrnehmungs-, Denk- und Urteilsprozesse spielt unsere psychische Konstitution eine wichtige Rolle. Je nachdem, in welcher Gemütsverfassung wir uns gerade befinden, empfinden wir Menschen, Zustände und alle Dinge um uns herum -  manchmal sogar völlig anders, als sie eigentlich sind.

 

Besonders stark verändert sich unsere Wahrnehmung bei bestimmten Störungen der Psyche. Bereits allein die damit einhergehenden Symptome (z.B. Angst) verzerren die Wahrnehmung. Dann nehmen wir die Menschen und Dinge um uns herum anders wahr als sie sind und interpretieren selbst in sachliche Aussagen und/oder nichts sagende Bilder etwas hinein, das unserer psychischen Verfassung entspricht.

 

Besonders deutlich wird dies u.a. beim allseits bekannten Rorschach-Test (Rorschach-Formdeuteversuch). Selbst die Diagnose von psychischen Störungen unterliegt vielzähligen Beobachtungs-, Beurteilungs- und Wahrnehmungsfehlern, so dass psychische Störungen oft nicht erkannt werden (können). Abzugrenzen sind Wahrnehmungsfehler jedoch von psychotischen Wahrnehmungsstörungen, zu denen z.B. wahnhafte Störungen (Wahn/Wahnvorstellungen) oder Halluzinationen zählen.

 

 

Wahrnehmungsfehler aufgrund von Ängsten und Hemmungen

Wer Angst hat oder ängstlich ist, nimmt Umweltreize sensibler wahr. Im übertragenen Sinn hört man dann ggf. "das Gras wachsen". Zudem neigen ängstliche Menschen bzw. Menschen mit konkreten oder unkonkreten Ängsten dazu, Umweltreize bzw. Informationen stärker bzw. phantasiereicher und kreativer zu interpretieren und irgendwelche Zusammenhänge zu den Hintergründen und Auslösern der Angst zu konstruieren, die in Wirklichkeit gar nicht da sind.  

 

Der Angst selbst liegen wiederum Wahrnehmungen und/oder Gedanken zu Grunde, die als bedrohlich empfunden werden:

a) Erwartete Bedrohungen (echt oder vermeintlich), b) Schutz der Selbstachtung und des Selbstbildes oder c) Übersteigerte und krankhaft Angst (Detail-Infos).

 

Im Zusammenhang mit Angst und Ängsten spielen Hemmungen ebenfalls eine Rolle. Dahinter steckt die Angst zu versagen, Fehler zu machen, sich zu blamieren, aus dem Rahmen zu fallen, ausgegrenzt zu werden, die Angst, dass andere über einen reden, usw. Unter anderem führen Hemmungen zur Selbstbeschränkung des Verhaltens bei Anwesenheit anderer (Soziale Hemmung), zur verzögerten bzw. eingeschränkten Aufnahme von Sozialkontakten und / oder zur Einschränkung der Wahrnehmung und Beurteilung. Hemmung lähmen das Denken und die Wahrnehmung

 

Ängste und Hemmungen spielen auch bei der Beobachtung und Bewertung von Menschen eine Rolle: Ob Angst vor der Beurteilung oder Fehlbeurteilung eines Menschen, Angst vor der falschen Entscheidung, Angst vor einer offenen Konfrontation oder Angst vor Sympathieverlust: Ängste führen zu ungenauen Beobachtungen, unentschlossenem Handeln, Vermeidungsverhalten oder zu milder Bewertung.

 

Wer ängstlich oder gehemmt ist, beobachtet z.B. viel vorsichtiger oder zurückhaltender, ggf. auch weniger oder genauer (vielleicht sogar übergenau). Derartige Fehler finden Sie konkret unter der Rubrik "Beobachtungsfehler" (siehe separate Rubrik).

 

Ebenso spielen Ängste im Kontext zur "sozialen Wahrnehmung" eine Rolle (siehe separate Rubrik) z.B. bei der  

stereotypen Wahrnehmung / Beurteilung im Zusammenhang mit Ängsten, konkret beim sog. "Milde-Effekt / Leniency-Effekt)", beim "Großzügigkeitsfehler/ Generosity error) oder bei der "Tendenz zur Mitte / Fehler der zentralen Tendenz.". Hier geht es schwerpunktmäßig um Hemmungen bzw. um Vermeidungsverhalten z.B. aufgrund der Angst, eine Person ggf. "ungerecht" zu bewerten.  

 

Ängste führen auch zu klassischen kognitiven Fehlern, da sie Stress verursachen, die Wahrnehmung unter Stress verzerrt wird - und da sie die Phantasie anregen. Einer von vielen Wahrnehmungsfehlern, der auf Ängsten basiert, ist z.B. der Fehler der Selektiven Schockrisikowahrnehmung:

 

 

Selektive Schockrisiko-Wahrnehmung 

Selektive Schockrisiko-Wahrnehmung zählt zum Phänomen der selektiven Wahrnehmung (selektive Aufmerksamkeit) (siehe Rubrik Beobachtungsfehler) und basiert auf selektiv wahrgenommenen Ängsten. Beim Fehler der selektiven Schockrisiko-Wahrnehmung geht es um die fehlerhafte Wahrnehmung eines Ereignisses mit geringer Eintrittswahrscheinlichkeit, die deshalb als besonders riskant empfunden wird, weil sie eine besonders schockierende Wirkung hat.

 

Menschen haben vor vielen unterschiedlichen Dingen Angst. Die einen fürchten sich vor Spinnen, Haien oder sogar vor Tauben, andere haben Angst vor Höhen, vor engen Räumen oder sogar vor Schmutz oder Staub. Ängste sollen uns vor Gefahren schützen, geraten aber manchmal völlig "aus dem Ruder". Dann haben wir vor Dingen Angst, vor denen uns eigentlich keine Gefahr droht. Psychische Störungen sollen hier aber nicht thematisiert werden, schließlich geht es hier um einen ganz alltäglichen Wahrnehmungsfehler, der jeden betrifft.

 

Ob es sich nun lediglich um eine vermeintliche oder eine reale Gefahr handelt: Manchmal konzentriert sich unsere Angst selektiv auf ganz spezielle "Gefahren", während wir andere völlig übersehen. Das, was uns Angst macht, ist nicht unbedingt das, was am gefährlichsten ist. Nicht selten beinhalten Gefahren, die wir übersehen, sogar ein viel höheres Gefahren-Risiko. Das führt dazu, dass wir bemüht sind, Gefahren, die eigentlich einen relativ geringen Risiko-Faktor haben, tunlichst zu umgehen, während wir echte Risiken blindlings übersehen und sogar locker in Kauf nehmen.

 

So haben wir z.B. Angst vor Seuchen wie Rinderwahn und Schweinegrippe. Vor einer gewöhnlichen Grippe fürchten wir uns jedoch weniger. Man kennt das bereits und weiß, um was es sich handelt, zumindest denkt man das, weil man es als normal wahrnimmt. In Wahrheit sterben an einer gewöhnlichen Grippe in Deutschland jedes Jahr ca. 10000 Menschen, während an den Folgen des Rinderwahns und der Schweinegrippe zusammen nur ca. 150 Personen in ganz Europa erkrankt sind und in Deutschland lediglich 20 Todesfälle diesen Seuchen zugeordnet werden können. 

 

Die Seuchen, vor denen wir uns aber fürchten, klingen ganz anders in unseren Ohren und wirken viel schlimmer. Sie werden auch viel spektakulärer dargestellt. Wir nehmen sie allein schon deshalb viel mehr wahr, weil die Medien davon berichten. Dabei vergessen wir aber, dass die Medien nur von Ereignissen berichten, die uns verstärkt interessieren, uns neugierig machen und unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Der Tod des Nachbarn wird nicht erwähnt, lediglich der Tod des namhaften Prominenten, der uns im übrigen dann zumeist viel mehr bewegt.

 

Wir haben Angst vor ganz bestimmten Krankheiten wie z. B. Krebs. Die drei häufigsten weltweiten Todesursachen sind jedoch Herz-Kreislauf-Erkrankungen (7,3 Millionen Opfer), Infektionen der Atemwege und Lungenentzündung (über 6,7 Millionen Opfer) und Zerebrovaskuläre Erkrankungen (6,15 Millionen Opfer).

