Wissen: Überlegenheitsfehler vs. Unterlegenheitsfehler

Überlegenheits-Fehler

Das Gefühl der Überlegenheit verzerrt unsere Wahrnehmung. Der Überlegenheitsfehler ist folglich ein sogenannter Wahrnehmungsfehler, nicht zu verwechseln mit der Überlegenheitsillusion, die zu den Selbstwertdienlichen Verzerrungen zählt. Generell kann die Annahme einer Überlegenheit auf dem eigenen Selbstbild und dem Fremdbild einer Person basieren oder sogar auf einer Selbstbild-Fremdbild-Inkongruenz; sie kann aber auch auf einem Wahrnehmungsfehler an sich beruhen. Auch kann der Überlegenheitsfehler auf einer einer einer  Selbstwertdienlichen Verzerrung, konkret auf einer Überlegenheitsillusion  (Lake Wobegon-Effect / Dunning-Kruger-Effect), basieren. 

Verhalten beim Überlegenheits-Fehler

Wenn wir uns einer anderen Person gegenüber überlegen fühlen bzw. von einer anderen Person annehmen, dass sie uns unterlegen sei, allein weil wir diese so wahrnehmen, treffen wir sehr unbesonnene Entscheidungen, die nicht selten zu unseren Ungunsten sind.  Viele Schlachten und Kriege wurden nur deshalb verloren, weil sich ein Feldherr (oder eine Armee oder eine Nation) einem anderen Feldherrn (bzw. einer anderen Armee oder Nation) .

 

Wenn wir aufgrund irgendwelcher Beobachtungen und Informationen annehmen, dass jemand schwächer sei, fühlen wir uns selbst überlegen und verhalten uns - unabhängig davon, ob es sich um "Freund" oder "Feind" handelt - generell anders.

Freunden oder armen Menschen gegenüber verhalten wir uns wohlwollender und großzügiger (z.B. Großzügigkeitsfehler), legen eine andere Messlatte an und werten mit einer anderen Skala (z.B. Skalierungsfehler). Gegnern bzw. Feinden gegenüber verhalten wir uns unvorsichtiger, wenn wir diese als schwach oder geschwächt wahrnehmen - selbst wenn sich diese vielleicht nur zum Schein schwach und unterlegen stellen, um uns z.B. zum Angriff zu bewegen und in eine Falle zu locken (Strategie/Taktik). 

 

 

Problematik des Überlegenheits-Fehlers

Aufgrund eines derartigen Beurteilungsfehlers handeln Menschen zumeist sehr leichtsinnig und unbesonnen. Sie werden in ihrer Urteilsfähigkeit stark getrübt, was nicht selten zu einer falschen und ungünstigen Entscheidung führt. Der Effekt trifft ganz besonders auf Entscheider zu (z.B. Personal-Entscheider), die sich bereits in ihrer Rolle und Funktion selbst schon "mächtig" fühlen. Sofern jetzt noch das hinzukommt, dass der betreffende Entscheider von seiner eigenen Menschenkenntnis überzeugt ist oder generell viel davon hält, wird das eigene Urteilsvermögen extrem getrübt.

 

Wer sich anderen (z.B. Bewerbern) gegenüber überlegen fühlt und sich bei seiner Einschätzung zusätzlich noch auf Intelligenz und Menschenkenntnis verlässt, ist eigentlich schon verlassen, nur eben mit dem Unterschied, dass man die Fehlentscheidung selbst gar nicht wahrnehmen kann. Die Überzeugung von der betreffenden Entscheidung wirkt ähnlich mächtig und wie eine Psychose, bei der der Betroffene die eigene Krankheit selbst nicht erkennt, nur sein Umfeld. 

