Wissen: Selbstwertdienliche Verzerrungen

(self serving bias / Egotismus)

Selbstwert-Effekt, 

overconfidence-effect, Überlegenheitsillusion,

Dunning-Kruger-Effekt 

Gott-Komplex

 

 

Einleitung
Unser Leben wird bestimmt durch den Glauben an den eigenen Selbstwert.

Weil wir "sind" und uns wahrnehmen, messen wir uns als Individuum einen bestimmten Wert zu. Diesen Wert wollen wir a) schützen und b) steigern. In der Regel stellen wir den Wert unserer eigenen Person über den der anderen.

 

Zu den Bedürfnissen von Menschen gehört es auch das Bedürfnis nach Korrektheit. Die Richtigkeit der eigenen Verstandes-Logik aufrechtzuerhalten, ist ein regelrechtes Grundmotiv, ohne das Menschen an sich selbst, ihrem Verstand und ihrem Weltbild zweifeln. Schließlich geht jeder Mensch naiv davon aus, dass er sich und seine Umwelt realistisch und richtig einschätzt. Bei der Beobachtung und Wahrnehmung setzt der Mensch daher gezielt kognitive Ressourcen ein, um die ihm zur Verfügung stehenden Informationen so zu ordnen und zu interpretieren, dass sie seiner eigenen Logik möglichst nicht widersprechen. Entstehen Widersprüche, werden die - aus der mit dem eigenen Verstand und Weltbild disharmonierenden Wahrnehmung resultierenden - Denkprozesse eingestellt und / oder so umgeleitet oder uminterpretiert, dass sie dem eigenen Weltbild entsprechen.

 

Insofern suchen, verarbeiten und interpretieren wir (auch selektiv) bestimmte Informationen, um bestimmte Urteile und Entscheidungen zu treffen. Dies bezieht sich sowohl auf das unbewusste automatische Denken, als auch auf das bewusst kontrollierte rationale und schlussfolgernde Denken. Unser Denken biegen wir uns zum Schutz und zur Steigerung unseres Selbstwertes, aber auch zur Aufrechterhaltung der vermeintlichen Richtigkeit der eigenen Verstandes-Logik so zurecht - wie wir es brauchen bzw. wie es uns zuträglich ist. Nicht selten kommt dabei der größte Unfug heraus, der mit der (vielleicht unangenehmen) Realität, die man von sich fern hält,  in keinem Einklang steht.

Bei eigenem Versagen finden wir die abstrusesten (externen) Erklärungen, eigene Erfolge schreiben wir hingegen ausschließlich uns selbst zu. Unsere Selbstwert-Vorstellung beeinflusst und verzerrt unsere Wahrnehmung, führt zu bestimmten (Menschenbild-) Annahmen über uns und andere - und darüber hinaus zu bestimmten Erwartungen an die eigene Selbstwirksamkeit (Selbstwirksamkeitserwartung).

 

Positive und negative Effekte

So ist der Effekt der Selbstwirksamkeitserwartung - obgleich er zumeist auf einem Wahrnehmungs- und Beurteilungsfehler basiert - ein sehr positiver Effekt. Diesem positiven Effekt stehen verschiedene negativ wirkende Effekte gegenüber. Dazu zählt unter anderem der sogenannte Selbstwert-Effekt. Andere Effekte wie z.B. die Überlegenheitsillusion haben sowohl eine positive als auch eine negative Seite. Wir sollten sie kennen. Dennoch: In einer konkreten Situation, in der einer der Effekte wirkt, werden wir nicht daran denken oder nicht (mehr) daran glauben. Unser Gehirn riegelt ab und stellt die Wahrnehmung um - damit auch unsere Selbstüberzeugung.

 

Auf jeden Fall besteht bei uns Menschen der Hang, sich selbst in einem günstigen Licht zu sehen, sich selbst nach außen in ein günstiges Licht zu stellen und das eigene positive Bild von sich nach innen und außen - unabhängig von der Realität - aufrechtzuerhalten. Um dies zu erreichen, verzerren wir unsere Wahrnehmung und die Realität so, dass sie zur Aufrechterhaltung unseres Selbstwertes passt und unseren Selbstwert möglichst steigert. Die Aufwertung unserer Person macht uns Mut und gibt uns Tatendrang, verleitet uns aber ebenso zu Übermut und Hochmut und lässt und in gewissen Situationen im wahrsten Sinne regelrecht "vor die Pumpe laufen".