 

Obwohl man weiß, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen (Position 1) durch Stress und insbesondere durch das Rauchen (Todesrisiko 1:260) ausgelöst werden, verhalten sich Menschen irrational und haben mehr Angst vor anderen Dingen, die mit wesentlich geringerer Wahrscheinlichkeit, sogar einer Wahrscheinlichkeit gen 0 eintreten. Dass statistisch betrachtet, jede Zigarette das Leben um etwa acht Minuten verkürzt, wird verdrängt. Menschen ignorieren solche Zahlen und gehen davon aus, dass eine solche Statistik sie selbst nicht betrifft.

 

Wenn aber eine schockierende Nachricht in den Medien kommt, wir entsprechende Bilder sehen, die uns schockieren oder uns etwas ganz besonders ärgert, was in unserer unmittelbaren Nähe ist, sieht es anders aus. Dann ändert sich unsere Wahrnehmung abrupt: Obgleich weltweit jährlich mehr als 9,5 Millionen Hektar Wald weltweit abgeholzt wird, was in etwa 18 Fußballfeldern pro Minute entspricht, prozessieren wir gegen den Nachbarn, der ein Bäumchen zu viel oder zu nah gepflanzt - oder ohne Genehmigung gefällt hat, weil es uns besonders ärgert, dass es in unserem unmittelbaren Umfeld geschieht.

 

Das beschriebene Phänomen kennen wir bereits als Selektive Wahrnehmung (siehe Rubrik "Beobachtungsfehler") und auch in etwa vom sogenannten Aufmerksamkeitsfehler (siehe Rubrik "Beobachtungsfehler") her. Im konkreten Fall geht es aber zugleich um Ängste bzw. die Folgen eines Schocks durch Wahrnehmung eines vermeintlichen Risikos.

 

Unter einem Schock versteht man das Erleben einer plötzlichen (echten oder vermeintlichen) Bedrohung, welche die körperliche oder/und seelische Verfassung erschüttert. Unter einem Risiko versteht man die Beschreibung eines Ereignisses mit der Möglichkeit negativer Auswirkungen. Es ist das Produkt aus der Eintrittswahrscheinlichkeit des Ereignisses und der Schwere des Schadens als Konsequenz des Ereignisses. Bei der selektiven Schockrisikowahrnehmung handelt es sich um die Wahrnehmung eines Ereignisses mit geringer Eintrittswahrscheinlichkeit, die deshalb als besonders riskant empfunden wird, weil sie eine besonders schockierende Wirkung hat.

 

Diese Schock-Wirkung kann darauf basieren, dass bei dem entsprechenden Ereignis z.B. "besonders viele" Menschen auf einen Schlag getötet werden (Beispiel: Terroranschläge in den USA am 11.September 2001) oder alternativ auf der entsprechenden Medienpräsenz und Medienberichterstattung, wenn z.B. ein durchaus alltägliches Ereignis wie z.B. der Tod eines Menschen oder einer Gruppe von Menschen als Besonders (viel, schlimm, herausragend etc.) dargestellt und vom Beobachter bzw. den Wahrnehmenden so empfunden wird.  

 

Bilder aus bestimmten Fernsehübertragungen z.B. Bilder von - in die Zwillingstürme des World Trade Centers - einschlagenden Flugzeugen, von vielen herunterspringenden Menschen und einstürzenden Türme bzw. Gebäudekomplexen haben eine enorme Schock-Wirkung und lösen eine Art Trauma in unserem Kopf aus. Diese traumatische Erinnerung führt dann zur erhöhten Aufmerksamkeit und zur selektiven Wahrnehmung und dadurch zu einem bestimmten Verhalten (z.B. Vermeidungsverhalten, Ausweichverhalten).

 

Menschen reagieren auf ihre Ängste sowohl bewusst, als auch unbewusst mit Vermeidungs- und Ausweichverhalten. Dieses Verhalten kann weitaus schlimmere Schäden mit sich ziehen und sogar mit einem noch viel größerem Risiko verbunden sein, als bei Nichtänderung des Verhaltens. 

 

Derartige Bilder wie die vom 11. September wirken so enorm, dass kurz danach das Fliegen an sich als enormes Risiko wahrgenommen wurde, wobei derartige Wahrnehmungen später wieder nachlassen. Trotzdem führte dies nachfolgend dazu, dass im Laufe eines Jahres nach dem Anschlag des 11. September die Zahl der Autounfälle in den USA enorm angestiegen ist, weil die Menschen aufgrund der starken Angst, sich in ein Flugzeug zu setzen, lieber mit dem Auto fuhren. So sind allein 1600 Amerikaner, folglich mehr als die Hälfte der Menschen, die am 11. September starben, zusätzlich auf der Straße gestorben, nur weil sie das verstärkt wahrgenommene Risiko des Fliegens umgehen wollten.

 

Es ist nicht der Verlust vieler Leben der uns schockiert. Schätzungsweise 29000 Kinder sterben täglich auf unserem Planeten. Das Ertrinken eines einzelnen Kindes im Badesee nehmen wir aber viel stärker und als viel schlimmer wahr. Ebenso ist dies beim Tod einer Gruppe: Der Tod einer Gruppe von Menschen schockiert uns mehr als der Tod einzelner Personen. Jährlich sterben 56,26 Millionen Menschen. Das entspricht zwei Todesfällen pro Sekunde. Dennoch nehmen wir den Tod einer 3-5-köpfigen Bergsteigergruppe, die sich selbst überschätzt hat und eigentlich bewusst ein zu hohes Risiko eingegangen ist, viel stärker wahr. Wir denken darüber nach, reden darüber, schreiben Bücher darüber, produzieren Filme darüber. Ebenso ist dies bei Expeditionen.

 

Je spektakulärer ein Ereignis ist bzw. von den Medien dargestellt wird, desto verzerrter bzw. höher nehmen wir das Risiko wahr. Es gibt sogar Risiken, die extrem gering bis fast nicht vorhanden sind, Menschen dennoch enorm beschäftigen, weil sie in den Medien ständig angesprochen und diskutiert werden.

 

Obwohl die Chance, an Bord eines großen Verkehrsflugzeuges zu sterben laut Statistik von 2013 bei weniger als einem Hunderttausendstel Prozent liegt, führt dies u.a. dazu, dass rund ein Fünftel der Deutschen Angst vorm Fliegen hat. Die Medien berichten von einem Flugzeugabsturz oder einer Massenkarambolage auf der Autobahn, nicht aber von den vielen Einzelopfern, die der Straßenverkehr fordert. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sterben weltweit jährlich rund 1,24 Millionen Menschen im Straßenverkehr.

 

Nach einem Flugzeugabsturz kursieren tagelang Bilder in den Medien und schüren unsere Ängste. Dass allein in Deutschland täglich 9 Menschen im Straßenverkehr sterben, wird hingegen verdrängt und schnell vergessen, es sei denn, es handelt sich um eine Gruppe. Die Nachricht über eine Gruppe verunglückter Kinder wirkt dabei stärker als die Nachricht über eine gemischte bzw. nicht spezifisch genannte Gruppe von Menschen.

 

Wie auch immer: Die Selektive Schockrisiko-Wahrnehmung hat eine enorme Wirkung und führt - wie bei anderen Wahrnehmungsfehlern auch - dazu, dass wir Sachverhalte falsch beurteilen, die Lage (hier: Mögliche Risiken und den Ernst der Lage) falsch einschätzen und stattdessen einer ganz anderen Überzeugung sind. Wie bei anderen Wahrnehmungsfehlern auch führen die entstehenden Denkprozesse zu einem bestimmten irrationalen Verhalten.

 

 

Wahrnehmungsfehler aufgrund negativem Denken

Hier gilt eine recht einfache Regel: Negatives Denken beeinflusst die Wahrnehmung (selektiv) (siehe selektive Wahrnehmung) in eine negative Richtung. Man spricht hier von selektiver Wahrnehmung mit negativer Tendenz. Kurzum: Wer negativ drauf ist oder negative Denkmuster verfolgt (bzw. negativ gepolt ist), wird viel Negatives wahrnehmen bzw. erleben). Das Wahrgenommene ist dann - der eigenen subjektiven Wahrnehmung nach - schlechter als es in Wirklichkeit ist.