 

Je überlegener sich eine Person oder Personengruppe fühlt, desto stärker wirkt der Effekt - desto mehr wird die Wahrnehmung getrübt. Das beginnt bereits beim Prozess der Beobachtung, reicht über die Beurteilung und endet bei der Entscheidung. Fehler, die jetzt aufgrund einer Fehlentscheidung geschehen, kann der Entscheider selbst nicht sehen. Er will sie nicht wahrhaben, selbst dann, wenn der Schaden hoch und die Beweislage (so es denn überhaupt Hinweise, Indizien oder gar Beweise gibt) erdrückend ist.

 

In letzter Instanz wirkt der Effekt (bzw. das Wirkungsprinzip) der kognitiven Dissonanzreduktion und sogenannte Selbstwertdienliche Verzerrungen. Daher gibt es viele Personalentscheider, die unzählige Fehlentscheidungen niemals selbst wahrnehmen, selbst dann nicht, wenn das Unternehmen Insolvenz anmeldet. Schließlich werden genügend andere Gründe vorgeschoben. Selbst die Tatsache, dass letztendlich Menschen und deren Handeln (inklusive Entscheidungen) für Erfolge bzw. Misserfolge verantwortlich sind, wird dann verdrängt und stets andere Aspekte (z.B. die Markt-/ Wirtschaftslage vorgeschoben).

 

Der Überlegenheitsfehler basiert u.a. auf bestimmten Erwartungen (Erwartungsfehler) sowie auf Menschenkenntnis, naiven Menschenbildannahmen, impliziten Persönlichkeitstheorien, Sterotype und Stereotypisierter Kopplung und steht in Verbindung mit weiteren Beobachtungs-, Beurteilungs- und Wahrnehmungsfehlern, ebenso der Unterlegenheitsfehler:

 

 

Unterlegenheits-Fehler

Wie beim Überlegenheits-Fehler auch, treffen Menschen auf Basis ihres Selbst- und Fremdbildes oder über ihre Wahrnehmung anhand bereits weniger Kriterien eine Einschätzung, die zu einer entsprechenden Annahme führt.  Fühlt man sich dieser Annahme zufolge unterlegen, schaut man genauer hin und beobachtet stärker, insbesondere dann, wenn wir unserem Gegenüber kritisch gegenüberstehen (z.B. Feind). Zugleich sind wir bemüht, uns unsere (angenommene) Unterlegenheit nicht anmerken zu lassen, was man uns aber gerade dadurch anmerkt (z.B. sich aufplustern / siehe Tierreich). Gehört unser Gegenüber zu unserem "Rudel" (z.B. Freund), zeigen wir ihm sogar gern unsere Unterlegenheit und lassen ihn das spüren, alleine schon deshalb, um bewusst / unbewusst einen Vorteil aus diesem Verhalten zu ziehen.

 

Sind wir uns nicht sicher und fühlen wir uns ggf. unterlegen, sehen wir genauer hin, sind wesentlich kritischer, manchmal sogar zu kritisch. Die Sinne sind wacher und wir reagieren schneller auf kleinste Auffälligkeiten und Abweichungen, schalten auf Abwehr und Verteidigung.

 

Allerdings wird dann auch unser Verhalten gehemmt, allein dadurch, dass wir bemüht sind, eben keine vorschnelle Entscheidung zu treffen. Wir entscheiden und verhalten uns dann eher defensiv, manchmal zu defensiv. Wir ergreifen weder die Initiative noch  die Offensive. Stattdessen verharren wir regungslos, obwohl unser Gegenüber vielleicht eigentlich eine Initiative bzw. Offensive erwartet hat, weil er in Wirklichkeit selbst schwach und unterlegen ist. So kann der Unterlegenheits-Fehler gar dazu führen, dass unser Verhalten - völlig irrational - zu einem regelrechten Fluchtverhalten wird.

 

Unser abwartendes gehemmtes Defensiv-Verhalten lässt uns wichtige Chancen verpassen, nur weil wir vielleicht fälschlicherweise annehmen, wir seien unterlegen bzw. weil wir einer anderen Person z. B. einem Gegner oder einem potentiellen Partner des anderen Geschlechts völlige Überlegenheit uns gegenüber unterstellen.