 

Selbstwert-Effekt

Zu den grundlegenden Motiven von Menschen zählt u.a. das Bedürfnis, das eigene Selbstwertgefühl aufrechtzuerhalten. Anstatt sich eine falsche persönliche Sicht oder persönliche Fehler und Schwächen zuzugestehen, besteht das Bedürfnis, das eigene Verhalten zu rechtfertigen. Die individuelle Wahrnehmung passt sich dem an. Empfinden also Menschen eine kognitive Dissonanz bzw. eine Bedrohung ihres Selbstwertgefühls, neigen sie zum Zwecke des Selbstschutzes und zur Aufrechterhaltung des Selbstwertgefühls dazu, die Realität in Richtung einer ihrem Selbstbild entsprechenden Logik zu verzerren. Bei der Selbstwirksamkeitserwartung ist dies ähnlich, nur mit dem Unterschied, dass die Erklärungsversuche weniger irrational sind, allein deshalb, weil Menschen mit einer hohen Selbstwirksamkeitserwartung Ursächlichkeiten (z.B. die Schuld an Fehlern, Misserfolgen oder Versagen) nicht ihrer Umwelt zuschreiben. Während beim Selbstwert-Effekt die Tatsachen so verdreht werden, dass z.B. allen möglichen Umständen und Menschen die Schuld an Misserfolgen zugeschrieben - und dadurch die Erkennung eigener Fehler behindert - wird, können Menschen mit einer hohen Selbstwirksamkeitserwartung an Stelle von irrationalen umweltbezogenen Ursächlichkeitszuschreibungen und paradoxem Verhalten aus Fehlern lernen und - in Verbindung mit weiteren o.g. Komponenten - positive Rückschlüsse daraus ziehen.

 

Selbstwertdienliche Verzerrung

Unter einer selbstwertdienlichen Verzerrung (engl. self-serving bias) versteht man den Hang eines Menschen, sich selbst in einem günstigen Licht zu sehen und sich selbst nach außen in ein günstiges Licht zu stellen. Die Selbstwertdienliche Verzerrung bezeichnet in der Sozialpsychologie die Tendenz, eigene Erfolge im Zweifelsfall eher inneren Ursachen (z.B. eigene Fähigkeiten) und eigene Misserfolge (z.B. Versagen) eher äußeren Ursachen (z.B. die besondere Situation, die besondere Schwierigkeit einer Aufgabe, negative Umwelteinflüsse oder dem Zufall etc.) zuzuschreiben. Die Verzerrung geht auf kognitive und motivationale Faktoren zurück und fällt,  je nachdem, ob es sich um eine private oder eine öffentliche Situation handelt, anders aus.

 

2 unterschiedliche Verzerrungen

Es gibt hier zwei unterschiedliche Verzerrungen: Eine, die den Selbstwert steigert (Anspruch auf Verantwortlichkeit für Erfolg)

und eine, die dem reinen Selbstschutz dient (Ablehnung der Verantwortung für Misserfolg). Self serving bias (auch als "Egotismus" bezeichnet) ist - unabhängig von einer konkreten Selbstwertbeeinträchtigung - bei allen Menschen vorhanden.

 

Die selbstwertsteigernde Verzerrung basiert zumeist auf kognitiven Faktoren, da der jeweils Handelnde häufig bereits schon vorher eine bestimmte Attributions-Option bereitstellt. Menschen nutzen manipulative Faktoren, um einen zu erwarteten Misserfolg zu verschleiern und dadurch rechtzeitig selbstwertunterstützende Erklärungen für ihr Versagen bereitstellen zu können.

Motive / Ziele der Selbsttäuschung

1. Verteidigung eines stabilen, positiven Selbstbildes

Wird das Ergebnis des eigenen Verhaltens als Scheitern gewertet, dient die selbstwertstützende Verzerrung der Aufrechterhaltung eines stabilen, positiven Selbstbildes. Die kognitive Verzerrung ist ein Mechanismus, welcher der Vermeidung kognitiver Dissonanzen dient z.B. dann, wenn die Einsicht droht, dass selbst bei stärkeren Anstrengungen ein erneutes Versagen nicht verhindern werden kann. 

 

2. Selbstdarstellung / im guten Licht stehen

Der zweite Grund, Ursachen selbstwertdienlich zu attribuieren, ist der Wunsch, sich selbst und anderen gegenüber in einem guten Licht zu erscheinen. Zur Erklärung bzw. Begründung eines Misserfolges bzw. eines schlechten Ergebnisses greifen Menschen dann auf regelrechte Ausreden zurück, die mit der Realität jedoch nichts zu tun haben. Sofern dies bewusst, vorsätzlich und systematisch erfolgt, spricht man von Impression-Management.

 

3. Defensiv-Attributionen

Defensiv-Attributionen dienen der Vermeidung von Hilflosigkeit. Das Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht, bestimmten Situationen (bestimmten Krankheiten, Katastrophen, Verbrechen oder der eigenen Sterblichkeit) ausgesetzt zu sein, selbst aber nichts dagegen unternehmen zu können, ist für Menschen derart unerträglich, dass sie sich zum Zwecke der Verteidigung bestimmte Dinge einreden (Bildung von Defensiv-Attributionen) und daran glauben. Derartige Defensivattributionen mildern das Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht ab. Wer sich z.B. einredet, dass bestimmte Dinge lediglich bestimmten Menschen zustoßen (z.B. Menschen, die selbst dazu beitragen, etwa weil sie z.B. unvorsichtig oder dumm sind) erzeugt die Illusion, das Auftreten derartiger Ereignisse beeinflussen zu können (Melvin Lerners „Gerechte-Welt-Hypothese“). So geben sich z.B. Opfer einer Gewalttat - um das unerträgliche Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht abzumildern - selbst eine gewisse Mitschuld. Unbeteiligte Außenstehende machen es ihnen gleich: Um sich selbst einreden zu können, sie seien selbst gegen ähnliche Vorkommnisse immun, schreiben sie Opfern automatisch eine Mitschuld zu (sogenannte Opfer-Abwertung).