 

Manchmal erscheint alles so schlecht, dass das Leben keine Freude mehr macht und über den Rückkopplungs-Effekt (auch in Bezug auf Verhalten bzw. Aktion und Wirkung) scheinbar tatsächlich nichts mehr gelingt. Man hat dann einen sogenannten "schlechten Tag" oder eine "schlechte Phase" und es wird dann höchste Zeit, seine Gedanken in eine positive Richtung umzuprogrammieren z.B. durch bewusste Herbeiführung positiver Erlebnisse (z.B. Erfolgserlebnisse).

 

Hier wirken einfache Regeln aus der Lernpsychologie. Positives Denken führt hingegen zu eher positiven Wahrnehmungen und zu einem entsprechendem Gesamterleben. Naiven Menschen gelingt es viel besser, die Dinge positiv zu sehen, selbst dann wenn sie in Wahrheit viel schlechter sind. Sie sind damit in einem deutlichen Vorteil, was übrigens bereits aus der Bibel hervorgeht. Im übertragenen Sinne: "Selig sind die, die arm im Geiste sind - denn sie werden das Himmelreich erblicken." Aus der Sicht der psychologischen Wissenschaft hat die Bibel damit recht.

 

 

Wahrnehmungsfehler aufgrund irrationaler Gedanken

Irrationale Gedanken sind Gedanken, die jeder Vernunft widersprechen. Der Begriff geht u.a. auf Albert Ellis, den Begründer der Rational Emotiven Therapie zurück. Irrationale Gedanken beeinflussen unsere Urteile und Entscheidungen und auch unsere Gefühle in erheblichem Maße. Daher ist es wichtig, derartige Gedanken zu erkennen und zu verändern. Zu typischen bzw. den häufigsten Formen irrationaler Gedanken zählt u.a. das "Schwarz-weiß-Denken" bzw. "Alles-oder-Nichts-Denken", die "Übertriebene Verallgemeinerung", "Eingeengte Wahrnehmung", "Leugnung des Positiven", "Übertreibung von Fehlern" und "Mit zweierlei Maß messen". Irrationale Gedanken führen automatisch zu Wahrnehmungsfehlern. Sie können ebenfalls zu psychischen Störungen führen oder von diesen herrühren.

 

 

Wahrnehmungsfehler aufgrund gehirnchemischer Zusammenhänge

Für Veränderungen und ggf. Störungen der Wahrnehmung, des Denkens und der Psyche ist auch unsere körpereigene Biochemie bzw. unsere Gehirn-Chemie verantwortlich. Sie entscheidet mit darüber was und wie wir fühlen, wie wir uns und andere wahrnehmen und einschätzen - und auch darüber, wie wir urteilen und welche Entscheidungen wir treffen.

 

Wenn sich die Zusammensetzung unsere Gehirn-Chemie verändert, verändert sich damit auch der Mensch und das, was er wahrnimmt, denkt und fühlt. Nicht selten kann das völlig gegensätzlich zu dem sein, was man üblicherweise wahrnimmt, denkt und fühlt bzw. was man unter ausgewogenen Verhältnissen wahrnehmen, denken und fühlen würde.

 

Bereits Stress oder eine Erkrankung der Schilddrüse kann zu Veränderungen führen und auch dazu, ob wir Dinge positiv oder negativ sehen, ob wir Glück oder Unglück wahrnehmen, ob wir uns glücklich fühlen oder unglücklich sind. Abzugrenzen sind Wahrnehmungsfehler, die auf regulären gehirnchemischen Zusammenhängen basieren, jedoch von psychotischen Wahrnehmungsstörungen, die auf schwerwiegenden bzw. krankhaften Veränderungen der Gehirnchemie bzw. des Hirnstoffwechsel basieren.

 

 Mit "Gehirn-Chemie" sind jene gehirnchemischen Substanzen gemeint, die dafür sorgen, dass unser Gehirn Informationen verarbeiten kann. Auf ihnen beruht jede Entscheidung und Erinnerung, alles, was wir tun oder unterlassen. Die Mixtur unserer "Botenstoffe" ist ständig hintergründig dafür verantwortlich, was wir denken und fühlen und schwingt bei jeder Entscheidung mit. Sich wirkt sich auf unsere Gedanken ebenso aus wie auf unsere gemütsmäßige Verfassung - und damit auf unser psychisches und körperliches Wohlbefinden. Unsere Gehirn-Chemie erzeugt gefühlsmäßige Zustände wie „Glück“ oder „Unglück“, „Zufriedenheit“ oder „Unzufriedenheit“ und macht Gefühle wie z.B. "Glück" überhaupt erst erlebbar.

 

Eine Veränderung unserer Gehirn-Chemie ist auch für Veränderungen und ggf. Störungen der Wahrnehmung, des Denkens und der Psyche verantwortlich. Sie entscheidet mit darüber was und wie wir fühlen, wie wir uns und andere wahrnehmen und einschätzen - und auch darüber, wie wir urteilen und welche Entscheidungen wir treffen. Wenn sich die Zusammensetzung unsere Gehirn-Chemie verändert, verändert sich damit auch der Mensch und das, was er wahrnimmt, denkt und fühlt. Nicht selten kann das völlig gegensätzlich zu dem sein, was man üblicherweise wahrnimmt, denkt und fühlt bzw. was man unter ausgewogenen Verhältnissen wahrnehmen, denken und fühlen würde.

 

Die Bezeichnung „Botenstoffe“ rührt daher, weil sie quasi als „Fährboten“ fungieren, um mental verändernde Botschaften von einer Nervenzelle zu einer anderen (Partnerzelle) zu übertragen. Ohne diese Boten bzw. Überträger ist keine Kommunikation im Gehirn möglich, weshalb sie jedem Gefühl, jeder Stimmung und allem, was wir denken und lernen zugrunde liegen.

 

Dass chemische Substanzen über unser Denken und unsere Gefühle entscheiden und unser Verhalten mitbestimmen, stellt für viele das herkömmliche Menschenbild in Frage, weshalb sich nur wenige Menschen mit dieser ernüchternden Realität auseinandersetzen wollen. Schließlich verstehen wir uns als eigenständig denkende und handelnde geistige Wesen, weshalb wir mit Chemie in der Regel nicht viel zu tun haben wollen. Am liebsten auch dann nicht, wenn unser Denken und unsere Gefühle durch Störungen dieser Botenstoffe maßgeblich beeinträchtigt werden, wie dies zum Beispiel bei psychischen Erkrankungen der Fall sein kann, denen jeder ebenso schnell erliegen kann wie eine Grippe - nur mit dem wesentlichen Unterschied, dass man es selbst oft gar nicht bemerkt und dies lediglich anderen auffällt.

 

Selbst wenn Menschen depressive, aggressive, ängstliche oder manch andere Gefühlszustände selbst wahrnehmen, was nicht immer der Fall ist, so kommen dennoch nur einige kluge Menschen auf die Idee, dass das an ihrer Gehirn eigenen Chemie liegen könnte, die vielleicht durch irgendein bewusstes oder unbewusstes Ereignis oder einen länger anhalten bestimmten Gemütszustand irgendwie durcheinander gekommen ist. Nur wenige finden den Weg zu einem Profi (z.B. Psychiater), der dies untersucht, ggf. nachmisst und einen Weg sucht, die Gehirn eigene Chemie wieder richtig einzustellen und/oder durch Zugabe von außen (Medikamente, die sich auf die Gehirnchemie regulierend auswirken) wieder in Gang zu setzen.

 

Dass Menschen die Realität leugnen, ist dennoch menschlich verständlich. Schließlich mutet es frustrierend an, dass Gefühle, an die wir glauben, in Wahrheit nichts anderes sein soll als ein Strom einiger Chemikalien in unserem Kopf.

Wie wirken diese Chemikalien bzw. unsere körpereigene Biochemie? Hier ein paar kurze Beispiele:

 

Dopamin: Dopamin ist einfach ausgedrückt ein Glücks-Botenstoff und sorgt für Vergnügen, Lust und Glücksempfinden. Darüber hinaus wirkt Dopamin als Antriebskraft, lässt uns arbeiten, lernen und Leistung erbringen. Dopamin sorgt für Motivation, Zielorientierung, ein gutes Erinnerungsvermögen, die Ausprägung unseres Kurz- und Langzeitgedächtnisses, für sexuellen Antrieb und Lustempfinden, Impulsivität, Öffnung nach außen und das Zugehen auf andere Menschen. Im Umkehrschluss ist zu wenig Domamin für eine geringe Aufmerksamkeit, Antriebslosigkeit, Unzufriedenheit, schlechte Stimmung und Depression verantwortlich. Zu viel Dopamin führt wiederum zu Hyperaktivität (ADHDS).