 

Sehr häufig lassen wir uns hinsichtlich dieser Einschätzung bereits von wenigen Eindrücken täuschen, sind gehemmt, verpassen Chancen oder ergreifen die Flucht, vielleicht auch nur, weil ein listiger Gegner uns durch bestimmtes (z.B. selbstsicheres) Verhalten, das wir selbst als Überlegenheit einstufen, täuscht, obwohl dieser uns in Wahrheit nichts entgegenzusetzen hat. Der Fehler führt auch dazu, dass man manche Menschen, die einem besonders gut gefallen, nicht anspricht, weil man aufgrund eines irrationalen Unterlegenheitsgefühls Ablehnung bzw. "eine Abfuhr" bzw. "einen Korb" erwartet. Sehr schade. Einem Unterlegenheitsfehler unterliegen auch Menschen mit einem Hochstaplersyndrom:

 

 

Hochstapler-Syndrom

Menschen mit einem Hochstapler-Syndrom unterliegen ebenfalls dem Unterlegenheitsfehler. Daher soll dieses Syndrom hier ebenfalls kurz erläutert werden: Das Hochstapler-Syndrom ist das genaue Gegenteil des Dunning-Kruger Effekts, der zu den Selbstwertdienlichen Verzerrungen zählt. Der Begriff bezieht sich nicht etwa darauf, dass die Betroffenen wie beim Dunning-Kruger-Effekt hochstapeln, sondern dass sie sich selbst unterschätzen und sogar als Hochstapler erachten. Von diesem Phänomen sind insbesonders kluge, gebildete und erfolgreiche Menschen betroffen. 

 

Das Hochstapler-Syndrom, das auch als Impostor-Syndrom, Impostor-Phänomen, Mogelpackungs-Syndrom oder Betrüger-Phänomen bezeichnet wird, ist ein psychologisches Phänomen, bei dem Betroffene von massiven Selbstzweifeln hinsichtlich eigener Fähigkeiten, Leistungen und Erfolge geplagt werden und unfähig sind, ihre persönlichen Erfolge zu internalisieren.

 

Trotz offensichtlicher Beweise für ihre Fähigkeiten sind Betroffene davon überzeugt, dass sie sich ihren Erfolg erschlichen und diesen nicht verdient haben. Von Mitmenschen als Erfolge angesehene Leistungen werden von Betroffenen dieses Symptoms mit Glück, Zufall oder mit der Überschätzung der eigenen Fähigkeiten durch andere erklärt. Bei manchen dieser Menschen sind diese Selbstzweifel derart ausgeprägt, dass sie sich selbst für Hochstapler halten und in der ständigen Angst leben, andere könnten ihren vermeintlichen Mangel an Befähigung bemerken und sie als Betrüger entlarven.

 

Der Begriff „Hochstapler-Syndrom“ (original: „Impostor phenomenon“) wurde erstmals 1978 in einem Artikel von Pauline R. Clance und Suzanne A. Imes eingeführt. Sie beobachteten, dass viele sehr erfolgreiche Frauen glauben, dass sie nicht besonders intelligent wären und ihre Leistungen von anderen überschätzt würden. Ursprünglich wurde das Hochstapler-Phänomen als ein Persönlichkeitsmerkmal angesehen, das unveränderlich gegeben ist. In jüngerer Zeit wird es jedoch auch als Reaktion auf bestimmte Stimuli und Ereignisse angesehen. Als solches wird es aber nicht als eine psychische Störung eingeordnet.

 

Psychologische Studien aus den 1980er Jahren schätzen, dass zwei von fünf erfolgreichen Menschen sich selbst als Hochstapler einstufen. Andere Studien gehen davon aus, dass 70 Prozent aller Menschen sich unter bestimmten Umständen oder Zeiten als Hochstapler fühlen.