 

4. Unrealistischer Optimismus

Ein Grund dafür, Erfolge eigener Ursächlichkeit zuzuschreiben, ist der „unrealistische Optimismus“.
Die Mehrheit der Menschen glaubt, mehr positive und weniger negative Erlebnisse zu haben als der Durchschnitt.

Beispiele

Nach einer gut bestandenen Prüfung schätzen Schüler und Studenten das Leistungsmaß der Prüfung als „angemessenen" ein. Nach schlechten Bewertungen tendieren sie hingegen dazu, die Prüfung als "unfair" bzw. den Lernstoff oder die Prüfungsinhalte als "nicht repräsentativ" zu bewerten.

 

Geschiedene Ehepartner tendieren stets dazu, die Schuld am Scheitern der Ehe dem anderen Partner zuzuschreiben. Bei militärischen Misserfolgen schreiben die Befehlshaber ihr Versagen bzw. ihre Niederlage oft nicht ihrer eigenen Strategie und Befehlsgebung, sondern ihren Soldaten und allen möglichen äußeren Umständen zu (Übermacht des Feindes, schlechtes Wetter, Versorgungslage etc.).

 

Bei wirtschaftlichen Misserfolgen ihres Unternehmens geben Manager eher den Mitarbeitern, der Marktlage oder externen Unternehmen (Konkurrenten und Zulieferern) die Schuld, während Mitarbeiter dazu tendieren, nicht sich, sondern der Unternehmensführung die Schuld zuzuschreiben.

 

Menschen empfinden Lohnerhöhungen dann als fair, wenn sie - unabhängig von ihrer tatsächlichen Leistung - mehr Geld als ihre Kollegen bekommen. Ebenso fühlen sich Menschen besser, wenn sie - unabhängig von der Höhe ihres Einkommens - auf jeden Fall mehr verdienen als andere, die sie kennen. Eine entsprechende Studie hat aufgezeigt, dass Probanden ein niedriges Gehalt, das jedoch deutlich höher war als das ihrer Kollegen, gegenüber einem hohen Gehalt, das alle Mitarbeiter bekamen, bevorzugten.

 

Weiterhin haben selbstwertdienliche Verzerrungen auch einen großen Einfluss auf Beziehungen: Wir mögen und schätzen Menschen mit gleichen Ansichten und gleichem Ansehen mehr als andere, weil diese uns aufwerten. 

Überlegenheitsillusion

Lake Wobegon-Effekt / Dunning-Kruger-Effekt und weitere

Die Überlegenheitsillusion - auch Lake Wobegon-Effekt genannt - zählt wie der Selbstwert-Effekt / Social-Cognition-Effekt und der Overconfidence-effect / Overconfidence-barrier-effect zu den selbstwertdienlichen Verzerrungen im Rahmen der Selbstwirksamkeitserwartung und basiert somit auf auf einem Wahrnehmungs- und Beurteilungsfehler.

 

Der Effekt gehört folglich zu den praktischen selbstwertdienlichen Verzerrungen, mit denen wir uns selbst schön reden und aufwerten. Sie hilft uns, ein positives Selbstbild zu entwickeln und zu behalten, was dazu führt, dass wir uns gut bzw. besser fühlen. Aufgrund der Illusion können wir aber auch genauso gut "vor die Pumpe laufen". Wie auch immer: Wir merken es erst, wenn es zu spät ist - und selbst dann wirkt die Verzerrung, die unserem Selbstwert dient weiter.

 

Der Effekt der Überlegenheitsillusion beschreibt ein Vorurteil, das uns dazu verleitet, unsere Stärken im Vergleich zu anderen überzubewerten bzw. maßlos zu überschätzen. Kurz formuliert, besagt der Effekt, dass die eigenen Fähigkeiten schlichtweg überschätzt werden. Er bezeichnet die Tatsache, dass Menschen ihre eigenen Fähigkeiten (insbesondere bestimmte eigene Fähigkeiten) für überdurchschnittlich halten. Bei dem Effekt handelt es sich - wie der Name sagt - um eine reine Illusion, die uns aber natürlich glaubwürdig erscheint, so glaubwürdig, dass wir nicht daran zweifeln. Besonders interessant ist hierbei die Tatsache, dass Menschen ihre eigenen Fähigkeiten umso stärker überschätzen, je schlechter diese in Wirklichkeit sind. Dies wird auch als Dunning-Kruger-Effekt bezeichnet.