 

Entscheidend zum Aufbau von Glücksgefühl ist die Verbindung mit Noradrenalin. Das sorgt dafür, dass wir etwas haben wollen, etwas begehren. Es löst freudige Erwartungen, Motivation, Antrieb, Aufmerksamkeit und Interesse aus, darüber hinaus Lust, Freude, Begeisterung und Glücksempfindungen. Durch Dopamin wird unsere Aufmerksamkeit auf Angenehmes, Erfreuliches und Vergnügliches gelenkt. Dopamin treibt uns vorwärts in Richtung unserer Ziele und und lässt uns entsprechend agieren. Ohne genügend Dopamin machen wir nichts, sind nicht in der Lage uns zu regen, sind freudlos, lustlos, antriebslos und interessenlos. Während ein erhöhter Dopaminspiegel mit angenehmer Stimmung, Freude und Vergnügen einhergeht, führt ein zu niedriger Dopaminspiegel zu chronisch schlechter Stimmung, Lustlosigkeit und Depression.

 

Serotonin: Serotonin ist ein einfach ausgedrückt ein Stimmungsaufheller und sorgt für emotionale Ausgeglichenheit, Gelassenheit, innere Ruhe und Zufriedenheit. Gleichzeitig ist Serotonin mit für unser Essverhalten verantwortlich, sorgt entweder für Appetit oder Sättigungs-Gefühl. Serotonin ist auch daran beteiligt uns vor Angst, Kummer und Sorgen zu schützen, weil es entsprechende Gefühlszustände dämpft, ebenso Aggressivität, Hunger, Niedergeschlagenheit und Depressionen. Dank Serotonin bleiben wir ruhig und gelassen und fühlen uns gut. Ein Serotoninmangel kann zu mentalen Störungen führen und wurde bei Angststörungen, zwanghaft negativen Gedanken, Selbstmordgefärdung, Aggressivität und zorniger Feindseligkeit ebenso nachgewiesen wie bei Sozialphobie, Schüchternheit, Depression und Migräne.

 

Ein erhöhter Serotoninspiegel im Gehirn führt zu Unruhe und kann zu Halluzination führen. Depressive Verstimmungen, Angst und impulsive Aggressionen lassen sich neurochemisch häufig auf einen Mangel an Serotonin zurückführen. Serotonin führt über die Stimulation bestimmter Regionen der Großhirnrinde zu einer Hemmung der Impulsivität und des aggressiven Verhaltens.

 

Obwohl die Ausschüttung von Serotonin indirekt mit der Nahrungsaufnahme in Verbindung steht, führt - anders als allgemein geglaubt - der Konsum serotoninreicher Nahrungsmittel z.B. Schokolade oder Bananen nicht wegen des darin enthaltenen Serotonins zu einer stimmungsaufhellenden Wirkung, da Serotonin die Blut-Hirn-Schranke nicht überwinden kann. Dies bewirken die in der entsprechenden Nahrung enthaltenen Kohlenhydrate, die - ebenso wie eiweißreiche Nahrung - eine vermehrte Produktion und Ausschüttung von Neurotransmittern im Gehirn bewirken. 

 

Was die Regelung des Appetits anbetrifft, so wird Serotonin insbesondere mit einer appetithemmenden Wirkung in Verbindung gebracht, da bei übergewichtigen Menschen der Tryptophanspiegel im Blutplasma und der Serotoninspiegel im Gehirn verringert ist. Arzneistoffe, die die Serotoninkonzentration im Gehirn erhöhen, führen daher als Nebenwirkung zu einer Appetitlosigkeit.

 

Serotonin spielt auch eine Rolle bei der Regulierung des Schlaf-Wach-Rhythmus, wobei Serotonin vermehrt den Wachzustands fördert. Auch ist Serotonin, das beispielsweise aus verletzten Nervenzellen freigesetzt wird, ein Aktivator des Schmerzreizes. Es kann Schmerzreize verstärken oder abschwächen.

 

Was das Sexualverhalten anbetrifft, so hat Serotonin, das z.B. bei der Ejakulation in den Hypothalamus ausgeschüttet wird, eine hemmende Wirkung und fungiert dabei als Gegenspieler des Dopamins. Arzneistoffe, die wie die selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer die Serotoninkonzentration im Gehirn erhöhen, können neben bei Männern ein vermindertes Sexualbedürfnisses, Einschränkungen der Errektionsfähigkeit und/oder einer Hemmung der Ejakulation bewirken. Im Experiment mit Mäusen führt eine gestörte Serotoninproduktion zu bisexuellem Sexualverhalten, das sich durch Serotoningaben in heterosexuelles zurückführen lässt.

 

Serotonin ist auch an der Regulierung der Körpertemperatur beteiligt. Je nach involviertem Gehirnareal und je nach beteiligten Rezeptoren führt Serotonin zu einem Anstieg (Hyperthermie) oder einer Absenkung der Körpertemperatur (Hypothermie).

 

Noradrenalin: Noradrenalin (Norepinephrin (INN)) ist ein im Nebennierenmark und im Locus caeruleus produziertes - mit dem Adrenalin verwandtes - Hormon, welches das Herz-Kreislauf-System anregt. In seiner Rolle als Hormon führt es konkret zu einer Engstellung der Blutgefäße und damit zur Blutdrucksteigerung. 

 

Die wichtigste Funktion hat Noradrenalin ist seiner Rolle als Neurotransmitter. In dieser Rolle wird es im peripheren Nervensystem von sympathischen Nervenfasern ausgeschüttet und entfaltet dort eine ähnliche Wirkung wie Adrenalin. Noradrenalin wirkt wach machend, erregend und aktivierend und führt zu Konzentration, Aufmerksamkeit, Reaktionsbereitschaft, Motivation und Leistungsbereitschaft. 

 

Oxytocin: Oxytocin ist ein Hormon, das im Gehirn im Hypothalamus gebildet wird und u.a. bei der Paarbindung und der mütterlichen Bindung eine Rolle spielt. Zugleich regelt es das Gruppen- und Angstverhalten. Oxytocin wird auch als Botenstoff der Liebe bzw. als "Kuschelhormon" bezeichnet. Oxytocin sorgt für Vertrauen, Liebe, Verlangen und Sex sowie die Bereitschaft, miteinander zu kooperieren, dabei auch Risiken einzugehen. Oxytocin regelt auch den Orgasmus und sorgt für Treue in einer Partnerschaft.

 

Aufgefallen ist dies u.a. bei der Untersuchung von Mäusen: Während sich z.B. "Präriewühlmäuse" nach dem ersten sexuellen Kontakt ein Leben lang treu sind, gehen "Bergwühlmäuse", in deren Gehirn nur wenig Oxytocin produziert wird, anschließend ihre eigenen Wege, was bei genetisch veränderte Bergwühlmäuse, die zu einer höheren Oxytocin-Produktion fähig sind, anders ist. Mit Oxytocin bleiben sie sich ein Leben lang treu.

 

Endorphine: Endorphine (Endogene Morphine) sind vom Körper selbst produzierte Morphine, die u.a. in der Hypophyse und im Hypothalamus produziert werden und teilweise schmerzlindernd bzw. schmerzunterdrückend (analgetisch) wirken (beta-Endorphin). Das Endorphinsystem wird sowohl in Notfallsituationen als auch bei positiven Erlebnissen aktiviert, wodurch die eigentlich irreführend Bezeichnung "Glückshormon" entstanden ist, was eigentlich mehr dem Dopamin entspricht. Dennoch kann die Ausschüttung von Endorphinen ein Glücksempfinden hervorrufen.

 

Endorphine regeln Empfindungen wie Schmerz und Hunger. Sie stehen in Verbindung mit der Produktion von Sexualhormonen und sorgen mit für die Entstehung von Euphorie. Aktiviert wird das Endorphinsystem auch bestimmten körperliche Anstrengungen und bei Schmerzerfahrungen.

 

 

Fehler aufgrund psychomotorischer Zusammenhänge

Was man wahrnimmt und denkt, beeinflusst unseren Körper und unsere Motorik. Umgekehrt beeinflusst unsere Motorik unser Denken - und damit auch unsere Wahrnehmung. John Riskind und Carolyn Gotay bewiesen in einer experimentellen Untersuchung, dass bereits eine gekrümmte Körperhaltung, schneller zu Depression, Mutlosigkeit oder Aufgeben aktiviert.