 

 

Der Effekt zählt zu den selbstwertdienlichen Verzerrungen (self-serving bias), die in der Sozialpsychologie die Tendenz beschreiben, eigene Erfolge im Zweifelsfall eher den eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten und eigene Misserfolge eher äußeren Ursachen zuzuschreiben. Beispiel: So ist die Mehrzahl der Autofahrer davon überzeugt, besser zu fahren als der Durchschnitt. Auch bei Intelligenztests schätzen sich Teilnehmer häufig falsch ein. Wie wirkt die Illusion: In unserer eigenen Wahrnehmung schätzen wir uns im Vergleich zu anderen immer überdurchschnittlich intelligent, befähigt, attraktiv oder beliebt ein. Der Effekt führt nicht nur dazu, dass wir uns selbst völlig überbewerten, sondern alle anderen unterbewerten und zugleich abwerten.

 

Wer meint, genau das nicht zu tun, gehört vermutlich zu denen, die in Wirklichkeit wirklich gut sind. Der Effekt erfolgt nämlich nach dem einfachen Prinzip: Je schlechter wir in Wirklichkeit sind, desto besser schätzen wir uns ein. Umgekehrt gilt dies ebenfalls: Je besser wir sind, desto kritischer sehen wir unsere eigenen Fähigkeiten und werten diese sogar herab. Je niedriger der IQ eines Menschen bzw. je schwächer eine bestimmte Fähigkeit ausgeprägt ist, desto mehr neigt derjenige dazu, seine Intelligenz bzw. die betreffende Fähigkeit zu überschätzen. In diesem konkreten Zusammenhang sprechen wir vom sogenannten Dunning-Kruger-Effekt. Die zwei Wissenschaftler, nach denen der von ihnen erforschte Effekt benannt wurde, fanden nämlich heraus: Insbesondere die Dümmsten halten sich für die Klügsten. Daher kommt vermutlich auch der Spruch: "Der dümmste Bauer hat immer die dicksten Kartoffeln". 

 

Das ist auch der Grund, warum wir viele Menschen beobachten können, die sich in unseren Augen in irgendeiner Art und Weise geradezu lächerlich machen oder gar schamlos wirken. Diese Menschen finden sich aber selbst grandios. Zugleich ist das ein Grund, warum besonders intelligente Menschen in der Gesellschaft untergehen oder sogar Probleme bekommen. Derartige Probleme beginnen bereits in der Schule und betrifft zumeist die Hochbegabten ganz besonders.

 

Probleme haben aber auch deshalb jene, die wirklich überaus attraktiv sind oder irgendetwas besonders gut können. Diese Menschen sehen das oft anders und halten sich im Vergleich zu anderen eher zurück. Wahrgenommen werden mehr jene Menschen, die gegenteilig veranlagt sind: Sie sind wesentlich selbstbewusster und großspuriger, treten eher in Aktion bzw. in die Offensive. Schließlich gilt die Regel: "Wer am wenigsten ist und kann, hat die größte Klappe." Tatsächlich halten sich gerade unattraktive Menschen für besonders attraktiv, während sich umgekehrt besonders attraktive Menschen oftmals für weniger attraktiv oder sogar hässlich halten. Das Gleiche gilt für Beliebtheit, Befähigungen usw.

 

Das ist u.a. auch der Grund, warum in Unternehmen gerade die am wenigsten geeigneten Kandidaten auf Einstellung oder Beförderung drängen. Je höher und hochwertiger eine Stellenausschreibung bzw. Stellenbeschreibung formuliert ist,

desto höher die Tatsache (und zugleich Gefahr), dass sich die Schlechten bewerben oder unfähige Mitarbeiter einen Anspruch darauf erheben. Das gleiche Prinzip gilt in der Wirtschaft und in der Politik und in der Kunst. Herausragende Künstler wurden oft erst nach ihrem Ableben als solche erkannt und berühmt, während viele zu ihren Lebtagen ein eher kümmerliches Dasein fristeten.

 

Auch vor Gericht wird viel Aufwand und Geld verloren, weil - entgegen den Empfehlungen ehrlicher Juristen - die Erfolgsaussichten vieler Klagen bzw. Anträge von vorne herein überschätzt werden. Viele Kläger sind dermaßen stark davon überzeugt, im Recht zu sein, dass sie selbst bei größter Aussichtslosigkeit auf Erfolg, niemand davon abhalten kann, den Rechtsweg zu beschreiten und bis zum bitteren Ende fortzusetzen - um dann sogar noch in Berufung zu gehen. Zugleich ist der Effekt ein "gefundenes Fressen" für Anwälte, die weniger moralisch-ehrlich als mehr geschäftsorientiert denken. Sie brauchen nicht viel dafür zu tun, um ihre Mandanten zum Rechtsstreit zu bewegen. Umgekehrt ist der Aufwand höher und ggf. sucht sich ein Mandant, welcher der Überlegenheitsillusion verfallen ist, gleich einen neuen Anwalt, der möglichst zurät.