 

Gary Wells und Richard Petty stellten fest, dass in unserem Kulturkreis, bereits Kopfnicken zustimmende Gedanken erzeugt und ein Kopfschütteln ablehnende Gedanken. Entsprechend verändert sich unsere Wahrnehmung und die Beurteilung von Sachverhalten. Jede Körperhaltung hat Einfluss auf unsere Gedanken und jeder Gedanke spiegelt sich im Körper wieder. Die Facial-Feedback-Theorie (nach Silvan Tomkins) besagt z.B. dass unsere gesamte Wahrnehmung von unserer Mimik abhängt.

 

Wer seinen Kopf und seine Augen weniger bewegt, sieht natürlich weniger. Wer "dumm" drein guckt, kann Aufgaben schlechter lösen. Er braucht - entsprechenden Untersuchungen nach - zumindest viel mehr Zeit. Was wir denken, überträgt sich auf unsere Motorik z.B. unsere Mimik und wie wir dreinschauen bestimmt unsere Wahrnehmung, aber auch wie andere uns wahrnehmen und uns gegenüber gesonnen sind. Nicht selten wird unsere Motorik durch äußere Einflüsse bestimmt, z.B. solche Einflüsse, die in uns Stress auslösen: 

 

 

Wahrnehmungsfehler aufgrund Stress

Die durch negativen Stress (Distress) entstehenden negativen Gefühle und Gedanken, die insbesondere dann auftreten, wenn man sich überfordert und den Anforderungen seiner Umwelt nicht gewachsen fühlt, führen zu Verzerrungen und Fehlern in der Beobachtung, der Wahrnehmung und Beurteilung. Ebenso führen Sie zu Veränderungen des Verhaltens, der Motorik, ebenso zu vegetativen Problemen und zu psychischen wie physischen Krankheiten.

 

Durch positiven Stress (Eustress) können ebenfalls Wahrnehmungsfehler entstehen. Insbesondere dann, wenn man aufgrund positiver Erlebnisse gerade besonders enthusiastisch und euphorisch ist, nimmt man Vieles schnell über die sogenannte "Rosarote Brille" wahr.

 

"Enthusiasmus" ist eine Begeisterung oder Schwärmerei für etwas, eine gesteigerte Freude an bestimmten Themen oder Handlungen, ein extremes Engagement für eine Sache oder ein ungewöhnlich intensives Interesse auf einem speziellen Gebiet.

 

"Euphorie" bezeichnet eine vorübergehende, subjektiv wahrgenommene überschwängliche Gemütsverfassung, die meist mit allgemeiner Hochstimmung bzw. einem Hochgefühl, größtem Wohlbefinden und gesteigerter Lebensfreude und Optimismus einhergeht, gleichzeitig aber auch mit sorgloser Zuversicht bzw. Sorglosigkeit. Euphorische Gefühlszustände können in vielen Alltagssituationen auftreten z.B. bei Verliebtheit.

 

Bei Euphorie kommt es zu einer Aktivität im Nucleus accumbens des Gehirns. Neurochemisch wird Euphorie durch die Botenstoffe Dopamin und/oder Serotonin ausgelöst. Mitunter kann die Stimmung auch unangemessen bzw. übertrieben gehoben sein. Die nächste Stufe ist die Manie:

 

 

Wahrnehmungsfehler aufgrund Manie

Eine Manie ist eine psychische Störung, bei der die Gefühlswelt, das Erleben und die Äußerung der Gefühle einer Person gestört sind. Sie zählt zu den affektiven Störungen. Betroffene Personen leben phasenweise in einem intensiven, aber unbegründeten Hochgefühl, begleitet von übermäßig guter Laune und einem gesteigerten Selbstwertgefühl.

 

Eine Manie tritt meist phasenweise auf. Den Zeitraum einer Manie bezeichnet man als manische Phase oder manische Episode. In den Phasen zwischen zwei derartiger Phasen zeigen die Betroffenen keine Anzeichen der Manie. Manchmal tritt die Manie in Kombination mit einer Schizophrenie auf (konkret: schizoaffektiven Psychose). Sofern sich manische mit depressiven Phasen abwechseln, spricht man von einer manisch-depressiven Erkrankung oder einer bipolaren Störung.

 

Während einer manischen Episode sind Betroffenen besonders leistungsfähig, energiegeladen und euphorisch. Sie beginnen viele Dinge; ggf. brechen sie diese dann jedoch schnell wieder ab. Seitens der Betroffenen werden oft zahllose Dinge mit großer Begeisterung auf einmal begonnen, wobei aber nichts zu Ende geführt wird.  Zusätzlich tritt ein starker Rededrang (Logorrhö) auf. Manchmal sprechen Maniker so schnell, dass es Zuhörern nicht möglich ist, sie zu verstehen.

 

Seitens der Betroffenen kommt es zu zahlreichen Wahrnehmungsfehlern: Aufgrund ihres Enthusiasmus und ihrer Euphorie 

tätigen Maniker bestimmte Handlung und Geschäfte impulsiv und schließen z.B. unüberlegt Verträge ab. Die Betroffenen überschätzen die eigene Kraft, die eigene Attraktivität und die eigenen finanziellen Mittel oft beträchtlich und fügen auf diese Weise sich selbst oder ihren Mitmenschen unbeabsichtigt mitunter großen Schaden zu.

 

Wahrnehmungsfehler erfolgen auch aufgrund der Enthemmung: Eine für Maniker typische Enthemmung tritt in unterschiedlichen Bereichen des täglichen Lebens auf. Maniker werden distanzlos und beginnen, wahllos Fremde anzusprechen, verteilen Geschenke an fremde Personen oder laden ein ganzes Lokal auf einen Drink ein. Auch kann es zur Enthemmung im sexuellen Bereich und einer gesteigerten Libido kommen, wobei die Betroffenen ihre eigene Attraktivität während einer manischen Episode häufig überschätzen. 

 

Nach einer manischen Episode werden Betroffene häufig von Schuld- und Schamgefühlen überwältigt und versuchen, Dinge, die sie während der Manie getan haben, wieder rückgängig zu machen.

 

 

Hypersensibilität

Bei hypersensiblen Menschen ist die Sinneswahrnehmung stärker ausgeprägt, was dazu führt, dass selbst schwache Sinneseindrücke (z.B. leise Stimmen und Geräusche, kleinste Temperaturveränderungen oder schwache Luftzüge) relativ stark gespürt werden. Hier bestehen regelrechte Verbindungen zwischen visuellen, akustischen, olfaktorischen, gustatorischen und haptischen Reizen, was dazu führt, dass die unterschiedlichen, sehr sensiblen Wahrnehmungsempfindungen zu einem besonders starken Gefühl verknüpft werden, das andere Menschen nur schwer oder überhaupt nicht nachvollziehen können.

 

 

Effekt der Stimmungskongruenz 

Wir tendieren dazu, positive Informationen bei einem positiven Gefühlszustand besser zu verarbeiten als bei einem negativen. Umgekehrt gilt dasselbe. Einflüsse von Gefühlszuständen wirken sich auf den Stil der Informationsverarbeitung aus. Positive Gemütslagen sind daher eher mit einem kreativen Stil verbunden, während negative Gemütsverfassungen mit einer sehr systematischen Verarbeitung von Umweltinformationen einhergehen. Die gesündeste Form der Informationsverarbeitung ist eine leicht positiv verzerrte Informationsverarbeitung und nicht eine möglichst genaue. (Siehe "Illusion and Well-Being" von Taylor und Brown)

 

 

Trugwahrnehmungen (z.B. Stimmenhören) 

Trugwahrnehmungen sind trügerische Wahrnehmungen. Sie gehören aber nicht zu den Wahrnehmungsfehlern (z.B. Beobachtungs-, Beurteilungs- und Erwartungsfehlern), sondern zu den Wahrnehmungsstörungen, die in der Regel auf psychische oder organische Störungen zurückzuführen sind. Dazu zählen z.B. Halluzinationen und Wahnvorstellungen.

 

Es gibt Menschen, die sagen, dass sie hellsehen können, andere werden von Erscheinungen und Visionen heimgesucht. Sie hören Stimmen aus ihrem Kopf, ihrem Bauch oder von sonst wo her, sehen Geister, fremde oder vertraute Gestalten (z.B. des christlichen Glaubens), können sich ggf. mit ihnen unterhalten oder sagen, dass sie in die Zukunft blicken können.

 

Eines von vielen berühmten Beispielen sind die Visionen von Jeanne d’Arc (* 6.01.1412 / in Domrémy, Lothringen; † 30. Mai 1431 in Rouen), im deutschen Sprachraum auch Johanna von Orléans bzw. die Jungfrau von Orléans genannt, die von der römisch-katholischen Kirche als Märtyrin und Heilige verehrt wird: Laut Gerichtsprotokoll hatte Jeanne bereits im Alter von 13 Jahren ihre ersten Visionen, in denen sie die Stimme der heiligen Katharina hörte.

 

Später später kamen die des Erzengels Michael und der heiligen Margareta hinzu, von denen sie angeblich den Auftrag erhielt, Frankreich von den Engländern zu befreien und den Dauphin zum Thron zu führen. Daraufhin verließ sie ihr Elternhaus und verhalf den französischen Truppen des Dauphins zu einem Sieg über die Engländer und Burgunder. Nachfolgend geleitete sie Karl VII. von Frankreich zu seiner Krönung nach Reims. Nach ihrer Gefangennahme am 23.05.1430 wurde sie am 30.05.1431 im Alter von 19 Jahren auf dem Marktplatz von Rouen auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

 

Manchmal sind es aber auch angebliche Erinnerungen an vermeintlich frühere Leben oder es tauchen lebhafte, bislang verschüttete Details aus der Vergangenheit auf. Menschen können sich plötzlich erinnern, dass sie irgendwann schon einmal an einem bestimmten Ort waren oder dort gelebt haben. Dazu haben sie gestochen scharfe Bilder im Kopf und können teilweise kleinste Details beschreiben. Selbst Gerüche scheinen dann real "in der Nase" zu sein.

 

Die Erinnerungen sind derart lebendig, dass sie mit starken Gefühlswallungen einhergehen, die messbar sind und darauf hindeuten, dass sie für die Betroffenen scheinbar real sind. Ebenso unumstößlich real scheinen manchmal auch die Erinnerungen. Die Betroffenen sind felsenfest davon überzeugt, an einem bestimmten Ort bereits einmal gewesen zu sein, eine Melodie (aus einem vergangenen Jahrhundert) bereits schon einmal gehört zu haben und sogar dazu getanzt zu haben.

 

Manche Menschen setzen sich hin und spielen plötzlich ein Instrument, das sie nie gelernt haben. Sie komponieren und dichten. Es scheint, als gäbe es Informationen bzw. Erinnerungen (bzw. Erfahrungen) in ihrem Kopf, die intuitiv aus dem Unterbewusstsein hervorkommen. Zumeist gibt es aber keinen Beleg für echte Erfahrungen, die auf reales Erleben und Lernen im aktuellen Leben zurückführbar sind.

 

Die einen gehen davon aus, dass es sich um zusammengewürfelte und neu kombinierte Fragmente gesammelter Detail-Informationen (Detail-Erfahrungen) aus dem Unterbewusstsein handelt, die nun mit Hilfe der Vorstellungskraft (= Phantasie) neu kombiniert und geformt werden), andere hingegen ordnen derartige Wahrnehmungen der Psychiatrie bzw. einer psychischen Störung zu.

 

Seit Jahrzehnten versuchen Wissenschaftler, die psychologischen und neurobiologischen Ursachen derartiger Trugwahrnehmungen zu ergründen. Bislang konnten keine wissenschaftlichen Erklärungen gefunden werden, die über wiederholbare Experimente überprüfbar wären. Daher zählt man Trugwahrnehmungen eigentlich nicht zu den Wahrnehmungsfehlern, sondern eher zu den Wahrnehmungsstörungen, die mit Realitätsverlust einhergehen, aktuell zumeist als krankhafte Störung gelten und eher dem Fachgebiet der Psychiatrie zugeordnet werden.

 

Die Parapsychologie beschäftigt sich ebenso damit. Einige Trugwahrnehmungen stehen auch in Verbindung mit dem Phänomen der sogenannten Übersinnlichen bzw. außersinnlichen Wahrnehmung. Zusätzlich gibt es eine weitere außerpsychologische Sichtweise, die relativ modern ist:  Hier wird davon ausgegangen, dass es sich um reale Erfahrungen bzw. reale Erinnerungen handelt, welche die Seele - abgekoppelt vom Körper bzw. dem Gehirn - macht. Infos dazu finden Sie unter anderem unter "Nahtoderfahrungen" und Rückführung / Reinkarnationstherapie".

 

Ähnliche Wahrnehmungen kommen häufig auch bei Kindern vor. Es gibt nicht wenige Kinder, die "eine Stimme" aus ihrem Bauch mit ihnen reden hören. Eltern kann so etwas sehr verängstigen, die Kinder selbst aber auch. Die wenigsten davon betroffenen Kinder sprechen darüber wenn sich solch eine Stimme meldet und plötzlich "Hallo" sagt. Es gibt aber auch Kinder, die damit aufwachsen. Sie gewöhnen sich daran wie an den Besuch der Schule. Zugleich gehen Kinder eher davon aus, dass alle anderen solche Stimmen auch haben und dass es vielleicht normal ist. Oft kommt so etwas zu Beginn der Pubertät vor.

 

Manchmal sind es Frauenstimmen, manchmal Männerstimmen, manchmal undefinierbare Stimmen (wie ein Männchen im Bauch, ein kleiner Kobold oder der Bauch selber, so die Beschreibungen). Manchmal wird die Stimme verstanden, manchmal nicht (z.B. undefinierbares Stimmengewusel oder zu leise z.B. Flüsterstimme). Manchmal tritt eine solche Stimme zusammen mit einem Kribbeln im Bauch auf. Die Kinder sind manchmal sehr verunsichert, häufig gewöhnen sie sich daran. Die Stimme wird dann zu einem persönlichen Begleiter, tritt aber nicht ständig in Aktion, sondern nur ab und zu. Eine solche Stimme sagt z.B.: "Schau mal!" oder "Guck mal!" oder einfach nur "Hallo". Einige Kinder glauben, es sei ein Toter, der sie zu irgendetwas auffordern oder aus dem Schlaf aufwecken will.

 

Bei derartigen Wahrnehmung handelt es sich jedoch weniger um eine gestörte Wahrnehmung, als vielmehr um eigenständige krankhafte Phänomene von wahrnehmungsähnlichem Charakter. Auch gibt es viele Erwachsene, die Stimmen hören. Angeblich hören 3 - 5 Prozent aller Menschen Stimmen oder haben irgendwann einmal in ihrem Leben Stimmen gehört. Sehr häufig sind sie in psychiatrischer Behandlung. Bei Kindern werden Stimmen eher als Scherz oder kindliche Spinnerei abgetan. In wenigen Fällen erfolgt der Gang zum Psychiater.

 

In der Psychiatrie gilt Stimmenhören als Zeichen für eine schwere psychische Störung. Stimmenhören und andere Halluzinationen können im Rahmen einer beginnenden Psychose auftreten, weswegen es sehr wichtig ist, zeitnah einen Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie aufzusuchen. Nicht selten lautet die Diagnose Schizophrenie. Die Behandlung erfolgt in den meisten Fällen ausschließlich mit Psychopharmaka. 

 

Charakteristisch für eine Psychose ist, dass Betroffene in unterschiedlichem Ausmaß den Bezug zur Realität verlieren und Dinge wahrnehmen, die in Wahrheit nicht vorhanden sind. Es kann sich um Stimmen handeln, die Befehle geben oder Situationen kommentieren aber auch unangenehme Gerüche, Lichtblitze sowie eine veränderte Farbwahrnehmung. Auch erleben Betroffene ihre Umgebung zunehmend als unwirklich oder haben das Gefühl, nur noch neben sich zu stehen.

 

Doch wer Stimmen hört, muss nicht zwingend krank sein. Das Phänomen ist nicht selten: Manche Personen hören gelegentlich oder auch häufig Stimmen. Für einen Teil dieser Menschen. Für manche ist dieses Phänomen unproblematisch, während andere extrem darunter leiden können. Bei Kindern wird Stimmenhören von einigen Fachleiten als nicht ungewöhnliches Phänomen betrachtet, das irgendwann wieder endet (z.B. während bzw. spätestens nach der Pubertät).