 

Die Überlegenheitsillusion bezieht sich auf sämtliche alltägliche Lebensbereiche, nicht aber auf besondere Situationen und Aufgaben, die als besonders schwierig gelten. Hier kehrt sich der Effekt um und wir neigen dann plötzlich dazu, unsere eigenen Fähigkeiten völlig zu unterschätzen. So war es zumindest früher. Die Medien wie auch Computerspiele konfrontieren uns jedoch mittlerweile mit so vielen Situationen und Aufgaben, dass die Umkehr des Effektes sozialisationsbedingt immer mehr abnimmt.

 

Wer am Computer einen Düsenjet fliegen kann, traut sich das dann auch oft im wahren Leben zu. Dies kann insbesondere bei Jugendlichen beobachtet werden, die einen Großteil ihrer Freizeit mit derartigen Medien verbringen. Sie halten sich dann irgendwann auch in der Realität für "Supermann" oder den gerechten überlegenen Rächer, der dann - sofern er eine Waffe in Besitz bekommt - dann auch nicht zwingend davor scheut, einen Amoklauf in seiner Schule zu veranstalten und dabei viele Menschen zu töten - und das mit völligem Selbstverständnis und ohne Hemmung oder Angst.

 

Selbstüberschätzung kann (z.B. über das Phänomen der Selbsterfüllenden Prophezeiung) zu mutigen Taten und außergewöhnlichen Leistungen anspornen. Sie kann aber auch großen Schaden anrichten z.B. wenn wir uns selbst für außergewöhnlich begabte Gesangstalente halten und dann mutig bei Dieter Bohlens DSDS Jury vorsprechen und uns im Fernsehen öffentlich blamieren.

 

Viel schlimmer steht es aber um das Autofahren: Ein Großteil an Verkehrsunfällen passiert deshalb, weil sich die Fahrer für sicher und überlegen und sogar für besonders gute Autofahrer halten oder sie ihr Auto besonders sicher, gut und überlegen einschätzen. Dieser Wahrnehmungsfehler verleitet Autofahrer zu hohem Tempo und zu riskanten Überhol- und Auffahr-Manövern. Ebenso verleitet er Fußgänger und Radfahrer zu riskantem Verhalten (z.B. Ignorieren roter Ampeln). Rote Ampeln empfinden sie als unnötige Bevormundung durch den Staat, schließlich haben sie selbst zwei Augen im Kopf, um Gefahren durch heranfahrende Autos rechtzeitig zu erkennen. Das meinen sie zumindest. Dabei gilt das Prinzip: Je schlechter die eigene Wahrnehmung, desto höher die Selbstüberschätzung.

 

Die Wirkung der Selbstüberschätzungs-Illusion bekommen auch Polizeibeamte zu spüren, nicht nur bei schweren Straftaten und dem immer respektloseren Verhalten von Bürgern ihnen gegenüber, sondern bereits bei einer normalen Verkehrskontrolle. Selbst wenn Verkehrssündern per Video-Aufzeichnung erläutert wird, dass sie um ein Wesentliches schneller waren, als erlaubt, empfinden das viele Verkehrssünder als regelrechte Schikane. Sie reagieren genervt, überheblich und geradewegs großspurig und entgegnen, dass der Vorwurf überzogen und das Verhalten der Polizei geradewegs lächerlich sei, zumal sie selbst alles im Griff hätten. Viele, die so etwas nicht äußern, denken sich so etwas zumindest. Ein Bußgeld kann und wird sie nicht daran hindern, sich weiter zu überschätzen und das nächste mal das gleiche Verhalten an den Tag zu legen. Schließlich merken sie nicht, dass sie einer Illusion zum Opfer gefallen sind und ihr Denken ist nach wie vor das gleiche.

 

Die Überlegenheitsillusion ist auch die Basis für Morde trotz hoher Strafandrohung durch die Gesetzgebung: Mörder gehen zum Zeitpunkt ihrer Tat davon aus, dass sie nicht gefasst werden. Insofern stellt die Überlegenheitsillusion den Effekt der Abschreckung durch Strafe in Frage.

 

Wie bei anderen Wahrnehmungs- und Beurteilungsfehlern auch fällt es uns selbst leider sehr schwer, zu erkennen, dass wir einer Illusion zum Opfer gefallen sind. Ähnlich einem Wahn sind wir so felsenfest von der Richtigkeit unserer Einschätzung bzw. Annahme überzeugt, dass wir uns von niemandem davon abbringen lassen und selbst wissenschaftlich bewiesene Erkenntnisse negieren. Wenn wir glauben, ein guter Sänger zu sein, kann selbst eine hundertköpfige Jury bestehend aus Gesangs-Profis uns nicht davon abbringen, daran zu glauben, dass wir gut sind. Stattdessen denken wir: Alle anderen sind "doof", zumindest haben sie "keine Ahnung" oder "heute einen schlechten Tag". Deshalb machen wir weiter. Wir suchen uns "einfach" eine andere Jury, gehen zu einer anderen Casting-Show oder stellen uns beim nächsten mal gleich wieder vor. Dann ist die Jury nicht mehr so "blind" wie jetzt.