 

Tritt das Stimmenhören erstmals im höheren Lebensalter auf, kann dies aber auch auf einen degenerativen Prozess hindeuten - wie beispielsweise eine Demenzerkrankung oder eine Stoffwechselentgleisung - die ebenfalls ärztlich genau abgeklärt und ggf. behandelt werden müssen.

 

Das erste Eintreten von Stimmenhören ist für viele oft ein dramatisches Ereignis. Es kann zu panischen Reaktionen kommen und zu einem inneren Kampf, den Stimmen entfliehen zu wollen. Aus Angst, verrückt zu werden, neigen viele zur Verdrängung oder versuchen, sich abzulenken – was oftmals erfolglos bleibt. Einige berichten, dass die Stimmen ihnen Aufschlüsse über ungelöste Lebensprobleme geben und dies bei der Bewältigung von Problemen helfen kann.

 

 

Es gibt keine abschließende Erklärung dafür, warum Mensch plötzlich anfangen, Stimmen zu hören. Das Stimmenhören kann unter anderem im Rahmen traumatischer oder intensiver emotionaler Ereignissen auftreten, wie bei Unfällen, zwischenmenschlichen Konflikten, Todesfällen, Scheidungen, Erkrankungen oder auch nach der Einnahme von Drogen. Manche Menschen hören nur eine Stimme, andere hingegen mehrere oder viele. Die Stimmen könne von bekannten Menschen stammen oder als völlig fremd erscheinen. 

 

Viele vom Stimmenhören betroffene Menschen fühlen sich ausgegrenzt und nicht ernst genommen. Sie wollen mit "ihren Stimmen" leben, haben daher sogar eine "Stimmenhörer-Bewegung" gegründet und möchten die Psychiatrie zum Umdenken bewegen (z.B. Netzwerk Stimmenhören e.V.). Die meisten Stimmenhörer sind sehr erschrocken und können sich nicht erklären, was da gerade mit ihnen passiert, wenn sie zum ersten mal eine solche Stimme hören. Mit der Zeit gewöhnen sich viele daran. Viele Stimmenhörer "arrangieren" sich oft sogar mit ihren Stimmen, zumindest solange diese für die Betroffenen erträglich sind. Die Betroffenen besprechen sich sogar mit ihren Stimmen und verabreden sich mit ihnen, zu bestimmten Zeiten ruhig zu sein.

 

Manchmal werden die Stimmen jedoch für die Betroffenen unerträglich. Zudem gehen sie mit körperlichen Reaktionen einher. Sie wirken dann z.B. "wie Kobolde", welche die Betroffenen nachäffen, andere Menschen (z.B. anwesende Gesprächspartner) ins Lächerliche ziehen oder die eigenen Aussagen der Betroffenen kommentieren. Manche sprechen "wie mit einer Automatenstimme". Es kommen sogar weitere Stimmen hinzu. Sie halten die Betroffenen vom Schlafen ab, verbieten etwas und sind manchmal angeblich recht laut. Manche der Betroffenen haben das Gefühl, dass es besonders "böse", weniger böse und neutrale Stimmen gibt.

 

Manche Betroffene erzählen von schlimmen Beschimpfungen und Befehlen, die von den besonders bösen Stimmen ausgeht. Diese Stimmen gehen sogar so weit, dass sie den Wert des eigenen Lebens negieren und zum Suizid aufrufen. Manche Patienten führen einen regelrechten Dauerkampf mit ihren Stimmen.

 

Ein einigermaßen anschauliches Beispiel dafür bietet (im entfernten Sinne) der Roman "Psycho" von Robert Bloch. Er wurde 1959 veröffentlicht und mehrmals verfilmt. Hier leidet der Stimmenhörer und Stimmensprecher Norman Bates unter einer multiplen Persönlichkeitsstörung und hatte 3 Persönlichkeiten: Sich selbst, den jungen Norman und seine Mutter. Weil seine Seine Mutter und sein Onkel Joe heiraten, wollten, vergiftete Norman beide mit Rattengift, schrieb einen Abschiedsbrief im Namen seiner Mutter an sich selbst und wurde ins Krankenhaus gebracht. Später bereute er es, grub die Leiche seiner Mutter aus, stopfte sie aus und trug sie mit sich herum wie eine Puppe. Aus der Persönlichkeit seiner Mutter heraus, die von ihm Besitz ergriffen hatte und nun eifersüchtig war, ermordete Norman Bates weitere Personen. Am Ende des Romans hat Normans Mutter vollständig seine Persönlichkeit übernommen. Verfilmt wurde der Roman u.a. von Alfred Hitchcock im Jahre 1960. Der für vier Oscars nominierte Film gilt als eines seiner zentralen Werke und ist ein Klassiker des amerikanischen Kinos.

9. Wahrnehmungsfehler mit bewusstem oder unbewusstem Manipulationseffekt

Anstarr-Effekt (Menschen)

Zur Abgrenzung: Hier geht es nicht um den allgemeinen Anstarr-Effekt, der wie der "Anstarr-Effekt bei sensorische Deprivation" und der "Anstarr-Sensibilitäts-Effekt" unter der Rubrik Phantasie- und Erwartungsfehler gelistet wird und der auftritt, wenn man als Person selbst im Dunkeln oder bei Dämmerlicht z.B. einen Gegenstand minutenlang anstarrt und dieser sich dann langsam zu verändern bzw. zu verwandeln beginnt.

 

Vielmehr geht es hier darum, was passiert, wenn ein Mensch einen anderen Menschen anstarrt bzw. mit seinem Blick fixiert, ohne sich von der anderen Person zu lösen. Der besagte Blick kann direkt in die Augen einer anderen Person gerichtet sein oder aber von hinten erfolgen - so, dass die angestarrte Person diesen nicht sehen, aber spüren kann. Was passiert?

 

Das Anstarren von Menschen führt zu Reaktionen - und zwar konkret bei Personen, die über längere Zeit angestarrt werden. Insbesondere der tiefe Blick in die Augen eines anderen Menschen löst Gefühle aus und hat eine bewusstseinsverändernde Wirkung. Ein solches Anstarren bzw. Fixieren kann irritierend wirken und sehr unangenehme Gefühle auslösen, die (je nach Selbstwertgefühl der beobachteten Person) bis zur Ohnmacht der fixierten Person führen können.

 

Menschen fühlen sogar, wenn längere Zeit Blicke von hinten auf sie geworfen werden - manche Menschen drehen sich dann um, um intuitiv zu schauen, wer hinter einem steht, selbst dann wenn die Entfernung sehr groß ist. Insbesondere Schüler kennen den Effekt z.B. wenn sie einen Lehrer terrorisieren wollen.

Je mehr Blicke auf einer Person "lasten", deso extremer die Reaktion, die bis zum psychischen oder körperlichen Zusammenbruch führen kann. Wissenschaftler konnte aber nachweisen, dass bereits ein Starren einer einzigen Person ausreicht, um a) die eigene Wahrnehmung zu beeinflussen und b) auch bei der angestarrten Person eine heftige Reaktion hervorzurufen. Das längere Anstarren von Menschen löst sogar Halluzinationen aus.

 

Der Psychologe Giovanni Caputo, Forscher an der italienischen Universität Urbino testete in einem Experiment was passiert, wenn sich Menschen gegenseitig über zehn Minuten lang durchgehend in die Augen starren und fixieren. Dabei konnte er im Ergebnis Bewusstseinsveränderungen und Halluzinationen mit starker ("gruseliger") Wirkung feststellen. In seinem Experiment ließ er 20 Probanden jeweils paarweise in einem Abstand von einem Meter so gegenüber sitzen, dass sie sich einander in die Augen schauen konnten. In der Kontrollgruppe von 20 weiteren Teilnehmern saßen die Paare hingegen Rücken an Rücken. Bei beiden Gruppen war der Raum soweit abgedunkelt, dass man gerade noch die Gesichtszüge des jeweiligen Versuchs-Partners erkennen konnte. Den Versuchspersonen wurde das Experiment als Meditationsexperiment dargestellt. Nach Ablauf der besagten Zeit wurden die Teilnehmer nach ihren Erfahrungen bei diesem Experiment gefragt.