 

Der Effekt ist auf viele Lebens- und Arbeitsbereiche übertragbar z.B. das Management und Risikomanagement in Unternehmen. Hier werden positive Abweichungen vom Plan stets den eigenen Fähigkeiten zugeschrieben, negative Planabweichungen hingegen äußeren Einflüssen zugeschrieben. Dann ist der Markt schuld, die Wirtschaftslage, die Wettbewerber oder die Politik. Manchmal sind es sogar einfach nur die Kunden, die schuld sind. Stets sind es alle anderen, die schuld sind, man selbst aber nicht. Führungskräfte sind zumeist der selbstsicheren Überzeugung, alles voll im Griff zu haben, selbst dann, wenn nachweislich das Gegenteil wahr ist.

 

Bei Bewerbern ist das ähnlich: Wenn eine Bewerbung keinen Anklang findet, dann ist der Arbeitsmarkt schuld oder das Unternehmen, bei dem man sich beworben hat, doof. Man selbst geht davon aus, keinen Fehler zu machen. Es sind sogar Fälle bekannt, in denen Bewerber explizit darauf hingewiesen wurden, dass ihre Bewerbung nicht nur nicht aussagefähig, sondern sogar negativ sind. Das Ergebnis: Ein Jahr später "trudelt" die gleiche Bewerbung wie früher auf den Tisch des Personalentscheiders - nach einem Jahr Arbeitslosigkeit. In vielen Fällen ist er Verlust eines ganzen Jahreseinkommens immer noch nicht ausreichend, den Fehler bei sich zu suchen und etwas zu optimieren.

 

Hintergrund zum Begriff "Lake Wobegon-Effekt"

Lake Wobegon ist ein fiktives Dorf im ebenso fiktiven Mist County in Minnesota, in dem alle Frauen stark, alle Männer gutaussehend, und alle Kinder überdurchschnittlich sind. Bekannt wurde das Dorf durch den US-amerikanischen Schriftsteller Garrison Keillor, der den Alltag im provinziellen Mittelwesten auf liebevolle Art und Weise "aufs Korn" nimmt.

 

Hintergrund zum Dunning-Kruger-Effekt

Als Dunning-Kruger-Effekt bezeichnet man die systematische fehlerhafte Neigung relativ inkompetenter Menschen, das eigene Wissen und Können zu überschätzen und zugleich die Kompetenz anderer zu unterschätzen, was zudem mit einer großen Selbstsicherheit im Rahmen einer Überlegenheitsillusion einhergeht. Der Begriff geht auf eine Publikation von David Dunning und Justin Kruger aus dem Jahr 1999 zurück. Dunning und Kruger hatten in ihren vorausgegangenen Studien bemerkt, dass etwa beim Erfassen von Texten, beim Schachspielen oder Autofahren Unwissenheit oft zu mehr Selbstvertrauen führt als Wissen. An der Cornell University erforschten die beiden Wissenschaftler diesen Effekt in weiteren Experimenten und kamen 1999 zum Resultat, dass weniger kompetente Personen dazu neigen, ihre eigenen Fähigkeiten zu überschätzen, überlegene Fähigkeiten bei anderen nicht erkennen und das Ausmaß ihrer extremen Inkompetenz selbst nicht erkennen können. Dunning und Kruger zeigten, dass schwache Leistungen mit größerer Selbstüberschätzung einhergehen als stärkere Leistungen. Im Jahr 2000 erhielten Dunning und Kruger für ihre Studie den Ig-Nobelpreis im Bereich Psychologie. 

 

 

 „Wenn jemand inkompetent ist, dann kann er nicht wissen, dass er inkompetent ist. […]

Die Fähigkeiten, die man braucht, um eine richtige Lösung zu finden, [sind] genau jene Fähigkeiten,

die man braucht, um eine Lösung als richtig zu erkennen.“

 

 

Overconfidence-effect / Overconfidence barrier-effect

Auf dem Prinzip der Überlegenheitsillusion basiert der Overconfidence-effect, auch Overconfidence barrier-effect genannt:

Wie gesagt: Es besteht eine grundsätzliche Tendenz des Menschen, von seinen eigenen Urteilen und seiner Urteilskraft überzeugt zu sein. Basis eines jeden Urteils bzw. einer jeden Entscheidung ist demnach die Selbstüberschätzung. Das Vertrauen in das eigene Urteilsvermögen ist bei Menschen größer als die objektive Richtigkeit dieser Urteile, vor allem dann, wenn das Selbstvertrauen und das generelle Vertrauen relativ hoch ist. 

 

Die eigene Überschätzung basiert auf einer natürlichen Fehlkalibrierung subjektiver Wahrscheinlichkeiten im Gehirn. Insofern handelt es sich um einen Mechanismus, der uns grundsätzlich Kraft und Mut verleiht und uns zum Handeln bewegt, wobei auch Risiken in Kauf genommen werden (müssen), da wir sonst nur bedingt handlungsfähig und nicht mutig genug wären, was unser Handeln hemmen würde. 

 

Die Tendenz zur Selbstüberschätzung beeinflusst unser Urteilsvermögen also bewusst, weil das Handeln an sich evolutionstechnisch wichtiger ist als die Richtigkeit des Handelns. Bei Untersuchungen wurde im Schnitt eine Selbstüberschätzungs- und Übermütigkeits-Quote von 20 % gemessen.

 

Man unterscheidet zwischen

a) der Überschätzung der tatsächlichen Leistung,

b) der Überbewertung der eigenen Leistung im Vergleich zu anderen und

c) der übermäßigen Gewissheit in Bezug auf die Richtigkeit der eigenen Überzeugungen (overprecision).

 

Gott-Komplex

Untersuchungen zeigen, dass das Vertrauen in die eigene Person den Realitätsgehalt und die Genauigkeit systematisch übersteigt. Zudem halten sich Menschen grundsätzlich für besser als andere und besser, als sie wirklich (nachgemessen) sind. So lag bei Experimenten z.B. bei jenen Probanden, die sich bezüglich der Erwartung ihrer Richtigkeit zu 100 % sicher waren, die Fehlerquote bei 20 % anstatt bei 0%. Darüber hinaus konnte der Hang zur Übermütigkeit deutlich nachgewiesen werden.

 

Sobald die Genauigkeit (z.B. bei der Tefferquote)  80% übersteigt, erfolgt das menschliche Handeln sogar unterbewusst. Dann neigen wir dazu, angeblich selbst die Antworten auf komplizierte Probleme zu kennen, was als "Gott-Komplex" bezeichnet wird. Dies lässt sich auch im Alltagssituationen beobachten, wo Menschen mit vollem Selbstbewusstsein Lösungen für komplexe Weltfragen vorschlagen oder Lehrer relativ selbstbewusst darüber urteilen, dass einige Individuen und / oder Gruppen intelligenter seien als andere, was auch zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung führen kann. Der besagten Übermütigkeit stehen Ängste gegenüber, welche die Wahrnehmung und Urteilskraft ebenfalls stark beeinflussen.

Gegenteiliger Effekt

Das genaue Gegenteil der Überlegenheitsillusion (auch Überlegenheitsfehler) und des Dunning-Kruger Effekts ist der Unterlegenheitsfehler bzw. das "Hochstapler Syndrom". Der Begriff bezieht sich nicht etwa darauf, dass die Betroffenen wie beim Dunning-Kruger-Effekt hochstapeln, sondern dass sie sich selbst unterschätzen und sogar als Hochstapler erachten. Dies soll hier aber nicht thematisiert werden.

Attributionstheorien

 

Proaktive Attributionsverzerrungen wirken oft wie eine Selbstbehinderung. Bekannte Prinzipien sind die:

Akteur-Beobachter-Divergenz

Handlungen anderer Menschen werden eher mit deren Persönlichkeitseigenschaften,
eigenes Verhalten eher mit der speziellen Situation begründet.

und:

Kelleys Kovariationsprinzip  (Attributionstheorie nach Harold Kelley)

Das Wissen darüber, eine Aufgabe normalerweise bewältigen zu können,

 

führt dazu, einen Erfolg auf innere, ein Versagen auf äußere Faktoren zurückzuführen.

 

Basis hierfür bilden die sogenannten Attributionstheorien. Attributionstheorien sind Ansätze der Psychologie, die beschreiben, wie wir als Menschen Informationen nutzen, um kausale Erklärungen für Verhaltensweisen von Menschen vorzunehmen. Die Grundlage der Attributionstheorien legte Fritz Heider mit seinem Hauptwerk The psychology of interpersonal relations (1958), indem er als Erster zwischen internen und externen Attributionen unterschied. Demnach seien Menschen „naive Wissenschaftler“ bzw. „Alltagspsychologen“ oder "Bauernpsychologen", die sich das Verhalten anderer aufgrund lückenhafter Informationen stetig zu erklären versuchen.

 

Gelangt man zu dem Schluss, dass die Ursache des Verhaltens in der handelnden Person selbst liegt, also an seinem Charakter, seinen Überzeugungen oder anderen überdauernden Persönlichkeitseigenschaften, nennt Heider dies "interne Attribution". Glaubt man jedoch, die Situation an sich habe das Verhalten verursacht, spricht Heider von externer Attribution. Heider war davon überzeugt, dass wir zu oft intern und zu selten extern attribuieren, was Lee Ross später pointiert als fundamentalen Attributionsfehler bezeichnete.

 

Gemäß den Studien von Frank Fincham und seinen Mitarbeitern gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Gelingen einer Partnerschaft und dem persönlichen Attributionsstil: In glücklichen Ehen fand Fincham signifikant häufiger eine dispositionale, also auf Persönlichkeitseigenschaften beruhende Ursachenzuschreibung von angenehmen Verhaltensweisen des Partners, während negative Verhaltensweisen des Partners eher situativ, also externen Umständen geschuldet, begründet wurden. In unglücklichen Ehen war dies genau umgekehrt.