 

Die Probanden aus der Gruppe der "Starrer" berichteten über Veränderungen ihrer Wahrnehmung und über Realitätsverzerrungen (Dissoziationen). Dazu zählte u.a. eine reduzierte Farbintensität und Geräuschempfindlichkeit. 90 % der Teilnehmer gaben an, während des Experiments "seltsame Gesichter" gesehen zu haben. Drei Viertel der Versuchspersonen meinten sogar, in ihrem Gegenüber plötzlich "ein gruseliges Monster" erblickt zu haben. 15 Prozent sahen hingegen das Gesicht eines Verwandten. Frühere Studien, bei denen sich die Versuchspersonen - ebenfalls im Dämmerlicht - selbst im Spiegel in die Augen starrten – riefen bereits ähnliche Effekte hervor. Die Illusion ähnelt ein wenig dem Monstergesicht-Effekt, wobei das lange Starren auf ein Gegenüber eine ähnliche Wirkung hat.

 

 

Lowballing-effect

Der Lowballing-effect ist eine bewusst von außen eingesetzte Manipulationstechnik, die auf dem Umgang mit Kognitiven Dissonanzen basiert und Wahrnehmungsfehler impliziert. Aufgrund des sicher wirkenden Effektes werden nachträgliche Preiserhöhungen von Käufern deshalb akzeptiert, weil diese eine vorausgegangene Entscheidung bereits zu sehr verinnerlicht und aufgewertet haben. Der Lowballing-effeckt wird u.a. im Bereich der gezielten Manipulation und der persuasiven Kommunikation genutzt:

 

 

Wahrnehmungsfehler aufgrund persuasiver Rhetorik

Wahrnehmungsfehler aufgrund persuasiver Kommunikation / Rhetorik werden zumeist bewusst und gezielt eingesetzt. Sie erfolgen aber auch unbewusst in normalen Kommunikationssituationen. Persuasive Kommunikation (lat. persuadere = „überreden“) zielt auf Beeinflussung und Überzeugung. Ziel der persuasiven Kommunikation als Teilgebiet der Rhetorik ist das Erzeugen einer anderen Wahrnehmung und Beurteilung mit Hilfe kommunikativer Mittel sowie das Erreichen von Einstellungsänderungen. Oft ist persuasive Kommunikation auch ein unbewusster Teil der empathischen privaten Kommunikation.

 

 

Foot-in-the-door-Effekt

Der Effekt, der einen Wahrnehmungsfehler erzeugt, wird zumeist als bewusste Technik genutzt. Jemand erbittet von uns einen kleinen Gefallen, den man nicht ausschlagen kann. Wenn dieser Jemand seinen „Fuß“ dann einmal „in der Tür" hat, rückt er mit der wahren Forderung heraus und wir geben der nachfolgenden größeren Bitte häufig nach. Erklärungen liefert u.a. die Theorie der Selbstwahrnehmung von Daryl J. Bem und die Theorie der Kognitiven Dissonanz von Leon Festinger.

 

 

Door-in-the-face-Effekt

Auch dieser Effekt, der einen Wahrnehmungsfehler erzeugt, wird zumeist als bewusste Technik der persuasiven Kommunikation genutzt. Da fragt jemand nach einem so großen, unverschämten Gefallen, der grundsätzlich von jedem abgelehnt wird. Nachfolgend bittet er um etwas sehr viel geringeres (die wahre Forderung) und hat nun eine gute Chancen, dass sein Gegenüber diese Bitte nicht ausschlägt und zustimmt (Nullpunktverschiebung).

 

Der US-amerikanische Psychologe Robert Cialdini zeigte den Door-in-the-face-Effekt 1975 in einem Experiment, in dem eine Gruppe von Personen gefragt wurde, ob sie Jugendliche in den Zoo begleiten würden. Lediglich 17 Prozent stimmten zu. Die Vergleichsgruppe wurde vorab gefragt, ob sie zwei Stunden pro Woche für ein Jugendzentrum arbeiten würde – worauf die Antwort überwiegend mit „nein“ ausfiel. Der eigentlichen Folgefrage, ob man bereit sei, Jugendliche einmalig in den Zoo zu begleiten, stimmten jetzt drei mal so viele der Versuchspersonen zu.

 

 

Low-Balling-Effekt / Prinzip der Konsistenz 

Da die meisten Menschen bemüht sind, Unstimmigkeiten zwischen ihren eigenen Urteilen, Meinungen und Überzeugungen zu vermeiden, sind Verkaufsprofis bestrebt, sie dazu zu bewegen, immer wieder „A“ zu sagen, so dass sie dann irgendwann auch einmal zum nächsten Schritt kommen müssen und in Folge des Alphabets „B“ sagen. Dieser Effekt wirkt insbesondere dann besonders stark, wenn andere Personen (Zeugen) anwesend sind.

 

 

Wahrnehmungsfehler aufgrund Lenkungstechniken

Lenkungstechniken werden häufig in der persuasiven Kommunikation und Rhetorik genutzt, damit sich der Gesprächspartner nicht nur zustimmen, sondern sich auch entsprechend ihrer neuen Überzeugung verhalten. Unter anderem erfolgt die Beeinflussung durch bestimmte Fragetechniken, das Aufzeigen von Wahlmöglichkeiten und das Anbieten von Wertungskriterien.

 

Allein weil sich Menschen nun mit sich selbst und z.B. einem Produkt auseinandersetzen (müssen), ist ihre Wahrnehmung viel aufmerksamer und selektiver. Durch Rückkopplung wird das Motiv- und Emotionssystem im Gehirn angeregt. Es entwickeln sich neue Motive, die befriedigt werden wollen und viel stärkere Emotionen als vorher.

 

Dadurch entsteht auch eine emotionale Bindung zur Sache, die nun keine "reine Sache" mehr ist, sondern eine wertvolle Emotion, die uns antreibt. Die Darstellung von Fiktionen und Konsequenzen. die Beschreibung von Kompetenzen und das Finden von Kompromissen beeinflusst dies ebenso wie die kommunikative Lenkung mit Körpersprache und verbindlichen Verhaltensmustern.

 

Fragen nehmen einen besonders hohen Stellenwert ein: "Wer fragt, der führt." Provokationen verstärken ebenso wie Interpretationen, Zusammenfassungen sowie das Erbitten von Vorschlägen. Das Visualisieren (auch über Hilfsmittel wie Schaubilder) nimmt einen ebenso hohen Stellenwert ein, unsere Wahrnehmung zu fokussieren und bestimmte Entscheidungen herbeizuführen.

 

 

Effekt der Visualisierung

Der Effekt der Visualisierung umschreibt die Tatsache, dass Sachverhalte, die emotional vor Augen geführt werden, nicht nur unsere Wahrnehmung fokussieren und beeinflussen, sondern auch unsere Denkmuster neu ordnen (programmieren). Der Effekt der Visualisierung wird in der Werbung, im Marketing, im Verkauf und im Vertrieb genutzt - aber auch zum Zwecke der bewussten Selbstbeeinflussung.

 

Der Effekt basiert auf der starken Wirkung unserer Vorstellungskraft (= Phantasie), die aus reinen Vorstellungen reales Handeln formt. So kann der Effekt z.B. im Autogenen Training nicht nur zu bestimmten Bewusstseinszuständen führen, sondern neben einer veränderten Körperwahrnehmung auch körperliche Reaktionen hervorrufen (z.B. Veränderung der Herzschlag-Rate, Veränderung der Körpertemperatur usw.)

 

Visualisieren wird auch als Methode genutzt, um in Kombination mit weiteren stringenten Techniken über die eigene Vorstellungskraft positive Neuerungen in sein Leben zu ziehen, was wiederum mit dem Gesetz der Anziehung erklärt wird und auf dem Effekt der Selbsterfüllenden Prophezeiung basiert. Dabei geht es nicht etwa nur um positive Gedanken, sondern um die Visualisierung von Wünschen als bereits in Kraft getretene reale Tatsachen für die man emotional dankbar ist, obgleich sie real noch nicht vorhanden ist.

 

Den meisten Menschen fällt so etwas (auch das bewusste "Kreative Visualisieren" an sich) sehr schwer. Warum sollten sie ihrer Logik nach dankbar für etwas sein, was sie real gar nicht haben? Sie sind dafür zu kritisch und haben zu viele negative Gedanken in sich. Aber auch diese negativen Gedanken führen zu entsprechenden Visualisierungen und Wahrnehmungsfehlern, leider aber in negativer Hinsicht.