 

Laut dem Kovariationsprinzip von Harold Kelley analysiert der Mensch objektiv und logisch drei Informationen, um zu einer internen oder externen Attribution zu gelangen. Zunächst fragt er nach der Konsistenz des Verhaltens, also ob das Verhalten des Akteurs in ähnlichen Situationen über verschiedene Zeitpunkte hinweg auftritt und nicht etwa nur eine Ausnahme darstellt. Die Konsistenz ist hoch, wenn das Verhalten über verschiedene Zeitpunkte hinweg auftritt und gering, wenn das Verhalten nur zu wenigen Zeitpunkten auftritt. Liegt Konsistenz, also ein Verhaltensmuster vor, hängt die interne oder externe Attribution von zwei Faktoren ab: 1. "Konsensus" veschreibt, wie sehr auch andere Personen in derselben Situation in gleicher Weise reagieren wie der Akteur. Der Konsensus ist hoch, wenn viele andere Personen ähnlich reagieren und niedrig, wenn wenige andere Personen so reagieren. 2. "Distinktheit" beschreibt, ob das Verhalten eine Reaktion auf einen spezifischen Stimulus ist. Die Distinktheit ist hoch, wenn sich die Person nur in wenigen Situationen so verhält und niedrig, wenn sich die Person auch in vielen anderen Situationen so verhält.

 

Dies soll hier aber nicht thematisiert, sondern nur kurz als Ergänzung des eigentlichen Themas umrissen werden.  Interessant könnte in diesem Zusammenhang aber noch sein, dass Martin Seligman, bekannt für seine Theorie der erlernten Hilflosigkeit, Heiders Modell um zwei Dimensionen erweiterte, um die Entstehung von Depressionen zu erklären. Laut Seligman fördert ein bestimmter Attributionsstil die Entstehung von Depressionen. Menschen mit Depressionen neigen nämlich dazu, gute Erfahrungen immer extern und schlechte immer intern zu attribuieren.

 

Wenn man positive Erfahrungen jedoch immer intern und schlechte immer extern attribuiert, kann es sein, dass man an Größenwahn leidet. Trotzdem: Wenn man gute Erfahrungen eher intern und negative Erfahrungen eher extern attribuiert, kann dies zumindest für ein gutes Selbstvertrauen förderlich sein, weshalb dieses Konzept auch Bestandteil einer Psychotherapie ist.

 

Auch laut Heinz Heckhausen können verschiedene Geschehnisse verschieden attribuiert, folglich durch verschiedene Gründe erklärt werden. Erwähnenswert wäre auch, dass die von Edward E. Jones und Keith Davis entwickelte Theorie korrespondierender Inferenzen - eine zusätzliche Attributionstheorie aus dem Bereich der Sozialpsychologie ist. Sie beschäftigt sich damit, wie Beobachter einer Handlung auf eine Disposition des oder der Handelnden schließen. Ziel des Attributionsprozesses ist die Feststellung, ob ein beobachtetes Verhalten und die Absicht, die zu diesem Verhalten geführt hat, mit einer zugrundeliegenden, stabilen Eigenschaft der Person korrespondiert.

 

Empirische Belege hierfür lieferte ein Experiment, bei dem Versuchspersonen einen Aufsatz über Fidel Castro bewerten sollten. Während der einen Gruppe erzählt wurde,  dass der Autor gezwungen wurde, den Aufsatz zu schreiben und sich für Fidel Castro auszusprechen, wurde der anderen Gruppe erzählt, dass sich der Autor aus freien Stücken für seine Pro-Haltung entschied. Der Aufsatz mit der angeblich freiwilligen Haltung wurde nachfolgend von den Teilnehmern des Experimentes als extremer eingeschätzt als der Aufsatz mit der angeblich aufgezwungenen Haltung. Gleiche Belege gab es bei einem Aufsatz, der sich gegen Fidel Castro aussprach.

 

In diesem Zusammenhang spricht man in der Sozialpsychologie auch von "Sozialer Erwünschtheit": Wird eine Handlung ausgeführt, weil sie in der Situation erwünscht ist, so beurteilen Beobachter diese Handlung eher als weniger extreme Einstellung des Handelnden. Wird die Handlung jedoch entgegen sozialen Konventionen durchgeführt, so wird die Disposition des Handelnden von Beobachtern als extremer eingestuft. Auch hierfür gibt es empirische Befunde. Bekannt ist zum Beispiel ein Versuch mit vermeintlichen Bewerbern als Astronauten und U-Bootkapitänen. Hier sollten die Versuchspersonen ein vermeintliches Vorstellungsgespräch beurteilen. Dabei beurteilten die Versuchspersonen diejenigen Kandidaten als extremer in ihren Einstellungen, die sich einem vorgegebenen Rollenwunsch widersetzten.

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